Banken-Krise in Europa: Aussitzen ist der größte Fehler

Die grundlegende Orientierung von Geld- und Bankenpolitik führt in eine verhängnisvolle Abwärtsspirale. Die Banken werden von der falschen Austeritäts- und Geldpolitik eingeholt. Es könnte sich als verhängnisvoll erweisen, dass die Bundesregierung diese kritische Situation einfach aussitzen will.

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Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Hollande im September bei einem Treffen mit europäischen Industriellen. (Foto: dpa)

Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Hollande im September bei einem Treffen mit europäischen Industriellen. (Foto: dpa)

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Diese Woche ist im annus horribilis der beiden deutschen Großinstitute eine neue Wendung eingetreten. Die Probleme der deutschen Großbanken werden jetzt nicht mehr betreten negiert, sondern offen und öffentlich diskutiert. Neben den üblichen Beschwichtigungsformeln (‚Die Banken sind aufsichtsrechtlich genügend kapitalisiert’) werden jetzt auch Lösungsansätze diskutiert. Nur wird ein fatal falsch konzipiertes Raster als Ausgangspunkt genommen.

Die Probleme der Banken in Europa sind bekannt und durch die Kombination von Austeritäts- und EZB-Politik der Negativzinsen akzentuiert worden. Überdimensionierte, aber kapitalschwache Großinstitute, dazu aufgrund der Konjunkturlage und Zinssituation ertragsarm, mit vielen Legacy-Positionen und faulen Krediten belastet, unter anderem einer Lawine von Schwellenländer-Anlagen, und ohne strategische Perspektive. Der Sektor hat geringe Visibilität und von daher keine besonders guten Chancen auf genügend frisches Eigenkapital im Markt.

Die Überraschungen gehen hauptsächlich in die negative Richtung. Die Liquiditätsschwemme der EZB hat diese Institute gleichzeitig künstlich über Wasser gehalten und in einer gewissen Weise verhindert, dass sie rechtzeitig drastische Restrukturierungsprogramme einleiten mussten. ‚Pretend and extend’ war in der Eurokrise überall und ist vielenorts noch die vorherrschende Attitüde. Einige Großbanken, darunter diese Woche die Commerzbank oder die niederländische ING, haben seit letztem Herbst drastische Restrukturierungsprogramme und eine komplette Neuausrichtung des Geschäfts angekündigt. Ob sie zum Erfolg führen können, bleibt angesichts des makroökonomischen Umfelds und der eingeschlagenen Orientierungen in der Politik fraglich.

Die Banken selber zahlen nun den Preis dafür, dass ihre Ökonomen in der Eurokrise leichtfertig intellektuell schmalbrüstige Analysen und Handlungsempfehlungen geliefert haben: Harte Austerität in Europa, die zu immer tieferen Zinssätzen außerhalb jeglicher historischer Erfahrung geführt hat. Dann Jubel über Draghis Bazooka, der die Aktienkurse zunächst etwas befeuerte. Ihre Institute sind von dieser Gemengelage schwer getroffen und spüren, neben den vielen namenlosen, eingegangenen Kleinbetrieben und entlassenen Arbeitnehmern, als erste unter den Großunternehmen den eisigen Gegenwind deflationärer Krisenlösungskonzepte. Auch das verunglückte Basel III Regelwerk begrenzt ihre Handlungsmöglichkeiten und verstärkt den Trend zurückhaltender Kreditvergabe oder, je nach Diktion, die eigentliche Kreditklemme.

Die Aktienkurse des Bankensektors in Europa bieten seit zwei Jahren ein desaströses Bild, und zwar praktisch querbeet. Es erstaunt daher nicht, dass viele Anleger und ‚stakeholder’ hellhörig werden und sich Fragen stellen. Die beruhigenden Worte der Verantwortlichen waren zunächst sicher angemessen. Allein, nach Wochen und Monaten verlieren Beruhigungspillen zusehends an Wirkung. Dann müssen überzeugende Fakten her. Ein Institut von der Größenordnung und Bedeutung der Deutschen Bank darf nicht die geringsten Zweifel offen lassen.

Die Deutsche Bank ist keine Landsparkasse oder Regionalbank. Sie ist, nicht gemessen an der Marktkapitalisierung, sondern an ihren Engagements, eine der größten Banken der Welt. Ihre Kunden sind nicht nur Einleger oder Kreditnehmer, sondern die ganz großen Gegenparteien im Derivategeschäft: Andere Großbanken, Hedge-Funds, Asset-Manager, Großunternehmen. Das sind Marktteilnehmer ganz anderen Kalibers, Informationsstandes und Interessenlage.

Für die Hedge-Fund Industrie ist 2016 eines der schwierigsten Jahre überhaupt. Die Performance ist lausig, und nicht nur dieses Jahr, sondern auch über mehrere Jahre gemessen. Die Rücknahmen der Anleger haben enorm zugenommen. Ähnliches gilt auch für konventionelle Asset-Manager. Viele traditionelle Long-only Fonds sind von Rücknahmen bedroht. Dass einige Hedge Funds aus dem prime brokerage Geschäft der Deutschen Bank die Konten räumen und die Positionen bei der Deutschen Bank ablösen, kann angesichts der Kommunikation aus Deutschland nicht erstaunen und ist ein Warnzeichen.

Das Wichtigste für Hedge Funds und Asset-Manager ist in dieser Situation die Liquidität. Teile dieser Anleger, vor allem viele kleinere, sind zwei Mal in den letzten 10 Jahren übel erwischt und ausgelöscht worden. Erstmals in der Finanzkrise von 2008, und wieder beim Bankrott der MF Global in 2011. Monatelang hatten sie keinen Zugriff auf die Liquidität und konnten keine offenen Positionen bewirtschaften. Für solche Anlegergruppen ist es überlebenswichtig, sofort beim ersten Anzeichen von Problemen das Weite zu suchen. Es sind keineswegs böse Spekulanten, sondern Investoren mit einem Geschäftsmodell, das essentiell auf Liquidität und Stabilität sowie Berechenbarkeit der Gegenpartei-Beziehung beruht.

Liquidität und jederzeitige störungslose Verfügbarkeit sind bei mittleren und großen Nicht-Finanziellen Unternehmen ebenso zentral. Sie benutzen typischerweise mehrere global tätige Großbanken als Gegenpartei für ihre internationale Geschäftstätigkeit, häufig jedoch zwei bis drei Gegenparteien mit Priorität. Jeder verantwortungsvolle CFO oder Treasury Manager eines Unternehmens wird blitzartig die Konten räumen, wenn er nur Anflüge von Zweifeln bekommt, dass diese Konten einmal eingefroren oder gar teilweise konfisziert werden könnten. Dabei ist seine Incentivierung absolut asymmetrisch. Da ein solches Unternehmen zahlreiche Konten hat, kann er praktisch ohne Transaktionskosten das Geld umparken. Räumt er die Konten, und nichts passiert, wird er schlimmstenfalls als übervorsichtig gelten. Räumt er sie nicht, selbst mit dem Einverständnis des CEO, ist er seinen Job los und seine Karriere ruiniert, wenn etwas passiert. Fehler im operationellen Risikomanagement werden ihm den Lebenslauf verhageln.

Von daher ist die Haltung des Zuwartens, des Aussitzens (bis nach den Wahlen 2017?), welche Bundesregierung, Finanzministerium und EZB kennzeichnen, unangemessen. Ist das Vertrauen, aus was für Gründen auch immer, einmal verloren, dann ist es weg – und dann kann es aller beruhigenden Worte und Liquiditätspolster zum Trotz rasend schnell gehen. Dabei geht es nicht nur um die Deutsche Bank oder andere einzelne Institute. Nein, die gesamte Geld-, Finanz- und Bankenpolitik ist schief und droht, den Sektor so zu schädigen, dass die zukünftige gesamtwirtschaftliche Entwicklung abgewürgt wird.

Was ist keineswegs nur bei den deutschen, sondern bei vielen europäischen Großbanken los?

Sie sind unterkapitalisiert, weil Basel II eine enorme Kreditexpansion sowie Expansion des Derivategeschäfts erlaubt hatte. Das ist eine Legacy, ein historisches Erbe einer relativ kurzen Periode zwischen 2004 und 2008-10. Die verschiedenen Blasen dieser Jahre und vor allem die Austeritätspolitik seit 2011 haben darüber hinaus zu faulen Krediten geführt, welche die Banken nicht von der Bilanz bringen können, ohne praktisch bankrott zu gehen.

Sie sind aus verschiedenen Gründen ertragsarm: Praktisch weltweit gibt es im Kerngeschäft jeder Großbank, dem Zinsdifferenzgeschäft, zu wenig zu verdienen. Der Grund ist zum einen die Null- bzw. im Euro sogar die Negativzinspolitik der Notenbanken. Auf der Passivseite der Bankbilanz lassen sich Negativzinsen schwer vermitteln, vor allem nicht gegenüber Privatanlegern. Die Nullzinsschranke macht die Passivseite starr gegen Zinssenkungen. Auf der Aktivseite führt die Zinssenkung zu sinkenden Erträgen auf dem Bestand: Bei variablen, mit einem vereinbarten Spread zu den Geldmarktsätzen gepreisten Krediten, auch vielen langfristigen, führt dies unmittelbar zum Kollaps der Zinsmarge. Bei Ausleihungen zu fixen Zinssätzen erfolgt der Rückgang der Zinsmarge verlangsamt, aber nicht völlig verschieden. Ein Grund dafür ist auch, dass die Bankbranche gewaltige Überkapazitäten hat. Neukunden mit guter Bonität können sich die Bank und die Konditionen aussuchen, während wirklich Kreditbedürftige keinen Zugang haben.

Die Banken können existierende Operationen und Geschäftsfelder nicht zu vernünftigen Preisen veräußern, weil die Preise dafür kollabiert sind. Weil es eben überall schlecht läuft, müssen sie sehr große Abschreiber vornehmen, welche die Kapitaldecke reduzieren. Sie können dadurch die Kapitaldecke in der Bankbilanz nicht aufmöbeln.

In dieser Situation haben drei zentrale Initiativen der Führung der Eurozone verheerende Effekte, die sich kombinieren. Zum ersten die Direktive zur Abwicklung unterkapitalisierter Banken, zum zweiten die Negativzinspolitik der EZB, zum dritten die Staatsanleihenkäufe der EZB. Die Kombination dieser drei Kernelemente der Geld- und Bankenpolitik ist ein giftiger Cocktail.

Wozu führt die Direktive zur Abwicklung der Banken? Startpunkt ist, dass die Banken gravierend unterkapitalisiert sind, nicht nur die beiden deutschen Großbanken, sondern ebenso sehr diejenigen in Italien, in Spanien, in Portugal, Griechenland, Irland, selbst in Frankreich oder, angesichts der Schwellenländer- und Brexit-Situation, selbst im Vereinigten Königreich. Es ist ein Systemproblem, nicht ein individuelles Bankenproblem. Deshalb die schwache Neukreditvergabe überall.

Die Kapitalanforderungen werden in den nächsten Jahren weiter steigen, nur schon unter dem, was im Zeitplan unter Basel III bis 2020 vorgesehen und beschlossen worden ist, geschweige denn, was Basel IV fordert, aber noch nicht entschieden ist. Die auf Januar 2016 in Kraft getretene Abwicklungs-Direktive ist explizit deshalb geschaffen worden, damit die Staaten Banken nicht mehr unterstützen bzw. finanzieren können. Zuerst sollen die Aktionäre bzw. Gläubiger der Banken zum Handkuss kommen.

Das bedeutet, dass der Staat keine aktive, präventive Kapitalerhöhung mehr vornehmen kann. Genau das, was in den USA oder in Deutschland 2008/09 erfolgreich praktiziert worden ist, wird verunmöglicht. Eine rasche, quantitativ genügende Rekapitalisierung, eine sofortige Befreiung von Altlasten, und die Fähigkeit zur Neukreditvergabe sind damals sofort und blitzartig wiederhergestellt worden. Bleibt nachzutragen, dass die dramatische Bankenrettung den amerikanischen Steuerzahler am Ende praktisch nichts gekostet hat.

Die Negativzinspolitik reduziert aus den genannten Gründen die Zinsmarge auf dem Bestand der Geschäftsbanken. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, bildet das Zinsdifferenz-Geschäft das Rückgrat im Bankgeschäft. Die Kombination von Negativzinspolitik und aggressiven Anleihenkäufen reduziert aber auch die Einnahmen aus dem indifferenten Geschäft, vor allem dem Vermögensverwaltungsgeschäft. Im Private Banking sind die gemischten Portfolios traditionell wichtige Produkte. Sie setzen sich aus einem meist überwiegenden Obligationen- sowie aus einem Aktienteil zusammen. Werfen die Obligationen nichts mehr ab, so ziehen sich die Kunden angesichts der Kosten aus diesen gemischten Portfoliostrukturen zurück. Sie halten, je nach Risikoprofil, Cash sowie allenfalls noch Aktienbestände. Auch strukturierte Produkte, ein anderes klassisches Private Banking Instrument, sind für die Kunden unattraktiv. Strukturierte Produkte basieren auf einer Kombination von Zinsinstrument und Volatilität. Bei Nullzinsen und geringer Volatilität im Markt sind sie nicht vernünftig zu konzipieren und vermittelbar. Weil die Notenbanken jegliche Marktkorrektur und Marktdisziplin im Aktienmarkt verhindern, ist auch die Volatilität komprimiert. Mit der gegenwärtigen Zinspolitik können die Banken somit schlicht nicht genügend Einnahmen generieren.

Die durch die Anleihenkäufe ausgelöste Verflachung der Zinskurve reduziert die Zinsmarge auf dem Neugeschäft der Geschäftsbanken. Die Banken empfangen auf der Passivseite am kurzen Ende und leihen langfristig aus. In den Kernländern der Eurozone sind die Ausleihungen meist fix, erfolgen also zu einem festen Zinssatz. Eine radikale Verflachung der Zinskurve reduziert somit die Zinsmarge im Neugeschäft und macht dieses aus Sicht der Banken unattraktiv. Genau dies ist das Ergebnis der Anleihenkäufe durch die EZB, welche bedeutende Teile des Bestandes an Staatsanleihen aufkauft und absorbiert. Weil viele institutionelle Anleger unter Anlagedruck sind, müssen auch sie selbst bei praktisch nichts rentierenden Renditen zukaufen. Eine fatale Situation, welche auf lange Sicht für eine flache Zinskurve sorgen dürfte.

Die EZB reduziert somit das operative Geschäft und komprimiert das operative Ergebnis der Geschäftsbanken. Sie zwingt sie zur Erhöhung der Gebühren, d.h. zu Kostensteigerungen für die Kunden, sowie zu drastischem Kosten- und Personalabbau, zu enormen Restrukturierungen und veränderten Geschäftsmodellen. Eine Devestition in bestimmten bisherigen Kern-Bereichen und Investitionen in neue Bereiche bedeuten für die Banken vorab Kosten. Sie zwingen die betroffenen Banken zu Abschreibungen und reduzieren das für neue Kredite zur Verfügung stehende freie Kapital für eine ganze Weile.

Aus dem operativen Geschäft wird es angesichts dieser makroökonomischen Konstellation keine genügenden Erträge geben, um die Kapitaldecke kräftig aufzustocken – auf Jahre hinaus. Darum haben Deutsche Bank und jetzt Commerzbank die Dividende ausfallen lassen. Unter diesen Umständen ist es unmöglich oder extrem punitiv, auf dem Markt neues Kapital zu beschaffen. Wer wird schon in Black-boxes ohne Visibilität, in erdrückende Altlasten, und in ungewisse Geschäftsmodelle mit miserablem Ertrag auf Jahre hinaus investieren?

Viele Nicht-Fachleute werden sagen, dass ihnen das völlig egal oder sogar recht sei. Die Banker sind arrogante, überbezahlte Abzocker ohne positive Beiträge zur Volkswirtschaft. Höchste Zeit, mit diesem System aufzuräumen. Daran mag einiges wahr, aber weit überzeichnet sein, doch der makroökonomische Kern ist grundfalsch.

Im Effekt kommt diese Kombination der drei Elemente nämlich restriktiver, nicht expansiver Geldpolitik nahe. Was den Banken übrig bleibt, ist der Abbau des Geschäftsvolumens, das heißt der Kredite. Das ist kein Problem, wenn dies eine einzelne Bank oder einige wenige Banken machen müssen. Es ist ein riesiges Problem, wenn alle Banken gleichzeitig zur Axt greifen, weil sie allesamt mehr oder weniger von der gleichen Konstellation betroffen sind. Die Geldpolitik funktioniert in Europa primär und fast exklusiv über die Kreditvergabe durch das Bankensystem, anders als in den USA oder selbst im Vereinigten Königreich. In den Vereinigten Staaten kommt der Intermediation über die Finanzmärkte eine dominante Rolle zu. Wenn viele oder im Endeffekt alle Banken gleichzeitig ihre Liquidität verstärken müssen, um für Panikattacken gewappnet zu sein, drastisch Kosten sparen, ihre Geschäftsmodelle ändern, ausstehende Kreditvolumina abbauen, bei der Neukreditvergabe auf der Bremse stehen, nur noch kurzfristige Kredite vergeben können, kommt dies der Wirkung restriktiver Geldpolitik ziemlich nahe.

Geldpolitisch ist, so ketzerisch dies auf den ersten Blick erscheinen mag, beinahe alles falsch, was die EZB seit mehr als einem Jahr macht: Als Aufseherin über den Bankensektor vernebelt sie den eklatanten Kapitalmangel der Geschäftsbanken, statt ihn als extreme Bremse für die Geldpolitik hervorzuheben. In der klassischen Geldpolitik setzt die EZB die Banken enorm unter Druck, indem sie ihnen das Zinsdifferenz- wie auch das Vermögensverwaltungsgeschäft durch die Negativzinsen vermiest. Mit den Anleihenkäufen verflacht sie die Zinskurve und macht die langfristige Neukreditvergabe unattraktiv. Sie kompensiert dies lediglich durch Anreize für kurz- bis mittelfristige (4 Jahre) Kreditvergabe wie durch die dieses Jahr geschaffene TLTRO II Fazilität.

Was die EZB in Wirklichkeit verfolgt, ist astreine monetäre Staatsfinanzierung. Das absolute Verbot der Staatsanleihenkäufe in den Verträgen war falsch und naiv. Es hat die EZB in der Eurokrise von 2011/12 der Möglichkeit beraubt, beruhigend am Markt einzuwirken, als die Renditen der Staatsanleihen von Peripherieländern in einer Panik explodierten. Dass jetzt, unter Aushebelung des gesamten Vertragswerkes, das Gegenteil gemacht wird, ist ebenso unangebracht. Die EZB kauft praktisch alles an Staatsanleihen zusammen, was es zu kaufen gibt. Doch das hat seinen Preis: Sie unterläuft so die erhoffte geldpolitische Wirkung der niedrigen Zinsen – und damit die Kernaufgabe der EZB – und schafft überdies noch erhebliche Risiken für eine spätere Bankenkrise. Schließlich darf nicht unterschätzt werden, dass die EZB genau das Gegenteil von dem macht, was bei der Einführung des Euro dem Publikum hoch und heilig versprochen worden ist: Keine monetäre Staatsfinanzierung, nie. Bleibt noch nachzutragen, dass das ganze QE (Quantitative Easing) auf wissenschaftlich dürren Beinen und fragwürdigen Begründungen basiert.

Was man so geschaffen hat, droht zu einem System von Zombiebanken zu werden. Diese sind noch gut für den Zahlungsverkehr, schon nicht mehr sicher, weil teilweise konfiskationsbedroht, für die Wertaufbewahrung und unbrauchbar für die Kreditvergabe und Kreditallokation. Die angeschlagenen Banken nutzen die niedrigen oder Null-Zinsen, um nicht bediente Kredite oder andere gefährdete Aktiven umzuschulden, zu verlängern, Zeit zu gewinnen. Sie haben aber dadurch reduzierte Kapazität, neue Kredite zu vergeben. Wenn sie Kredit vergeben, dann hauptsächlich kurzfristigen Kredit und allenfalls, was das Autoleasing anbetrifft, mittelfristigen Kredit. Langfristigen Kredit gibt es kaum (Peripherieländer) oder zu wenig (Kernländer). Dadurch wird gerade die Investitionstätigkeit, insbesondere auch bei neuen Firmen, in Wachstumsbranchen oder auch für den Wohnungsbau gebremst oder sogar verhindert. Was für Wachstum, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit wirklich wichtig ist, nämlich die Finanzierung langfristiger Investitionen, wird aktiv unterbunden.

Wie die wirkliche Situation der Deutschen Bank aussieht, kann man kaum beurteilen und sollte auch nicht kommentiert werden. Sich in Spekulationen auszulassen, ist verantwortungslos.

Aber eines ist klar. Die schwierige Situation sehr vieler Banken in der Eurozone ist nicht das zufällige Ergebnis individuell falschen Handelns dieser Institute, so gravierend die Versäumnisse in der Vergangenheit auch gewesen sein mögen. Sie ist das Ergebnis einerseits einer regulatorisch ermöglichten grandiosen Bilanz- und Außerbilanzexpansion des Bankensystems in der jüngeren Vergangenheit, der größten der Geschichte. Und daran anschließend einer verheerenden deflationären Wirtschaftspolitik seither. Und zwar in der Kombination von Finanz-, Geld- und Banken-, Struktur- und Arbeitsmarktpolitik. Ohne grundlegenden Ausbruch aus diesem Korsett von Banken- und Geldpolitik ist es nur eine Frage der Zeit, bis irgendwo die Stricke reißen. Die Erfahrung eines wirklichen Bail-ins beim breiten Publikum wird Europa so traumatisch treffen, dass die Anleger ihr Geld von den europäischen Banken abziehen werden, was auch immer ihnen dann wieder hoch und heilig versprochen wird. Der Euro ist dann spätestens Geschichte.

Auch in den USA und damit im Dollar als wichtigster Währung drohen Negativzinsen. Das ist die zentrale Botschaft von Jackson Hole. Banken leben dann nur noch vom fee-Geschäft.

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