Deutschland: Der Wettlauf an die Börse

Allein in Deutschland wetteifern gerade fünf Börsenkandidaten um die Gunst der Anleger. In ganz Europa gingen vor kurzem annähernd 30 Anwärter gleichzeitig auf Werbetour bei Fonds, Versicherern und anderen Investoren.

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Eigentlich hätten Investmentbanker derzeit genügend Ausreden, warum Flaute herrscht bei Börsengängen. Die Unsicherheit um Griechenland schreckt Investoren ab, die starken Ausschläge an den Börsen erschweren die Preisfindung. Doch die Realität straft alle Pessimisten Lügen: Allein in Deutschland buhlen gerade fünf Börsenkandidaten um die Gunst der Anleger, in ganz Europa gingen vor kurzem annähernd 30 Anwärter gleichzeitig auf Werbetour bei Fonds, Versicherern und anderen Investoren. Und für das zweite Halbjahr wird die Liste der Börsenkandidaten länger und länger.

Der Hunger der Anleger auf Rendite scheint größer als die Angst vor dem Absturz. „Der Markt strotzt vor Liquidität. Der Risikoappetit ist gestiegen“, erklärt Martin Steinbach von der Unternehmensberatung EY (Ernst & Young) den Börsen-Boom. Er geht von bis zu 15 Börsenneulingen in Deutschland in diesem Jahr aus. Die Hoffnung, dass es im Ringen um Griechenland zu einer Lösung kommt, lebt – oder das Risiko, dass es doch zum Grexit kommt, wird verdrängt. „Entweder es kracht. Dann werden wohl eine Reihe von Börsengängen verschoben. Oder die Krise löst sich zumindest temporär in Wohlgefallen auf“, sagt Christian Gärtner von Bank of America Merrill Lynch.

Zum ersten Mal seit der Finanzkrise stoßen nicht nur Wohnimmobilienfirmen oder Kabelgesellschaften auf Interesse. „Gefragt sind auf Wachstum ausgerichtete Geschäftsmodelle, die tradierte Vertriebsmodelle aufmischen oder ersetzen können“, sagt Steinbach. Seit Rocket Internet und Zalando den Weg geebnet haben, finden auch Start-ups wie Windeln.de oder der Online-Schmuck-Händler Elumeo Käufer. „Investoren suchen in diesem Umfeld Aktien, die besser abschneiden können als der Index“, sagt Joachim von der Goltz, der für Credit Suisse Börsengänge begleitet. „Damit sind Wachstumswerte gefragt, auch wenn das Risiko größer sein kann.“

Fünf Unternehmen haben im ersten Halbjahr den Sprung an die Frankfurter Börse geschafft und 1,4 Milliarden Euro eingesammelt – obwohl der größte Hoffnungsträger, die Drogeriekette Douglas, einen Rückzieher machte und stattdessen für 2,9 Milliarden Euro an den Finanzinvestor CVC weiterverkauft wurde.

Die Anleger haben gute Erfahrungen mit den Börsenneulingen gemacht. Am besten hat bisher der Geldverleiher Ferratum abgeschnitten, der den Aktionären seit Februar ein Plus von 42 Prozent beschert hat. Beim Kabelanbieter Tele Columbus – mit 510 Millionen Euro die größte Emission – sind es seit Januar 28 Prozent. Der Kurs des Siliziumscheiben-Herstellers Siltronic ist innerhalb von drei Wochen um 16 Prozent gestiegen. Nur über den Kursverlust von 37 Prozent beim Online-Babyausstatter Windeln.de breiten die Banker lieber den Mantel des Schweigens. „Zu aggressiv gepreist“, heißt es hinter vorgehaltener Hand.

Nun hoffen die Banker vor allem, dass aus den avisierten Milliarden-Emissionen wie Covestro (Bayer Material Science) oder dem Zughersteller Bombardier Rail rasch etwas wird. „Unternehmen, die sich überlegt haben, ob sie 2015 oder 2016 an die Börse gehen sollen, bereiten sich darauf vor, den Schritt noch in diesem Jahr durchzuziehen“, weiß Armin Heuberger von der UBS. Dazu gehören der Baustoffkonzern Xella („Ytong“) und der Verpackungshersteller Mauser.

Beide gehören Finanzinvestoren. Private-Equity-Firmen sehen endlich die Chance, Firmen loszuwerden, die sie teuer vor der Finanzkrise gekauft hatten. „Sie bekommen zurzeit an der Börse oft bessere Bewertungen als beim Verkauf an einen Konkurrenten oder eine andere Private-Equity-Gesellschaft“, sagt Ralf Darpe, der das Emissionsgeschäft von Societe Generale in Deutschland leitet. „Deshalb versuchen viele, ihre Börsenkandidaten möglichst zeitnah auf die Schiene zu bringen.“ Jeder siebte Ausstieg von Finanzinvestoren mündete in diesem Jahr nach einer Erhebung von EY in ein Listing – der höchste Wert seit zehn Jahren. Normal waren zuletzt nur fünf bis zehn Prozent.

Was die Kandidaten drängt, ist auch die Angst, dass der Boom 2016 ein jähes Ende finden könnte. Dahinter steckt nämlich die Geldschwemme der Europäischen Zentralbank (EZB). CS-Investmentbanker von der Goltz: „Wir sehen wieder erhebliche Zuflüsse von US-Investoren in europäische Aktien, die sich noch im Herbst 2014 aus Europa zurückgezogen hatten.“ Im September 2016 dürfte EZB-Präsident Mario Draghi den Geldhahn zudrehen, selbst wenn die Zinsen dann immer noch bei quasi null Prozent stehen. „Die Börsen könnten einige Monate vor dem Ende durchaus nervös werden“, unkt UBS-Banker Heuberger.

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