Aufträge der deutschen Industrie sinken im Juni überraschend

Die deutsche Wirtschaft bekommt den Abschwung in der Weltwirtschaft zu spüren. Im Juni sammelten die Unternehmen überraschend weniger Aufträge ein. Die Wirtschaftsleistung werde im zweiten Quartal wahrscheinlich stagnieren, prognostizieren Beobachter.

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Eine schwache Nachfrage aus der Euro-Zone bremst überraschend das Neugeschäft der deutschen Industrie. Die Betriebe sammelten im Juni 0,4 Prozent weniger Bestellungen ein als im Vormonat, wie das Bundeswirtschaftsministerium am Freitag mitteilte. Ökonomen hatten mit einem Anstieg von 0,6 Prozent gerechnet, nach plus 0,1 Prozent im Mai.

„Der Auftragseingang wartet mit einer weiteren Enttäuschung auf. Trotz der robusten Stimmungslage zeigt sich, dass es der Industrie schwerfällt, Boden zu gewinnen: Im Durchschnitt dieses Jahres liegt der Auftragseingang nur wenig über dem Durchschnitt von 2015, im Vergleich zum Vorjahresmonat ist das Niveau mit rund drei Prozent sogar spürbar tiefer. Auch die Investitionsgüterproduktion kommt inzwischen nicht mehr vom Fleck. An dieser Entwicklung dürfte sich aufgrund der lediglich verhalten wachsenden Weltwirtschaft vorerst nichts Grundsätzliches ändern – Ifo-Geschäftsklima hin oder her“, sagte der Chefökonom vom Bankhaus Lampe, Alexander Krüger. Mit Spannung erwarten Experten, ob sich in den Juli-Daten das Votum der Briten für einen EU-Austritt niederschlägt. „Da könnten erste Bremsspuren sichtbar werden“, sagte Stefan Kipar von der BayernLB.

Die Unsicherheit wegen des Brexit-Referendums ist derzeit eines der zentralen Themen in der Wirtschaft – nicht nur in Deutschland. So sank in Großbritannien die Zahl der neu ausgeschriebenen unbefristeten Stellen so stark wie zuletzt während der Rezession 2009, wie aus einer Studie des Berufsverbands für Personalvermittlung (REC) hervorgeht. „Der Arbeitsmarkt hat im Juli einen dramatischen freien Fall erlebt“, sagte REC-Chef Kevin Green. „Die wirtschaftlichen Turbulenzen nach dem Votum für ein Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union sind zweifelsohne der Grund.“

Bisher hat die deutsche Wirtschaft eher gelassen auf die Anti-EU-Abstimmung reagiert. Allerdings schwächelte im Juni die Auslands-Nachfrage der Industrie. Hier gab es insgesamt ein Minus von 1,2 Prozent, die Aufträge aus dem Euro-Raum brachen um 8,5 Prozent weg. „Im Ausland addieren sich die vielen Krisen zu einer großen Last“, sagte Konjunktur-Experte Dirk Schlotböller vom Deutschen Industrie und Handelskammertag (DIHK). „Jetzt kommt auch noch die Verunsicherung infolge des Brexit-Votums obendrauf, so dass wir beim Exportgeschäft vorerst keinen Schwung erwarten.“

Ausschlaggebend für das Geschäft der Industrie sind oft Großaufträge, von denen es diesmal ungewöhnlich wenig gab. Klammert man diese Bestellungen aus, zogen die Betriebe sogar 0,9 Prozent mehr Bestellungen an Land. „Das ist gar nicht so schlecht“, sagte Kipar. Fachleute gehen davon aus, dass die Wirtschaft im Frühjahr an Fahrt verloren hat. „Alles spricht dafür, dass das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland im zweiten Quartal nach dem starken Jahresbeginn kaum zugenommen hat“, sagte Commerzbank-Analyst Ralph Solveen. Die Daten für April bis Juni liegen nächste Woche vor. Zu Jahresanfang gab es dank Rückenwind vom Bau noch ein Plus von 0,7 Prozent.

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