Ökonomen: Für die Euro-Zone brechen schwere Zeiten an

Die meisten Ökonomen erwarten nachhaltige Turbulenzen in der Euro-Zone. Das Risiko eines Grexit sei erheblich gestiegen. Keiner kann erkennen, wie sich die mittlerweile fast schon verfeindeten Parteien auf einen neuen Kompromiss zubewegen sollen.

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HANS-WERNER SINN, IFO-PRÄSIDENT „Griechenlands Staat ist nach der offiziellen Feststellung des Rettungsschirms EFSF insolvent, und da er insolvent ist, sind es auch die Banken, mit denen er vielfach verbunden ist. In dieser Situation darf die EZB nicht mehr zulassen, dass die griechische Notenbank den Banken weitere Notkredite gewährt. Damit kommt die Wirtschaft zum Erliegen, wenn nicht rasch ein neuer fiskalischer Rettungsschirm aufgespannt wird oder Griechenland in die Drachme zurückkehrt. Da absehbar ist, dass die Verhandlungen über einen weiteren Rettungsschirm nur noch mehr Zeit kosten, ohne zum Erfolg zu führen, sollte Griechenland nun den Sprung in die eigene Währung wagen. Die Drachme sollte sofort als virtuelle Währung eingeführt werden, in die alle Kontrakte des Landes einschließlich der Schuldkonktrakte mit Ausländern umgewandelt werden. Das würde die Solvenz des griechischen Staates und der griechischen Banken wieder herstellen“.

MICHAEL HEISE, CHEFVOLKSWIRT ALLIANZ „Die Wiederaufnahme der Verhandlungen dürfte sich als äußerst schwierig gestalten. Jetzt ist die griechische Regierung gefordert, einen Vorschlag zu machen, wie es nach dem Referendum weitergehen soll. Aus Sicht der Geberländer muss eine unabdingbare Voraussetzung für neue Verhandlungen sein, dass eine begründete Aussicht besteht, dass Griechenland in absehbarer Zeit einen Haushaltsausgleich bewirken kann und Wege zur Modernisierung des Staatswesen und der Wirtschaft findet. Wenn Griechenland kein überzeugendes finanzpolitisches und wirtschaftspolitisches Konzept vorbringt, was den Konditionen des zuletzt ausgehandelten Hilfsprogramms entspricht, dann ist ein Grexit vorgezeichnet.“

THOMAS GITZEL, CHEFVOLKSWIRT VP BANK „Für die Eurozone brechen schwere Zeiten an. Die Regierung von Alexis Tsipras wird mit erhobener Brust nach Brüssel fahren und dort neue Forderungen stellen. Die Eurogruppe wird aber keinen Kniefall vor Athen machen. Die Fronten sind also härter denn je. Es stehen erneut zähe und bitter Verhandlungen an. Das Gute daran ist aber: Solange Verhandlungen laufen, wird die EZB ihre Notkredite für Griechenland aufrecht erhalten. Es ist somit mit keinem unmittelbaren Euro-Austritt zu rechnen. An den Finanzmärkten geht das Nervenspiel derweil in eine neue Runde. Händler und Analysten werden in der kommenden Woche an jedem Wort der Vertragsparteien kleben. Dass es zu einem „Grexit“ kommt, ist noch nicht abgemachte Sache, doch mittlerweile durchaus vorstellbar.“

MARCEL FRATZSCHER, DIW-PRÄSIDENT „Das Referendum bedeutet eine politische und wirtschaftliche Katastrophe für Griechenland. Das Referendum wird die humanitäre Katastrophe der griechischen Bürger nochmals verstärken. Die Wirtschaft Griechenlands wird in den kommenden Monaten in eine noch tiefere Depression abgleiten, die Arbeitslosigkeit weiter steigen und soziale Verwerfungen sich weiter verstärken. Der Ausblick für eine Einigung über ein neues Hilfsprogramm ist mit dem Referendum deutlich schlechter geworden. Ich erwarte in den kommenden Wochen einen kompletten Zusammenbruch des griechischen Bankensystems, denn die EZB wird ihre Notfallhilfen nicht aufrecht erhalten können. Ich erwarte die Einführung von staatlichen Schuldscheinen, also von einer Parallelwährung zum Euro. Ein Grexit ist und bleibt die schlechteste Option für Griechenland, aber sie wird immer wahrscheinlicher.“

NICOLAUS HEINEN, DEUTSCHE BANK: „Damit ist der Weg zu neuen Finanzhilfen für Griechenland erstmal versperrt – die Eurogruppe wird sich keinen Schritt auf die Regierung Tsipras zubewegen, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen möchte. Die nächsten Wochen werden für Griechenland von hoher Unsicherheit geprägt sein – verlässliche Prognosen sind kaum möglich. Denkbar ist, dass sich die wirtschaftlichen Verhältnisse in Griechenland weiter zuspitzen werden, sodass die Stimmung kippt und die Regierung Tsipras unter Druck gerät. Unter einer neuen Regierung unter Führung des bürgerlichen Lagers könnte dann über ein weiteres Rettungspaket verhandelt werden. Bleibt Tsipras an der Macht, dürften Spekulationen über eine baldige Zahlungsunfähigkeit und eine griechische Parallelwährung in den kommenden Wochen zunehmen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die EZB und ihre Bereitschaft, griechische Banken mit Notliquidität zu stützen. Widerruft die EZB die Notliquidität, wäre eine Finanzkrise und die Zahlungsunfähigkeit des griechischen Staats die unmittelbare Folge.“

JÜRGEN MICHELS, CHEFVOLKSWIRT BAYERNLB: „Es läuft auf einen Grexit hinaus. Die Eurogruppe wird sich Verhandlungen sicher nicht verwehren. Die Frage wird sein: Was wollen die Griechen herausholen? Wie groß soll etwa der angestrebte Schuldenschnitt sein? Tspiras wird mit geschwellter Brust in die Verhandlungen gehen. Die Eurogruppe hat die Wahl: entweder das Gesicht zu verlieren und nachzugeben oder den Grexit zu riskieren und unbekanntes Terrain zu betreten. Die Kuh ist eingebrochen. Sie ist zwar noch nicht untergegangen, sie steht aber mit einem der vier Füße im Wasser.“

HOLGER SCHMIEDING, BERENBERG BANK: „Damit ist das Risiko eines Grexit erheblich gestiegen. Ein Ende mit Schrecken ist möglich. Ein Kompromiss mit dieser Regierung ist für die Euro-Zone schwer auszuarbeiten. Die Regierung hat die Wirtschaft so gelähmt, dass der Finanzbedarf von Griechenland von Woche zu Woche steigt. Das macht es den Gläubiger sehr, sehr schwer, etwas anzubieten, das ausreichen könnte. Mit einem steigenden Finanzbedarf und einer Regierung, die das alte Programm abgelehnt hat, ist kaum ein neues Paket machbar, das sowohl die Gläubiger als auch das Volk gutheißen.“

JÖRG KRÄMER, COMMERZBANK-CHEFVOLKSWIRT: „Wenn die Griechen gegen einen Kompromiss mit der Staatengemeinschaft stimmen, dann ist es das wahrscheinlichste Szenario, dass Griechenland am Ende aus der Währungsunion austritt. Griechenland bekommt jetzt keine Hilfsgelder. Am 20. Juli könnten die von der EZB gehaltenen Staatsanleihen nicht wie vereinbart zurückgezahlt werden. Dann dürfte die EZB die Obergrenze für die ELA-Notkredite nicht erhöhen, so dass die griechischen Banken auszubluten drohen. Zudem wird es für die Regierung schwierig, die nächsten Lohn- und Rentenzahlungen zu stemmen. In einer solchen Situation bliebe der Regierung kaum etwas anderes übrig, als eine neue Währung einzuführen, um so die Zahlungsfähigkeit zurückzugewinnen. Das wäre wohl faktisch das Ende eines Mitgliedschaft in der Währungsunion.“

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