Politik

RKI-Bericht: Corona-Maßnahmen waren wirksam für Pandemie-Bekämpfung

Das Robert-Koch-Institut bescheinigt der Bundesregierung nachträglich die Wirksamkeit aller Corona-Maßnahmen – und widerspricht damit der Meinung führender Epidemiologen. Die Behörde ist dem Gesundheitsministerium direkt unterstellt.
21.07.2023 13:53
Aktualisiert: 21.07.2023 13:53
Lesezeit: 3 min
RKI-Bericht: Corona-Maßnahmen waren wirksam für Pandemie-Bekämpfung
Lothar Wieler (l), Ex-Chef des RKI (Robert Koch-Institut), und Karl Lauterbach (SPD), Bundesgesundheitsminister, äußerten sich im Haus der Bundespressekonferenz immer wieder zum Infektionsgeschehen. Das RKI ist als Behörde dem Gesundheitsministerium unterstellt. (Foto: dpa) Foto: Wolfgang Kumm

Maßnahmen wie Maskenpflicht und Kontaktbeschränkungen haben laut einer Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) wesentlich zur Bekämpfung der Corona-Pandemie beigetragen. Vor allem die Kombination der verschiedenen Vorkehrungen sei ausschlaggebend dafür gewesen, dass eine mit dem Erreger Sars-Cov-2 infizierte Person deutlich weniger Menschen angesteckt habe als andernfalls, heißt es in dem am Donnerstag veröffentlichten Bericht. „Wenn man sie einzeln betrachtet, haben sie eine deutlich schwächere Wirkung“, sagte eine RKI-Expertin am Donnerstag bei der Vorstellung der Ergebnisse.

RKI ist dem Gesundheitsministerium direkt unterstellt

Das RKI ist dem Bundesgesundheitsministerium unterstellt und gab während der Pandemie regelmäßig Risikobewertungen ab sowie Empfehlungen zum Infektionsschutz, die für Diskussionen sorgten. Für die „StopptCOVID-Studie“ berücksichtigten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehr als 20 nicht-pharmazeutische Maßnahmen, die zwischen März 2020 und August 2021 verordnet wurden. Dazu zählen etwa die Maskenpflicht, Schulschließungen und Abstandsregelungen.

Die Auswertung basiert auf Daten der Landkreise, die vom Bonner Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie dokumentiert wurden. Auswirkungen der Maßnahmen auf das Infektionsgeschehen wurden anhand der Entwicklung des sogenannten R-Werts berechnet. Dieser Wert gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt.

Einen besonders starken Rückgang der Ansteckungsquote stellten die Autoren für Kontakt- und Versammlungsbeschränkungen für Privatpersonen im öffentlichen Raum fest: Dadurch sei der R-Wert um etwa 20 bis 30 Prozent gesunken, schätzen sie. Allgemein gelte: Je schärfer die Maßnahmen waren, desto mehr sei der R-Wert zurückgegangen.

RKI attestiert Corona-Maßnahmen positive Wirkung

Der Bericht verzeichnet einen weiteren Aspekt: Die Infektionszahlen sanken demnach im Beobachtungszeitraum noch vor der Umsetzung einer neuen Verordnung. „Das heißt, die Maßnahmen wirkten, bevor sie überhaupt in Kraft traten“, sagte ein RKI-Experte dazu. Das liege wahrscheinlich daran, dass Menschen – in dem Wissen, dass eine neue Maßnahme kommen werde – diese schon befolgt hätten, etwa ihre Kontakte reduziert hätten.

Anhand der Daten und ihrer Analysen können die Forscher eigenen Angaben zufolge nicht genau beurteilen, wie einzelne Maßnahmen getrennt voneinander gewirkt haben oder ob bestimmte Verordnungen nutzlos waren. Die Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen ließen sich zu schwer voneinander trennen. Sicher sei: „Es bedarf vieler Einschränkungen, um eine starke Reduktion hervorzubringen“, sagte der RKI-Experte. Die Maßnahmen hätten bis zur Entwicklung wirksamer Impfstoffe eine starke Überlastung des Gesundheitssystems verhindert, heißt es in dem Bericht.

Neben den nicht-pharmazeutischen Maßnahmen habe eine hohe Impfquote deutlich dazu beigetragen, dass sich weniger Menschen infiziert hätten. „Dies führte insbesondere in der älteren Bevölkerung zu einer deutlich schwächeren dritten Covid-19 Welle“, heißt es im Bericht. Ein Aspekt sollte laut der Studie allerdings bei künftigen Pandemien stärker berücksichtigt werden: Die psychische Gesundheit der Menschen und ihr Zusammenleben könnten unter Schutzmaßnahmen leiden. Mögliche negative Folgen von Vorkehrungen und ihre Abmilderung sollten daher bei der Pandemieplanung stärker mitgedacht werden.

Kritik am RKI-Bericht

„Dass das Robert-Koch-Institut (RKI) im Nachhinein die Corona-Maßnahmen für wirksam erklärt, überrascht nicht. Hatte es sie doch größtenteils selbst empfohlen“, kommentiert die Frankfurter Neue Presse den Bericht. „Viele Inkonsequenzen und seltsame Seitenwege der Corona-Maßnahmen wie die 15-Kilometer-Regel waren allerdings dem Streit zwischen Bundesländern, der Profilierungssucht und Wahltaktik von Parteien geschuldet“.

Daraus ließe sich lernen, dass es bei Krisen vor allem um die Sache gehen muss, dass konsequentes Handeln eher zur Akzeptanz unangenehmer Maßnahmen beiträgt als ein Verheddern in vielen Klein-Klein-Sonderregelungen, so das Medium weiter. „Doch diese Schlussfolgerung zu ziehen, ist nicht Sache des RKI. Sie wäre stattdessen überaus hilfreich für die Ampelkoalition.“

Schon früh hatten renommierte Epidemiologen wie Dr. Martin Kulldorf von der Harvard University, Dr. Sunetra Gupta von der Oxford University und Dr. Jay Bhattacharya von der Stanford University die Wirksamkeit dieser Maßnahmen auf das Infektionsgeschehen infrage gestellt. Zudem haben die Wissenschaftler öffentlich vor den verheerenden Folgen dieser Maßnahmen auf die Gesamtbevölkerung gewarnt.

Zu den Folgen, vor denen die Unterzeichner der „Great Barrington Declaration“ warnten, zählten etwa verschleppte medizinische Untersuchungen und eine daraus resultierende Erhöhung von Krebs- und Herz-Kreislauferkrankungen, psychische Folgeschäden vor allem bei Kindern und Jugendlichen sowie eine Zunahme von Armut durch die verheerenden Auswirkungen auf die Wirtschaft, haben sich größtenteils bewahrheitet. (dpa/DWN)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Wie Verbraucher mit Risiko umgehen – zwischen Finanzentscheidungen und digitaler Unterhaltung

Risiko ist ein Begleiter fast jeder wirtschaftlichen Entscheidung. Mal ist es größer, mal kleiner. Mal offensichtlich, mal schwer...

DWN
Politik
Politik Angriffe auf Frachter nehmen zu: Konflikt in der Straße von Hormus weitet sich aus
24.04.2026

Die militärischen Spannungen zwischen Iran und den USA verlagern sich zunehmend auf zentrale Seewege und gefährden damit zunehmend den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiepreisschock: Ifo-Index sackt ab – Iran-Krieg bremst deutsche Wirtschaft
24.04.2026

Der Iran-Krieg drückt die Stimmung: Das Ifo-Geschäftsklima fällt stärker als gedacht, deutsche Unternehmen erwarten wenig Besserung.

DWN
Immobilien
Immobilien Baubranche: Iran-Krieg lässt Kosten für Hausbauer steigen
24.04.2026

Beton, Stahl, Dämmstoffe: Viele Baumaterialien haben sich mit dem Krieg im Nahen Osten deutlich verteuert. Das belastet Hausbauer. Die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Druschba-Pipeline im Fokus: Russland greift in Öltransport ein
24.04.2026

Russland verschärft den Druck auf Europas Energieversorgung und rückt eine zentrale Pipeline erneut ins Zentrum geopolitischer...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Das Ende vom kostenlosen Handgepäck? Lufthansa streicht freien Handgepäckkoffer
24.04.2026

Neuer Spartarif bei Lufthansa-Gruppe: Nur noch ein kleiner Rucksack oder eine Laptop-Tasche gratis – wer mehr will, zahlt drauf. Die...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Millionenhaftung nach Fehlurteil: Stiftung Warentest unterliegt vor Gericht
24.04.2026

Ein fehlerhaftes Testurteil kommt die Stiftung Warentest teuer zu stehen: Das Oberlandesgericht Frankfurt hat dem Rauchmelder-Hersteller...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ritter Sport streicht Stellen: Schokoladenhersteller erstmals von Stellenabbau betroffen
24.04.2026

2025 war kein einfaches Jahr für den Schokoladenhersteller Ritter Sport. Hohe Kosten für Kakao, Energie und Logistik drückten die Firma...

DWN
Technologie
Technologie KI als Jobvernichter: Welche Jobs gefährdet sind und welche nicht
24.04.2026

Künstliche Intelligenz macht viele Arbeitsplätze überflüssig. Doch nicht alle Branchen sind betroffen und es entstehen auch ganz neue...