Währungs-Krieg: Investoren verspüren die ultimative Angst

Investoren haben im Laufe der letzten Monate fast eine Billion Dollar aus den Schwellenländern abgezogen. Sie werden dabei von der Furcht einer Wirtschaftsflaute in China und einer nahenden Zinserhöhung der US-Notenbank getrieben. Aufgrund der anhaltenden Kapitalabflüsse verlieren die Währungen der Schwellenländer relativ zum Dollar drastisch an Wert.

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Die Kapitalflucht aus den Schwellenländern erreicht ein kritisches Niveau. Innerhalb der letzten 13 Monate wurde aus diesen Märkten rund eine Billionen Dollar abgezogen. Eine Kapitalflucht entsteht, wenn Investoren, Unternehmen und Finanzinstitutionen ihre Gelder ins Ausland verlagern und dadurch die Währung des Landes einem Abwärtsdruck aussetzen. Die Investoren werden dabei von der Furcht einer baldigen Zins-Erhöhung der US-Notenbank sowie von den jüngsten Kurseinbrüchen an den chinesischen Börsen getrieben.

Die Volkswirtschaften der Schwellenländer leiden seit geraumer Zeit unter geringem Wachstum und fallenden Währungen. Der anhaltende Abzug des Kapitals verstärkt nun die Zweifel, dass die Schwellenländer ihren einstigen Status als Lokomotive der Weltwirtschaft zurückgewinnen können. Angesichts der jüngsten Abwertung des chinesischen Yuan erwarten Analysten sogar eine weitere Verschärfung der Kapitalflucht.

„Diese Abflüsse werden noch weiter gehen“, zitiert die FT Maarten-Jan Bakkum, Schwellenmarkt-Stratege bei NN Investment Partners.

Der Netto-Kapital-Abfluss der 19 größten Schwellenländer erreichte in den letzten 13 Monaten etwa 940,2 Milliarden Dollar, wie die FT berichtet. Somit lag die Kapitalflucht fast doppelt so hoch wie zur Zeit der letzten Finanzkrise, als innerhalb von neun Monaten zwischen 2008 und 2009 rund 480 Milliarden Dollar aus den Schwellenländern abgezogen wurden. In den folgenden sechs Jahren erholten sich die Märkte und das Kapital kehrte dorthin zurück. Aus Daten von NN Investment Partners geht hervor, dass zwischen Juli 2009 und Juni 2015 rund 2 Billionen Dollar in die 19 größten Schwellenländer investiert wurde.

Die Investoren bekommen es mit der ultimativen Angst zu tun wegen China, schwächerer Währungen und den Aussichten auf eine US-Zinserhöhung“, zitiert Bloomberg Jonathan Ravelas, Chef-Stratege bei der BDO Unibank mit Sitz in Manila. „Sie schaffen ihr Kapital in die Heimat zurück und bleiben draußen, bis sich der Staub gelegt hat.“

Der rasante Abzug des Kapitals löst einen Domino-Effekt aus, der die Länder in eine schwierige wirtschaftliche Situation bringt. Ihre Währungen haben in den letzten zwei Jahren im Vergleich zum Dollar drastisch an Wert verloren, wie das Wall Street Journal berichtet. Der brasilianische Real hat in den letzten zwölf Monaten einen Drittel seines Wertes eingebüßt und erreichte somit ein Zwölf-Jahres-Tief. Während der russische Rubel vor allem unter dem fallenden Ölpreis leidet, fiel die türkische Lira aufgrund anhaltender politischer Spannungen auf ein Allzeit-Tief im Vergleich zum Dollar. Die asiatischen Währungen kamen vor allem in Folge der Entscheidung Chinas unter Druck, den Yuan innerhalb weniger Tage mehrfach abzuwerten. Die indonesische Rupiah notierte zuletzt auf einem 17-Jahres-Tief. Der malaysische Ringgit erreichte seinen tiefsten Stand seit 1999 und auch der thailändische Baht steht so tief wie seit fünf Jahren nicht mehr.

„Die Schwellenländer-Währungen erleben derzeit einen katastrophalen Sturm“, zitiert die FT Bernd Berg, Analyst bei der französischen Großbank Société Générale. „Die globalen Wachstumsängste werden vor allem von einer erheblichen Abkühlung in den Schwellenländern getrieben, während die lauwarme Konjunktur in den Industriestaaten nicht stark genug ist, um der Schwäche in China und anderen aufstrebenden Ländern entgegenzuwirken.“

Der Währungsverfall hat wiederum negative Auswirkungen auf die Nachfrage nach Auslandsgütern. So fielen die Importe in die Schwellenländer im Juni um 13,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie aus Daten von Capital Economics hervorgeht. Zugleich sind die Dollar-Auslandsschulden das größte Risiko für die Schwellenländer – und diese Verbindlichkeiten wachsen mit zunehmender Abwertung der eigenen Währung stark an. Unternehmen aus den Schwellenländern haben in den letzten Jahren vermehrt Kredite in Dollar aufgenommen, um so vom historisch niedrigen Zins zu profitieren. Ihre Auslandsschulden umfassen mittlerweile rund 2,6 Billionen Dollar. Seit 2007 waren die Schwellenländer somit für die Hälfte der globalen Neuverschuldung verantwortlich.

„Der Kollaps der Schwellenländer-Importe spiegelt einen fundamentalen Nachfrage-Verfall wieder, da die Kapitalabflüsse die Binnennachfrage gesenkt und niedrigere Rohstoff-Preise die Einkommen in Rohstoff-produzierenden Ländern abgetragen haben. Bisher gibt es wenige Anzeichen dafür, dass wir den Tiefpunkt schon erreicht haben“, sagte Neil Shearing von Capital Economics gegenüber der FT.

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