Panorama

Organisierter Hartz4-Betrug: Arabische und osteuropäische Clans fliegen auf

In Mitteldeutschland ist ein großes Netzwerk aufgeflogen, welches jahrelang Gelder der Arbeitsagentur mit gefälschten Papieren erschlich. Das Problem existiert offenbar bundesweit und kostet die Steuerzahler viele Millionen.
05.03.2020 10:00
Lesezeit: 2 min
Organisierter Hartz4-Betrug: Arabische und osteuropäische Clans fliegen auf
Das Logo der Agentur für Arbeit. (Foto: dpa) Foto: Jan Woitas

In Mitteldeutschland ist ein syrischer Familienclan aufgeflogen, welcher jahrelang mithilfe gefälschter Papiere Gelder der Arbeitsagentur erschlichen hatte. Dies geht aus einem Datenleck bei einer großen Arbeitsagentur in Mitteldeutschland hervor, von dem der MDR berichtet.

Aufgeflogen ist nun eine rund 30-köpfige Familie aus Syrien. Sie hatte jahrelang unrechtmäßig Unterstützungsgelder der Arbeitsagentur bezogen, wie aus der Auswertung von rund 3.500 Dokumenten hervorgeht. Unternehmen können, wenn ihre Geschäfte schlecht laufen, solche Gelder abrufen. Allerdings liefen die Geschäfte der Familie, von der die absolute Mehrheit Hatz4-Leistungen bezieht, alles andere als schlecht. Die Leistungen der Agentur wurden mithilfe gefälschter Einkommensnachweise bezogen. Als der Mittelzufluss abbrach, schrieb die Familie einen flehenden Brief an das Amt, in dem sie berichteten, wie schlecht es ihnen finanziell gehe.

Der MDR berichtet: Während die Hamadis (der echte Name der Familie ist nur dem MDR bekannt – die Red.) also im Mai 2017 in ihrem Brief auf die prekäre finanzielle Lage aufmerksam machten und sich mit dem Stopp der Sozialleistungen nicht zufrieden geben wollten, reiste Familienoberhaupt Mohammed Hamadi nach China. Der umtriebige Geschäftsmann und Betreiber einer Technologiefirma aus der Gesundheitsbranche bahnte neue Geschäfte an. Besonders mit einem Unternehmen in Shanghai stand er bereits in Kontakt und schloss mindestens einen lukrativen Deal ab. Laut einem Vertrag und den entsprechenden Bankunterlagen gab es für diesen Deal über 117.000 Euro. Genau in dem Jahr, in dem noch entsprechende Sozialleistungen vom Staat flossen.

Die „Hamadis“ sind offenbar kein Einzelfall. So berichtet der MDR weiter:

Die Recherchen legen nahe, dass es unter Selbstständigen, die Hartz-IV-Leistungen erhalten, einen organisierten Leistungsmissbrauch gibt. Dazu zählen verschiedene Branchen und Gruppen. Nach MDR-Recherchen sind es vor allem arabische und osteuropäische Familienclans. Aber auch bei Dönerläden, im Autohandel oder in Serviceunternehmen in großen Städten in Mitteldeutschland gibt es diesen Betrug. (…) Kristian Veil weiß um dieses Problem. (…) In dem Hartz-IV-Datenleak finden sich unter anderem hunderte Seiten zu Besitzern von Dönerläden in einer großen Stadt in Mitteldeutschland. Sie alle haben die sogenannte Aufstocker-Leistung für bedürftige Kleinstunternehmer beantragt. Sie alle haben dazu entsprechende Betriebs- und Finanzunterlagen eingereicht. Sie alle haben das gleiche Finanzberatungsbüro, das offenbar die Unterlagen manipuliert hat. In internen Revisionen warnen Prüfer der zuständigen Arbeitsagentur, dass sich die Dönerladen-Besitzer künstlich arm gerechnet hätten, um die Leistungen zu erhalten. Am Ende fließen die Hartz-IV-Gelder in fast allen Fällen doch. Denn offenbar sind die Warnungen nicht ernst genommen oder die Unterlagen nicht ausreichend geprüft worden.

In Nordrhein-Westfalen wird derzeit aus demselben Verdacht heraus gegen eine osteuropäische Bande aus dem Bereich des Immobilienhandels ermittelt. Spezialisten für Wirtschaftskriminalität gehen von einem jährlichen „Millionenschaden“ für die öffentlichen Kassen aus, der durch den organisierten Betrug entstehe. Kleine – angeblich unrentable – Firmen dienen als Tarnung für größere, lukrativere Geschäfte, aus denen dann Gelder ins Ausland verschoben werden.

Mit Blick auf die oben angesprochenen Dönerläden fällt der Umstand auf, dass die türkische Regierung bis heute kein Steuerinformationsabkommen mit der Bundesregierung abgeschlossen hat. Gelder, die schwarz erwirtschaftet werden, könnten deshalb unbemerkt in die Türkei verschoben werden.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Tagesgeld-Vergleich (09/2026): Diese Banken bieten die besten Tagesgeld-Zinsen

Ein Tagesgeld-Konto gilt als sichere und flexible Geldanlage. Doch hinter manchem Spitzenangebot verbergen sich nicht selten Bedingungen,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Autoindustrie Slowakei: Der Autoriese ohne eigene Automarke
26.09.2026

Kein anderes Land produziert gemessen an seiner Einwohnerzahl so viele Autos wie die Slowakei. Volkswagen, Kia, Porsche und Land Rover...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Frankreichs Wirtschaft: Fünf Warnsignale vor der Präsidentenwahl
26.09.2026

Frankreichs Wirtschaft kommt kaum noch vom Fleck, während der Schuldenberg weiter wächst und Anleger höhere Zinsen verlangen....

DWN
Finanzen
Finanzen Ölpreis im Aufwärtsmodus: Während KI träumt, verdienen Ölkonzerne Milliarden
26.09.2026

Der Ölpreis steigt rasant und stellt die Weltwirtschaft vor unbequeme Fragen. Teure Energie kann Inflation anheizen, Wachstum bremsen und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Unternehmenskultur: Was Firmen von Netflix wirklich lernen können
26.09.2026

Netflix gilt vielen Unternehmen als Vorbild für Freiheit, Verantwortung und weniger Bürokratie. Doch wer erfolgreiche Managementmodelle...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Toyota Corolla Cross im Test: Der Hybrid, der an einen Diesel erinnert
26.09.2026

Der Toyota Corolla Cross verbindet Hybridtechnik mit viel Komfort und erstaunlich niedrigem Verbrauch. In der getesteten GR-Sport-Version...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Volvo überrascht mit neuem Chef aus Deutschland: Eine große Chance für Volvo
26.09.2026

Der Verwaltungsrat von Volvo Cars überrascht erneut mit der Wahl eines Vorstandschefs, diesmal aber mit einem unerwartet starken Namen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kampf ums Wasser: Die wasserhungrigen Industrien
26.09.2026

Sechs Zentimeter am Rheinpegel Kaub, Lieferprobleme bei BASF, schwächelnde Wasserkraftwerke: Der Dürresommer 2026 macht endgültig klar,...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Irans Feigenblatt sorgt für grüne Zahlen an der Wall Street
25.09.2026

Ein unerwarteter Wendepunkt im Nahen Osten sorgt für Bewegung an den Märkten – erfahren Sie, welche Aktien jetzt besonders profitieren.