Politik

Handlanger fremder Interessen: Die Wissenschaften auf Irrwegen

Lesezeit: 6 min
22.01.2021 13:47
Nicht nur die Geisteswissenschaften, sondern längst auch die Naturwissenschaften bringen der Menschheit keine Fortschritte mehr, sondern nur neue Lasten. Sie sind zum Mittel für fremde Zwecke geworden.
Handlanger fremder Interessen: Die Wissenschaften auf Irrwegen
Eine Vielzahl an Studien ist heute nicht replizierbar. Das kann Leben gefährden. (Foto: dpa)
Foto: Kay Nietfeld

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In der Schule wurde uns einst vermittelt, dass die Wissenschaften dazu da sind, die Welt besser zu verstehen, und dass wissenschaftliche Erfolge in vielen Fällen zu einer Verbesserung der materiellen Lebensumstände beitragen können. Doch dieser naive Glaube ist für viele von uns längst zerstört worden – und nicht erst durch die fatale Rolle der Wissenschaften und ihrer führenden Vertreter in der Corona-Krise.

Trotz des einst hochgehaltenen Anspruchs der Neutralität stehen die Wissenschaften infolge ihrer staatlichen Finanzierung heute mindestens in einem Interessenkonflikt. Mitunter sind sie sogar schlicht Handlanger der Herrschenden, wenn zum Beispiel Ökonomen die Wirtschaftspolitik gutheißen, wenn Pädagogen die Erziehungspolitik rechtfertigen oder Epidemiologen das Vorgehen ihres Gesundheitsministers.

Und nicht nur die Geisteswissenschaften befinden sich auf Irrwegen, sondern in starkem Maße auch die Naturwissenschaften. Dies lässt sich längst mit harten Daten belegen. Viele waren überrascht, als John Ioannidis, Professor für Medizin und Statistik an der Stanford University, vor 15 Jahren behauptete, dass die Hälfte aller Studien, die in wissenschaftlichen Fachzeitschriften mit Peer-Review veröffentlicht werden, wahrscheinlich falsch sind.

Seitdem haben Forscher diese vernichtende Kritik immer wieder bestätigt, indem sie mit teils großem Aufwand versuchten, einflussreiche Studien zu reproduzieren – und dabei meist scheiterten. So haben zum Beispiel unabhängige Forscher im August 2015 eine groß angelegte Studie über ihre Versuche veröffentlicht, 100 wichtige psychologische Studien zu replizieren, was jedoch nur bei 39 Prozent möglich war.

Im Jahr 2012 hatte bereits die Biotechnologie-Firma Amgen versucht, 53 „bahnbrechende“ Studien in der Hämatologie und Onkologie zu reproduzieren, auf deren Basis Ärzte folgenreiche medizinische Entscheidungen treffen. Die Firma konnte jedoch nur sechs der Studien replizieren. Zuvor war es einer Gruppe des Pharmakonzerns Bayer gelungen, nur ein Viertel von 67 ähnlich wichtigen Arbeiten zu wiederholen.

Dies gefährdet Menschenleben. Denn allein in den Jahren 2000 bis 2010 nahmen allein in den USA etwa 80.000 Patienten an klinischen Studien teil, die auf Forschungsergebnissen basierten, die später wegen Fehlern oder Unregelmäßigkeiten zurückgezogen werden mussten. Laut einer Studie aus dem Jahr 2015 geben Forscher in den USA jedes Jahr rund 28 Milliarden Dollar für nicht reproduzierbare vorklinische Forschung aus.

Die Hauptursache dafür, dass die Ergebnisse von Studien in so vielen Fällen nicht im Rahmen einer erneuten Studie bestätigt werden können, liegt wahrscheinlich in statistischen Fehlern. Das heißt, die Forscher ziehen – absichtlich oder aus Unfähigkeit – Schlüsse aus statistisch nicht signifikanten Korrelationen in ihren Daten, also sozusagen aus dem Hintergrundrauschen.

Neben den statistischen Fehlern haben auch die charakterlichen Schwächen der Forscher einen erheblichen Einfluss. Der Wille zum Erfolg – sei es wegen des damit einhergehenden Ruhmes oder schlicht wegen des Geldes – wiegt oftmals schwerer als der Wille zur Wahrheit und zur Ehrlichkeit. Hinzu kommt der Widerwille dagegen, eigene Erwartungen korrigieren oder sich mit den eigenen Kollegen anlegen zu müssen.

Der Economist hat vor einigen Jahren darauf hingewiesen, dass es in den USA der 1950er Jahre nur einige Hunderttausend Wissenschaftlicher gab. Heute hingegen sind es bis zu 7 Millionen aktive Forscher, wodurch die Qualität der Forschung natürlich stark verwässert worden ist. Die heutigen Wissenschaftler profitieren noch von dem guten Ruf, den ihre Vorgänger einst erworben haben, sind aber im Vergleich Dilettanten.

Wenn heute tatsächlich mehr als jede zweite mit Peer-Review veröffentlichte Studie falsch ist – wie von Professor Ioannidis behauptet und seitdem vielfach belegt – dann kommt man zu einem besseren Ergebnis, wenn man eine Münze wirft, als wenn man eine Studie bemüht. Und noch besser fährt man, wenn man davon ausgeht, dass das Gegenteil der Studienergebnisse wahr ist. In mehr als der Hälfte der Fälle wird man damit recht haben.

All diese Zusammenhänge sind seit vielen Jahren bekannt, doch eine Besserung ist nicht in Sicht. Der Zustand und immer mehr auch das Ansehen der Wissenschaften sinken ins Bodenlose. Dennoch fällt es selbst den mit dem Problem vertrauten Menschen immer wieder schwer, sich vom Glauben an die modernen Wissenschaften zu lösen, also von der Vorstellung, man könne falsche Studien mithilfe richtiger Studien widerlegen.

Im Juni 2019 veröffentlichten Wissenschaftler der Universität Turku in Finnland eine Studie, in der sie der Mehrheitsmeinung in der staatlich finanzierten Klimaforschung widersprechen. Der Studie zufolge vernachlässigen die maßgeblichen Computermodelle, wie sie etwa vom Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) verwendet werden, die Auswirkungen der Wolkendecke auf die globalen Temperaturen.

Daher würden diese Computermodelle die Auswirkungen der vom Menschen erzeugten Treibhausgase auf das Klima erheblich überbewerten. „Wenn man berücksichtigt, dass nur ein kleiner Teil der erhöhten CO2-Konzentration menschengemacht ist, so muss man erkennen, dass es den anthropogenen Klimawandel in der Praxis nicht gibt“, so die Studienautoren.

Ihre Kritik richtet sich auch gegen die Methodik hinter den gängigen Modellen, wie sie von den Klimawissenschaftlern des IPCC und anderen favorisiert werden. „Wir betrachten Berechnungsergebnisse nicht als experimentelle Beweise“, schreiben die finnischen Autoren und gelangen in ihrer Studie zu dem Ergebnis, dass „vor allem die niedrigen Wolken die globale Temperatur kontrollieren“.

Unabhängig davon, ob diese finnischen Forscher nun richtig liegen oder nicht – interessant ist die Reaktion der Kritiker. Denn diese wiesen die Studie reflexartig zurück mit dem Argument, sie sei nicht peer-reviewed, sodass es keine Garantie für ihre wissenschaftliche Glaubwürdigkeit gebe. Dieses Argument ist absurd vor dem Hintergrund, dass mehr als die Hälfte der mit Peer Review veröffentlichten Studien falsche Ergebnisse liefern.

Entscheidend ist, dass „Klima-Alarmisten“ einerseits und „Klimaleugner“ andererseits sich auch nach jahrzehntelangem Streit nicht näherkommen, da sie noch nicht einmal eine Basis für eine „wissenschaftliche“ Klärung des Streits finden können. Wie aus den obigen Zitaten hervorgeht unterstellen beide Seiten dem jeweiligen Gegner unwissenschaftliches Vorgehen und sogar den Unwillen, wissenschaftlich vorzugehen.

Das gleiche Phänomen lässt sich nun auch in der Corona-Krise beobachten. Auf der einen Seite gibt es die „Corona-Alarmisten“ und auf der anderen Seite die „Corona-Leugner“. Beide Seiten berufen sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse und werfen der Gegenseite Unwissenschaftlichkeit vor. So kann es keine wissenschaftliche Debatte geben, wohl aber mehr oder weniger clever vorgetragene Beschimpfungen des Gegners.

Im Übrigen scheinen die „Corona-Leugner“ in diesem Streit ein gespaltenes Verhältnis zur Wissenschaft zu haben. Denn einerseits versuchen sie, die „Alarmisten“ mithilfe von Studien und Argumenten davon zu überzeugen, dass das Virus kaum gefährlicher ist als die herkömmliche Grippe und dass die staatlichen Maßnahmen falsch sind. Sie setzen also auf die Überzeugungsmacht der Wissenschaften.

Doch andererseits gehen die „Leugner“ höchst unwissenschaftlich vor, wenn sie immer wieder versuchen, die „Alarmisten“ mithilfe von Studien und Argumenten zu überzeugen, obwohl sie in der Realität längst die Erfahrung gemacht haben, dass sie ihre Gegner auf diese Weise nicht überzeugen können. Sie gehen also nach einer Methode vor, über die sie experimentell eigentlich herausgefunden haben, dass sie nicht funktioniert.

Es ist genauso unwissenschaftlich, irrationale Menschen mit den Mitteln der Wissenschaften überzeugen zu wollen, wie es unsinnig wäre, sich gegen Räuber oder gegen einfallende Armeen mit Argumenten zur Wehr zu setzen. Wissenschaftlichkeit und Rationalität mögen einen Platz in der Geschichte haben und auch eine Nischenexistenz in der heutigen Zeit, doch in der Gesellschaft insgesamt bewirken sie nachweislich nur wenig.

Sicherlich gibt es auch heute noch erfolgreiche Forschung. Dies ist aber in der Regel nur dann der Fall, wenn die Forscher einer strengen Kontrolle durch ihre Geldgeber ausgesetzt sind und wenn letztere selbst ein starkes Interesse daran haben, die Wahrheit zu finden. Wenn die Finanzierung an ehrliche Ergebnisse gebunden ist, sind auch heute noch echte Durchbrüche möglich, wie die anhaltenden technologischen Fortschritte zeigen.

Diese tatsächlichen Fortschritte halten den Glauben an die Macht der Wissenschaften weiter wach und machen Hoffnung. Eine wachsende Zahl von Menschen sucht fernab der „Mehrheitsmeinung“, die erkennbar so oft falsch liegt, nach besseren Antworten. Diese Suche zeigt sich auch am Interesse für sogenannte Verschwörungstheorien, von denen sich im Übrigen sogar einige als wahr erwiesen haben.

Der deutsche Physiker Max Planck schrieb in seiner 1948 veröffentlichten Autobiographie: „Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass ihre Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der [neuen] Wahrheit vertraut gemacht wird.“

Diesen Schlag ins Gesicht durch Max Planck für den Glauben an die Wissenschaften findet man derzeit in der Corona-Krise erneut betätigt. Die alten Forscher sind weggestorben oder auf andere Weise aus einflussreichen Positionen verschwunden und die neue Generation von Epidemiologen lehrt nun die neue Wahrheit, wonach im Kampf gegen ein Virus Masken, Mindestabstand und Lockdowns notwendig sind.

Heute blicken viele Menschen mit Verachtung auf den Beruf des Journalisten – und dies oftmals durchaus zurecht. Aber irgendwann werden viele Menschen möglicherweise aus ähnlichen Gründen mit Verachtung den Beruf des Wissenschaftlers blicken, also etwa auch auf die Forscher des Robert-Koch-Instituts oder auf die Mitarbeiter verschiedener Wirtschaftsinstitute, die heute noch als anerkannte Experten auftreten können.


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