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Anleger müssen vorsichtig sein: Rohstoff-Preise im freien Fall

Ein umfassender, weltweiter Verfall bei den Rohstoff-Preisen bereitet den Anlegern Kopfzerbrechen. Die Entwicklung signalisiert gravierende Umbrüche in der Weltwirtschaft. Die genaue Kenntnis dieses Trends ist unerlässlich für die Bewertung von Investments.

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Die Ölpreise scheinen im freien Fall zu sein. Seit Sommer 2014 haben sich die Preise praktisch halbiert, wobei die Höchstpreise schon früher, 2008 oder 2011 zu verzeichnen waren. Doch es ist kein isolierter, spezifischer Preisrückgang. Im Gegenteil: Der Absturz der Rohstoffpreise ist effektiv breit basiert, er bezieht sich fast auf alle Rohstoffpreise. In einer mehrteiligen Serie werden Ursachen, Abläufe und Konsequenzen beleuchtet. Der erste Teil befasst sich mit den Rohstoffpreisen im Allgemeinen.

Seit Sommer 2014 haben sich die Rohöl-Preise praktisch halbiert, wobei die Höchstpreise schon früher, 2008 oder 2011 zu verzeichnen waren. Doch es ist kein isolierter, spezifischer Preisrückgang. Im Gegenteil: Der Absturz der Rohstoffpreise ist breit basiert, er betrifft keineswegs nur Erdöl und Erdöl-Derivate.

Er hat so gut wie alle Rohstoffe erfasst:

– andere Energieträger wie Kohle oder Erdgas;
– Industriemetalle wie Eisenerz, Aluminium, Kupfer, Nickel, Zinn;
– Nahrungsmittel wie Weizen, Mais, Gerste, Reis;
– Weiche Rohstoffe (‚Soft commodities’) wie Zucker, Kaffee;
– Agrarische Rohstoffe wie Baumwolle, Kautschuk, Wolle;
– Edelmetalle wie Gold, Silber oder Platin.

Nur wenige Rohstoffe können sich dieser Baisse entziehen: Preise von Vieh, Geflügel, Bananen und Olivenöl folgen einem anderen Trend. Die folgende Graphik verdeutlicht die Korrelation der wichtigsten Rohwarengruppen in einem längerfristigen Kontext. Nach einer langen Phase der Stagnation, des Rückgangs im Verlauf der 1990er Jahre haben die Rohstoffpreise in den 2000er Jahren einen synchronen Anstieg erlebt, einen Boom wie in den 1970er Jahren. Nach einer Phase der Höchstpreise je nach Rohstoff 2008 oder 2011 sind sie zunächst leicht zurückgegangen, und seit 2014 im scheinbar freien Fall.

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Nicht alle Rohstoffgruppen sind gleichermaßen davon betroffen. Am stärksten hat die Baisse die Industriemetalle und die Energieträger erfasst. Agrarische Rohstoffe zum industriellen Gebrauch und auch Nahrungsmittel haben sich wie üblich abgeschwächt verändert. Bis jetzt ist ein erheblicher Teil des Preisbooms der Rohstoffe der 2000er Jahre korrigiert, ungefähr auf das Niveau von 2005 zurück. Aber noch nicht ganz: Es ist, von einzelnen Rohstoffen abgesehen, noch kein Baissetrend auf die Niveaus vor 2002 zurück zu beobachten. Im langjährigen Schnitt liegen die Rohstoffpreise immer noch deutlich höher als in den 1990er Jahren. Doch nicht nur die absoluten Niveaus sind wichtig, sondern auch die Veränderungen von Jahr zu Jahr. Ein Sturz wie seit einem Jahr ist jedenfalls außergewöhnlich.

Die Erklärung für diesen synchronisierten Preisrückgang kann nicht allein auf spezifischen Faktoren für Erdöl beruhen, sondern sie muss viel breiter, allgemeiner für Rohwaren gültig sein. Traditionell spielen für die großen Trends der Preise von Rohwaren monetäre Faktoren sowie die physischen Angebots- und Nachfragebedingungen eine große Rolle.

Bei den monetären Faktoren dominiert zunächst die amerikanische Geldpolitik: Rohwaren werden in Dollars kontiert und gehandelt. Die kurz- bis mittelfristigen Dollarzinsen stellen die Kosten der Lagerung von Rohstoffen dar. Bei steigenden Zinsen verteuert sich die Aufbewahrung, bei fallenden verbilligt sie sich. Die amerikanischen Zinsen, konkreter die Zinskurve, sind auch über einen zweiten Mechanismus für die Rohwaren relevant. Sie beeinflussen den Kurs des US-Dollars. Weil Rohstoffe in Dollar gehandelt werden, Angebot und Nachfrage aber zu einem bedeutendem Teil aus dem Nicht-Dollarraum kommen, sind die Rohstoffpreise invers mit dem US-Dollar korreliert. Wenn der Dollar steigt, fallen die Rohstoffpreise tendenziell. Ein fallender Dollar begünstigt einen Preisanstieg.

USD Index

Monetäre Faktoren sind deshalb starke Treiber der Rohstoffpreise. Historisch hat sich die Kombination von deutlichen Zinssteigerungen im Dollar und einem festerem US-Dollar in Preisbaissen für Rohstoffe ausgewirkt. Umgekehrt haben Phasen mit deutlich fallenden US-Zinsen und einem stark fallendem Dollar Preishaussen begünstigt. Früher waren die Rohstoffpreise sehr stark durch die Kombination der amerikanischen Geld- und Finanzpolitik und ihre Konsequenzen für Dollar-Zinsen und für den USD-Wechselkurs bestimmt.

– Preishausse der 1970er Jahre: Real tiefe Zinsen im USD, schwacher Dollar
– Preiscrash in der ersten Hälfte der 1980er Jahre: Rasch steigende USD-Realzinsen, rapider Anstieg und sogar Überschiessen des USD.
– Steigende Rohstoffpreise in der zweite Hälfte der 1980er Jahre: Tiefe Zinsen, Fallender Dollar.
– Leicht fallende Rohstoffpreise in den 1990er Jahren: Tiefe Zinsen , steigender US-Dollar
– Preisexplosion der 2000er Jahre: Sehr niedrige US-Realzinsen, stark fallender US-Dollar auf historische Tiefstände.
– Preisanstieg der Rohwaren seit 2011: Nominelle Nullzinsen, neuer Dollar-Bullenmarkt.

Doch die Phase der Null-Zinsen im Dollar scheint sich ihrem Ende zu nähern. Die verbesserte Arbeitsmarktlage in den USA hat die US-Notenbank veranlasst, eine leichte Straffung der Geldpolitik zu signalisieren. Sie dürfte im September 2015 einen ersten Zinsschritt machen.

Der Markt erwartet aber nur, dass die Politik von einem extrem expansiven Kurs aus leicht korrigiert wird. Der Future-Strip sieht den Satz für Federal Funds im Interbankenmarkt bis im vierten Quartal 2016 auf 1% ansteigen. Diese Erwartung der Zinssteigerung begünstigt ceteris paribus einen Rückgang der Rohstoffpreise, kann aber den Preiszerfall allein niemals erklären.

Viel wichtiger ist die begleitende Dollarhausse. Diese ist nur teilweise durch die erhöhten Zinserwartungen im Dollar verursacht. Sie wird zusätzlich durch die ausgeprägte Währungsschwäche des Euro und des Yen erklärt, der beiden hauptsächlichen Alternativwährungen im globalen Kontext. In beiden Räumen spielt eine Wachstumsschwäche, kombiniert mit einer Politik extrem tiefer Zinsen eine Rolle.

Hinzu kommt die Schwäche des Canada- und Aussie-Dollars und der Währungen vieler Schwellenländer. In diesen Ländern schwächt sich das Wirtschaftswachstum markant ab. Ihre Währungen fallen teilweise wegen der Baisse spezifischer Rohstoffpreise, hauptsächlich aber auch aufgrund einer veränderten Risikoeinschätzung. Der Markt sieht massive politische Risiken etwa im Rubel, im brasilianischen Real, auch im südafrikanischen Rand.

Insgesamt wird die amerikanische Geldpolitik erheblich gestrafft. Diese Restriktion, eine mid-cycle Adjustierung, wird weniger über die Zinsen als über einen starken Dollar ausgelöst. Sie begünstigt eindeutig eine Abschwächung der Rohstoffpreise – erklärt aber keinen Preisfall wie seit einem Jahr.

Um diesen verstehen zu können, sind Angebots- und Nachfrageelemente einzubeziehen.

In vielen Rohwaren-Industrien haben hohe Investitionen während der Phase der Knappheit und sehr hoher Preise, dazu generöse Finanzierungsbedingungen das Angebots markant ausgeweitet. Technisch bedingt sind im Rohwarenbereich die Reifungszeiten der Investitionen sehr lang. Bis neue Erdölquellen oder Minen samt Transportwegen erschlossen sind, kann es viele Jahre dauern. Heute kommt auf den Markt, was vor fünf bis zehn Jahren entschieden worden ist. Typisch für Rohstoffe sind deshalb lange Zyklen, mit überschießenden Reaktionen der Investitionen.

Der langfristige Kondratieff-Zyklus ist ein klassischer Rohstoffpreis-Zyklus. Damit sei nicht behauptet, dass wir bereits in einer langen Abschwungphase stecken. Denn die Rohstoffpreise werden seit der Jahrtausendwende durch neue Akteure mitbestimmt. In der Nachkriegszeit drehte sich alles um die USA. Jetzt spielen auch China und andere Schwellenländer eine Schlüsselrolle.

Angesichts der starken Angebotsausweitung wirkt sich verheerend aus, dass ausgerechnet jetzt die Nachfrage aus China sich abflacht oder sogar regelrecht einbricht. In der ersten Jahreshälfte 2015 sind die Importe Chinas, ausgedrückt in USD, um rund 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr gefallen. Das ist sehr bedeutsam. Denn China ist zusammen mit den USA die größte Volkswirtschaft der Welt geworden. China hat aber viel höhere Export- und Importquoten als die Vereinigten Staaten. Dadurch ist das Land gerade für die Weltnachfrage in vielen Rohwaren zum Motor oder dominierendem Faktor geworden.

Die Zukunftsaussichten Chinas haben sich stark eingetrübt. Die Exporte leiden nicht nur wegen der schwachen Absatzdynamik in vielen Ländern. Die massive Aufwertung des Dollars, die im handelsgewichteten Wechselkurs nur unzureichend zum Ausdruck kommt, trifft gerade China voll.

Gegenüber einzelnen Ländern beträgt die Aufwertung des Dollar 30 bis 50 Prozent.

China kettet seine Währung an einen Zielkorridor im Dollar und fixiert ihn de facto. Dadurch verteuert sich das Land als Produktionsstandort, hat aber anders als die USA viel stärker preissensitive Exportprodukte. Hinzu kommen mit fast 10 Prozent wachsende Nominallöhne aufgrund eines ausgetrockneten Arbeitsmarktes. China steht vor einem kombinierten Aufwertungs-, Kosten- und Absatzschock auf den Außenmärkten. Das wird den Export hart treffen. Hinzu lahmt die Baukonjunktur. Die sehr hohen Leerbestände im Wohnungsbau wie teilweise im kommerziell-gewerblichen Bau belasten die Bautätigkeit. Die Kredite an Immobilien-Entwickler wurden eingefroren. Eine harte Landung ist nicht garantiert, aber je nach Reaktionsweise der Behörden möglich. Vorderhand deutet alles auf eine weitere erhebliche Abschwächung der Wachstumsdynamik hin.

Im Ergebnis ist der Preisverfall bei den Rohstoffen somit das Ergebnis von vier verschiedenen Faktoren: Die erwartete Straffung der Geldpolitik in den USA, der Anstieg des US-Dollars, die verzögert wirkenden Angebotsausweitung im Rohstoffsektors und der markante Wachstumseinbruch in China, dem wichtigsten Markt für viele Rohstoffe. Dieser Trend ist nicht vorbei und nicht abgeschlossen. Alle Faktoren sind weiter wirksam und weisen vorderhand in die gleiche Richtung.

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Anschlag in Ansbach war Selbstmord-Attentat eines Syrers
Anschlag in Ansbach war Selbstmord-Attentat eines Syrers
Ein als Asylbewerber abgelehnter Mann aus Syrien hat in der Nacht einen Selbstmordanschlag in der bayrischen Gemeinde Ansbach verübt. Mindestens 12 Menschen wurden verletzt. Der Mann war vor einem Jahr als Asylbewerber abgelehnt worden, blieb jedoch weiter auf Duldung in…
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Polizei am Tatort in Ansbach. (Foto: dpa)

Polizei am Tatort in Ansbach. (Foto: dpa)

Bei einem Sprengstoffanschlag im bayerischen Ansbach sind am Sonntagabend der Täter getötet und mindestens zwölf weitere Menschen verletzt worden. Nach Angaben des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann zündete ein 27-jähriger Syrer am Eingang zu einem Festivalgelände im Zentrum der fränkischen Stadt einen Sprengsatz, nachdem er nicht auf das Gelände gelassen worden sei. Der Mann habe seit zwei Jahren in Deutschland gelebt und sei nach der Ablehnung seines Asylantrags vor einem Jahr weiter geduldet worden. Ein islamistischer Hintergrund sei nicht auszuschließen, sagte Herrmann in der Nacht vor Journalisten in Ansbach. Der Sprengsatz detonierte nach Polizeiangaben kurz nach 22.00 Uhr in der Nähe des Eingangs zu dem Musikfestival mit mehr als 2000 Teilnehmern.

Herrmann sagte, der Täter habe die Explosion vorsätzlich herbeigeführt. Er habe früher bereits zweimal versucht, sich das Leben zu nehmen. Es sei noch unklar, ob er nur in Suizidabsicht gehandelt habe oder ob er andere Menschen mit in den Tod habe nehmen wollen. Der Inhalt des Rucksacks, den der Täter bei sich trug, sei aber geeignet gewesen, noch mehr Menschen zu töten. Polizeiangaben zufolge waren weit verstreut Metallteile aufgefunden worden. Bei islamistischen Anschlägen im Nahen Osten werden häufig Metallteile oder Nägel zur Verstärkung der Wirkung eines Sprengsatzes benutzt. Wieweit die Tat islamistischem Terror zuzuordnen sei, müssten die Ermittlungen zeigen, sagte Herrmann. Auszuschließen sei dies nicht.

Herrmann zufolge war der 27-Jährige bereits wegen anderer Vorfälle polizeibekannt gewesen. Sein Asylantrag sei vor einem Jahr abgelehnt worden. Er habe aber den Status der Duldung gehabt.

Nach Angaben eines Polizeisprechers wurde die Explosion in der Innenstadt vor einem Weinlokal und in der Nähe des Festival-Eingangs um kurz nach 22.00 Uhr bei der Polizei gemeldet. Das Zentrum Ansbachs wurde weiträumig abgeriegelt. Unter den Verletzten befanden sich nach Polizeiangaben drei Menschen mit schweren Verletzungen.

Augenzeugen berichteten von einer schweren Explosion. „Plötzlich hörte ich einen lauten, einen wirklich lauten Knall, eindeutig eine Explosion“, sagte Anwohner Thomas Debinski Reuters TV. Die Konzertbesucher seien in Panik ausgebrochen, berichtete er. Zunächst habe es Gerüchte über eine Gasexplosion gegeben, „aber dann kamen Leute, die sagten, dass eindeutig ein Rucksack explodiert ist, dass sich jemand in die Luft gesprengt hat.“

Europas Banken erwarten mit Sorge Ergebnisse von Stress-Test
Europas Banken erwarten mit Sorge Ergebnisse von Stress-Test
Viele europäische Banken erwarten mit Sorge die Ergebnisse des aktuellen Stress-Tests. Es wird erwartet, dass einige Banken neues Kapital auftreiben werden müssen. Tatsache ist: Die europäischen Banken haben seit der Finanzkrise deutlich an Boden gegenüber ihren Konkurrenten aus den USA…
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EZB-Chef Mario Draghi und sein portugiesischer Vize Vitor Constancio, Anfang Dezember in Frankfurt. (Foto: dpa)

EZB-Chef Mario Draghi und sein portugiesischer Vize Vitor Constancio, Anfang Dezember in Frankfurt. (Foto: dpa)

Die US-Banken haben die Finanzkrise hinter sich gelassen, während die Europäer noch immer Altlasten mit sich herumschleppen. Wie gravierend die Unterschiede inzwischen sind, hat das Analysehaus Tricumen ausgerechnet: 2007 fuhren die acht größten europäischen Banken mit dem Handel von Anleihen, Devisen und Rohstoffen noch Einnahmen von 48 Milliarden Dollar ein, die fünf größten US-Banken kamen auf 38 Milliarden. Im vergangenen Jahr schafften die Europäer noch 26 Milliarden Dollar, die US-Häuser dagegen 43 Milliarden. Ähnlich ist der Trend im Beratungsgeschäft. „Ich gehe davon aus, dass die europäischen Banken weiter Marktanteile an die Amerikaner verlieren“, sagt Tricumen-Analyst Darko Kapoor.

Die Deutsche Bank warnt regelmäßig vor diesem Szenario. Europa brauche eine globale Bank, damit Unternehmen diesseits des Atlantiks bei Kapitalmarktgeschäften nicht zu abhängig von US-Banken seien, lautet das Mantra.

Viele Bankmanager werden am 29. Juli keinen entspannten Start in die Sommerferien haben. Statt auf dem Balkon oder am Strand müssen sie den Freitagabend im Büro verbringen und die Ergebnisse des europaweiten Banken-Stresstests auswerten. Die EU-Bankenbehörde EBA will die Resultate an diesem Tag erst um 22 Uhr veröffentlichen, wenn alle wichtigen Börsen geschlossen haben. Auf diese Weise gewährt sie Investoren genügend Zeit, die Ergebnisse bis zur Öffnung der Märkte am Montag zu verdauen. Manche Beobachter fühlen sich an Zeiten der Finanzkrise erinnert, als an Wochenenden regelmäßig Rettungspläne für marode Finanzinstitute gebastelt wurden.

Vergleichbare Aktionen erwarten die meisten Banker und Experten dieses Mal zwar nicht, aber die Stimmung ist vor der Verkündung der Zahlen durchaus angespannt. Neben der Deutschen Bank, die mit ihrer Kernkapitalquote von 10,7 Prozent vielen Konkurrenten hinterherhinkt, stehen vor allem italienische Geldhäuser unter Druck. Sie schieben faule Kredite von 360 Milliarden Euro vor sich her und werden beim Stresstest deshalb nach Einschätzung von Experten besonders schlecht abschneiden. EZB-Chef Mario Draghi hat eine rasche Lösung der Probleme angemahnt.

Am Markt gibt es deshalb Spekulationen, die Politik könne die Stresstest-Resultate als Rechtfertigung nutzen, um italienische Geldhäuser zu stützen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble erklärte kürzlich, man solle zunächst die Stresstest-Ergebnisse abwarten, um die Probleme der Banken besser bewerten zu können. Viele Experten halten das jedoch für Augenwischerei. „Das Problem der faulen Kredite in Italien ist seit langem bekannt“, sagt ein Bankvorstand. „Ich erwarte nicht, dass die Behörden aus dem Stresstest grundlegend neue Erkenntnisse gewinnen.“

Schon beim vorangegangenen Fitnesscheck 2014 entpuppten sich die Geldhäuser zwischen Neapel und Mailand als größte Sorgenkinder – passiert ist seitdem wenig. „Wenn die Therapie nicht erfolgt, ist das etwas, das man nicht dem Stresstest anlasten darf“, betont Michael Kemmer, der Hauptgeschäftsführer des deutschen Bankenverbands. Staatshilfen für italienische Banken sind aus seiner Sicht allerdings nur „in eng begrenzten Ausnahmefällen“ denkbar. Bei den neun teilnehmenden Instituten aus Deutschland erwartet Kemmer nach dem Stresstest keine „tiefgreifenden Verwerfungen“. Österreichs Notenbankchef Ewald Nowotny sagte der Nachrichtenagentur APA am Freitag, er wolle die Lage der Geldhäuser nicht überdramatisieren. Das sei „ein lösbares Problem, etwa mit dem bewährten Modell einer Bad Bank“.

Die EBA prüft, wie sich die Zahlen der Geldhäuser in einer Krise entwickeln würden. Anders als 2014 gibt es beim diesjährigen Test keine Mindestkapitalquote, die Banken nach dem sogenannten Stress-Szenario mindestens erreichen müssen – sie können somit auch nicht durchfallen. Die EZB will die Resultate aber berücksichtigen, wenn sie gegen Jahresende individuelle Mindestkapitalquoten für Institute festlegt. Die Stresstest-Ergebnisse sind für Banken also eine Art Zwischenzeugnis.

Investoren wollen dabei genau darauf schauen, wie Banken im Stress-Szenario im Vergleich zu ihren Konkurrenten abschneiden. „Es wird Rankings geben – und der Markt bildet sich dann eine Meinung“, sagt ein hochrangiger Bankenaufseher. Die Geldhäuser müssten deshalb genau erklären, wie ihre Ergebnisse zustande gekommen seien. „Da gibt es sehr methodengetriebene, technische Einflüsse.“ Da die deutschen Institute die schärferen Basel-III-Kapitalregeln schrittweise einführen, wird ihre harte Kapitalquote in den nächsten Jahren zum Beispiel tendenziell sinken – völlig unabhängig vom Stress-Szenario. „Dieser Effekt ist bei den deutschen Banken in Summe nicht ganz unbeträchtlich – und muss erläutert werden.“

Viele Institute hoffen, dass Investoren nach dem Stresstest wieder Vertrauen in den Sektor fassen. Seit dem Brexit-Votum sind Bank-Aktien europaweit eingebrochen. Sollten Investoren oder Aufsichtsbehörden nach dem Test von Banken eine Stärkung ihrer Kapitalpolster fordern, stünde der Finanzsektor dagegen vor großen Problemen. „Banken können wegen der niedrigen Zinsen das Kapital nicht so schnell aufbauen, wie sie müssten“, räumt ein hochrangiger Manager ein. „So schnell kann man die Kosten gar nicht abbauen, um das wettzumachen.“

Kapitalflucht: Türkei fürchtet Wirtschaftskrieg gegen Erdogan
Kapitalflucht: Türkei fürchtet Wirtschaftskrieg gegen Erdogan
In der Türkei erwarten verschiedene Medien einen Wirtschaftskrieg des Westens gegen die Türkei. Öl ins Feuer goß der Vorsitzende der Grünen, Özdemir: Er fordert EU-Sanktionen. Die Vertreter der US-Handelskammer in der Türkei sind dagegen nicht so pessimistisch.
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Recep Tayyip Erdogan mit seinem Premier Binali Yildirim (li.) und Generalstabschef Hulusi Akar. (Foto: dpa)

Recep Tayyip Erdogan mit seinem Premier Binali Yildirim (li.) und Generalstabschef Hulusi Akar. (Foto: dpa)

Türkische Medien berichten, dass nach dem misslungenen Putschversuch der „Westen“ darauf erpicht sei, Erdogan mit einer vorsätzlich ausgelösten wirtschaftlichen Krise zu stürzen. So titelt die Zeitung Günes „Der zweite Putschplan des Westens ist die Verursachung einer wirtschaftlichen Krise“. So hatte Barbara Wesel von der Deutschen Welle zwei Tage nach dem Putsch geschrieben: „Politische Instrumente bieten sich nicht mehr an, den Sultan vom Bosporus zu stoppen – sondern nur wirtschaftliche. Das beginnt mit einem Kollaps beim Tourismus, gefolgt von einer Abwanderung der Investoren und großen Unternehmen.“ Die regierungsnahe Zeitung Star bestätigt die Feststellung der Türkei-Gegner, wonach die türkische Regierung und Erdogan nicht mit politischen Mitteln gestürzt werden können. Die türkische Opposition sei zwar gegen den Putschversuch gewesen, doch sie erhoffe sich eine Wirtschaftskrise, um Erdogan loszuwerden. Das ist ihre letzte Hoffnung, so das Blatt.

Tatsächlich kommt es aktuell zu einer Kapitalflucht aus der Türkei. Zuvor hatte die Rating-Agentur Standard & Poor’s (S&P) die Kreditwürdigkeit der Türkei wegen der politischen Turbulenzen auf „BB“ von „BB+“ heruntergestuft– und damit tiefer in den spekulativen Bereich. Die Banken Morgan Stanley, Societe Generale, BNP Paribas und Citigroup deuteten an, sich zurückziehen zu wollen. Patrick Mange, Fondsmanager bei BNP Paribas Investment Partners, sieht türkische Anlagen kritisch.

Am Sonntag hat der grüne Politiker Cem Özdemir als erster europäischer Politiker Sanktionen gegen die „Machthaber“ in der Türkei angeregt. 

Vizepremier Nurettin Canikli sagte am Donnerstag, dass S&P und die Putschisten demselben Zweck dienen würden. Die Milliyet zitiert Canikli: „Schauen sie, man wartet üblicherweise ein bis eineinhalb Monate ab, um die Auswirkungen des Putschversuchs auf die makroökonomischen Indikatoren zu beobachten und einzustufen. Die Entscheidung von S&P ist weder objektiv noch rational. Es ist unmöglich, mit einer rationalen Logik innerhalb dieser kurzen Zeit eine derart scharfe Entscheidung zu fällen. Sie müssen die Auswirkungen auf den Kapitalmarkt, aus den Haushalt und auf alle anderen Bereiche messen. Das ist innerhalb von drei Tagen schlichtweg unmöglich.“

Erdogan sagte, dass die Entscheidung der Ratingagentur eine politische sei. „Diese Ratingagenturen warten auf derartige Gelegenheiten. Doch sie werden uns nicht stoppen und die Notenbank wird die Liquidität sicherstellen“, zitiert Finans Gündem Erdogan.

Währenddessen ist der türkische Finanzminister darum bemüht, die Investoren zu beruhigen.

„Es wird eine maximale Feinfühligkeit für die wirtschaftliche Freiheit geben“, zitiert Bloomberg Simsek. Zudem werde die Türkei Maßnahmen treffen, um private Investitionen zu fördern. The Economist berichtet in diesem Zusammenhang, dass das Scheitern des Putschversuchs sich bisher positiv auf die türkische Wirtschaft ausgewirkt habe. „Das ist kein Sieg für die türkische Demorkatie. Statt die demokratischen Institutionen zu stärken, wird Herr Erdogan seine realen und als Feind wahrgenommenen Feinde säubern und seine eigene Herrschaft etablieren. Putsche können viele Formen haben.“

Die Türkisch-Amerikanische Handelskammer (TABA-AmCham) gibt sich von allen Organisationen und Personen am optimistischsten. Der Chef der TABA-AmCham, Bora Gurcay, sagt, dass US-Firmen im aktuellen Jahr Direktinvestitionen in der Türkei tätigen wollen, berichtet die Nachrichtenagentur Anadolu. Nach Angaben von Gurcay, der auch Chef von Motorola Solutions Turkey ist, sollen vier prominente US-Firmen in den kommenden Monaten große Investitionen in der Türkei durchführen. „Als die Leute das erste Mal von den Ereignissen gehört haben, brach eine Panik bei den ausländischen Firmen aus (…) Aber nachdem das türkische Volk den Putschversuch gestoppt und die Demokratie verteidigt hat, indem sie auf die Straßen gingen, entstand der Eindruck, wonach sich dauerhafte Investitionen in dem Land lohnen“, so Gurcay.

Im vergangenen Jahr befand sich die Türkei auf der Liste der beliebtesten Destinationen für ausländische Investoren auf Platz 20. Es gab ausländische Direktinvestitionen (FDI) von 16,5 Milliarden Dollar, berichtet die Welthandelskonferenz (UNCTAD). Die Renditen für zwei- fünf- und zehnjährige Staatsanleihen hätten aufgrund des Putschversuchs und der Entscheidung der Ratingagentur steigen müssen. Doch dem ist nicht so. Bei allen Staatsanleihen gab es prozentuale Renditenrückgänge. Der Anleihenmarkt hat offenbar nach wie vor ein großes Vertrauen in die türkische Wirtschaft.

Streit mit Türkei: Europa könnte von Öl-Regionen abgeschnitten werden
Streit mit Türkei: Europa könnte von Öl-Regionen abgeschnitten werden
Die aktuelle Entfremdung zwischen der EU und der Türkei wird auch energiepolitische Folgen haben. Die EU wird schrittweise aus den ölreichen Regionen in der Nachbarschaft der Türkei isoliert. Mit der Türkei als EU-Mitglied hätte Europa seine Energiezufuhr autonom bestimmen können.
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Erdogan und Juncker am 5. Oktober 2015 in Brüssel. Juncker will verhindern, dass die EU vom Öl isoliert wird. (Foto: dpa)

Erdogan und Juncker am 5. Oktober 2015 in Brüssel. (Foto: dpa)

Aufgrund der Entfremdung zwischen der Europa und der Türkei wird es für  die EU zunehmend schwieriger, zu den wichtigsten Energieressourcen der Welt einen autonomen Zugang zu bekommen und ihre Energiezufuhr zu kontrollieren. Die Türkei will als Schnittstelle zwischen den EU-Absatzmärkten und den energiereichen Regionen in Zentralasien, im Kaukasus und im Nahen Osten agieren. Wenn die Türkei ein Mitglied der EU wäre, hätte die EU einen direkten Zugang zu jenen Energieressourcen, was entscheidend für die Energieunabhängigkeit der EU wäre. Europäische Energiekonzerne könnten dann den EU-Markt autonom versorgen und einen enormen Einfluss auf die Ölpreisbildung ausüben.

Allerdings gibt es zahlreiche Hinweise dafür, dass sich die Beziehungen zwischen der EU und der Türkei nicht verbessern, sondern verschlechtern werden. Eine politische Einigung zwischen Ankara und Brüssel ist nicht in Aussicht. Türkische Geopolitiker bewerten die aktuellen Entwicklungen zwischen der EU und der Türkei aus einer globalen Perspektive.

Der türkische Oberst a.D. und Geopolitiker, Nejat Tarakçı, berichtet in einer Analyse der Denkfabrik TASAM: „Nach dem Zerfall der UDSSR gab es zwischen der EU und den USA eine Kooperation, um das entstandene Machtvakuum in Europa auszufüllen. Diese Kooperation wurde nach dem Jugoslawienkrieg und dem Ersten Golfkrieg (1991) aufgelöst, weil die Amerikaner Europa aus den Energie-Regionen verdrängte und gleichzeitig in anderen Bereichen eine Teilung der finanziellen Last verlangte. Die USA traten mit Japan und Deutschland auf der globalen Ebene in eine wirtschaftliche und politische Konkurrenz. Die Strategie Deutschlands, gemeinsam mit Frankreich die EU als balancierenden Gegenpol aufzubauen, ist aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Manövrierfähigkeit der USA ins Leere gelaufen (…). Das Ziel der USA, seine militärische Stärke zu nutzen, um in den ölreichen Regionen ein Monopol aufzubauen, hat dazu geführt, dass die EU und die USA zwangsläufig zu Konkurrenten wurden.“

Audi will Bau von Elektro-Autos beschleunigen
Audi will Bau von Elektro-Autos beschleunigen
Audi will den Bau von neuen Elektro-Modellen forcieren. Das Unternehmen blickt vor allem auf China als neuem Absatzmarkt.
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Audi will in China nicht mehr bloß Spritfresser verkaufen. (Foto: dpa)

Audi will in China nicht mehr bloß Spritfresser verkaufen. (Foto: dpa)

Audi will den Anteil an Elektrofahrzeugen in den kommenden Jahren massiv ausbauen. In einem Interview der Heilbronner Stimme erklärte der Vorstandsvorsitzende Rupert Stadler: „In den nächsten drei bis vier Jahren werden wir diverse Plug-In-Hybride anbieten. Bis 2020 drei reine E-Autos und bis 2025 einen Anteil von 25 bis 30 Prozent.“ Es werde auch in den unteren Segmenten etwas auf den Markt gebracht. Den Anfang macht nach seinen Worten 2018 ein Geländewagen, gefolgt von einem elektrifizierten Kompaktwagen. Später soll die gehobene Mittelklasse folgen.

Gerade für Märkte wie China sieht Stadler einen hohen Bedarf an E-Autos. Auch das Wasserstoffauto, das Spezialisten in Neckarsulm zur Serienreife entwickeln, soll kommen. Im Gegenzug will Audi sein Modellprogramm straffen. Stadler stellt zum Beispiel die dreitürigen Versionen von A1 und A3 infrage. „Da haben wir andere Ideen für interessantere Derivate“, sagte Stadler. Auch die hohe Variantenzahl bei Motoren, Getrieben, Lenkrädern, Sitzen und anderen Teilen stehe zur Disposition.

EU will europäische Kunden gegen VW unterstützen
EU will europäische Kunden gegen VW unterstützen
Die EU-Kommission will die geschädigten VW-Kunden in Europa beim Kämpf um Entschädigungen wegen des Diesel-Skandals unterstützen. VW-Chef Müller hatte erst vor kurzem erklärt, dass eine Entschädigung für alle europäischen Kunden für das Unternehmen zu einer ernsthaften Belastung würden.
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EU-Kommissarin Vera Jourova mit der US-Staatssekretärin Penny Pritzker in Brüssel. (Foto: dpa)

EU-Kommissarin Vera Jourova mit der US-Staatssekretärin Penny Pritzker in Brüssel. (Foto: dpa)

Die Europäische Kommission will einem Bericht zufolge den Ansprüchen europäischer Volkswagen-Kunden im Dieselskandal zur Durchsetzung verhelfen. Justizkommissarin Vera Jourova wolle die Bemühungen europäischer Verbraucherschützer koordinieren, entsprechende Leistungen durchzusetzen, berichtete die Zeitung Die Welt. Es müsse sichergestellt werden, dass die Verbraucher eine fair behandelt würden, zitiert die Zeitung aus einem Schreiben der Kommissarin. In dem Fall könnten verschiedene Teile des europäischen Verbraucherrechts angewandt werden.

Im Skandal um massenhaft manipulierte Diesel-Abgaswerte lehnt Volkswagen Entschädigungszahlungen für europäische Kunden ab. In den USA hat sich VW dagegen zu Milliardenzahlungen verpflichtet. Bei der Kommission war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. VW wollte sich zu dem Bericht nicht äußern.

Zuletzt hatte VW-Chef Müller erklärt, dass Entschädigungen für die Kunden in Europa das Unternehmen in ernste Schwierigkeiten bringen könnten.

Die EZB hat vor kurzem mit dem Ankauf von Unternehmensanleihen von VW begonnen, um dem Konzern in der Krise zu helfen.

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