Deutschland

Übergewicht, Rauchen, Alkohol, Depression, Medien - 2021 war nicht gut für die Gesundheit

Mehr rauchen, alleine Alkohol trinken, zu viel essen und Medien konsumieren. Im Jahr 2021 wurden in Deutschland deutlich mehr Suchtprobleme verzeichnet.
27.12.2021 11:14
Lesezeit: 2 min

Mehr Übergewicht, mehr seelische Probleme gerade bei Jüngeren, mehr problematische Handy-Nutzung - inzwischen zeigt sich immer deutlicher, welche Folgen die Pandemie für die Gesundheit vieler Menschen hat. Auch der Anteil der Raucher in Deutschland steigt offenbar plötzlich wieder: Er liegt derzeit bei fast 31 Prozent bei Menschen ab 14 Jahren, wie aus der repräsentativen Langzeitstudie Debra (Deutsche Befragung zum Rauchverhalten) hervorgeht. Ende 2019, vor Corona, lag der Anteil der Raucherinnen und Raucher in der Bevölkerung noch bei etwa 27 Prozent.

Wahrscheinlich sei, dass im letzten Jahr mehr frische Ex-Raucher rückfällig geworden seien, sagt der Suchtforscher und Debra-Leiter Daniel Kotz. "Ob Corona-Stress oder allgemein Auswirkungen der Pandemie da jetzt hineinspielen, ist ein bisschen spekulativ, kann aber sein."

Veränderungen gab es auch beim Alkoholkonsum. Es habe im Zuge der Corona-Pandemie weniger Gelegenheiten zum gemeinsamen Trinken gegeben, sagt der Suchtmediziner und Ärztliche Direktor Falk Kiefer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Dennoch sei der durchschnittliche Alkoholkonsum in Deutschland im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie in etwa gleich geblieben.

Er habe sich in die Wohnungen und auf eine spezielle Untergruppe von Konsumenten verlagert, erläutert Kiefer, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie ist. "Menschen, die ohnehin schon regelmäßig Alkohol zu Hause getrunken haben, zum Beispiel zum Schöntrinken des Abends - zum Vertreiben von Einsamkeit, Langeweile oder Sorgen, die trinken nun mehr." Rund 25 Prozent der Erwachsenen seien betroffen. Andere wiederum - die Geselligkeits- und Partytrinker - reduzierten ihren Konsum demnach im Mittel.

Dem Bundesverband Wein und Spirituosen International zufolge stieg im Lebensmitteleinzelhandel und Online-Handel der Absatz von Wein und Sekt, dies kompensiere die pandemiebedingten starken Rückgänge im Gastronomiebereich zumindest teilweise. "Menschen, die die Pandemie als belastend empfunden haben, haben im Schnitt mehr getrunken als andere", sagt Kiefer. Stressfaktoren seien zum Beispiel Mehrfachbelastungen durch Kinder im Home-Schooling oder Ehepartner im Homeoffice. Auch Langeweile und das Gefühl des Nichtgebrauchtwerdens sei für einige ein Grund zum Trinken.

Im ersten Lockdown hatten laut einer Studie des Zentralinstituts und der Uniklinik Nürnberg 37 Prozent von über 2000 befragten Erwachsenen einen höheren Alkoholkonsum angegeben als zuvor, 21 Prozent einen geringeren. Ein ähnliches Bild ergab sich für den Tabakkonsum. Auch wenn solche Studien auf oft online erhobenen Selbstauskünften beruhen, sind die Ergebnisse durch die hohen Fallzahlen und die internationale Vergleichbarkeit laut Kiefer belastbar.

Schon vor der Corona-Pandemie habe man eine rückläufige Motivation in Deutschland beobachten können, mit dem Rauchen aufzuhören, erläutert der Epidemiologe Kotz, Leiter des Sucht-Forschungsschwerpunktes am Centre for Health and Society (chs) der Uni-Klinik Düsseldorf. Auch die sogenannte Rauchstoppversuchsrate sei rückläufig. Im Gegenzug gebe es aber bei Jugendlichen den klaren Trend, gar nicht erst anzufangen.

Studien zufolge gehen nach wie vor etwa 13 Prozent der Mortalität in Deutschland auf das Tabakrauchen zurück, wobei sich ein gutes Viertel dieser Todesfälle noch im Erwerbsalter ereignet. Jährlich sterben in Deutschland ungefähr 125 000 Menschen an den Folgen von Tabakkonsum. Das sind mehr Rauchertote in einem Jahr als Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus nach fast zwei Jahren.

Auch Alkohol hat jährlich zig vorzeitige Todesfälle zur Folge. Bei weitem nicht alle gehen auf Alkoholabhängigkeit zurück: Für mehr als 200 Krankheiten ist bekannt, dass sie durch Alkoholkonsum begünstigt oder direkt verursacht werden. "Das berühmte gesunde Glas Rotwein ist ein Ammenmärchen", sagt Christine Kreider von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS).

Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit mit dem Rauchen: die Schwierigkeit, wieder davon loszukommen. Gravierende Entzugserscheinungen drohen. "Alkohol hat die Eigenschaft, dass man sich an ihn gewöhnt", so Kreider. Dem Epidemiologischen Suchtsurvey 2018 zufolge konsumieren 6,7 Millionen Menschen in Deutschland zwischen 18 und 64 Jahren Alkohol in gesundheitlich riskanter Form. Etwa 1,6 Millionen Menschen dieser Altersgruppe gelten als alkoholabhängig.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
DWN
Unternehmen
Unternehmen Leadership in der Dauerkrise: Wie Führungskräfte neue Stabilität schaffen
24.01.2026

Ob Handelskonflikte, Regulierung oder Digitalisierung: Unsicherheit ist im Mittelstand zur Konstante geworden. Wie Führungskräfte dennoch...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Löhne in Deutschland steigen: Wird nun alles teurer? Ein Warnsignal aus Südosteuropa
24.01.2026

Laut Stepstone-Gehaltsreport 2026 steigen in Deutschland aktuell die Löhne. Was auf den ersten Blick sehr gut klingt, kann sich auf den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Consultingbranche: Warum Wachstum Berater immer teurer macht
24.01.2026

Berater sind gefragter denn je, doch der Boom hat seinen Preis. Während Unternehmen immer stärker auf externe Expertise setzen, drücken...

DWN
Technologie
Technologie Wie viel Fortschritt braucht das Elektroauto? 3 E-Auto-Trends im Check
24.01.2026

Das Elektroauto steht an der nächsten Schwelle: Nicht mehr nur Reichweite zählt, sondern Komfort, Tempo und cleverer Energieeinsatz....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europa im KI-Wettbewerb: Microsoft-CEO sieht Energiekosten als Schlüsselfaktor
24.01.2026

Der globale Wettbewerb um Künstliche Intelligenz verschiebt sich zunehmend auf grundlegende Kosten- und Standortfaktoren. Welche Bedeutung...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Wall Streets wechselhafte Woche: Trumps Entscheidung beruhigte, Intel verschreckte und Gold lockte
23.01.2026

Eine turbulente Woche an der Wall Street endete in einer Stimmung, in der geopolitische Fragen auf die Abkühlung im Technologiesektor und...

DWN
Politik
Politik Drei Mächte, ein Krisengebiet: Neue Verhandlungen über den Donbass
23.01.2026

Nach langer Funkstille nehmen die Ukraine und Russland erstmals wieder direkte Gespräche auf – unter Beteiligung der USA. Im Zentrum...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt United Manufacturing Hub: Wie ein Kölner Startup den Datenschatz der Industrie hebt
23.01.2026

Daten gelten als Treibstoff der Industrie 4.0 – doch in vielen Fabriken bleiben sie ungenutzt. Das Start-up United Manufacturing Hub will...