Politik

Obama und Putin wollen Syrien gemeinsam neu ordnen

Die USA und Russland wollen in Syrien offenbar koordiniert vorgehen. Kommende Woche reist US-Außenminister John Kerry zu Präsident Putin, um eine gemeinsame Haltung der beiden Großmächte zur syrischen „Opposition“ zu finden. Die Russen melden überraschend, dass der IS mittlerweile 70 Prozent des syrischen Staatsgebiets kontrolliere. Dies deutet auf einen größeren Militäreinsatz in der Region hin.
11.12.2015 18:09
Lesezeit: 2 min

Die USA und Russland wollen die Neuordnung Syriens offenbar gemeinsam vornehmen. Darauf deutet eine überraschende Reise von US-Außenminister John Kerry hin, der in der kommenden Woche Russlands Präsident Wladimir Putin besuchen wird. Das Thema: Wie kann die „Opposition“ in Syrien neu gruppiert werden? Das Treffen einiger Splittergruppen in Saudi-Arabien in dieser Woche wird auch von Washington als unzureichend empfunden. Bei dem Treffen waren weder die für einen Wiederaufbau unerlässliche Kurdenpartei YPG anwesend. Auch die Terror-Miliz IS war nicht eingeladen. Ohne sie ist ein Waffenstillstand jedoch nicht zu erreichen - sie ist ja der Hauptfeind. Es ist eher unwahrscheinlich, dass sich die Russen und die Amerikaner mit dem IS-Führer al-Baghdadi an einen Tisch setzen. Russen und Amerikaner haben angekündigt, den IS vernichten zu wollen.

Russland hatte das Treffen in Riad daher von Anfang an für verfrüht bezeichnet. Kerry, der das Treffen zuvor als Geste an die Saudis gelobt hatte, spricht nun davon, dass noch „Knoten zu entwirren“ seien, weshalb er zu Putin reisen werde.

Auf Nachfrage von Journalisten wollte er nicht genauer erläutern, welche Vorbehalte er gegen die Einigung von Riad habe. „Ich muss hören, welche Antworten es auf einige Fragen gibt, die sich uns heute stellen“, sagte Kerry. Sein Sprecher Mark Toner gab kurz darauf bekannt, dass Kerry am Dienstag in Moskau mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über die Lage in Syrien und den Kampf gegen die Terror-Miliz Islamischer Staat (IS) sprechen werde.

Am Freitag gab außerdem der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu überraschend bekannt, dass sich der IS weiter auf dem Vormarsch befinde. Schoigu konterkarierte mit dieser Aussage die bisherigen Erfolgsmeldungen des russischen Einsatzes. Unabhängige Beobachter, die von den Deutschen Wirtschafts Nachrichten um eine Einschätzung gebeten wurden, gehen davon aus, dass der IS durch die russischen Luftschläge erheblich geschwächt ist. Doch Schoigu sagte am Freitag, dass der IS bereits 70 Prozent des syrischen Staatsgebiets kontrolliere und mit etwa 60.000 Kämpfern im Einsatz sei: „Der Einflussbereich des Islamischen Staats wächst“, sagte Schoigu. Man befürchte, dass sich die Aktivitäten bis nach Zentralasien und in den Kaukasus ausbreiten könnten.

Diese Horror-Meldungen deuten darauf hin, dass Russland seine Militäroperationen eher ausweiten als zurückfahren könnte. Alle Beteiligten in dem militärischen Konflikt haben bisher zwar ausgeschlossen, selbst Bodentruppen entsenden zu wollen. Doch gleichzeitig haben auch alle gesagt, dass der Konflikt ohne Bodentruppen nicht zu gewinnen sei. Die Botschaft von Schoigu wird diese Einschätzung untermauern. Die Türkei hat ihre ersten Truppen bereits entsandt, allerdings zunächst in den Irak, wogegen Bagdad prompt protestierte.

Obama und Putin hatten bei der UN-Vollversammlung eine enge Kooperation vereinbart, die der US-Präsident allerdings nicht ohne Störfeuer durchhalten kann: Die Türkei spielt hier, im Verbund mit der Nato und den Geheimdiensten, eine hervorgehobene Rolle und ist gewissermaßen für die Provokationen zuständig. Daher warnte Russlands Präsident Wladimir Putin am Freitag eindringlich vor solchen Aktionen und drohte mit dem sofortigen Abschuss von feindseligen Zielen.

Die Neuordnung in Syrien hat auch mit der Energie-Versorgung Europas zu tun. Russland hat sich prinzipiell bereiterklärt, an entsprechenden Pipeline-Projekten des Westens mitzuwirken. Moskau hat kein Interesse an der Destruktion, sondern will seine geopolitische Position nutzen, um Geschäfte zu machen.

Wie die Neuordnung im Nahen Osten genau aussehen soll, ist aktuell noch schwer zu sagen. Es lässt sich jedoch schemenhaft erkennen, dass die USA und Russland aktuell eher kooperieren als gegeneinander kämpfen. Für die USA und Russland hat nämlich zunächst die Eindämmung der Regionalmächte oberste Priorität. Dazu scheint einmal mehr eine massive Truppenpräsenz nötig.

Deutschland scheint hier auf Abruf bereit zu stehen: So hat der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel beim SPD-Parteitag bereits angekündigt, dass über einen Einsatz von deutschen Bodentruppen die SPD-Basis entscheiden solle. Der Vorschlag kam ausgesprochen überraschend und legt den Schluss nahe, dass die Bundesregierung derartige Pläne bereits in der Schublade hat. Das Mandat der Bundeswehr ist entsprechend weit gefasst, eine langanhaltende Militär-Präsenz auch der deutschen Truppen scheint vor diesem Hintergrund eine nicht unrealistische Perspektive zu sein.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie BradyPrinter i7500: Revolution im Hochpräzisionsdruck

Sie haben genug vom altmodischen Druck großer Etikettenmengen? Keine Kalibrierung, keine Formatierung, kein umständliches Hantieren mit...

X

DWN Telegramm

Verzichten Sie nicht auf unseren kostenlosen Newsletter. Registrieren Sie sich jetzt und erhalten Sie jeden Morgen die aktuellesten Nachrichten aus Wirtschaft und Politik.
E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und erkläre mich einverstanden.
Ich habe die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Ihre Informationen sind sicher. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten verpflichten sich, Ihre Informationen sorgfältig aufzubewahren und ausschließlich zum Zweck der Übermittlung des Schreibens an den Herausgeber zu verwenden. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nicht. Der Link zum Abbestellen befindet sich am Ende jedes Newsletters.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Droht neue Schuldenkrise? Deutschland erhöht die Verschuldung – Südeuropa bangt um Stabilität
29.03.2025

Die geplante massive Ausweitung des deutschen Haushalts hat Auswirkungen auf ganz Europa. Besonders betroffen sind hochverschuldete...

DWN
Finanzen
Finanzen Initiative treibt digitales Bezahlen in Deutschland voran
29.03.2025

Beim Einkaufen gewinnen digitale Bezahlverfahren zunehmend an Beliebtheit. Doch nicht alle Händler in Deutschland bieten bereits digitales...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-ETF-Vergleich: Wie Anleger in künstliche Intelligenz investieren können
29.03.2025

Künstliche Intelligenz (KI) ist längst keine Science-Fiction mehr, KI ist ein zentraler Treiber der modernen Wirtschaft. Von diesem...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Schleichende Deindustrialisierung: Ist „Made in Germany“ am Ende?
29.03.2025

Was passiert, wenn der deutsche Industriestandort zusammenbricht? Ein Land ohne Produktion – das bedeutet Massenarbeitslosigkeit,...

DWN
Panorama
Panorama Fast 14 Millionen profitieren von der Pendlerpauschale - kommt die Erhöhung?
29.03.2025

Die in den aktuellen Koalitionsverhandlungen kontrovers diskutierte Pendlerpauschale – auch als Entfernungspauschale bekannt – wird...

DWN
Politik
Politik Demokraten in der Zerreißprobe: Wie besiegt man Trump?
29.03.2025

Eine Partei im Zwiespalt: Die Demokraten suchen nach einer Strategie. Während einige sich offen gegen Trump stellen, wollen andere...

DWN
Politik
Politik YouGov-Umfrage: AfD fährt höchsten Wert aller Zeiten ein
29.03.2025

Laut zwei aktuellen Wahlumfragen kann die AfD ihren Abstand zur CDU/CSU weiter verringern. Die Partei fährt bei einer YouGov-Umfrage ihren...

DWN
Finanzen
Finanzen Großer Goldfund in Finnland: Neue Goldmine in Lappland geplant
29.03.2025

Inmitten der weiten Landschaft Lapplands könnte schon bald eine neue Goldmine entstehen. Der kanadische Bergbaukonzern Rupert Resources...