Von Reichsbürgern nach Stockholm: Xavier Naidoo zu Eurovision Song Contest

Die ARD schickt den Sänger Xavier Naidoo zum Eurovision Song Contest 2016 nach Stockholm. Diese Entscheidung ist sehr interessant: Naidoo war 2014 bei den „Reichsbürgern“ aufgetreten, hatte Zweifel an der offiziellen Version zu 9/11 geäußert und das Ende der US-Militärpräsenz in Deutschland gefordert. Er hatte seinen Auftritt mit einem Refrain beschlossen, der seit einigen Monaten das offizielle Leitmotiv von Angela Merkel ist.

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Die ARD lässt mit einer sehr interessanten Personalie aufhorchen: Sie schickt, und zwar ohne Mitwirkung des Publikums, den Sänger Xavier Naidoo zum Eurovision Song Contest. Naidoo war zum Tag der Deutschen Einheit vor dem Bundeskanzleramt aufgetreten und hatte zu den sogenannten „Reichsbürgern“ gesprochen. Die Reichsbürger sind eine obskure Bewegung, die der Meinung sind, dass die Bundesrepublik Deutschland nicht existiert, sondern eine „BRD GmbH“ sei, wie aus ihrer Website hervorgeht. Die Gruppe wird, wie aus einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei hervorgeht, als antisemitisch eingestuft, Teile der Bewegung werden demnach auch als rechtsextrem eingestuft, wenngleich es sich in erster Linie um ein Sammelsurium verschiedener ideologischer Versatzstücke handelt. Die Bewegung weist auch in Teilen rassistische Tendenzen auf.

Es ist unklar, ob Naidoo genau wusste, vor welcher Truppe er aufgetreten ist. Allerdings sind auch die Aussagen bemerkenswert, die Naidoo gemacht hat: So meldete er Zweifel an der offiziellen Version über die Ereignisse vom 11. September 2001 an. Hauptpunkt seiner Rede war jedoch eine sehr scharfe und sicher reflektierte Rede gegen die US-Militärpräsenz in Deutschland und die Atomwaffen-Stationierung sowie die Drohnen-Kriege der USA, die von Rammstein aus geführt werden.

Die ARD ist sich sicher bewusst, welche Positionen Naidoo vertritt, denn sie sich dokumentiert (siehe Video am Anfang des Artikels). Es ist unklar, ob diese Entscheidung einen Kurswechsel der ARD in der politischen Positionierung signalisiert. Bisher hat die ARD Positionen wie die von Naidoo vertretenen strikt abgelehnt. Kritik an der US-Politik ist in der ARD selbst im Hinblick auf die massiven globalen Militär-Einsätze kaum zu hören. Zweifel an der offiziellen 9/11-Version werden von der ARD seit jeher in den Bereich der „Verschwörungstheorie“ verwiesen.

In einem Interview rechtfertigt ein ARD-Sprecher die Nominierung: „Dass Xavier Naidoo polarisiert, wussten wir. Die Frage ist, ob alle Hassäußerungen, die es in den sozialen Netzwerken gibt, eine sachliche Grundlage haben. Zu den einzelnen Vorwürfen: Xavier Naidoo steht für Toleranz allen Lebensentwürfen gegenüber, die es in dieser Republik gibt.“ Diese Erkenntnis allein ist bemerkenswert, denn die ARD hat sich bisher nicht besonders kritisch gegenüber Hassäußerungen ohne sachliche Grundlage gezeigt, sofern sie dem Sender ins politische Kalkül gepasst haben.

Es ist nicht klar, ob Xavier Naidoo seine Nominierung nicht letzten Endes einer persönlichen Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu verdanken hat: Der Sänger, der im Grund stets in erfrischender Offenheit sagt, was er denkt, hatte zum Abschluss seines Auftritts vor Kanzleramt und Reichsbürgern ein Lied angestimmt, dessen Refrain Merkel in den vergangenen Wochen nicht mehr aus dem Kopf zu gehen scheint: „Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen…“ (Ab 3:30)

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