Revolution der Investoren: Keine neuen Kredite für Staatsschulden in Europa

Den überschuldeten Euro-Staaten droht Gefahr von unerwarteter Seite. Die Negativzinsen, die Anleger vorübergehend vor allem für deutsche Papiere zahlen müssen, treiben die Anleger aus dem Bond-Markt. Daher droht den Schulden-Staaten eine Revolution der Anleger: Sie wollen aussteigen. Beobachter sehen bereits einen Crash im Markt für Staatsanleihen.

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Die Politik der EZB scheint die Kreditaufnahme der Regierungen in Europa deutlich zu erschweren: Nach Bill Gross und Jeff Gundlach wollen immer mehr institutionelle Anleger aus der Finanzierung der Euro-Staaten aussteigen. Der Nachrichtendienst Bloomberg berichtet, dass auch Steven Wieting von der Citi seine Investments in Staatsanleihen in der vergangenen Woche gekappt hat und lieber in US-Treasuries geht. Der Grund ist einfach: Die Vermögensverwalter sind nicht bereit, für ihre Anlagen Geld in Form von Negativzinsen zu bezahlen.

Diese Entwicklung macht sich bereits in den Renditen für Staatsanleihen bemerkbar: In der vergangenen Woche haben so gut wie alle EU-Staaten eine scharfe Trend-Umkehr erlebt: Deutsche zehnjährige Papiere stiegen um 20 Basispunkte. In weniger als zwei Wochen stieg die Rendite von 0,049 Prozent auf 0,37 Prozent. Der Anstieg wurde von etlichen Beobachtern als „Flash-Crash“ bezeichnet, andere sagten, die Blase sein noch nicht geplatzt – was insoweit interessant ist, als dass damit eingeräumt wird, dass der ganze Bond-Markt durch die Interventionen der EZB zu einer Blase geworden ist.

Und doch scheinen die Anleger den Glauben in die Wirksamkeit der EZB-Programme zu verlieren.

Peter Jolly von der National Australia Bank sagt, dass es eine Illusion sei, zu glauben, das Ankaufprogramm der EZB habe eine automatische Wirkung auf die Staatsanleihen. Offenbar hat nämlich in der Investment-Community nun das Misstrauen gegenüber der EZB überhand genommen. Der Grund: Die Anleger erwarten negative Zinsen auf breiter Front, einzelne Extrem-Szenarien halten sogar Negativ-Zinsen von 5 Prozent für möglich. Diese Entwicklung würde auch die Staatsanleihen treffen, weil sie, im Grund wie das Bargeld, als sichere Anlage gelten.

In der Schweiz sind die Erträge bereits in den negativen Bereich abgerutscht. Die Tatsache, dass zehnjährige Bunds in den vergangenen Wochen gefährliche nahe an die Null-Linie gerutscht sind, führt vor allem bei mittlelgroßen Vermögensverwaltern zu einem Umdenken: Sie wollen keine Verluste riskieren und sind nicht bereit, Strafzinsen für ihr Geld zu bezahlen. Steven Wieting sagte Bloomberg, es sei sinnlos, den europäischen Staaten Geld zu leihen. Wegen der EZB-Politik sei es viel sinnvoller, sich selbst in Europa Geld zu leihen – und mit den Krediten in andere Investments zu gehen.

Die Papiere müssten unter diesem Gesichtspunkt wie Waren oder Rohöl betrachtet werden, sagte Steven Major von der Londoner Großband HSBC. Ohne festen Ertrag schließe man beim Kauf eine Wette auf die künftige Preisentwicklung ab. „Das ist verrückt“, so Major, „so sollte der Bond-Markt nicht funktionieren.“

Die EZB hat im März 52,5 Milliarden Euro in den Bond-Markt gepumpt. Das wird die Renditen weiter unter Druck setzen. Spätestens im Juni werden die Bunds in den negativen Bereich rutschen, sagt Peter Goves, Stratege bei der Citigroup.

Die Entwicklung kann einschneidende Folgen für die Finanzierung der Staaten haben: Sie werden wieder höhere Zinsen für Kredite bezahlen müssen. Damit könnten die verschiedenen Haushalts-Planungen über den Haufen geworfen werden, weil die meisten Euro-Finanzminister in ihren Kalkulationen von anhaltend niedrigen Zinsen für Staatsschulden ausgehen. Diese Planung kann, wenn die Investoren wirklich nachhaltig aus dem Bond-Markt flüchten, verhängnisvolle Auswirkungen haben. Ein Anstieg der Zinsen bei Staatsanleihen – damit hat die EZB wirklich nicht gerechnet, als sie ihr Ankaufprogramm für die südeuropäischen Schuldenstaaten aufgelegt hat. Mario Drahji bekommt nun die Folgen einer Zentralwirtschaft zu spüren: Die Realität hält sich meist nicht an die Vorgaben der Bürokraten. Die Märkte behalten die Oberhand, whatever it takes. 

 


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