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Botschafter Grinin: Wir wollen kein „Russisches Reich“ errichten

Der russische Botschafter in Deutschland, Wladimir M. Grinin, schlägt die Gründung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums durch die EU und durch die Eurasische Union vor. Moskau habe kein Interesse an der Errichtung eines „Russischen Reichs“, sondern wolle die Beziehungen mit Europa stärken. Grinin will nicht die Dominanz einer Nation über andere, sondern den Respekt für die unterschiedlichen Interessen.

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Wladimir Grinin, russischer Botschafter in Deutschland. (Foto: dpa)

Wladimir Grinin, russischer Botschafter in Deutschland. (Foto: dpa)

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Folgen haben die bisherigen Sanktionen der EU für russische Unternehmen in Deutschland?

Wladimir M. Grinin: Bevor ich eine konkrete Antwort gebe, möchte ich betonen, dass die grundlegende Auswirkung des antirussischen Sanktionsregimes der EU nach wie vor der Vertrauensverlust zwischen den Partnern darstellt. Es wird vor unseren Augen all das vernichtet, was unsere Vorgänger im Laufe der vergangenen Jahrzehnte mit so viel Aufwand geschaffen haben. Es wurde ein präzedenzlos hohes, man kann sogar sagen, strategisches Niveau der Partnerschaft zwischen Russland und Deutschland erreicht, das sich beispielsweise am rekordhohen bilateralen Warenumsatz von 80 Milliarden Euro im Jahr 2012 gezeigt hat. Bedauerlicherweise wurde heute diese positive und nachhaltige Entwicklung durch besorgniserregende Signale ersetzt.

Die russisch-deutsche handelswirtschaftliche Zusammenarbeit ist, wie Sie das richtig bemerkt haben, auf beiden Seiten betroffen. Die Auswirkungen der ungünstigen außenpolitischen Situation für die Aktivitäten russischer Unternehmer in Deutschland lassen sich an einer Reihe von Beispielen vor Augen führen. Deutsche Investitionsagenturen registrierten in der ersten Jahreshälfte 2015 kein einziges Greenfeld-Projekt russischer Investoren in Deutschland. Dabei ist nicht zu vergessen, dass Russland als Nichtmitglied der EU nach der Schweiz das größte europäische Investor-Land bei derartigen Projekten in Deutschland ist – von 2008 bis 2013 wurden 63 Projekte gestartet. Dieser Rückgang kam nach einem recht aktiven Ausbau der Präsenz des russischen Kapitals auf dem deutschen Markt, der faktisch bis 2014 stattfand.
Noch ein Beispiel: Im Laufe der russisch-deutschen Modernisierungspartnerschaft bildete sich in Deutschland eine Experten-Community im Bereich Consulting und Abwicklung von Projekten. Heute sind diese Fachleute praktisch arbeitslos. Dasselbe sehen wir beispielsweise in Hamburg, wo der Rückgang des „russischen“ Güterumsatzes ein rekordniedriges Niveau von 7,8 Prozent erreichte. Im Ergebnis wandte sich der Hamburger deutsch-russische Wirtschaftsbund an die Bundesregierung mit der Forderung, sanktionsgeschädigte Mitglieder der Organisation finanziell zu unterstützen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Auf welche Probleme müssen sich deutsche Unternehmen wegen der Sanktionen einstellen?

Wladimir M. Grinin: Diese Probleme haben sich in der deutschen Statistik manifestiert. 2014 brachen die deutschen Exporte nach Russland dramatisch ein – um 18,1 Prozent oder 6,5 Milliarden Euro. In absoluten Zahlen wurden im vergangenen Jahr an Russland deutsche Waren und Dienstleistungen im Wert von 29,3 Milliarden Euro gegen 35,8 Milliarden Euro im Jahr 2013 verkauft. 2014 schrumpfte der Warenumsatz zwischen Russland und Deutschland um 12,09 Prozent auf 67,7 Milliarden Euro (gegen 77,03 Milliarden im Jahr 2013). Anfang 2015 setzte sich diese absteigende Tendenz fort. Im Januar-Februar dieses Jahres erreichte der Rückgang der deutschen Exports mit 34 Prozent einen weiteren Tiefpunkt.

Am schwersten betroffen sind vor allem die grundlegenden Branchen der deutschen Wirtschaft wie der Maschinen- und Autobau. Nach Angaben der Vereinigung der europäischen Wirtschaft in Russland verkauften deutsche Autohersteller im Jahr 2014 um 18 Prozent oder 128.000 Autos weniger als im Vorjahr. Die in Russland tätigen, deutschen Unternehmen verzögern die Umsetzung der geplanten Projekte, legen ihre Pläne auf Eis, bauen das Personal ihrer Produktionsstellen in Russland beziehungsweise in Deutschland ab. Die Umfragen der deutschen Geschäftsleute zeigen eine steigende Bereitschaft, den russischen Markt zu verlassen. Nichtsdestotrotz wagten nach Angaben der staatlichen Registrierungskammer Russlands nur drei Prozent der Unternehmen den radikalen Schritt, ihre Marktteilnahme aufzugeben. Somit reduzierte sich die Zahl der deutschen Unternehmen in Russland auf 6.000.

Die Voraussetzungen für die Wiederherstellung der russisch-deutschen handelswirtschaftlichen Zusammenarbeit wären, wie die zahlreichen Umfragen der Unternehmer demonstrieren, die Aufhebung antirussischer Sanktionen der EU, Stabilisierung und Reform der russischen Wirtschaft und das Vorhandensein des politischen Willens der EU, einen gemeinsamen wirtschaftlichen Raum von Lissabon bis Wladiwostok zu schaffen.

Natürlich haben wir jetzt verstärkt Kurs auf eine Kompensation von Importen genommen. Natürlich wird derzeit viel dafür gemacht, unser eigenes Unternehmertum zu fördern. Dieser überaus natürliche Prozess, der eben von den mehrmals erwähnten Sanktionen angespornt wurde, verfolgt keineswegs das Ziel, ausländische Hersteller aus dem Markt herauszudrängen. Im Gegenteil, wir machen unser Bestes, für ausländische Unternehmen, insbesondere die High-Tech-Produktion aus Deutschland, möglichst günstige Bedingungen zu schaffen. Dabei kommen auch neue Investitionsförderungsmechanismen zum Einsatz. Die Regierung von Moskau zeigte sich im Gegensatz zu den hierzulande verbreiteten erfundenen Gerüchten über Pläne des Kreml, die Assets der Investoren zu enteignen, bereit, die Unantastbarkeit der Kapitalanlagen mit den Mitteln aus dem Staatsbudget zu garantieren.

Die größten Probleme erwarten die deutschen Unternehmer eher jenseits der Grenze. Kein Geheimnis ist, dass die zuständigen deutschen Behörden die Kooperation der Wirtschaftsakteure maßgeblich erschweren, indem sie sehr eingehende und lange Prüfungen der Exportverträge anstellen. Jeder kleinste Verdacht, dass es sich bei den Lieferungen um Güter mit doppeltem Verwendungszweck handeln könnte, führt automatisch zur Kündigung des Vertrages und sogar zu rechtlichen Strafmaßnahmen gegen den Lieferanten.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wo können sich deutsche Unternehmen über die Entwicklung aus erster Hand informieren?

Wladimir M. Grinin: Ihre Frage ist nachvollziehbar. Wenn man sich ausschließlich nach deutschen Medien richtet, ist es in der Tat relativ schwierig, adäquate Informationen über die Lage der russischen Wirtschaft und Perspektiven unserer weiteren Zusammenarbeit zu bekommen. Es hat den Anschein, dass hierzulande im medialen Raum alles Mögliche getan wird, um deutsche Unternehmer von Unzuverlässigkeit Russlands als Partner zu überzeugen. In diesem Kontext denke ich an eine Karikatur in einer der führenden deutschen Geschäftszeitungen, die die russische Wirtschaft als abstürzendes Flugzeug darstellt, das von deutschen Geschäftsläuten ohne Fallschirme verlässt wird. Ehrlich gesagt, halte ich das für merkwürdig und unverständlich.

Um diese Situation teilweise zu verbessern, werden in unserer Botschaft regelmäßig Treffen mit deutschen Geschäftsleuten durchgeführt. Unsere Vertreter nehmen ständig an diversen Veranstaltungen teil, die von deutschen Unternehmerverbänden organisiert werden. Aktuellen Informationen über Russland und unsere Zusammenarbeit finden Sie auf der Internetseite der Botschaft, des Handels- und Wirtschaftsbüros der Russischen Föderation in der Bundesrepublik Deutschland sowie der Vertretung der Handels- und Industriekammer der Russischen Föderation. Für detaillierte Angaben zu den Investitionsmöglichkeiten besuchen Sie die Seite der Russischen Investitionsagentur. Das Handels- und Wirtschaftsbüro von Sankt-Petersburg in Hamburg veranstaltet regelmäßig Treffen mit deutschen Unternehmern. Russische Regionen, zum Beispiel, die Regierung von Moskau betreiben englischsprachige Internetplattformen für Investoren. Umfassend und professionell wird die heutige Lage der russischen Wirtschaft durch die Informationsressourcen der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer und des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft beleuchtet. Bereits etabliert hat sich auch die deutschsprachige Online-Plattform des TV-Senders Russia Today.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Vorteile könnte die Eurasische Wirtschaftsunion für deutsche Unternehmen bringen?

Wladimir M. Grinin: Das Abkommen über die Eurasische Wirtschaftsunion ist am 1. Januar 2015 in Kraft getreten. Somit wurde das Modell einer tiefgreifenden und allumfassenden, wirtschaftlichen Partnerschaft zwischen unabhängigen Staaten – Russland, Weißrussland, Kasachstan und Armenien – geschaffen. Erwartet wird, dass auch Kirgisien sich dieser Vereinigung anschließen wird. Das ist aber keinerlei ein Versuch, das „Russische Reich“ wiederzubeleben, wie das manche hierzulande gern interpretieren. Die Union war ursprünglich als eine leistungsfähige Integrationsgemeinschaft gedacht, die allen modernen Standards entspricht und Bedingungen für ein stabiles Wirtschaftswachstum in den Teilnehmerstaaten und somit die Erhöhung des Wohlstands, eine allseitige Modernisierung und globale Wettbewerbsfähigkeit schafft.

Bei der Gründung dieser Union wurden sowohl unsere eigenen Erfahrungen mit Integrationsprozessen im Wirtschaftsbereich, insbesondere im Rahmen der GUS, Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft und Zollunion, als auch internationale Praktiken, einschließlich der EU und WTO genutzt. Es wird ohne jeden Zweifel in vielerlei Hinsicht darauf gesetzt, dass sowohl die Gründerstaaten der Eurasischen Wirtschaftsunion, als auch die, die beitreten wollen, durch eine langjährige Zusammenarbeit im wirtschaftlichen, sozialen und humanitären Bereich sowie traditionsreiche historische und kulturelle Bande miteinander verflochten sind. Am Beispiel der Ukraine, die von einigen unserer westlichen Partner vor die Wahl zwischen europäischer oder eurasischer Integration gestellt wurde, sehen wir ganz deutlich, wozu die Versuche führen können, diese natürlichen wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen von außen zu zerstören. Dabei sind wir der felsenfesten Überzeugung, dass diese Modelle nicht miteinander konkurrieren, sondern einander ergänzen sollten.

Die Vorteile für die deutschen Unternehmen, die mit der Eurasischen Wirtschaftsunion kooperieren möchten, liegen auf der Hand. Die Wirtschaft bekommt einen riesengroßen Markt von etwa 180 Millionen Verbrauchern mit freiem Handel und Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräften. Die Eurasische Wirtschaftsunion bedeutet gemeinsame und transparente Investitionsstandards und einen einheitlichen Zollraum.

Einige Partner wollen schon heute die wirtschaftlichen Vorteile der Union nutzen. Es sind bereits einige Dutzend Vorschläge über die Unterzeichnung von Präferenzhandelsabkommen mit verschiedenen Ländern eingegangen. In der Abschlussphase befinden sich die Verhandlungen über eine Freihandelszone zwischen der Europäischen Wirtschaftsunion und Vietnam. Darüber hinaus wurde eine gemeinsame Forschungsgruppe mit Israel gegründet. Ähnliche Forschungsgruppen werden mit Indien und Ägypten geschaffen.

Anders gesagt, wollen wir uns mit der Einrichtung der Wirtschaftsunion von niemandem abgrenzen. Wir haben eine integrative und positive Tagesordnung. Wir brauchen keinen besonderen, exklusiven Platz in der Welt. Wir respektieren die Interessen der anderen und fordern die Beachtung unserer Interessen. Dies betrifft vor allem den Bereich der internationalen handelswirtschaftlichen Zusammenarbeit.

Die Eurasische Wirtschaftsunion ist bereit, einen gemeinsamen wirtschaftlichen und humanitären Raum mit der EU zu gründen. Alle notwendigen Voraussetzungen für einen Dialog zwischen unseren Integrationsformaten sind da, einschließlich einer hohen Komplementarität der Wirtschaft und einheitlicher Handelsregeln auf der Grundlage der WTO-Normen. Ich möchte hoffen, dass eine solche Sichtweise in der EU allmählich die Oberhand gewinnt. Dieses Thema wurde unter anderem auf dem 3. East Forum Berlin am 22. April dieses Jahres angeschnitten. Erfreulicherweise haben sowohl die Bundeskanzlerin Angela Merkel als auch der Vizekanzler, Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Sigmar Gabriel ein solches Format mehrmals in Aussicht gestellt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Schwerpunkte wird Russland in der Kooperation mit Deutschland im Energie-Sektor setzen?

Wladimir M. Grinin: Es geht uns darum, zu verstehen, dass Europa und vor allem Deutschland als wichtigster Akteur im Energiesektor auch weiterhin zuverlässige Verbraucher bleiben. In Deutschland führt man seit einigen Jahren die Diskussion über die Bedeutung der Gasenergieerzeugung für die Energiebilanz des Landes. Als Lieferant mit tadellosem Ruf wurde der russische Konzern Gazprom, der im Rahmen der europäischen Marktbedingungen überaus erfolgreich mit anderen Anbietern konkurrieren kann, zum Faustpfand der Politik. Es wird versucht, die öffentliche Meinung in Deutschland davon zu überzeugen, was in Wirklichkeit überhaupt nicht existiert. Das Ziel ist, den russischen Konzern ohne jeden Grund als einen unzuverlässigen Partner zu etikettieren und dazu noch ihm eine Verletzung der Wettbewerbsregeln zu politischen Zwecken in die Schuhe zu schieben. Russland war sich der Absurdität dieser Situation bewusst und musste Möglichkeiten für eine tiefgreifendere Diversifizierung der Gaslieferungen in Betracht ziehen. Zum entscheidenden Faktor wurde, dass Brüssel gegenüber Russland eine Politik der Doppelmoral verfolgte, unter anderem bei der Implementierung des dritten Energiepakets. Bedauerlicherweise wird diese politisierte Diskriminierungskampagne auch heute fortgesetzt. Am 22. April warf die Europäische Kommission Gazprom eine unlautere Wettbewerbsstrategie in Osteuropa vor. Die russische Seite weist solche Vorwürfe entschieden zurück.

Nichtsdestotrotz sind wir bereit, die Zusammenarbeit im Energiesektor mit Deutschland und der EU auszubauen und mit deutschen Energiekonzernen zu kooperieren, aber nur unter der Bedingung, dass unsere Partner auf die Politisierung der Energiewirtschaft verzichten. In Bezug auf Deutschland verstehen wir, dass selbst bei einer voranschreitenden Umsetzung der Energiewende die Gasenergieerzeugung aktuell bleibt. Ohne Gas ist die Post-Carbon-Zukunft eine Utopie.

Ich möchte besonders betonen, dass eine langfristige Zusammenarbeit mit Europa in Energiefragen in Russland auf allen Ebenen unterstützt wird. Unser Land bleibt weiterhin ein sicherer und zuverlässiger Lieferant dieses wichtigen Rohstoffes.

Andererseits müssen wir wohl oder übel die unternehmensstrategischen Investitionsimperative berücksichtigen und können nicht immer und ewig von unseren Partnern eine formelle Bestätigung für das Interesse an russischem Gas fordern. Die Gasgewinnung ist mit riesigen Kapitalanlagen verbunden, deswegen müssen entsprechende Entscheidungen frühzeitig getroffen werden. Momentan hören wir nur immer wieder von einem einheitlichen Gaskaufpreis und der Verringerung der Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen. Ein ganz pragmatischer Schritt wäre für Russland in dieser Situation eine Diversifizierung der Märkte. Damit beschäftigen wir uns gerade. Aber unsere vertraglichen Verpflichtungen mit europäischen Kunden, die teilweise bis 2036 gelten, werden in vollem Umfang erfüllt. Daran sollte hier keiner zweifeln.

Was die Entscheidung von Gazprom und BASF anbelangt, den geplanten Tausch von Unternehmensanteilen nicht zu vollziehen, was in Deutschland als eine gezielte Änderung unserer Energiestrategie ausgelegt wurde, so steckt dahinter keinerlei Politik. Ich erlaube mir den Hinweis, dass dieser Deal von den zuständigen Behörden beider Länder und der Eurokommission genehmigt wurde. In der großen Stufe ist es die korporative Lösung. Im Grunde genommen ist das eine normale Unternehmensentscheidung. Das russische Management kam zu der Schlussfolgerung, dass die Endverbraucherstrategie in Deutschland und in der EU an ihrer Aktualität verloren hat. Ähnliche Gründe gelten auch für die Absicht von Gazprom, seinen Anteil am Leipziger Verbundnetz Gas zu verkaufen.

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Erdogan hofft auf Merkels Unterstützung bei Armenier-Resolution
Erdogan hofft auf Merkels Unterstützung bei Armenier-Resolution
Der türkische Staatschef Erdogan sagt, dass ihm Angela Merkel im Fall der Armenien-Resolution des Bundestags zugesagt habe, „alles Erdenkliche zu tun“. Ob diese etwas kryptische Aussage nun bedeutet, dass Merkel die Resolution vielleicht noch stoppen will, wird nicht klar. Ein…
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Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. (Foto: dpa)

Der türkische Staatschef Erdogan hat angesichts der Armenier-Resolution im Bundestag mit Kanzlerin Angela Merkel telefoniert. Er ist der Ansicht, dass die Urheber der Resolution das Ziel verfolgen, die deutsch-türkischen Beziehungen nachhaltig zu schädigen.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan hat Kanzlerin Angela Merkel am Dienstag vor der anstehenden Armenier-Resolution im Bundestag telefonisch kontaktiert. Ein Sprecher der Bundesregierung bestätigte den Deutschen Wirtschafts Nachrichten das Telefonat: „Bundeskanzlerin Angela Merkel hat heute Mittag ein Telefonat mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan geführt. Themen des Gesprächs waren die weitere Umsetzung des EU-Türkei-Flüchtlingsabkommens sowie die anstehende Armenien-Resolution des Deutschen Bundestags.“ Zum Inhalt des Gesprächs und zu der Interpretation des Gesprächs durch Erdogan wollte sich der Sprecher nicht äußern.

Am Dienstag hatte Erdogan im bei einer Pressekonferenz auf die Frage einer Journalistin, ob die Armenier-Resolution im Bundestag, die am Donnerstag verabschiedet werden könnte, die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland beeinflussen könnte, geantwortet (Video am Anfang des Artikels):

„Gestern hat unser Premier ein Telefonat mit Kanzlerin Merkel geführt. Auch ich habe heute ein Gespräch mit ihr geführt. Sie hat Aussagen getätigt, wonach sie alles Erdenkliche tun werde. Werte Freunde, wir müssen zunächst an eine Sache glauben. Haben wir ein Problem, das sich ,armenischer Völkermord‘ nennt? Nein, ein derartiges Problem liegt unsererseits nicht vor. Deshalb sind wir in dieser Angelegenheit locker. Diejenigen, die uns diese Bürde auftragen wollen, sind daran interessiert, die Beziehungen beider Staaten zu schädigen. In Deutschland leben derzeit etwa drei Millionen Türken und die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind auf einem sehr, sehr hohen Niveau. Sollte Deutschland in diese Falle tappen, wird das unsere gemeinsame Zukunft – auf den diplomatischen, wirtschaftlichen, politischen und militärischen -, denn wir sind gleichzeitig Nato-Verbündete, schädigen. Ich denke, dass all diese Dinge bedacht werden. Übrigens halte ich es für falsch, über eine Resolution zu sprechen, die noch gar nicht verabschiedet wurde.“

Erdogan sagt, dass zur armenischen Frage ein Beschluss des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vorliege, der der Türkei Recht gibt. Deshalb würde eine derartige Resolution auch keine rechtliche Bindung nach sich ziehen.

Der Bundestag will am Donnerstag eine gemeinsame Resolution von Union, SPD und Grünen beschließen, in der das Massaker und die Deportationen von Armeniern im Osmanischen Reich 1915 als Völkermord eingestuft werden.

„Wir von der CDU/CSU wollen niemanden auf die Anklagebank setzen„, sagte dazu der Parlamentsgeschäftsführer der Union im Bundestag, Michael Grosse-Brömer. „Ich hoffe, dass das auch so verstanden wird“, fügte er mit Blick auf die Türkei hinzu. Grosse-Brömer bekannte sich aber klar zu der Entschließung.

„Das stufen wir ganz klar als Völkermord ein“, sagte auch SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann in Berlin zu den Massakern. Er sagte aber auch, es gehe „nicht darum, ein Streitfeld mit der türkischen Regierung aufzumachen„. Da gebe es schon genug andere Konflikte. Vielmehr solle die Resolution ein Zeichen setzen „für die Versöhnung zwischen Türken und Armeniern“.

„Es ist wirklich Zeit, dass der Völkermord an den Armeniern als solcher bezeichnet wird„, sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt, deren Fraktion den Anstoß für die gemeinsame Entschließung gegeben hatte. Ein solches Zeichen sei „dringend notwendig“, sagte auch Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) äußerte die Hoffnung, dass die Resolution nicht „den Weg verstellt zu dem, was eigentlich notwendig ist„, nämlich die Aufarbeitung des Geschehens durch die beiden Nachbarländer. Diese stehe „immer noch an und ich bin mir sicher, dass die schwierige Nachbarschaft zwischen Armenien und der Türkei nicht zu überwinden sein wird, wenn man sich nicht dieser Aufgabe irgendwann stellt“, sagte er in Berlin.

Die Regierung in Ankara hatte in den vergangenen Jahren stets mit scharfer Kritik und diplomatischen Schritten auf die Anerkennung der Massaker als Völkermord reagiert. Bislang haben dies mehr als 20 Staaten getan, darunter Frankreich, Italien und Russland.

Krieg um Syrien: Erfolge für Russland und Armee, aber noch kein Durchbruch
Krieg um Syrien: Erfolge für Russland und Armee, aber noch kein Durchbruch
Im syrischen West-Ghouta haben sich islamistische Söldner der syrischen Armee ergeben. Doch wichtig für den Ausgang des Syrien-Kriegs sind die Kämpfe in Rakka und Aleppo. Dort ist noch keine Entscheidung gefallen.
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Der syrische Präsident Baschar al-Assad kämpft auch gegen islamistische Söldner. (Foto: dpa)

Der syrische Präsident Baschar al-Assad. (Foto: dpa)

Die Lage in West-Ghouta in der Nähe von Damaskus. (Screenshot)

Die Lage in West-Ghouta in der Nähe von Damaskus. (Screenshot)

In Syrien gibt es aktuell drei Konfliktregionen, deren Ausgang den Syrien-Konflikt bestimmen wird.

Nach Informationen von Al-Masdar News haben islamistische Söldner ein Regierungsgebäude im Stadtviertel Al-Mu’adhimiyah in West-Ghouta, nahe Damaskus, räumen und es den Regierungstruppen übergeben müssen. Die Islamisten erklärten sich bereit, alle geheimen Tunnel innerhalb von Al-Mu’adhimiyah zu sprengen, wenn die syrische Armee (SAA) ihre Kranken und Verwundeten in einem Damaszener Krankenhaus behandeln lässt. Die SAA stimmte diesem Vorschlag zu. Bei den Söldnern handelt es sich um Mitglieder der Gruppe Ajnad al-Scham. West-Ghouta galt bis vor kurzem als Hochburg der islamistischen Söldner und Milizen.

Es ist zu erwarten, dass auch das Gebiet Darayya, das sich in West-Ghouta befindet und sich noch unter der Kontrolle von Ajnad al-Scham befindet, in die Hände der SAA fallen wird. Nach Informationen der Nachrichtenagentur ABNA haben sich bei Darayya zahlreiche Bodentruppen und Panzer der SAA positioniert. Doch auch hier könnten die Söldner das Gebiet den Syrern weitgehend kampflos übergeben, da sie ihre Unterlegenheit bereits in Al-Mu’adhimiyah zugegeben haben.

Über aktuelle Aktivitäten der stärksten islamistischen Söldner-Truppen al-Nusra und Ahrar al-Scham lassen sich in West-Ghouta derzeit keine Aktivitäten feststellen. Diese beiden Truppen konzentrieren sich auf die Provinz Aleppo im Norden des Landes. In Aleppo toben seit mehreren Wochen heftige Gefechte zwischen der al-Nusra-Front und den Regierungstruppen. Eine Entscheidung ist nicht in Sicht.

Zeitgleich finden in der nordsyrischen Stadt Marea Kämpfe zwischen ISIS und der al-Nusra-Front statt. Marea ist eine wichtige Stadt, um die al-Nusra-Kämpfer in Aleppo zu versorgen, berichtet der Guardian. ISIS hat es darauf angelegt, Marea zu erobern und die Nachschubroute für die al-Nusra-Kämpfer zu kappen. Über diese Route werden auch pro-türkische Söldner versorgt, die in Nordsyrien aktiv sind. Die zweite wichtige Stadt für die Versorgung der al-Nusra-Front und diverser weiterer Söldner und Milizen ist Azaz. Auch diese Stadt im Norden Syriens, die direkt an der Grenze zur Türkei liegt, ist von allen Seiten und durch alle Gruppen schwer umkämpft.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte zuvor gefordert, die syrische Grenze zur Türkei komplett dicht zu machen, berichtet die Tass. Er ist der Ansicht, dass diverse Milizen und Söldner über die türkische Grenze versorgt werden und einsickern. Er geht davon aus, dass die Türken nicht mehr imstande sind, die 877 Kilometer lange türkisch-syrische Grenze zu kontrollieren. „Wenn die Türken Schwierigkeiten damit haben, ihre Grenze nach Syrien zu kontrollieren, sind wir bereit ihnen zu helfen. Es ist nicht unser Anliegen, mit Rachegefühlen zu agieren“, zitiert TürkRus Lawrow.

Die ostsyrische Stadt Rakka, die auch als geheime Hauptstadt von ISIS gilt, ist die dritte Konfliktregion, die entscheidend ist für den Syrien-Konflikt. Mehreren internationalen Berichten zufolge sollen die „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF), die von den USA aufgebaut wurden und hauptsächlich aus Kurden-Milizen bestehen, eine Offensive gegen ISIS-Stellungen um Rakka herum planen. Im Visier soll die nahegelegene Stadt Tabqa sein, wo sich auch die Tabqa-Talsperre befindet. Doch auch die SAA möchte Tabqa einnehmen. Die Regierungstruppen sollen sich mittlerweile 20 Kilometer vor Tabqa befinden, berichtet die Huffington Post. Entscheidend hierbei ist die Einnahme der strategisch wichtigen Talsperre. Durch die Einnahme des Staudamms könnten die ISIS-Kämpfer westlich des Euphrats von Rakka abgeschnitten werden.  Es liegen keine Hinweise dafür vor, dass die SDF oder die SAA die Stadt Rakka direkt eingreifen wollen.

Krieg gegen das eigene Volk: Erdogan erklärt Gülen zur Terror-Organisation
Krieg gegen das eigene Volk: Erdogan erklärt Gülen zur Terror-Organisation
In der Türkei droht eine neue soziale Eskalation: Präsident Erdogan hat die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen als Terror-Organisation eingestuft. Damit können alle Mitglieder verfolgt werden, ohne sich mit rechtsstaatlichen Mitteln wehren zu können. Die Bewegung umfasst Millionen Menschen…
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Der islamische Prediger Fethullah Gülen in seiner Residenz in Pennsylvania. Der einstige Förderer ist heute der ärgste Feind des türkischen Premiers Erdogan. (Foto: dpa)

Der islamische Prediger Fethullah Gülen in seiner Residenz in Pennsylvania. Der einstige Förderer ist heute der ärgste Feind des türkischen Premiers Erdogan. (Foto: dpa)

Weibliche Anhänger der islamischen Gülen-Bewegung. (Foto: dpa)

Weibliche Anhänger der islamischen Gülen-Bewegung. (Foto: dpa)

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan will die religiöse Bewegung seines Widersachers Fethullah Gülen zu einer terroristischen Gruppierung erklären lassen. Das Kabinett habe die Entscheidung gebilligt, die Anhänger des Geistlichen als „Gülentistische Terror-Gruppe“ einzustufen, sagte Erdogan am Dienstag in Izmir. Damit wird sie auf eine Stufe mit kurdischen Extremisten gestellt, die von der türkischen Armee im Südosten des Landes bekämpft werden. „Sie werden zur Verantwortung gezogen werden“. kündigte Erdogan vor fahnenschwingenden Anhängern an. „Manche sind geflohen, manche sind im Gefängnis, manchen wird der Prozess gemacht. Dieses Vorgehen wird fortgesetzt.“

Erdogan hat sich mit seinem ehemaligen Verbündeten Gülen 2013 entzweit, als Polizisten und Staatsanwälte, die der Gefolgschaft des Geistlichen zugerechnet werden, mit Korruptionsvorwürfen gegen den inneren Zirkel Erdogans ermittelten. Auf Erdogans Initiative gingen Sicherheitsbehörden massiv gegen die Gülen-Bewegung vor. Ihr nahestehende Firmen wurden geschlossen oder übernommen, eine Bank wurde besetzt, Hunderte Menschen wurden verhaftet. Gülen selbst lebt im selbstgewählten Exil in den USA. Erdogan wirft ihm vor, ihn mit einem Netzwerk von Unterstützern in Medien, Justiz und Bildungseinrichtungen stürzen zu wollen. Gülen weist die Vorwürfe zurück.

Studie: Rassismus bei Wohnungssuche ist Alltag in Deutschland
Studie: Rassismus bei Wohnungssuche ist Alltag in Deutschland
Eine Studie der Bundesregierung zeigt: In Deutschland werden Ausländer und Minderheiten auf dem Wohnungsmarkt rassistisch diskriminiert. Vorurteile, Ressentiments und bürokratische Tricks führen zu eindeutigen Benachteiligungen bei der Wohnungssuche. Die Diskussion um Boateng als Nachbar ist leider nicht aus der Luft…
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Der Vorsitzende der AfD-Fraktion im Brandenburger Landtag, Alexander Gauland, am 10. März 2016 während einer Sitzung des Brandenburger Landtages in Potsdam. (Foto: dpa)

Der Vorsitzende der AfD-Fraktion im Brandenburger Landtag, Alexander Gauland, am 10. März 2016 während einer Sitzung des Brandenburger Landtages in Potsdam. (Foto: dpa)

Rassismus ist auf dem deutschen Wohnungsmarkt ein großes Problem. Die Anti- Diskriminierungsstelle des Bundes schreibt im Fazit zur Studie „Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt“:

Rassistische Diskriminierung am Wohnungsmarkt findet auch unter den besten Voraussetzungen statt: Das ist das Ergebnis dieser Studie. Obwohl die Testidentitäten als weiblich, ledig, jung und ökonomisch gut aufgestellt kreiert waren, kommt es sowohl beim Telefon- als auch beim Face-to-Face-Testing zu Benachteiligungen der nichtmehrheitsdeutschen Testerin. In der ersten Phase, der Verabredung eines Besichtigungstermins am Telefon, zeichnet sich eine Diskriminierung dabei statistisch kaum nachweisbar und nur in Ansätzen ab. Im Face-to-Face-Testing tritt sie deutlicher und insbesondere in der allerletzten Phase des Bewerbungsprozesses, der Zusage oder Absage der Wohnung, in Erscheinung. Die Annahme, dass Diskriminierung vor allem am Ende des Bewerbungsprozesses auftaucht, bestätigt sich hier.

Ein weiteres großes Resultat dieser Studie ist, dass vor allem bei (sichtbarer) Religionszugehörigkeit diskriminiert wird. Während 59 Prozent christlichen Glaubens eine Wohnungszusage erhalten haben, trifft dies nur auf nahezu 18 Prozent der jüdischen oder muslimischen Bewerberinnen zu. Durch eingeschränkte Fallzahlen von 39 Testpaaren bedürfen die Zahlen für gesicherte, quantitative Aussagen weiterer Überprüfungen, liefern aber schon erste Ergebnisse. Laut aktueller Rassismusforschung fällt der Religion bei der Konstitution des ‚Fremden‘ eine zunehmende Bedeutung zu, dies gilt insbesondere für muslimische Religionszugehörigkeit. Weitergehende Testings, zugespitzt auf das Merkmal muslimisch, wären hierzu sehr spannend.

Abgesehen des E-Mail-Testings von Auspurg et al. mit 582 Fällen, in denen mindestens eine Testerin Antwort erhielt (vgl. Auspurg et al. 2011: 19), dem Telefon-Testing des Planerladens mit 482 kontaktierten Wohnungsanbieter_innen und dem Telefon-Testing des MZES von Horr et al., mit 944 Fallpaaren mit mindestens einer Einladung, ist die Studie der ADS, mit 604 gültigen Tandems im Telefon-Testing und immerhin noch 175 zusammengehörigen Vergleichsfällen im Face-to-Face-Testing, eine der wenigen größer angelegten Untersuchungen in Deutschland. Bei allen anderen Testings handelt es sich um vergleichsweise kleine Studien. In detaillierteren Aufschlüsselungen werden die Fallzahlen des Face-to-Face-Testings an einzelnen Stellen sehr niedrig, was eine Signifikanz und Repräsentativität einschränkt bzw. unmöglich macht. Dennoch zeigen sich Ergebnisse für bisher noch nicht untersuchte Zusammenhänge: Eine Diskriminierung insbesondere im Zusammenhang (sichtbarer) Religionszugehörigkeit ist ein solches Resultat. Des Weiteren ist mit der Erhebung der ADS erstmalig eine überregionale Perspektive möglich. Hier zeigt sich, dass es auf den entspannteren Wohnungsmärkten in Leipzig und Dresden zu weniger Diskriminierung als auf den angespannten Wohnungsmärkten in Berlin, Nürnberg oder München zu kommen scheint.

Die erfolgte Diskriminierung in erklärende Zusammenhänge zu betten, dafür sind die qualitativen Teile der Studie sehr hilfreich. Für eine systematische Betrachtung werden die Ergebnisse hinsichtlich ihres individuellen (erstens), institutionellen (zweitens) oder strukturellen Charakters (drittens) begutachtet:

Erstens: Vorurteile und Stereotype, die sich insbesondere in Zuschreibungen – Mig- rant_innen und Menschen mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte seien zu laut, hätten (zu) viele Kinder und zu viel Besuch und seien ökonomisch nicht vertrauenswürdig sowie konfliktaffin – ausprägen, können zu individueller Diskriminierung führen. Hierunter fallen auch (antizipierte) Annahmen zu ablehnenden Haltungen seitens der Hausgemeinschaft und internalisierte Vorstellungen von sogenannten Tipping Points, nach denen es ab einem bestimmten Anteil von Migrant_innen und Menschen mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte im Haus oder im Viertel zum Wegzug der mehrheitsdeutschen Bevölkerung kommt. Die Hauptlast der Verantwortung für ein gelingendes Zusammenleben wird zumeist in die Hände der Migrant_innen und Menschen mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte gelegt. Da es auch bei kleineren privaten  Vermieter_innen zu Diskriminierungen kommt und diese eine große Anzahl aller Wohnungen zur Verfügung stellen, muss diese Gruppe bei Antidiskriminierungsmaßnahmen berücksichtigt werden. Es ist fraglich, ob die Ausnahme  bei besonderem „Nähe- oder Vertrauensverhältnis“ (§ 19 Abs. 5 AGG) ausreichend Schutz vor Diskriminierung bietet.

Zweitens: Institutionalisierte Benachteiligungen können sowohl aufgrund von (informellen) Quotenregelungen als auch aufgrund einer höheren Anzahl erforderlicher Dokumente und Nachweise seitens bestimmter Anbieter_innengruppen oder Regelungen, z. B. dass am Haus keine Parabolantennen angebracht werden dürfen, auftreten. Bei den letzten beiden Regelungen handelt es sich um vermeintlich ‚neutrale‘ Vorschriften, die zu Ungleichbehandlungen führen. Das Verbot der Parabolantennen wird hierbei mit dem expliziten Ziel, die Bewerbung auf eine Wohnung für bestimmte Migrant_innen und Menschen mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte unattraktiv zu gestalten, in Verbindung gebracht. Die Ausnahmeregelung zur „Schaffung und Erhaltung sozial stabiler Bewohnerstrukturen und ausgewogener Siedlungsstrukturen“ des AGG (§ 19 Abs. 3 AGG) kann hierbei nicht als hilfreich angesehen werden.

Drittens: In der gesamtgesellschaftlich schlechteren sozioökonomischen Lage vieler Migrant_innen und Menschen mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte wird eine generell strukturelle Benachteiligung ausgemacht. Das Gleiche gilt für eine höhere Tendenz der Diskriminierung bei angespannten Wohnungsmärkten.

Alle diese Aspekte tragen dazu bei, dass Migrant_innen und Menschen mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte der Zugang zu ‚besseren‘ Wohnlagen erschwert wird, sie sich oftmals in einer schlechteren Wohnsituation befinden  und im Durchschnitt mehr Miete pro Quadratmeter zahlen als die sogenannte mehrheitsdeutsche Bevölkerung.“

Die Fakten bestätigen die Aussage des AfD-Politikers Alexander Gauland. Dieser hatte gesagt, dass die Deutschen Jerome Boateng als Fußball-Nationalspieler gut finden, ihn aber als Nachbarn ablehnen würden.

Die öffentliche Diskussion hat sich in der Folge darauf verengt, dass Gauland und der AfD Rassisten seien. Die Aussage Gaulands kann unzweifelhaft als rassistisch bezeichnet werden, weil sie im politischen Kalkül gemacht wurde, dass eine große Zahl der Deutschen tatsächlich Ausländer als Nachbarn ablehnt. Gaulands Aussage ist insoweit durchaus als rassistisch zu bewerten, weil er sich die diskriminierende Haltung zu eigen gemacht hat, statt sie als Problem zu adressieren. Gauland sagte der dpa am Montag, die Globalisierung und die Wiedervereinigung hätten für viele Menschen große Veränderungen mit sich gebracht. Deshalb reagierten einige jetzt mit einer „geradezu instinktiven Abwehr“ auf Fremde in ihrer Umgebung: „Ich habe das zur Kenntnis zu nehmen.“ Das reicht im Fall von konkretem Rassismus eben nicht.

Das Schwerpunkt der politischen Arbeit der anderen Parteien sollte sich angesichts der Fakten-Lage jedoch nicht darin erschöpfen, die AfD zu bekämpfen. Vielmehr müssen sich die anderen Parteien fragen, wie es möglich ist, dass nach Jahrzehnten ohne AfD der Rassismus offenkundig zum Alltag auf dem Wohnungsmarkt in Deutschland gehört. Der Kampf gegen den politischen Gegner löst nicht das offenkundig erhebliche gesellschaftliche Problem, das die AfD in einer Art Tabu-Bruch anspricht. Statt sich aufs moralisch hohe Ross zu setzen, um die AfD zu marginalisieren, müsste sich vor allem die Bundesregierung verpflichtet fühlen, den alltäglichen Rassismus bei der Wohnungssuche in Deutschland wirksam zu beenden.

Bundesregierung verschärft Anti-Terror-Gesetze deutlich
Bundesregierung verschärft Anti-Terror-Gesetze deutlich
Die Bundesregierung dürfte schon bald die Terror-Gesetze verschärfen. Verdächtige können dann auch ohne richterliche Genehmigung auf Wunsch von ausländischen Geheimdiensten umfassend überwacht werden. Persönliche Daten werden international ausgetauscht. Sollten die Dienste zu dem Ergebnis kommen, eine Operation einleiten zu wollen,…
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Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Erdogan am Montag in Istanbul. Die Bundesregierung will die Terrror-Gesetze deutlich verschärfen. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten Erdogan am Montag in Istanbul. (Foto: dpa)

Die Bundesregierung will angesichts der anhaltenden Bedrohungslage noch diese Woche ein weiteres Gesetzespaket zur Terrorismusbekämpfung auf den Weg bringen. Die Ressortabstimmung dazu sei abgeschlossen, hieß es am Montag in Berliner Regierungskreisen laut Reuters. Am Mittwoch werde das Kabinett über die Verschärfung der Terror-Gesetze beraten. Vorgesehen ist eine engere Zusammenarbeit des Verfassungsschutzes mit den Geheimdiensten anderer Staaten. Wer ein Prepaid-Handy kauft, muss künftig seinen Personalausweis vorlegen.

Der Verfassungsschutz solle mit ausländischen Nachrichtendiensten gemeinsame Dateien anlegen können, heißt es in einem der Nachrichtenagentur Reuters vorliegenden Gesetzentwurf. Auf diese Weise soll festgestellt werden, ob einer der beteiligten Stellen zu verdächtigen Personen, Objekten oder Ereignissen Informationen vorliegen. Voraussetzung sei, ein „erhebliches Sicherheitsinteresse“. In den teilnehmenden Staaten müssen zudem grundlegende rechtsstaatliche Prinzipien gewährleistet sein. Die gemeinsamen Dateien sollten auf „bestimmte Ereignisse oder Personenkreise“ beschränkt bleiben. Außerdem ist eine Zustimmung des Bundesinnenministeriums in jedem einzelnen Fall vorgesehen.

Das Problem: Das Innenministerium ist eine weisungsgebundene politische Behörde. Bisher waren solche Überwachungsmaßnahmen nur mit richterlichem Beschluss möglich. Die Geheimdienste arbeiten ihrer Natur nach verdeckt und können für keine ihrer Operationen belangt werden. In der Regel erfährt der Betroffene nicht einmal, dass gegen ihn eine Operation eingeleitet wurde. Die Absprache zwischen den Behörden und den Diensten erfolgt in der Regel mündlich. Rechtsmittel gegen derartige Aktionen sind grundsätzlich unmöglich, weil der Betroffene keine Möglichkeit der Beweisführung hat.

Die Anschläge in Paris und Brüssel hätten die „transnationale Dimension der terroristischen Bedrohung nochmals unterstrichen„, heißt es in dem Entwurf. „Insbesondere mit Partnerdiensten in den Nachbarstaaten und darüber hinaus in EU und Nato besteht ein besonderes Zusammenarbeitsbedürfnis und damit auch die Notwendigkeit, relevante Informationen zeitnah zu teilen.“

Telefonanbieter und Händler sollen künftig die Identität von Kunden bei im Voraus bezahlten Mobilfunktarifen auf ihre Richtigkeit hin überprüfen. Stichprobenuntersuchungen hätten im Zusammenhang mit Prepaid-Handys „eine enorme Anzahl offensichtlich fehlerhafter Datensätze in Kundendatenbanken von Anbietern von Telekommunikationsdiensten ergeben“, heißt es in der Begründung. Fiktive Angaben seien keine Einzelfälle, sondern eine Erscheinung „mit Massencharakter“. Für polizeiliche Ermittlungen ist dies ein Problem.

Die Bundespolizei erhält wie das Bundeskriminalamt künftig die Möglichkeit, verdeckte Ermittler zur Gefahrenabwehr einzusetzen und nicht erst zur Strafverfolgung. Diese Praxis ist äußerst fragwürdig, weil damit das Strafrecht bei Vermutungen und nicht mehr bei gesetzlich geregelten Tatbeständen greift. Es reicht also die Behauptung, jemand habe eine Straftat geplant, um ihn als Täter zu qualifizieren.

Verurteilte Unterstützer einer terroristischen Vereinigung sollen künftig schon bei Haftstrafen von mindestens sechs Monaten unter eine Führungsaufsicht gestellt werden, wenn die Gefahr besteht, dass die Person weitere Straftaten begehen wird. Zudem soll künftig „jegliche Unterstützung“ einer verbotenen kriminellen Vereinigung unter Strafe stehen. Dieser Passus ist bemerkenswert, weil er auch in den von der EU als grundrechtswidrig abgelehnten Terror-Gesetzen der Türkei verwendet wird. Dort hat die Regierung „jegliche Unterstützung“ der PKK unter Strafe gestellt und geht seither gegen Oppositionspolitiker, Journalisten und Regierungskritiker aus der Wissenschaft vor.

Die Koalitionsspitzen hatten die Grundzüge des neuen Sicherheitspakets Mitte April vereinbart.

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