Eiskalt kalkuliert: Steuerzahler zahlt Neuordnung der Banken in Europa

Schlechte Nachrichten über Banken sind gute Nachrichten für die anderen Banken. Die Finanzindustrie hat die aktuelle Finanzkrise entfesselt, um die Konsolidierung der Banken zu betreiben. Es werden nur wenige große überleben - und die werden dann das Adelsprädikat „systemrelevant“ erhalten. Der Steuerzahler sollte wissen, was das für ihn bedeutet.

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Wolfgang Schäuble und Bundesbank-Chef Jens Weidmann: Am Horizont dämmert die neue europäische Bankenlandschaft. (Foto: DWN/Laurence Chaperon)

Wolfgang Schäuble und Bundesbank-Chef Jens Weidmann: Am Horizont dämmert die neue europäische Bankenlandschaft. (Foto: DWN/Laurence Chaperon)

Die Banken-Krise in Europa hat einen Zweck, dem in der öffentlichen Diskussion kaum Beachtung geschenkt wird: Die großen Player wollen mehr Anteile am europäischen Markt. Die Investment-Banken wie Goldman Sachs können von der Entwicklung besonders profitieren: Bei jeder Abwicklung entsteht neues, profitables Geschäft. Die Krise ist kein Unfall, eher eiskalt kalkuliert: Der Steuerzahler soll die Kosten für den beinharten Auslese-Wettbewerb der Banken in Europa zahlen.

Die hektischen Bemühungen der EU, für den Crash-Fall Regeln zu schaffen, sind die Vorboten eines bevorstehenden, dramatischen Konsolidierungs-Prozesses. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und Bundesbank-Chef Jens Weidmann wissen, dass der Prozess nicht aufgehalten werden kann. Daher will Schäuble unbedingt die Sparer mit einer Zwangsabgabe beteiligen, weil dann nicht Mittel aus dem Bundeshaushalt verbrannt werden müssen. Weidmann assistiert Schäuble und sagt, dass die Banken-Rettungen national sein müssen und nicht den Deutschen auferlegt werden können.

Doch Schäuble und Weidmann werden den fahrenden Zug nicht stoppen können.

Die Finanzindustrie hat das Signal auf Konsolidierung gestellt.

Konsolidierung bedeutet Bankenpleiten, für die irgendwer zahlen muss.

Die Banken wollen es nicht tun.

Die großen Institute der Finanzbranche wollen sich jedoch nach dem jeweiligen Crash die Mitbewerber einverleiben.

Die Deutsche Bank hat es bereits vorgemacht – wenngleich still und leise: Sie hat die Berliner Bank geschluckt. Die Kunden haben nichts davon bemerkt, obwohl es die Berliner Bank tatsächlich nicht mehr gibt. Noch musste der Steuerzahler nicht dafür zahlen. Doch niemand kennt die Risiken, die in den Kellern der Deutschen Bank schlummern.

Ähnliches gilt für die talienische UniCredit. Sie hat sich die Münchener HVB und die Bank Austria einverleibt. Im Bankengeschäft zählt Größe: Wer Zugriff auf einen größeren Kundenstock hat, der kann noch mehr hebeln. Gesteigertes Risiko hat den Vorteil, dass die Boni steigen – und bringt den angenehmen Nebeneffekt mit sich, dass eine größer gewordene Bank als „systemrelevant“ eingestuft und damit verpflichtend vom Steuerzahler gerettet werden muss.

Die Banken haben ein großes Interesse, dass die Rettung von Banken ein gemeinsames Anliegen von Steuerzahlern und Bank-Kunden bleibt. Wenn beide Gruppen ausgiebig beteiligt werden, dann kann die Bank ihren Aktionären sagen, dass sich deren Verluste in Grenzen halten werden. Daran haben wiederum die Staaten ein Interesse, weshalb die Standortpolitik eine große Rolle spielt. Kein Staat will der erste sein, der sich eingestehen muss, dass eines seiner Flaggschiffe leckgeschlagen hat.

Im Hintergrund betreiben die Investmentbanken wie Goldman Sachs und JP Morgan die Konsolidierung. Denn sie werden von jeder Veränderung profitieren: Wenn Banken fusioniert oder abgewickelt werden, muss eine Investment-Bank den technischen Teil durchführen. Daher ist für Goldman & Co. jede Krise ein gutes Geschäft. Das Schlimmste für Investment-Banken ist Stillstand.

Daher sind stabile, aber wenig spektakuläre Banken unbeliebt: Die Deutsche Bank hat sich die Postbank nur widerwillig einverleibt. Denn das Kundengeschäft gilt als unsexy: Teuer, wenig profitabel, einfach lästig. Die Deutsche Bank hat sich erst kürzlich von ihrem Privatkunden-Geschäft in den Niederlanden getrennt. Anshu Jain ist ein Mann der großen Linien. Und die findet man nicht im Filial-Geschäft, sondern im Kasino.

Die Konsolidierung der Banken zeigt sich am Rückgang der Filialen in Europa. (Grafik: EZB)

Die Konsolidierung der Banken zeigt sich am Rückgang der Filialen in Europa. (Grafik: EZB)

Diesen Trend kann man auch gut erkennen, wenn man sich die Entwicklung im Filialgeschäft in der EU ansieht. Obwohl immer neue Staaten beigetreten sind, ist die Zahl der Filialen in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Dies belegen aktuelle Zahlen, die die EZB veröffentlicht hat: Trotz der Erweiterung des Euro Währungsgebiets durch den Beitritt Griechenlands (2001), Sloweniens (2007), Zyperns und Maltas (2008), der Slowakei (2009) und Estlands (2011) ist die Anzahl der MFIs im Euroraum seit dem 1. Januar 1999 um 28% bzw. 2797 Institute gesunken.

Bis zum Ende des vergangenen Jahres gab es noch 218.000 Zweigstellen von Kreditinstituten. Die Zahl der Beschäftigten beläuft sich auf 3,04 Millionen. Je nach Mitgliedsland unterscheidet sich „der Konzentrationsgrad und der Anteil der ausländischen Institute am jeweiligen Bankensektor von Land zu Land“ erheblich. Der Trend setzt sich fort: Die Bank Austria hat vergangene Woche mitgeteilt, jede vierte Filiale schließen zu wollen (hier).

Im Januar belief sich die Anzahl der monetären Finanzinstitute (MFIs) im Euro-Raum auf 7.059, ein Rückgang im Vergleich zum Vorjahr von sechs Prozent (entspricht 474 MFIs weniger). In der EU gab es insgesamt 9.076 MFIs, das sind 511 MFIs weniger als im Vorjahr.

Den größten Rückgang der MFIs gab es in der Slowakei (-30%), Luxemburg (-22%) und Frankreich (-9%). Die Zahl der Geldmarktfonds ging aufgrund einer neuen EZB Leitlinie seit 2011 um 519 Fonds zurück. In Luxemburg (-124) und Frankreich (-84) ist die Anzahl der Geldmarktfonds am deutlichsten zurückgegangen.

Der Trend ist also klar: Die Banken wollen zwar die Kunden, nicht aber den mühsamen Service. Genauer gesagt wollen die Banken vor allem das Geld des Kunden. Je weniger Strukturen eine Bank hat, desto leichter kann sie verkauft oder gekauft werden. Das auch aus anderen Industrien beliebte Spiel der Fusionen steht dem Bankensektor weiter bevor. Dieses Spiel kann Jahre lang gespielt werden. Es hat zwar nie einen Nutzen für die Unternehmen und schon gar nicht für die Kunden – aber es ist eine Goldgrube für die Bank-Manager und für die beratenden Investment-Banken.

Auch die Bankenaufsicht wird sich die Marktbereinigung wünschen: Geht es nach dem Willen der EU, so wird die EZB die komplette Bankenaufsicht in Europa übernehmen. Der Deutsche Bundestag hat der damit zusammenhängenden Erschaffung einer neuen, grenzenlosen Industrie zugestimmt (hier). Die EZB muss in den kommenden Monaten tausende Mitarbeiter einstellen, um die Banken einigermaßen geordnet beaufsichtigen zu können (hier).

Die Bankenaufsicht durch die EZB, da sind sich alle Beobachter einig, wird nur gelingen, wenn es weniger Banken gibt.

Die neue Banken-Landschaft in Europa wird in den kommenden Jahren geformt. Dem europäischen Steuerzahler wird die Ehre zuteil, dass er für alle mit diesem Prozess zusammenhängenden Risiken und Nebenwirkungen haften darf. Das hat für den Steuerzahler, der möglicherweise gleichzeitig mit einer Zwangsabgabe enteignet wird, einen besonders bitteren Beigeschmack: Denn die Gewinner der Banken-Krise werden jene sein, die sie verursacht haben – die internationalen Groß- und Investmentbanken, die immer mehr Geld verzockt haben und  ihre Mittel den Schulden-taaten ohne Zögern in unbegrenztem Ausmaß zur Verfügung gestellt haben.

Das Zauberwort heißt systemrelevant.

Denn die Banken werden über das Geschäftsmodell des too big to fail quasi verstaatlicht. In den USA geht das so weit, dass bereits ein erster Hedge-Fonds auf sein Recht zum Bailout geklagt hat, wie Zerohedge berichtet.

Die Banken werden den Beitrag der europäischen Steuerzahler jedenfalls als historische Leistung würdigen.

Irischen Bankern wird künftig dagegen jede Meinungsäußerung untersagt.

Sie könnten ja die Wahrheit sagen.

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