Krisen-Konklave: Hinter verschlossenen Türen tobt der Kampf der Kardinäle

 

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12.03.2013 03:02
Im Vatikan beginnt am Dienstag das Konklave zur Wahl des Nachfolgers von Papst Benedikt XVI. Es ist ein handfester Kampf der Italiener gegen die US-Kardinäle. Es geht um Geld, Macht und Einfluss. Das Scheitern von Joseph Ratzinger zeigt: Wer Papst wird, ist fast Nebensache.
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Wenn irgendwann der Weiße Rauch aufsteigt, um das legendäre „Habemus Papam“ zu signalisieren, wird die Katholische Kirche für einen Moment so glücklich sein wie die EU nach dem Empfang des Friedens-Nobelpreises. Nach außen werden alle den neuen Anfang bejubeln. Im Inneren bleiben die Probleme ungelöst.

Zu Beginn des Konklaves war nämlich zu erkennen, dass die Katholische Kirche gespalten ist wie schon lange nicht. Der Grund: Jahrzehntelange Misswirtschaft, Skandale, Kinder-Schänder-Kriminalität. Dieses Sittenbild hat Papst Benedikt XVI. zum Rücktritt veranlasst (hier).

Die US-Kardinäle sind von den Skandalen auch wirtschaftlich am stärksten betroffen: Anders als die Staatskirchen in Deutschland und Österreich müssen sich die Katholiken in den USA auf dem Markt der religiösen Überzeugungen durchsetzen. Es gibt keine Kirchensteuer. Jeder Cent muss aufgetrieben werden. Drei Diözesen sind bereits pleite. Wegen der Mussbrauchs-Skandale musste die Kirche in den USA bereits 3 Milliarden Dollar an die Opfer bezahlen. Ein Ende ist nicht absehbar.

Daher fordern die Amerikaner eine grundlegende Erneuerung. Sie wollten vor dem Konklave Transparenz herstellen, wollten einen Dialog mit der Öffentlichkeit. Doch die Italiener-Fraktion um Kardinal-Staatssekretär Tarcisio Bertone sagte „Njet“. Die Presse-Konferenzen mussten abgesagt werden. Auch dürfen sich die US-Kardinäle nicht mehr zu gesonderten Gesprächen im North American College treffen. Offenbar wittern die Italiener Konspirations-Gefahr.

Die US-Kardinäle wollten gegen die immer neu anbrandenden Vorwürfe offensiv auftreten. Die Italiener sagten, öffentliche Wortmeldungen stiften nur Verwirrung und müssten unterbleiben. Die Amerikaner beugten sich. Nur emeritierte Kirchenfürsten widersetzten sich dem Maulkorb: Der ehemalige Kardinal von San Francisco, John Quinn, forderte eine Radikal-Reform der Kirche. Seine Diözese ist nach dem Heiligen Franz von Assisi benannt, dem ersten Kommunisten und Verfechter einer radikalen Armut.

Doch die meisten haben mehr zu verlieren, oder, wie sie sagen, mehr zu verteidigen: Tarcisio Bertone und die Gruppe der Italiener wollen den Zugriff der internationalen Finanzwelt auf die Vatikan-Bank verhindern. Sie fürchten, dass die Feinde der Kirche Einblick in die globale Politik bekommen könnten (mehr hier). Die Italiener kämpfen mit harten Bandagen: Dem Buchautor und Vatileaks-Enthüller Gianluigi Nuzzi wurde überraschend die Akkreditierung zum Konklave verweigert. Nuzzi (hier im Interview über die Wirtschafts-Skandale) beschwerte sich über Twitter. Es sei eine „obskure Auswahl“ getroffen worden, wer über das Konklave berichten darf. Nuzzi spricht von der Einschränkung der Pressefreiheit.

Am Montag wurden die Kardinäle des Konklave über die Lage bei der Vatikan-Bank IOR informiert. Bertone erläuterte die Diskussionen mit der europäischen Moneyval-Gruppe: Sie soll dafür sorgen, dass die Vatikan-Bank sich den internationalen Geldwäsche-Regeln unterwirft. Bertone will die von Benedikt XVI. angestoßenen Maßnahmen rückgängig machen. Die New York Times berichtet, dass es bei einem Abendessen zwischen EU-Vertreter mit Vertretern der Bank zu einem Eklat gekommen sein soll: Als die EU-Leute fragten, ob es nicht zeitgemäß wäre, wenn sich die Vatikan-Bank nach Jahrhunderten der Geheimniskrämerei etwas öffnen würde, soll ein Vatikan-Mann empört geschrien haben: „Wie können Sie uns eine solche Frage stellen?“

Offiziell spielt der Vatikan das Thema seiner Bank herunter. Der Sprecher Federico Lombardi sagte zu dem Briefing der Kardinäle über die Finanzen, man habe „wichtigere Themen“ zu besprechen.

Die Finanzen seien nicht die Hauptaufgabe des neuen Papstes. Die Inder fordern dennoch, dass der Nachfolger von Joseph Ratzinger „administrative Fähigkeiten“ haben solle – eine ungewöhnliche Forderung, die Kardinal Oswald Gracias aus Mumbai im Interview mit La Stampa aufstellte.

Die Italiener werden vermutlich eine Doppel-Strategie fahren: Sie werden zunächst versuchen, einen Italiener zum Papst zu machen. Wenn es einer aus der Gruppe von Bertone wird, dann wird der interne Machtkampf im Vatikan weitergehen, wenn nicht sogar eskalieren. Schon haben sich neue Informanten gemeldet und mit Enthüllungen gedroht (hier). Sollte kein Bertone-Mann mehrheitsfähig sein, dann könnten die Italiener versuchen, einen Asiaten in Stellung zu bringen. Als Geheim-Favorit gilt der philippinische Kardinal Tagle. Bisher seien stets Päpste aus vitalen katholischen Gegenden gewählt worden, sagte der indische Kardinal Telesphore Toppo der La Stampa: Ratzinger aus Bayern und ein polnischer Papst seien solche Beispiele. Die Philippinen sind ein Hoffnungsgebiet der jungen Kirche, mit einer politisch und spirituell starken Gemeinde.

Am Dienstag wird schwarzer Rauch erwartet, sagte Sprecher Lombardi. Allgemein wird jedoch, wegen der aufgeheizten Stimmung unter den Kardinälen, mit einer raschen Entscheidung gerechnet. Die jüngeren Teilnehmer sind um die sechzig Jahre alt, die meisten deutlich darüber. In diesem Alter hat man kein besonderes Interesse mehr an Intrigen. Auch wenn sie in der sixtinischen Kapelle unter den Fresken von Michelangelo stattfinden. Ein unbefangener Kunstgenuss ist unter den gegebenen Umständen schwer möglich.


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