Weltwirtschaft

Europa steuert auf eine Bienen-Krise zu

Lesezeit: 2 min
22.11.2019 14:00
Das Aussterben ganzer Bienenvölker in Europa hat existenzgefährdende Ausmaße erreicht. Die EU-Kommission muss handeln, um diesen von Menschenhand ausgelösten Prozess zu stoppen.
Europa steuert auf eine Bienen-Krise zu
Europas Honigbienen sterben aus. (Foto: dpa)
Foto: Jens Kalaene

Mehr zum Thema:  
EU > Klima >
Benachrichtigung über neue Artikel:  
EU  
Klima  

Die Zahl der vom Aussterben bedrohten Bienenvöker nimmt von Jahr zu Jahr zu. Diese Entwicklung ist auf menschliche Aktivität zurückzuführen. Urbanisierung, Monokultur, Bienenkrankheiten und Pflanzenschutzmethoden wirken sich tödlich auf die Bienenvölker aus. Das geht aus einem Bericht der Intergovernmental Science-Policy Platform for Biodiversity and Ecosystems Services (Ipbes) mit dem Titel “Bestäubung, Bestäuber und Lebensmittelproduktion” hervor.

Die European Food Safety Authority (Efsa) berichtet: “In den letzten 10 bis 15 Jahren wurde von Imkern ein ungewöhnlicher Rückgang der Bienenzahl sowie der Verlust ganzer Bienenvölker beobachtet, insbesondere in westeuropäischen Ländern wie Frankreich, Belgien, der Schweiz, Deutschland, dem Vereinigten Königreich, den Niederlanden, Italien und Spanien. In Nordamerika hat das seit 2005 beobachtete Biensterben soweit geführt, dass dort mittlerweile weniger Bienen gehalten werden als jemals zuvor in den vergangenen 50 Jahren.”

Das jährliche Wintersterben der Bienen ist mittlerweile von fünf bis zehn Prozent auf 25 bis 40 Prozent der Populationen angestiegen. Doch auch die Sommersterblichkeitsrate soll sich Berichten zufolge stetig erhöhen.

Dabei ist die Bedeutung des Imkereisektors weitaus größer als sein nominaler Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt (BIP), da über 80 Prozent der Ernteerträge und 75 Prozent der europäischen Nahrungsmittelproduktion direkt und indirekt von der Bestäubung der Bienen abhängen, schreibt der EU Observer. Wenn einheimische Bienen den Rückzug anderer Wildbestäuber nicht ausgleichen können, wird das ökologische Ungleichgewicht deshalb wahrscheinlich den gesamten Agrarsektor und die Lebensmittelindustrie direkt bedrohen.

Die Aufrechterhaltung und Verbesserung des Standards des Imkereisektors dient somit der gesamten Gesellschaft, und es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Imker ihre Arbeit fortsetzen können. Denn wenn die Zahl der Imker sinkt, sinkt die ohnehin schon sinkende Zahl der Bienen ebenfalls weiter. Die Europäische Union ist bei Imkereiprodukten nicht autark und muss jährlich mehrere hunderttausend Tonnen importieren.

Honig von außerhalb der EU - hauptsächlich aus China - ist oft minderwertiger, aber weitaus günstiger. Europäische Imker, die auf einem höheren Niveau und unter strengeren Vorschriften für die Lebensmittelsicherheit produzieren, können mit diesen Preisen nicht mithalten und sind daher nicht in der Lage, Honig zu einem Preis zu produzieren, der ihren Lebensunterhalt garantiert.

So ist beispielsweise die Rentabilität des Imkereisektors in Ungarn im Vergleich zum vorherigen Fünfjahresdurchschnitt um 50 Prozent gesunken und dieser Trend dürfte sich fortsetzen. Honigkonzessionen an Drittländer gemäß EU-Freihandelsabkommen erhöhen den Importdruck zusätzlich.

Aus dem Honigbericht 2017 des Europäischen Parlaments geht eindeutig hervor, dass die Vorschriften zur Ursprungskennzeichnung und Rückverfolgbarkeit von Imkereiprodukten unverzüglich überprüft werden müssen. EU-Förderinstrumente sollten demnach auch zur Stimulierung des Verbrauchs im Binnenmarkt eingesetzt werden. Der EU-Kommission kommt die wichtige Aufgabe zu, die verfügbaren Forschungsergebnisse zu analysieren, zu bewerten und die Ursachen für den Rückgang der Bienenvölker genau zu untersuchen, um Lösungskonzepte für das Problem zu erarbeiten.

Trotz aller negativen Berichte über das Sterben der Bienenvölker und der Schwierigkeiten, mit denen die Imker umgehen müssen, meldet der Deutsche Imkerbund (DIB), dass im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr die Anzahl der Imker um 6.000 Personen auf 120.000 Imker gestiegen ist. Dass Bienen im Trend liegen, ist aus Sicht von DIB-Pressesprecherin Petra Friedrich gar nicht so neu: “Ich denke, Menschen waren schon immer von Bienen fasziniert, weil sie für Charaktereigenschaften wie Fleiß und Selbstlosigkeit stehen.” Ein weiterer Punkt sei sicherlich, dass Menschen Honig und andere Bienenprodukte sehr schätzten. In Deutschland werden demnach pro Jahr und Kopf 1,1 Kilogramm Honig verzehrt.

Gerade in der Stadt wächst die Imker-Gemeinde. Für die urbane Bienenhaltung setzen sich verschiedene Initiativen wie “Deutschland summt!” ein. Seit dem Start der Aktion im Jahr 2010 machen mittlerweile Engagierte in bundesweit 28 Kommunen mit, wie Initiatorin Corinna Hölzer berichtet.


Mehr zum Thema:  
EU > Klima >

DWN
Finanzen
Finanzen Weniger Administration, mehr Fokus: Mit digitaler bAV-Verwaltung den nächsten Schritt gehen

Was macht einen Arbeitsplatz attraktiver als andere. Sicherlich mehr als nur das monatliche Gehalt. Langfristiges Denken kann sich für...

DWN
Finanzen
Finanzen China startet „Weltkrieg“ gegen dezentrale Kryptowährungen – andere Staaten werden folgen

China hat Transaktionen mit dezentralen Kryptowährungen für illegal erklärt. Dieser Vorstoß ist nicht selektiv zu betrachten, sondern...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Erdgas-Knappheit: Erster deutscher Energieversorger muss Gas-Vertrieb aufgeben

Während die Mainstream-Medien Fridays for Future feiern, muss hierzulande der erste Gasversorger wegen akuter Engpässe den Betrieb...

DWN
Politik
Politik „Europa ist keine Macht im ‚Indo-Pazifik‘ und wird es niemals sein“

Anstatt seine Ressourcen in weit entfernten Gegenden für US-Interessen zu verschleudern, sollte Europa lieber seinen eigenen...

DWN
Finanzen
Finanzen Das globale Geldsystem basiert auf Vertrauen … und Macht

Die Deutschen lieben Bargeld. Jedoch macht dieses nur einen kleinen Teil der im Umlauf befindlichen Geldmenge aus, rund 90 Prozent...

DWN
Politik
Politik Steinmeier für ehrlichere, klügere und stärkere Außenpolitik

Als erster Bundespräsident seit fast 40 Jahren redet Steinmeier vor der UN-Vollversammlung. Dabei gibt er eine Antwort auf die Frage, vor...

DWN
Deutschland
Deutschland Institut warnt vor demografischem Wandel: Perspektiven verschlechtern sich „deutlich“

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft warnt in einer aktuellen Prognose vor den schwerwiegenden Folgen der Überalterung für Wirtschaft...

DWN
Politik
Politik Australien: Proteste gegen Impfzwang und Lockdowns nehmen zu

Tausende Bauarbeiter in Melbourne haben in den vergangenen Tagen gegen den von der Provinzregierung verhängten Impfzwang protestiert. Die...

DWN
Politik
Politik „Wieder normal leben“: Norwegen hebt alle Corona-Beschränkungen auf

Norwegens Regierung hat bei einer Impfquote von 75 Prozent alle Corona-Restriktionen aufgehoben.