Weltwirtschaft

Das Höfe-Sterben in den USA: Amerikas Verrat an seinen Farmern

Lesezeit: 6 min
25.04.2020 08:45
Amerika erlebt das größte Farmen-Sterben seit fast vier Jahrzehnten. Der Niedergang ihrer Landwirtschaft steht exemplarisch für den Verfall der Supermacht USA.
Das Höfe-Sterben in den USA: Amerikas Verrat an seinen Farmern
Die Farmen in Nebraska, Iowa und Wyoming sind nicht länger das Symbol des amerikanischen Traums - vielmehr ist ihr Niedergang ein Symbol für den Verfall der (einstigen) Supermacht USA . (Foto: Lee Ashby/Pixabay)

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Amerikas Landwirtschaft befindet sich in einer schweren Krise. Einst waren die Farmen Symbol eines Landes, dessen Grundsatz es war, dass es jeder seiner Bürger durch harte Arbeit und Unternehmergeist zu Wohlstand bringen könne. Heute sind die Höfe ein Symbol dafür, dass der amerikanische Traum endgültig ausgeträumt ist.

Hier die Fakten: Farmen gibt es in den USA rund zwei Millionen (Nebenerwerbs-Betriebe mit eingerechnet). Sie geben 2,6 Millionen Menschen (entspricht 1,3 Prozent aller Beschäftigten) Lohn und Brot. Im Jahr 2019 erwirtschafteten sie Erträge in Höhe von 425 Milliarden Dollar, wovon 79 Milliarden Nettoertrag übrig blieben. Dazu kamen noch 16 Milliarden Dollar an staatlichen Subventionen, die in den Jahren davor im Durchschnitt nur vier Milliarden Dollar betragen hatten. Dass die Subventionen 2019 besonders hoch ausfielen, lag daran, dass die Farmer wegen des Handelskonflikts mit China hohe Einbußen hinnehmen mussten (vor allem die Soja-Farmer waren und sind betroffen – die USA sind der zweitgrößte Soja-Produzent der Welt). Was die Größe der Farmen anbelangt: Im Durchschnitt beträgt sie 180 Hektar, wobei diese Zahl nur bedingt aussagekräftig ist, weil sie eben nur eine Durchschnittsangabe darstellt – die vielen Nebenerwerbsbetriebe sind um ein Vielfaches kleiner, während vor allem die drei Prozent derjenigen Farmen, die mehr als eine Million Dollar pro Jahr erwirtschaften, um ein Vielfaches größer sind.

Seit einiger Zeit stehen viele Farmen im Feuer. Gründe dafür gibt es mehrere: Das Wetter spielt zunehmend verrückt – es gibt mehr und vor allem längere Dürre-Perioden, immer wieder Kälteeinbrüche, eine zunehmende Zahl von schweren Stürmen wie Hurrikans und Tornados, immer mehr verheerende Feuer sowie eine Zunahme von Überschwemmungen. Darüber hinaus sind die Preise für Agrar-Produkte in den letzten Jahren gefallen. Weiterhin macht die Politik der Trump-Regierung den Farmern zu schaffen, und zwar zum einen durch den Handelskrieg mit China, das mittlerweile seinen Soja-Bedarf in Argentinien und Brasilien deckt (viele Marktbeobachter sagen, dass der China-Markt für die US-Farmer auf absehbare Zeit verloren ist), zum anderen durch die Verschärfung der Einwanderungsbestimmungen – ohne die billigen Arbeitskräfte vor allem aus Mexiko, aber auch aus anderen Ländern Süd- und Mittelamerikas, sind viele US-Farmer aufgeschmissen. Und schließlich sind viele der kleineren Farmen nicht in der Lage, mit den großen Industriebetrieb-ähnlichen Konkurrenten mitzuhalten – diese können zu weitaus günstigeren Preisen produzieren.

Diese Problemlage hat schwerwiegende Auswirkungen. Seit 2013 ist das Nettoeinkommen der Farmer um 50 Prozent zurückgegangen. Die Zahl der zum Verkauf stehenden Farmen wächst. Immer mehr Farmer müssen sich einen Nebenjob suchen. Besonders tragisch: Ihre Selbstmordrate liegt rund fünfmal über dem nationalen Durchschnitt.

Eins steht fest: Es ist nicht die erste Farmkrise, die Amerika heimsucht. Von den 70er bis zu den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts kämpften die Farmer gegen fallende Preise und die Monopole der Banken und großen Eisenbahngesellschaften. In den 1920er Jahren fielen die Preise für Agrargüter, weil sich die Erholung der Agrarwirtschaft in Europa nach dem Ersten Weltkrieg schneller vollzog als erwartet und viele US-Farmer feststellen mussten, dass sie zu viel Land erworben und zu viel Geld in neue Maschinen gesteckt hatten. Und schließlich führten in den 1980er Jahren eine Reihe von Problemen (eine allgemeine Wirtschaftskrise, eine Dürre, die Getreide-Sanktionen gegen die UdSSR sowie die Kürzungen von Subventionen durch die marktliberal eingestellte Reagan-Regierung) zu einschneidenden Struktur-Reformen, die eine große Anzahl an Betrieben nicht überlebte.

Aber die derzeitige Farm-Krise ist anderer Natur. Natürlich stellten die Krisen früherer Zeiten für die von ihnen Betroffenen gewaltige Katastrophen dar. Man darf nicht vergessen, dass für viele Farmer ihr Beruf und die mit ihm verbundene Lebensweise – die Nähe zur Natur, das ausgeprägte Familienleben, Werte wie Fleiß, Ehrlichkeit, Gottesfürchtigkeit und Natürlichkeit – die einzige Lebensweise war, die sie kannten, die einzige Lebensweise, die ihnen möglich erschien. Schließlich erhielten die Menschen damals kaum Informationen über die Ereignisse, die sich außerhalb ihrer unmittelbaren Lebenswelt abspielten, das heißt: Über Alternativen wussten die Farmbewohner wenig, sie waren ihnen fremd.

Aber die jeweilige Krise, die den Verkauf oder sogar Verlust der Farm und den damit verbundenen Abschied vom Landleben bedeutete, stellte eben nicht nur eine Katastrophe dar, sie bot auch eine Chance. Einfach war das Landleben nämlich nicht, im Gegenteil: Es war in vielerlei Hinsicht hart und entbehrungsreich. Und so erwies sich der Umzug in die Stadt für die Menschen, die ihre Farmen verließen, in vielerlei Hinsicht auch als eine Verbesserung ihrer Lebenssituation. Sie fanden sich in Berufen wieder, die körperlich weniger anstrengend waren und mehr Freizeit bedeuteten, und sie konnten in Häusern und Apartments leben, die mit – für die damalige Zeit – modernen sanitären Einrichtungen ausgestattet waren. Was die Krise der 1980er Jahre angeht: Das Farmleben der 70er und 80er Jahre war natürlich schon in hohem Maße maschinell geprägt, die Farmhäuser modern, insofern bedeutete die Aufgabe der Farm nicht unbedingt eine Verbesserung. Aber zumindest wartete auch auf die in den 80er Jahren von der Farmkrise Gebeutelten in den 90er Jahren die Ära des größten allgemeinen Wohlstands in der amerikanischen Geschichte.

Und heute? Wo liegt die Hoffnung für die Menschen, die in den 2020er Jahren ihre Farmen verlassen müssen? Inwiefern dürfen sie zuversichtlich sein, dass der Wegbruch ihrer wirtschaftlichen Existenz und ihrer Lebensweise für sie nicht nur Unglück bedeutet, sondern ihnen auch Perspektiven bietet?

Nun, Anlass zu Optimismus besteht dafür kaum. Es befinden sich nämlich nicht nur die Farmen in einer Krise, sondern das ganze Land. Wobei diese Krise ein Zustand von Dauer ist. Mit anderen Worten: Die USA befinden sich in einer Phase des unaufhörlichen Abstiegs – das amerikanische Jahrhundert ist vorbei.

Der amerikanische Farmer ist Opfer des Raubbaus geworden, den die Vereinigten Staaten ein Jahrhundertlang getrieben haben. An der Natur, die jetzt immer häufiger und dabei zunehmend heftiger zurückschlägt. Und an den traditionellen Werten, die einst Millionen von Einwanderern dazu brachten, ihre Heimat zu verlassen und das Glück in der Neuen Welt zu finden. Nach der mit „Reaganomics“ eingeleiteten Entwicklung hat Amerika nie wieder zu sich selbst zurückgefunden, nicht spirituell, nicht moralisch.

Für Amerikas Eliten ist der amerikanische Farmer, ist sein Lebensstil, sind seine Werte Objekte der Lächerlichkeit. Ein Jeff Bezos, ein Mark Zuckerberg, ein Elon Musk haben mit einem Mais-Anbauer aus Nebraska oder einem Rinderzüchter aus Wyoming bestenfalls Mitleid – wenn überhaupt. Der berühmte „rugged individualism“, also die Selbständigkeit und Unabhängigkeit, die Farming „made in U.S.A.“ groß gemacht haben, ist für sie eher eine Gefahr denn eine Tugend. Für sie sind Menschen, die nicht bereit sind, in einem Lagerhaus, einem Hipster-Büro oder einer Fabrik zu arbeiten, tendenziell Saboteure eines auf uneingeschränkte Verwertbarkeit ausgerichteten Wirtschaftsystems.

Für die – primär den Demokraten zugeneigten – Bildungsbürger der Ost- und Westküste sind die zwischen New York und Washington sowie Los Angeles und San Francisco gelegenen Farm-Bundestaaten dagegen das sogenannte „Flyoverland“ (Überflugland), auf merkwürdige Weise fremd, von seltsamen Wesen bevölkert, die tatsächlich nicht auf ein Elite-College gegangen sind und – wer hätte das gedacht – den „Farmer´s Almanac“ (eine seit 1818 im Jahres-Rhythmus erscheinende Zeitschrift mit langfristigen Wettervorhersagen) der New York Times vorziehen.

Und was die Republikaner anbelangt, also jene Partei, bei der Amerikas konservative Landbevölkerung bevorzugt ihr Kreuzchen macht: Sie hat die Farmer verraten. Zwar stimmte Ronald Reagan noch ein Loblied auf den „amerikanischen Farmer“ an, weil „der die Welt ernährt“, doch weder auf Reagans Getreide-Embargo gegen Russland, das nicht mit Ausgleichszahlungen abgefedert wurde, noch auf seine Wiedereinführung des Neoliberalismus konnten die Farmer vorbereitet sein. Und auch nicht auf die Breitseite von Trumps Handelskrieg mit China, die sie mit voller Wucht abbekamen.

Der amerikanische Farmer traditioneller Prägung ist aus der Zeit gefallen, ein Relikt längst vergangener Tage. Der zukünftige Farmer wird in zunehmendem Maße ein Industrieller sein, ein Mitglied von dem, das die Amerikaner „Corporate America“ nennen. Die USA dominierten das 21. Jahrhundert nicht nur wegen ihrer überlegenen wirtschaftlichen und militärischen Macht, sondern auch wegen der Verfasstheit ihres politischen und gesellschaftlichen Systems. Dieses System bekommt seit einiger Zeit zunehmend tiefere Risse. Zu kitten sein werden sie nicht.


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