Politik

Olympia: Wütende Proteste der Brasilianer bei Eröffnungsfeier

Lesezeit: 2 min
06.08.2016 16:01
Zur Eröffnung der Olympischen Spiele haben tausende Brasilianer gegen den Ausverkauf ihres Landes und seine korrupte Führung protestiert. Am Rande der Spiele kam es zu mehreren Gewalt-Ausbrüchen.
Olympia: Wütende Proteste der Brasilianer bei Eröffnungsfeier

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..

Der brasilianische Interimspräsident hatte gerade die Olympischen Spiele in Rio de Jeneiro für eröffnet erklärt, als ihm die ganze Wut seiner Landsleute entgegenschlug. „Nach diesem wunderbaren Spektakel erkläre ich die Olympischen Spiele von Rio für eröffnet“, sagte Temer. Doch schon am Ende seines Satzes hallte ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert durch das Stadion. Temers zweiter Satz, den er noch hastig ins Mikrofon sprach, ging bereits im Lärm unter. Dann wandte er sich ab, das Feuerwerk ließ das Maracanã-Stadion erstrahlen und übertönte den Protest.

Am Rande der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro kommt es weiter zu schwerer Gewalt und Kriminalität: Die Polizei erschoss am

Freitag nach eigenen Angaben beim Maracanã-Stadion, dem Ort der

Eröffnungsfeier, einen Straßendieb. Der Mann habe Menschen am Stadion

bestohlen und sei von einem Polizisten erschossen worden.

Wenige Stunde zuvor wurde eine Frau von drei bewaffneten Straßenräubern

angegriffen. Als die 51-Jährige zu fliehen versuchte, sei ihr in den Kopf geschossen worden. Der Vorfall ereignete sich an einem der Zugänge zum bei Touristen beliebten Olympic Boulevard, eine für die Spiele verschönerte Hafenanlage.

Die Sicherheitslage in der Stadt ist auch während der Olympischen Spiele weiter angespannt. Die hohe Kriminalitätsrate in Rio ist eine der größten Sorgen der Olympia-Organisatoren. 88.000 Sicherheitskräfte sind derzeit in der Metropole im Einsatz und damit mehr als doppelt so viele wie bei den Spielen in London 2012.

Soldaten brachten unterdessen am Ziel der Herren-Radrennstrecke an der

Copacabana ein "Objekt" zur Explosion. Wie ein Funktionär sagte, hätten

Sicherheitskräfte eine "Art Tasche" entdeckt, die verdächtig gewesen sei. Die kontrollierte Explosion sei aus Sicherheitsgründen erfolgt. Die Radfahrer waren zu dem Zeitpunkt noch rund hundert Kilometer vom Ziel entfernt.

Für knapp 15 Sekunden wurde die Weltöffentlichkeit in der Nacht zum Samstag Zeuge der tiefen Zerrissenheit Brasiliens - so lange dauerte nur die Ansprache des umstrittenen Interimspräsidenten. Das Land steckt mitten in einer schweren Politik- und Wirtschaftskrise. Gegen Präsidentin Dilma Rousseff läuft ein Amtsenthebungsverfahren. Sie und ihre Anhänger sehen dies als „Putsch“ ihres vorherigen Vizes Temer.

Der Unmut der Brasilianer war auf den Straßen von Rio während der Eröffnung der Olympischen Spiele allgegenwärtig. Tausende Demonstranten hatten schon vor der Zeremonie gegen Temer und das Milliardenspektakel in ihrem krisengeplagten Land protestiert.

In der nahe dem Olympia-Stadion gelegenen Bar Smelly Goat wurde während der Eröffnungsfeier jede Einblendung des Interimspräsidenten im Fernsehen von Buhrufen begleitet. „Hurensohn“, zischte eine Frau, als Temer ans Mikrofon trat. Die meisten Besucher schenkten der Übertragung aus dem nur wenige hundert Meter entfernten Maracanã ohnehin kaum Beachtung.

„Ich komme lieber hierher, um ein Bier zu trinken und mit meiner Familie zusammen zu sein, anstatt mir die Eröffnungsfeier anzuschauen“, sagte die Kneipenbesucherin Patricia Palma. „Sie zeigen immer das Gleiche und sie haben uns eine Menge Geld aus der Tasche gezogen.“ Für sie seien die Spiele nur ein Projekt von „korrupten Politikern“.

Wie Palma sind viele Einwohner Rios der Meinung, dass nur die Reichen von den Olympischen Spielen profitieren, während die Stadt mit ihrer maroden Infrastruktur und kriselnden Wirtschaft weiter in Kriminalität versinkt.

Auch die beiden Besucher im Smelly Goat, die extra aus São Paulo angereist sind, um das Sportereignis hautnah mitzuerleben, haben gemischte Gefühle. „Ich wünschte, ich könnte jetzt im Stadion sein“, sagte Amelia Didier. „Es ist ein Sportfest für alle Länder der Welt, ein großartiges Aufeinandertreffen der Kulturen.“

Doch trotz ihrer Begeisterung glaubt auch die Wirtschaftswissenschaftlerin nicht daran, dass die Olympischen Spiele Brasilien voranbringen werden: „Nein, nein. Denn um diese Spiele zu organisieren, haben sie mehr Geld geraubt, als sie investiert haben. Brasilien wird einen sehr hohen Preis zahlen müssen.“

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Finanzen
Finanzen Unerwartete Renaissance: Briten setzen verstärkt auf Bargeld

Die Briten haben dem Bargeld zu einer unerwarteten Renaissance auf der Insel verholfen.

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Ohne den Dollar: Indien bezahlt massive Kohle-Importe in anderen Währungen

Indiens Unternehmen importieren massiv Kohle aus Russland, und die Zolldaten zeigen, dass sie diesen wichtigen Rohstoff heute kaum noch in...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Öl-Durchfluss durch Druschba-Pipeline gestoppt - Hoffen auf Kompromiss

Der Durchfluss durch die Süd-Route der wichtigen Druschba-Pipeline wurde gestoppt. Offenbar haben sich die Beteiligten nun auf einen...

DWN
Politik
Politik Alarmstufe Rot: Russland will ukrainisches Atomkraftwerk vom Netz nehmen

Russland will offenbar das Atomkraftwerk Saporischschja vom Netz nehmen. Mit dem Strom soll anschließend die Krim versorgt werden. Die...

DWN
Politik
Politik Schwere Eskalation im Streit zwischen EU-Kommission und Polen

Der Streit zwischen EU-Kommission und Polen eskaliert. Von „Oligarchie“, „Imperialismus“ und einer Neuordnung der Beziehungen ist...

DWN
Politik
Politik Lindner will Steuerentlastung: Topverdiener profitieren am meisten

Der Finanzminister hat angesichts der hohen Preise eine Steuersenkung angekündigt. Jetzt legt er seine Pläne vor. Kritik gibt es auch...

DWN
Politik
Politik Aufschrei nach FBI-Razzia: Republikaner stellen sich hinter Trump

Nach der umstrittenen Razzia des FBI stellen sich die Republikaner hinter Trump – und seine Kandidaten gewinnen erneut Wahlen.

DWN
Finanzen
Finanzen EZB-Umverteilung von Nord nach Süd nimmt Fahrt auf

Die EZB hat erneut viele Milliarden Euro in die hoch verschuldeten Staaten im Süden der Eurozone gepumpt. Dies geschieht auf Kosten von...