Finanzen

Die Schweizer Nationalbank agiert klüger als EZB und FED - ihr Jahresgewinn ist gigantisch

Die Schweizer Nationalbank verfolgt im Gegensatz zur EZB und zur FED in den USA eine kluge geldpolitische Interventionspolitik, schreibt DWN-Kolumnist Andreas Kubin.
19.12.2020 10:01
Aktualisiert: 19.12.2020 10:01
Lesezeit: 4 min

Ich bin der Meinung, dass die Europäische Zentralbank (EZB) viele Schrottpapiere im Anleihe-Segment aufkauft, während die SNB stark in Aktien investiert - mit anderen Worten: Die Veranlagungs- und Geldpolitik der EZB kann mit der der Schweizer Nationalbank (SNB) nicht mithalten. Weil ich diese Diskrepanz höchst offiziell bestätigt haben wollte, sandte ich eine per Definition „rechtsverbindliche Anfrage bezüglich Aktien-Investments" (Legally binding request regarding equity investments) (#4 - 110421) am 8. Juni 2020 direkt an die EZB:

Die Antwort folgte am 17. Juni 2020 und lautet im originalen Wortlaut wie folgt:

Als Antwort auf Ihre Fragen möchten wir Ihnen mitteilen, dass die von Ihnen erwähnten EZB-Programme sowie die sonstigen EZB-Programme (das nicht aktivierte Programm für geldpolitische Outright-Geschäfte, sogenannte Outright Monetary Transactions – OMT), das gesamte Programm zum Ankauf von Vermögenswerten (Asset Purchase Programme – APP) einschließlich des Programms zum Ankauf von Wertpapieren des öffentlichen Sektors (Public Sector Purchase Programme – PSPP) und des neuen Pandemie-Notfallankaufprogramms (Pandemic Emergency Purchase Programme – PEPP) zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Aktienkäufe vorsehen.

Die Zentralbanken des Eurosystems können selbstverständlich Aktien als Vermögensanlage oder zur Verwaltung von Währungsreserven in ihre Portfolios sowie als Vermögenswerte in die Pensionsfonds für ihre Mitarbeiter aufnehmen. Die Volumina hätten in diesen Fällen jedoch keine der von Ihnen in Ihrer Anfrage beschriebenen Auswirkungen. Dies würde eher bei der Einbeziehung von Aktien in die oben genannten EZB-Programme zutreffen, was jedoch, wie bereits oben erwähnt, zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht der Fall ist.

EZB-Bilanz: Plus 70 Prozent in einem Jahr, Schuldenorgie in den USA außer Kontrolle

Der „Konsolidierte Ausweis des Eurosystems“ per 20. November 2020 weist Aktiva und Passiva von 6.867.814 (in Millionen Euro; also knapp sieben Billionen) aus; Veränderung zur Vorwoche plus 34.331 Millionen Euro. Exakt ein Jahr zuvor per 15. November 2019 wies der konsolidierte Ausweis des Eurosystems Aktiva bzw. Passiva von 4.691.919 Millionen Euro aus (also knapp 4,7 Billionen); Veränderung zur Vorwoche im November 2019 plus 7.784 Millionen Euro. Zusammengefasst verlängerte sich die Bilanzsumme der EZB binnen Jahresfrist von 4,691 Billionen auf 6,867 Billionen Euro. Prozentuell beträgt der Zuwachs 68,30 Prozent binnen 12 Monaten. Man beachte den erschreckend deutlich angestiegenen wöchentlichen Zuwachs von 7,78 Milliarden (2019) auf 34,33 Milliarden (2020). Was in diesem Zeitraum deutlich mehr als eine Vervierfachung bedeutet.

Die US-amerikanische FED möchte da nicht nachstehen. Alleine zwischen Mitte März 2020 und dem 10. Juni 2020 (also innerhalb knapp dreier Monate) stieg die Bilanzsumme der US-Notenbank von 4,2 auf 7,1 Billionen US-Dollar. Rückblickend blähte sich die Bilanzsumme der FED beginnend in der Finanzkrise 2007-2008 von 870 Milliarden US-Dollar auf 7,22 Billionen US-Dollar (total assets) am 30. November 2020 auf.

Neben der exorbitant hohen Gesamt-US-Staatsverschuldung schlägt zugleich auch das Budgetdefizit 2020 in den Vereinigten Staaten alle Negativrekorde.

Die US-Schulden-Summe aller ausstehenden Schulden der amerikanischen Bundesregierung überschritt am 1. Oktober 2020 die Marke von 27 Billionen US-Dollar. Das US-Finanzministerium verfolgt die derzeit ausstehenden öffentlichen Schulden, und diese Zahl ändert sich täglich... Bei gleichzeitig starkem Ansteigen der Staatsverschuldung ist das Bruttoinlandsprodukt deutlich rückläufig, was die Situation noch verschärft.

Die Geldpolitik der SNB: Deutlicher Anstieg des Aktienanteils

Nur auf den ersten Blick bleibt die Asset Allocation von Devisenreserven der SNB, was Aktien betrifft, gleich hoch. Prozentual verändert sich dieser Wert nicht mehr. Er steht in den letzten paar Jahren um die 20 Prozent (offizieller Letzt-Stand, SNB Ende 3. Quartal 2020). Bei genauerer Analyse fällt jedoch auf, dass der monetäre Wert des weltweit gestreuten Aktienanteils im SNB Portfolio dennoch gewaltig ansteigt.

Die Wirtschaftswoche berichtete am 17. 5.2013: „Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat ihren Aktienbestand erhöht. Anfang April 2013 steckten 15 Prozent ihrer Devisenreserven in Aktien, das sind Papiere für knapp 67 Milliarden Franken (54 Milliarden Euro).“

Zerohedge.com hob am 7.5.2015 unter dem Titel „‘Mystery‘ buyer of stocks in the first quarter has been identified“ hervor, dass 18 Prozent des Vermögens der SNB in ausländischen Aktien gehalten wird. Um es präziser zu definieren, die SNB besaß damals somit Anteile an 2.548 US notierten Aktiengesellschaften im Gegenwert von 37 Milliarden US-Dollar.

In der Bilanz der SNB waren per 31. Dezember 2019 Devisenanlagen in Höhe von 794,015 Milliarden Franken ausgewiesen. Prozentuell sieht die Steigerung gar nicht so viel aus – entscheidend ist aber, von welcher Basissumme ausgegangen wird.

Wir springen noch weiter zurück. 10 Prozent von 189 Milliarden Schweizer Franken im Jahr 2011 machen einen Aktienanteil an den Devisenreserven von 18,9 Milliarden Franken in der Bilanz aus. 2019 machen 20 Prozent von 794,015 Milliarden Franken eine Veranlagungssumme von 158,80 Milliarden Franken in internationalen Aktien. Ich denke es klingelt jetzt beim Leser.

Wiederum ein Jahr später per Ende September 2020 betrugen die Devisenanlagen der SNB schon 884,157 Milliarden Franken. Demnach stieg die gesamte Veranlagungssumme der SNB in internationale Aktien insgesamt auf den Rekordstand von 176,83 Milliarden Franken und zwar wegen des seit dem 3. Quartal 2016 auf 20 Prozent aufgestockten Aktienanteils.

Besonders stark investiert ist die SNB an der Wall Street. Das institutionelle Portfolio der „Swiss National Bank“ ist abrufbar an der NASDAQ.COM. Per Report vom 30. Sept. 2020 hält die Swiss National Bank alleine an der Nasdaq 2.427 Aktien-Positionen zum Marktwert von 138,99 Milliarden US-Dollar.

Nun, da die Bilanzsumme der SNB immer weiter ansteigt, spricht man hier von „Bilanz verlängernden Auswirkungen“ durch das Drucken von Schweizer Franken. Gleichzeitig generiert die Schweizer Nationalbank mit dieser klugen Anlagestrategie weiteres Vermögen, denn die SNB kassiert die Dividendenausschüttungen der Unternehmen, an denen sie beteiligt ist. Dividendenausschüttungen von Schweizer Aktiengesellschaften werden in der Schweiz für Privatanleger mit einer Quellensteuer von 35 Prozent besteuert. Dass diese staatliche Institution eine Quellensteuer abzuführen hat, kann man eher ausschließen. Dividendenausschüttungen bewirken gleichfalls eine weitere Bilanzverlängerung.

Anders die Aussichten für die vornehmlich in Staatsanleihen investierende EZB: „Die unbequeme Wahrheit lautet: Ohne die monetäre Staatsfinanzierung durch die EZB und die nationalen Euro-Zentralbanken droht der ´Euro-Systemkollaps´. Anders gesagt: Der nominale Erhalt des Euro und der wirtschaftlichen und politischen Strukturen, die er hervorgebracht hat, wird ohne Verstoß gegen das Verbot der monetären Staatsfinanzierung nicht möglich sein. Das muss nicht nur Zweifel an der künftigen Kaufkraft des Euro wecken. Denn wenn das Ziel, die Staaten um jeden Preis flüssig zu halten, alle anderen Ziele beginnt zu überlagern, dann werden auch die Grundlagen der freiheitlichen Gesellschaft und Wirtschaft aufgehoben“, schreibt Thorsten Polleit.

Aktuelle Entwicklung: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) wird für das Geschäftsjahr 2020 nach provisorischen Berechnungen einen Gewinn in der Größenordnung von 21 Milliarden Franken ausweisen. Der Gewinn auf den Fremdwährungspositionen betrug 13 Milliarden Franken. Auf dem Goldbestand resultierte ein Bewertungsgewinn von sieben Millionen Franken. Der Erfolg auf den Frankenpositionen belief sich auf gut eine Milliarde Franken.

Bund und Kantone erhalten eine Ausschüttung von insgesamt rund vier Milliarden Franken.

Dieser Artikel erschien bereits am 19. Dezember 2020. Wir haben ihn um die aktuelle Entwicklung ergänzt und nochmals veröffentlicht.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kennzeichnung im Produktionstempo: Wie Brady die Industrie neu taktet

Produktionslinien laufen schneller denn je, doch die Rückverfolgbarkeit hinkt oft hinterher. Brady setzt genau hier an und zeigt, wie sich...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Andreas Kubin

Andreas Kubin lebt in Oberösterreich, hat ein MBA mit Schwerpunkt "Finanzen" und verfügt über drei Jahrzehnte Börsen-Erfahrung. 
DWN
Finanzen
Finanzen USA starten Blockade der Straße von Hormus: Trump setzt Drohungen um, der Ölpreis steigt
13.04.2026

Die Spannungen im Nahen Osten spitzen sich weiter zu: Die USA greifen zu drastischen Maßnahmen in einer der wichtigsten Handelsrouten der...

DWN
Panorama
Panorama Lufthansa-Streik: Diese Rechte haben Passagiere bei einem Pilotenstreik
13.04.2026

Der Lufthansa-Streik bringt den Flugverkehr in Deutschland ins Wanken und sorgt bei Tausenden Reisenden für Unsicherheit. Flugausfälle,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft IWF warnt: Schwieriger Weg zurück für die Weltwirtschaft
13.04.2026

Die Ölkrise infolge des Iran-Kriegs verändert die globale Konjunktur nachhaltig. Warum selbst im besten Fall kein schneller Aufschwung...

DWN
Finanzen
Finanzen Autofahren in Deutschland immer teurer: Warum das so ist und was Sie tun können
13.04.2026

Autofahren wird für viele Menschen in Deutschland immer kostspieliger. Steigende Spritpreise, höhere Versicherungen und teurere...

DWN
Politik
Politik Analyse: Irans Führer fordern Trump heraus – wer hat am meisten zu verlieren?
13.04.2026

Die USA und der Iran verhandelten stundenlang, erzielten jedoch in Islamabad keinen Durchbruch. Sowohl die Kontrolle über die Straße von...

DWN
Finanzen
Finanzen BYD-Aktienkurs steigt: Kommt jetzt der Durchbruch?
13.04.2026

Die BYD-Aktie sorgt mit einem frischen Kaufsignal und starkem Auslandsgeschäft für Aufsehen. Gleichzeitig drücken Margenprobleme im...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Entlastungspaket der Bundesregierung: Kritik vom IW an Kosten und Wirkung
13.04.2026

Steigende Energiepreise und Inflation setzen Haushalte und Unternehmen unter Druck. Die Regierung reagiert mit einem umfangreichen...

DWN
Technologie
Technologie Anthropic versetzte das US-Finanzministerium wegen der Sicherheit der Banken in Aufruhr
13.04.2026

Das neue KI-Modell des Unternehmens Anthropic hat sich als außergewöhnlich leistungsfähig bei der Suche und Ausnutzung von...