Papst-Rücktritt: Vatikan-Bank im Visier der Ermittler

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 4 min
14.02.2013 03:16
Die Vatikan-Bank scheint bei den aktuellen italienischen Korruptions-Skandalen eine zentrale Rolle zu spielen. Benedikt XVI. hatte verzweifelt versucht, die Bank aus den Schlagzeilen zu bekommen – und wurde von den Machenschaften der „Unberührbaren“ förmlich überrollt. Am Ende blieb ihm nur der spektakuläre Rücktritt.
Papst-Rücktritt: Vatikan-Bank im Visier der Ermittler

Benachrichtigung über neue Artikel:  

Aktuell:

Island: 63 Prozent gegen EU-Beitritt

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..

Es sind viele „Zufälle“, die sich gleichzeitig in diesen Tagen ereignen: Der erste Rücktritt eines Papstes seit Jahrhunderten (hier). Die Verhaftung des Chefs des italienischen Rüstungskonzerns Finmeccanica, Giuseppe Orsi (hier). Das Verhör, dem sich der ehemalige Chef der Vatikan-Bank (IOR), Ettore Gotti Tedeschi, wegen des Banken-Skandals um die Monte Dei Paschi die Siena (MPS) unterziehen muss (hier). Und schließlich die überraschende Freilassung des päpstlichen Kammerdieners Paolo Gabriele aus der Haft: Er hatte mit der „Vatileaks“-Affäre erstmals Dokumente an die Öffentlichkeit gebracht, die den Vatikan als Hort von kriminellen Machenschaften entlarvt hatten. Zufälle?

Gotti Tedeschi war im Vorjahr als Chef der Vatikanbank abgesetzt worden. Interessanterweise stimmte der Chef der vatikanischen Finanzaufsicht als einer von nur zwei aus dem Aufsichtsrat gegen die Entlassung von Gotti Tedeschi. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass Gotti Tedeschi tatsächlich den Willen von Papst Benedikt XVI. befolgen wollte: Nämlich die Bank endlich aus den Schlagzeilen zu bringen. Die Bank gilt als Zentrum der Geldwäsche – für die Mafia, für steuerflüchtige reiche Italiener und alle anderen, denen an diskreten schwarzen Konten gelegen ist.

Joseph Ratzinger wollte diese Rolle der Bank ein für allemal beenden. Er gab der Bank ein neues Statut, mit dem strenge Transparenz-Regeln hätten eingeführt werden sollen. Ganz freiwillig war diese Initiative allerdings nicht: Die EU hatte dem Vatikan ein Ultimatum gestellt, damit der Kirchenstaat von der schwarzen Liste der Geldwäsche-Staaten kommen kann.

Doch der Papst scheiterte mit seinem Vorhaben: Gotti Tedeschi wurde im Vorjahr von Ermittlern der Staatsanwaltschaft aus Neapel aufgesucht - im Zuge der Ermittlungen gegen die Finmeccanica: Diese hatte an Indien einige Hubschrauber verkauft – zu dramatisch überhöhten Preisen. Beträchtliche Schmiergelder sollen in die Taschen von Hintermännern geflossen sein. Gotti Tedeschi fürchtete um sein Leben und hatte ein Dossier angelegt, welches er dem Papst überreichen wollte. Das Papier ist nun in den Händen der italienischen Ermittler.

Gotti Tedeschi sagt, dass er deswegen von der Vatikan-Bank gefeuert wurde, weil ihm mysteriöse Konten bei der Bank aufgefallen sei: Die Bank soll eigentlich für Prälaten, Priester und Nonnen arbieten. Gotti Tedeschi wunderte sich, dass etliche Konten auf die Namen von Leuten lauteten, die mit der Kirche nichts zu tun haben.

Niemand weiß, welche Rolle der „Banker Gottes“ wirklich gespielt hat. Denn dieser Tage holte Gotti Tedeschi ein anderes, dunkles Kapitel ein: Er musste dem Untersuchungsrichter erklären, wie es möglich war, dass die älteste Bank der Welt, die Monte Dei Paschi di Siena, um einen überhöhten Preis Eigentümer der kleinen Regionalbank Antonveneta werden konnte. Gotti Tedeschi war zu dem Zeitpunkt Chef der italienischen Niederlassung der Santander-Bank - jener Bank, die mit dem 9 Milliarden Euro-Deal einen fantastischen Schnitt gemacht hatte (mehr hier).

Die Zeitung Il Giornale berichtet, dass es zu der kriminellen Übernahme mehrere geheime Treffen zur MPS gab – in der Vatikan-Bank. Mehrere Top Banker der MPS sollen geheime Konten in der Vatikan-Bank unterhalten haben. Die Aufsicht über den Deal hatte der damalige Präsident der italienischen Notenbank und heutige EZB-Chef, Mario Draghi (mehr hier). Alle dementieren, mit der Sache irgendetwas zu tun zu haben. Draghi lapidar: Das ist eben der übliche Lärm eines italienischen Wahlkampfs (hier).

Es ist gut denkbar, dass die Vatikan-Bank auch bei den Millionenzahlungen aus dem Rüstungsgeschäft eine Rolle gespielt hat: Irgendwo mussten die illegalen Gelder ja geparkt werden. Es gibt keinen diskreteren Ort als die Vatikanbank. Die von Benedikt XVI. eingesetzten Transparenz-Regeln waren von Kurien-Kardinälen bereits nach wenigen Monaten wieder außer Kraft gesetzt worden.

Gotti Tedeschi war vom deutschen Papst als Chef der Bank installiert worden. Er erstellte mehrere Gutachten für den Papst, in denen er vor der drohenden Finanzkrise warnte und in denen er dem Papst darlegte, dass der Vatikan angesichts der Krise in Richtung Zahlungsunfähigkeit marschierte. Seine Warnungen vor der drohenden Zahlungsunfähigkeit des Vatikan waren dramatisch. Er schlug dem Papst die Einrichtung eines professionellen Wirtschafts-Ministeriums vor. Er schrieb, dass die alten Mechanismen nicht mehr funktionierten und sich der Kirchenstaat auf magere Jahre einstellen solle.

Für die fetten Jahre in der italeinischen Politik sorgte dagegen unverdrossen die Finmeccanica. Der Rüstungskonzern gilt in Italien als der „Bankomat“ der italienischen Politik, wie der Corriere schreibt: Das Unternehmen beschafft das Geld, das die Politiker brauchen, um ihre Wahlversprechen einlösen zu können. „Saubere Hände“ hat keiner: Der aktuelle Premier Mario Monti, der sich nun als Saubermann gibt, hatte den nun verhafteten Orsi persönlich eingesetzt.

Zwischen dem Vatikan und der italienischen Politik besteht ein symbiotisches Verhältnis: Der Papst hatte unter anderem den italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano zu einem privaten Abendessen zu Gast, bei dem ausführlich über die italienische Politik und die Folgen der Finanzkrise gesprochen wurde. Die Protokolle dazu hat der italienische Journalist Gianluigi Nuzzi in seinem Buch „Seine Heiligkeit“ veröffentlicht.

Weder die italienische Politik, noch die Mafia und auch nicht eine mächtige Gruppe von Kardinälen haben ein Interesse daran, dass der Sumpf um die Vatikan-Bank trockengelegt wird. Der Papst aus Oberbayern kämpfte allein gegen die Mafia. Ein aussichtsloser Kampf.

Joseph Ratzinger ist in diesem Zusammenhang am fortgeschrittenen Stadium der moralischen Zersetzung im Vatikan gescheitert. Die Leute, die er zur Lösung holte, waren eher Teil des Problems als der Lösung: So ist der aktuelle Interims-Chef der Vatikan-Bank, der Deutsch-Brasilianer Ronaldo Hermann Schmitz, als ehemaliges Vorstands-Mitglied der Deutschen Bank mit einem Interessenskonflikt belastet: Die Deutsche Bank war für die zwischenzeitlich gesperrten Kreditkarten-Abwicklungen (hier) für den Vatikan betraut – ein gutes Geschäft, das mit einem transparenten System ebenfalls gefährdet erscheint. Mittlerweile wurde das Schweizer Unternehmen Aduno mit der Abwicklung der Kreditkarten betraut - unmittelbar nach dem Papst-Rücktritt hat Aduno den elektronischen Zahlungsverkehr des Vatikan übernommen.

Ratzinger versuchte nach dem Ende der Ära Gotti Tedeschi, den Ex-Bundesbankchef Hans Tietmeyer auf den Chefposten der umstrittenen Bank zu hieven. Der Deal kam jedoch nie zustande – wohl auch, weil verschiedene Kardinäle kein Interesse an einem weiteren Deutschen hatten, der sich in ihre Angelegenheiten hätte mischen können.

Der italienische Journalist Andrea Tornielli von La Stampa schrieb nach dem ersten Bekanntwerden der Finanzskandale im Vatikan in einem Gastbeitrag für Christ und Welt: „Der Rauch Satans, der vor 40 Jahren in den Vatikan eindrang, scheint sich mittlerweile in allen Gemächern ausgebreitet zu haben. Bekommt Papst Benedikt in der vergifteten Atmosphäre noch genug Luft zum Atmen?“

Die Antwort hat Joseph Ratzinger nun selbst gegeben: Am 28. Februar um 17 Uhr wird er mit dem Hubschrauber aus dem Vatikan in das Schloss Castelgandolfo geflogen. Dann endet seine Regentschaft, die im Strudel der Vatikan-Skandale ein überraschend schnelles, unrühmliches Ende gefunden hat.

Weitere Themen

Globalisierung: EU verordnet Ende für “made in Germany”

Der politische Aschermittwoch: Randgruppen unter sich

Arbeitslosigkeit in Portugal erreicht Rekordwert

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..



DWN
Unternehmen
Unternehmen Elektromobilität: In jedem Wandel stecken Chancen

Emissionen verringern, Kosten sparen und Imagegewinne erzielen – die Gründe für Unternehmen, in der Flotte auf Fahrzeuge mit...

DWN
Deutschland
Deutschland Corona-Ticker: Merkel warnt vor stark steigenden Infektionszahlen

Lesen Sie alle wichtigen Meldungen zur Corona-Pandemie im Liveticker.

DWN
Politik
Politik Bericht: Russland und Iran liefern Waffen an Armenien gegen Aserbaidschan

Einem Bericht zufolge beliefern die Russen und die Iraner den Staat Armenien mit Waffen. Der Wahrheitsgehalt des Berichts ist fraglich.

DWN
Politik
Politik 3.100 Corona-Razzien in Österreich in nur einer Nacht

In Österreich fanden in der vergangenen Nacht von Samstag auf Sonntag 3.102 Corona-Razzien statt. Wer sich nicht an die Vorgaben hält,...

DWN
Finanzen
Finanzen Wer am stärksten vom Rückgang der Reallöhne in Deutschland betroffen ist

Die Löhne der Deutschen sind im laufenden Jahr erstmals seit Langem wieder gesunken.

DWN
Politik
Politik Corona: Erst haben unsere Politiker Deutschland in die Krise geführt - jetzt vollenden EU-Bürokraten das Werk

Die Corona-Maßnahmen in Deutschland waren unnötig, das Missmanagement der Politiker geht aber munter weiter. Die Auswirkungen für...

DWN
Politik
Politik Steckt George Soros hinter dem Krieg zwischen Aserbaidschan und Armenien?

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev sagt, dass vor zwei Jahren in Armenien ein Regime-Change im Auftrag des US-Investors George...

DWN
Politik
Politik Polen und die USA, 2. Teil: Ein mächtiger amerikanischer Vorposten in Europa

Lesen Sie heute den 2. Teil der großen DWN-Analyse "Polen und die USA".

DWN
Politik
Politik Russland, China und die Türkei sind die „neuen Imperien“

EU-Außenminister Borrell meint, dass Russland, China und die Türkei die „neuen Imperien“ seien. Die EU müsse die „Sprache der...

DWN
Politik
Politik Griechische Polizei: Migranten-Organisationen spionieren gezielt Küstenwache aus, um Schleusern zu helfen

Mehrere Migranten-Organisationen sollen systematisch die griechische Küstenwache ausspioniert haben, um türkischen Schlepperbanden...

DWN
Politik
Politik Immer noch unangreifbar, aber nicht mehr Zentrum der Welt: Die USA werden ihr Imperium aufgeben müssen

In Folge vier der großen geopolitischen DWN-Serie analysiert Moritz Enders, wie die geografische Lage der USA ihre Außen-, Sicherheits-...

DWN
Finanzen
Finanzen Intervention der türkischen Zentralbank verpufft, Lira-Verfall beschleunigt sich

Die Leitzinsanhebung der türkischen Zentralbank ist wirkungslos verpufft, der Wertverfall der Landeswährung Lira beschleunigt sich...

DWN
Finanzen
Finanzen Größte Krise seit hundert Jahren: Jetzt hilft nur noch ein radikaler Schuldenschnitt

Weder unser Geld noch unsere Forderungen sind noch durch reale Wirtschaftsleistungen gedeckt - ein Nährboden für gesellschaftliche...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Apple baut in Dänemark gigantischen Windpark - größer als der Kölner Dom

Ein schleppender Neubau und anhaltende Proteste von Anwohnern haben in der Vergangenheit die Windparkbranche belastet. Jetzt kommen...

DWN
Technologie
Technologie Miele sucht mit neuem Back-Roboter Anschluss an die Marktführer aus Übersee

Beim lukrativen Geschäft mit digitalisierten Haushaltsgeräten liegt der deutsche Hersteller Miele aus Gütersloh weit hinter den...

celtra_fin_Interscroller