EU-Bankenaufsicht: EZB muss zu Mammut-Behörde ausgebaut werden

Lesezeit: 2 min
13.09.2012 23:07
Wenn die EZB tatsächlich die Aufsicht über alle 6.000 Banken in der Eurozone übernehmen soll, wird sie tausende neue Mitarbeiter anstellen müssen. Schon heute arbeiten knapp 10.000 Bankenaufsehen in den Euro-Staaten - mit offenkundig mäßigem Erfolg. Geht es nach dem Willen der EU, entsteht in Frankfurt bald der nächste zentralistische Moloch.
EU-Bankenaufsicht: EZB muss zu Mammut-Behörde ausgebaut werden

Die Europäische Zentralbank hat aktuell gut 1.600 Mitarbeiter. Die Aufgabe, alle 6.000 Banken in der Eurozone zu überwachen, würde die Behörde in seiner heutigen Form überfordern. Es müssten zusätzliche Beamte angestellt werden. Dies ist die übereinstimmende Einschätzung von Experten, wie der britische Guardian berichtet. Wenn tatsächliche alle Banken von der EZB kontrolliert werden müssten, würde in Frankfurt eine neue Mammutbehörde entstehen.

Erst diese Woche wurden die Pläne der EU-Kommission für die neue Bankenaufsicht bekannt. Künftig soll die EZB umfassende Rechte bekommen und bei Fragen der Regulierung innerhalb der Europäischen Bankenaufsicht mit einer einzigen Stimme sprechen. Die Vormachtstellung die die EZB damit einnehmen würde, kritisieren einige EU-Mitglieder außerhalb der Eurozone (mehr hier).

Doch die neue Bankenaufsicht würde nicht nur zu einem stärkeren Ungleichgewicht führen, sie könnte die EZB auch überfordern: „Wie bei jeder Aufsichtsmaßnahme muss man aufpassen, dass man tatsächlich die Mittel hat, um diese Verantwortung zu erfüllen. Das ist die Diskussion, die jetzt geführt werden muss“, sagte EZB-Ratsmitglied und Gouverneur der Österreichischen Nationalbank, Ewald Nowotny.

Dies wird schnell deutlich, wenn man die heutige Organisation der Aufsichtsbehörden in der Europa genauer betrachtet. Denn in den einzelnen Ländern sind mit der Bankenaufsicht teilweise jetzt schon mehr Mitarbeiter befasst, als die EZB hat.

Die deutsche Aufsichtsbehörde BaFin etwa beschäftigt 2.100 Menschen. Sie verfügt damit über 500 Mitarbeiter mehr als die EZB, ohne dass man ihr besonders herausragende Erfolge im Kampf gegen Spekulation, Misswirtschaft oder Marktabsprachen anrechnen kann.

In anderen Euroländern wird ebenfalls mit einem enormen Personalaufwand der Finanz- und Bankenmarkt überwacht. In Spanien übernimmt diese Aufgabe die Nationalbank. Sie hat 2.686 Mitarbeiter, die zwar nicht alle mit der Regulierung des Bankensektors beschäftigt sind. Doch dies wirft ein Problem auf: Wie soll die Bankenaufsicht aus den gewachsenen Strukturen gelöst werden?

Werden die Banken künftig zentral aus Brüssel überwacht? Dies wird wohl schon rein arbeitsrechtlich nicht gehen. Die wenigsten Aufsichtsbeamten sind mit prekären Arbeitsverträgen ausgestattet, die es zulassen würden, die Aufseher samt Familien durch halb Europa umsiedeln zu können.

Für die neue Superbehörde EZB, wie sie sich EU-Kommissar Michel Barnier wünscht (mehr hier), wäre wohl auch das Machtsymbol – der neue EZB-Bau in Frankfurt – zu klein. Insgesamt achten in der Eurozone nämlich ungefähr 9.500 Personen darauf, dass der Bankensektor nicht völlig nach Belieben agiert.

Selbst wenn nur ein Bruchteil davon nach Frankfurt übersiedeln müsste, würde dies zu Problemen führen. Dass aber durchaus ein gewisses Personalkontingent aufgestockt werden müsste, zeigt der Vergleich mit Großbritannien.

Der attraktive britische Finanzplatz macht 3.400 Aufseher nötig. In den USA sind es mit 3.800 noch einmal mehr.

Interessant sind die teilweise unverhältnismäßig ausgestatteten Aufsichten anderer Euroländer. So hat zum Beispiel Österreich mit 336 Mitarbeitern bei der FMA nur unwesentlich weniger Personal zur Verfügung wie Frankreich. Es gibt 403 französische Aufsichtsorgane für Banken. Dafür haben Schwergewichte wie die BNP Parisbas oder die Credit Agricole dort ihren Sitz.

Malta, die Insel mit 420.000 Einwohnern gerade mal so große wie eine mittlere deutsche Kleinstadt, leistet sich immerhin 175 Bankenkontrolleure.

Nationale Bankenaufsichten nach Mitarbeiterzahl:

Spanien 2.686 (BdE, 2011)

Deutschland 2.100 (BaFin, 2012)

Slowakei 1.079 (NBS, 2010)

Irland 622 (CboI, 2011)

Italien 575 (CONSOB, 2010)

Niederlande 495 (AFM, 2011)

Luxemburg 406 (CSSF, 2011 – Zahl der Mitarbeiter stieg von 2010 auf 2011 um 12%)

Frankreich 403 (AMF, 2010)

Österreich 336 (FMA, 2011)

Belgien 275 (FSMA, 2011 )

Finnland 207 (Fin-FSA, 2011)

Malta 178 (MFSA, 2011)

Estland 74 (EFSA, 2011)

Slowenien 49 (ATVP, 2011)

Zypern 43 (CYSEC, 2010)

Griechenland x

Portugal x

USA: 3.844 (2011, SEC – US Securities and Exchange Commission)

GB: 3.439 (2011, FSA – Financial Services Authority)



DWN
Politik
Politik Johnson gewinnt Parlamentswahl: Tories erringen absolute Mehrheit im Unterhaus, SNP räumt in Schottland ab

Großbritannien steuert auf einen zügigen Austritt aus der EU zu. Die Konservativen werden aller Voraussicht nach die absolute Mehrheit...

DWN
Politik
Politik Grüne fordern „Klimapass“ für Migranten zur Umsiedlung in „sichere Länder“

Die Grünen vertreten einen bislang medial eher unbeachteten Forderungskatalog der Klimathematik. So sollen Menschen aus angeblich...

DWN
Finanzen
Finanzen Lagardes Einstand bei der EZB: Nullzinsen bleiben bis zum Sankt Nimmerleinstag

Christine Lagarde bestätigt als neue Präsidentin die Geldpolitik ihres Vorgängers: die Leitzinsen bleiben auf unabsehbare Zeit bei null,...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Regierung bereitet Sanktionen gegen Nordstream 2 vor

Das US-Repräsentantenhaus hat Sanktionen gegen das Pipeline-Projekt Nordstream 2 auf den Weg gebracht. Es muss jetzt noch vom Senat...

DWN
Politik
Politik Bosch: Von der Leyens „Green Deal“ bricht der deutschen Autobranche das Genick

Der Bosch-Vorstandsvorsitzende Volkmar Denner warnt vor den überzogenen CO2-Vorgaben der neuen EU-Kommission. Diese bedeuteten faktisch...

DWN
Finanzen
Finanzen Renditen steigen: Investoren verlieren das Vertrauen in Zombie-Unternehmen

Auf dem US-Markt geraten riskantere Unternehmensanleihen zunehmend unter Druck. Die Zahl der besonders gefährdeten Anleihen, der...

DWN
Politik
Politik Anhörung eskaliert: „Das Soros-Orchester“ und die ernste Entfremdung zwischen EU-Kommission und Ungarn

Eine Anhörung zu Vorwürfen der EU-Kommission gegen die ungarische Regierung ist aus dem Ruder gelaufen. Die beiden Seiten scheinen sich...

DWN
Finanzen
Finanzen Studie: Deutsche Wirtschaft und Haushalte steuern mit 5G auf ein Strompreis-Debakel zu

Einer Studie zufolge wird der neue Mobilfunkstandard 5G zu einer massiven Zunahme des Stromverbrauchs führen. Das alles geschieht zu einer...

DWN
Technologie
Technologie China testet digitale Zentralbankwährung im Einzelhandel

Als erstes Land der Welt testet China eine digitale Zentralbankwährung in der Praxis.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Droht das Aus? Traditionsreicher Zulieferer Leoni braucht plötzlich 200 Millionen Euro

Die Lage bei Leoni ist ernst: Der Konzern schreibt Verluste in zweistelliger Millionen-Höhe. Und das, obwohl der Hersteller zwölf Monate...

DWN
Deutschland
Deutschland Weihnachtsmarkt-Anschlag in Berlin: Mail-Mitschnitte werfen sonderbares Licht auf BKA-Beamten

E-Mail-Mitschnitte und die Aussagen eines Ermittlers aus Nordrhein-Westfalen werfen ein sonderbares Licht auf den Arbeitsansatz eines...

DWN
Politik
Politik Brexit: „In den nächsten beiden Jahren wird überhaupt nichts passieren”

Dem Ökonomen Anatole Kaletsky zufolge wird sich in den kommenden ein bis zwei Jahren im Verhältnis zwischen EU und Großbritannien so gut...

DWN
Politik
Politik US-Armee wird im Sommer 20.000 Soldaten für Großübung nach Europa verlegen

Die USA verlegen 20.000 zusätzliche Truppen nach Europa, die an einer Übung im Sommer teilnehmen sollen. Deutschland spielt dabei eine...

DWN
Finanzen
Finanzen Termingeschäfte eingeschränkt: Weltgrößter Pensionsfonds geht gegen Spekulanten vor

Mit einer Neuregelung zu seinem Aktienportfolio macht Japans staatlicher Pensionsfonds Leerverkäufern einen Strich durch die Rechnung....

celtra_fin_Interscroller