Auch die Fehler abgeschrieben: Uni Düsseldorf eröffnet Verfahren gegen Schavan

Bildungsministerin Annette Schavan hat für ihre Dissertation so präzise abgeschrieben, dass man erkennen kann, dass sie die Originale nur aus der Sekundärliteratur kennt. Die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf eröffnet nun ein Verfahren zur Aberkennung des Doktor-Titels. Schavan droht, zum Steinbrück der CDU zu werden.

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Dumm gelaufen: Bildungsministerin Annette Schavan (hier mit ihrer damaligen österreichischen Kollgin Elisabteh Gehrer) hat mindestens ein Image-Problem. (Foto: consilium)

Dumm gelaufen: Bildungsministerin Annette Schavan (hier mit ihrer damaligen österreichischen Kollgin Elisabteh Gehrer) hat mindestens ein Image-Problem. (Foto: consilium)

„Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“ – so ist der Titel der Dissertation, mit der Annette Schavan 1980 ihren Doktortitel an der Heinrich-Heine-Universität erworben hat, nach damaliger Einschätzung von Prüfern und Gutachtern ein „opus admodum laudabile“, also ein ausgezeichnetes Werk.

Dieses Lob hat 32 Jahre gehalten, bis ein anonymer Wissenschafts-Kontrolleur der Bildungsministerin auf die Schliche kam. Akribisch untersucht der Experte auf Schavanplag die intellektuelle Leistung von Schavan, und kommt mit der Nüchternheit eines Meteorologen zu einem vernichtenden Ergebnis:

„Insgesamt gibt es 97 Seiten im Haupttext der Dissertation von S. 11 bis 335, auf denen Übernahmen aus 45 Quellen nicht oder nicht ausreichend kenntlich gemacht werden. Bei 63 von 130 einzelnen Fragmenten handelt es sich um Verschleierungen, d.h. die (wirkliche) Quelle der Ausführungen wird – im Gegensatz zu Bauernopfern – auch im Umfeld der Übernahme nicht genannt. Bedeutendste Plagiatsquelle ist die Habilitationsschrift des polnischen Franziskaners Antoni Jozafat Nowak mit 21 Fragmenten.

Als Muster lässt sich erkennen, dass die Verfasserin oft vorgibt, Primärquellen zu rezipieren, während sie tatsächlich mit leichten Abwandlungen aus der Sekundärliteratur abschreibt. In vielen Fällen werden dabei auch Fehler bei Zitaten oder Literaturangaben mit übernommen bzw. – seltener – korrekte Literaturangaben fehlerhaft übertragen.“

Die Universität Düsseldorf hat am Dienstag in überraschender Einhelligkeit beschlossen, den Erkenntnissen nachzugehen. Sie teilt mit: „Der Fakultätsrat hat alle Sachverhalte der Vorprüfung ausführlich diskutiert und heute in geheimer Abstimmung mit 14 JA-Stimmen und einer Enthaltung entschieden, dass das Hauptverfahren zu eröffnen ist.“

Schavans Methode des Abschreibens bestand darin, dass sie wichtige Bücher von C.G. Jung, Sigmund Freud und Martin Buber nicht selbst gelesen hat, sondern Urteile aus der Sekundärliteratur als ihre eigenen Schlussfolgerungen ausgibt.

Zum Verhängnis wurde der CDU-Politikerin, dass sie auch die Fehler abgeschrieben hat. So kann der Plagiats-Wächter erkennen, dass es nicht Schavans eigene Gedanken sind, sondern eine „vorgetäuschte Rezeption“ der Originale ist.

Eigene Gedanken sind aber das Entscheidende an einer wissenschaftlichen Arbeit. Umso peinlicher, dass selbst das Fazit ihrer Forschung nicht von ihr selbst stammt, sondern mindestens an einer Stelle von Lutz Hupperschwiller stammt. Dessen Werk trägt den Titel: „Gewissen und Gewissensbildung in jugendkriminologischer Sicht“.

Die Vorgehensweise von Schavan wird von ihr vielleicht als Jugendsünde gesehen. Kriminell war sie sicher nicht. Wer jedoch beim Thema „Gewissen“ so locker mit dem gedanklichen Eigentum anderer umgeht, müsste sich, wenn er sein Gewissen im Lauf der Jahrzehnte gebildet hat, eigentlich fragen, ob er als Politiker eine Rolle spielen kann.
Schavan gibt sich – noch – trotzig, will natürlich nicht zurücktreten, im Gegenteil: Sie will wieder in den Deutschen Bundestag und bewirbt sich um ein Mandat.

Dummerweise fällt die Affäre in den Bundestags-Wahlkampf. Wenn die Bild-Zeitung („Wir sind Papst!“) erst einmal dahinterkommt, dass Schavan auch aus einem Buch von Joseph Ratzinger abgeschrieben hat, dann dürften die Verdienste der Ministerin (welche Verdienste eigentlich?) endgültig vergessen sein.

Was Angela Merkel aber gar nicht gebrauchen kann, ist, dass nun auch die CDU ihren Steinbrück hat. Daher ist es gut vorstellbar, dass die Kanzlerin die Notbremse zieht. Merkels Gewissen kennt nur eines: die Wiederwahl. Das Verfahren an der Universität wird sich über mehrere Monate hinziehen, Schavan kann, sollte ihr der Doktor-Titel abgesprochen werden, dagegen vor dem Bundesverwaltungsgericht Berufung einlegen.

An einer Stelle plagiiert Schavan zwei Freud-Experten: „Den lebenserhaltenden Trieben gegenüber stehen die Todestriebe […]] sie versuchen, lebende Einheiten zu zerstören, Spannungen radikal auszugleichen und so das Lebewesen in den anorganischen Zustand zurückzuführen, der als der Zustand der absoluten Ruhe angesehen wird.“

In „Jenseits des Lustprinzips“ hatte Freud allerdings nicht an die moderne Medien-Wirklichkeit und die innere Leere nach einem Rücktritt gedacht.

Kommentare

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    • eva sagt:

      Wie seltsam, dass die Uni Düsseldorf es gerade JETZT bemerkt, dass sie vor zweiunddreißig Jahren nichts bemerkt hat.

      Eine Woche nach der vergeblich aufgebauschten “Sexismus-Debatte” um Brüderle. Die wiederum direkt nach der überraschend nur hauchdünnen Mehrheit für Rot-Grün in Niedersachsen.

      Sieht alles nach einem konzertierten Angriff auf das konservative Lager aus, unter jeweils recht fadenscheinigen Argumenten.

    • eva sagt:

      Wie seltsam, dass die Uni Düsseldorf es gerade JETZT bemerkt, dass sie vor zweiunddreißig Jahren nichts bemerkt hat.

    • Bend Hnel sagt:

      Die Wahrheit kommt immer ans Licht.Wie verlogen doch diese Sch.. ist.Sie hat gemogelt und will ihre Abschreibkunst öffentlich verteidigen.Ich habe nicht alle Werke von C:G:Jung etc als junger 17/1819 Mensch gelesen,denn das sind einige tausend Seiten.Selbst C.G.Jung hat Quellenangaben in seinen Arbeiten korrekt angegeben.Ein seriöser Doktorand bei einem Ordinarius greift immer zur Quelle , zu Orginalien, und wenn er/sie eine Arbeit über die Quelle mit zur Hilfe nimmt, dann wird diese Arbeit ohne Abstriche zitiert.Werden nun eigene, neue, bahnbrecherische Gedanken und Ideen beweiskräftig dargestellt, ist das schöpferische Leistung und eines Titels Wert.
      Es kostet sehr viel Kraft und schlaflose Nächte diese Arbeit klar,nachvollziehbar ordentlich wiederzugeben.Wie schäbig sind unsere Politiker in regierungsverantwortung geworden.Sich mit ehrbaren Titel unverdientermaßen zu schmücken, ist auch ein politischer Niedergang.Diese Blender ekeln mich an.

    • Umlandt Gerhard sagt:


      Aber Hoppala!

      So harmlos ist die Sache nicht mehr!

      Es geht auch um eine falsche “eidesstattliche Versicherung”.
      Das ist eine schwere Straftat, die normalerweise mit
      Freiheitsentzug bestraft wird.

      Ich zitiere aus “Schavanplag” (Webseite):
      ___________________

      III. Verstoß gegen Promotionsordnung / Falsche eidesstattliche Versicherung

      Unabhängig davon, wie man einzelne Stellen bewerten will, hat die Verfasserin eindeutig gegen die damals geltende Promotionsordnung verstoßen. § 3 Abs. 3 der PromO in der Fassung vom 15.4.1977 bestimmt:

      “Die dem Promotionsgesuch beizufügenden Unterlagen sind: […]

      c) Eine eidesstattliche Versicherung

      – daß der Bewerber die vorgelegte Dissertation selbst und ohne unerlaubte Hilfe verfaßt und keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt hat […].” (Hervorhebung von mir)

      Insbesondere zählt Literatur bei wissenschaftlichen Qualifikationsschriften zu den Hilfsmitteln. Wegen der Nichtangabe der unter II. aufgeführten vier Quellen hat Frau Schavan daher eine falsche Versicherung abgegeben.

      ____________

      Es gibt auch eine “Merkelplag”!

      Was ist mit ihrer von der SED nachgeschmissenen
      `Doktorarbeit´, die “”””verschwunden”””” ist?

      Meine Doktorarbeit ist auch “verschwunden”.
      Ich nenn mich jetzt auch “Dr.”

    • Lesowki sagt:

      @Rollin

      Ja das ist richtig – das mit Fr. Schaffffaaaan geht ganz knapp am Schadensersatz vorbei.

      Aber die gute Ministerin ist nur der Stecknadelkopf auf dem Mount Everrest,
      bis hinunter zum Mariannengraben.