Lebensmittel-Preise: Die Welt wird globale Hunger-Katastrophen erleben

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 2 min
02.07.2013 00:34
Bis zum Jahr 2050 muss die Welt 70 Prozent mehr Lebensmittel produzieren, um die Bevölkerung zu ernähren. Die ungleiche Verteilung der Ressourcen wird durch Spekulationen auf Nahrungsmittel noch verschärft. Experten erwarten große, globale Hungerkatastrophen.
Lebensmittel-Preise: Die Welt wird globale Hunger-Katastrophen erleben

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Im Jahr 2050 wird es auf der Welt etwa neun Milliarden Menschen geben. Bis dahin müssen die Nationen es schaffen, die Produktion von Lebensmitteln um 70 Prozent zu steigern, um die Weltbevölkerung zu ernähren. Obwohl es immer ertragreichere Ernten gebe, werde der Konsum immer größer, daher sei es eine Herausforderung, unsere Lebensmittelvorräte stabil zu halten, sagte Marc Sadler vom Landwirtschafts- und Umweltdienst der Weltbank. Die steigende Nachfrage komme von „neuen Konsumenten mittleren Einkommens“ in den Schwellenländern, die ihre Ernährung umstellten. Immer mehr Menschen brauchen immer mehr Lebensmittel.

Ein zweites Problem der weltweiten Versorgung mit Lebensmitteln ist die ungleiche Verteilung der Ressourcen. Die größten Reserven befinden sich in Ländern, die diese nicht exportieren. „Etwa die Hälfte der weltweiten Getreidevorräte sind in Indien und China“, sagte Sadler einem Bericht von Bloomberg zufolge. Der Handel von Lebensmitteln sei zwar relativ uneingeschränkt, aber die zur Verfügung stehenden Lagerbestände für den Weltmarkt seien gering.

Zusätzlich wird diese Situation durch die Preistreiberei durch Spekulationen auf Lebensmittel erschwert. Ernten und Erträge können versichert werden. Landwirte weltweit bekommen von Finanzmarkt-Akteuren das Angebot, ihre Ernten zu einem bestimmten Preis und zu einer vereinbarten Zeit garantiert verkaufen zu können. Diese Future-Verträge können jedoch von den Versicherern auch weiterverkauft und gehandelt werden. Etwa 60 Prozent des weltweiten Marktes mit Grundnahrungsmitteln sind in der Hand von Akteuren, die diese weder anbauen noch brauchen. Es geht ihnen nur um Profit.

Banken, Hedge Fonds und Rentenfonds können mit diesen Produkten dann Wetten auf die Entwicklung der Lebensmittelpreise in deregulierten Finanzmärkten abschließen. Das führt zu drastischen Preisschwankungen bei Grundnahrungsmitteln wie Weizen, Mais und Soya. Steigende Preise sind eine Katastrophe für Dritte Welt Länder, deren Bevölkerung in Armut lebt. Unterernährung und Hunger sind die unmittelbaren Folgen.

Weitere Folgen sind ein Anstieg der Prostitution und der Kriminalität allein für die Beschaffung von Lebensmitteln, wie die Organisation World Development Movement (WDM) berichtet.  Die Verbreitung von Krankheiten wird durch Unterernährung beschleunigt. Nur aufgrund der steigenden Lebensmittelpreise wurden 2010 mehr als 44 Millionen Menschen in extreme Armut getrieben. Im Vergleich dazu hat sich das Ausmaß der Wetten auf Lebensmittel in den letzten fünf Jahren mit 126 Milliarden Dollar fast verdoppelt, berichtet WDM. Dieses Geschäft ist auch bekannt als große Hunger-Lotterie.

Diese Entwicklungen werden durch häufiger auftretende Naturkatastrophen in Armutsgebieten verschlimmert. Dürreperioden, Überschwemmungen, Erdbeben oder Tsunamis vernichten Ernten und damit die Lebensgrundlage der Menschen, die sich auf den Finanzmärkten nicht mehr mit Nahrungsmitteln versorgen können.

In zehn Jahren werde die Zahl der lebensmittelgefährdeten Menschen aufgrund dieser Entwicklungen um fast ein Viertel steigen. Lebensmittelgefährdet sind Menschen, die pro Person und pro Tag weniger als 2.100 Kalorien zu sich nehmen. Bis 2023 werden bis zu 868 Millionen Menschen in 76 Staaten mit niedrigem und mittlerem Einkommen davon betroffen sein. 40 Prozent der hungerleidenden Bevölkerung wird dann aus Südafrika kommen.

Ohne eine umfassende und weltumspannende Regulierung der Finanzmärkte steht der Welt in nicht allzu ferner Zukunft eine Hungerkatastrophe bevor. Transparenz bei den Future-Veträgen muss hergestellt werden. Derzeit weiß niemand, wie viel und welche Lebensmittel zwischen welchen Akteuren gehandelt werden. Strikte Grenzen über die Höhe der Gewinne und das Ausmaß der Finanzgeschäfte müssen etabliert werden, um den kaputten Markt für Grundnahrungsmittel – und damit den Preis fürs Überleben –  fair zu gestalten.


Mehr zum Thema:  

DWN
Deutschland
Deutschland „Deutschland spürt das Ende der Behaglichkeit“ – Warum Sie jetzt die DWN zum Vorteilspreis abonnieren sollten

Unser Redaktion zeigt auf, warum Sie nicht auf ein DWN-Abonnement verzichten sollten. Für das erste Jahr wird Ihnen ein besonderes Paket...

DWN
Deutschland
Deutschland DWN-Ratgeber: Staatliche Unterstützung während Corona - und wie man an sie herankommt

Auch wenn es immer wieder Kritik gibt: Dass der deutsche Staat nichts unternimmt, um den Unternehmen während der Krise unter die Arme zu...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Corona stürzt den Kakao-Preis in einen Bärenmarkt

Der abstürzende Kakaopreis spiegelt nicht nur Angebot und Nachfrage bei dem Rohstoff selbst wider, sondern ist auch ein nützlicher...

DWN
Deutschland
Deutschland Die EU-Klimapolitik trifft die deutschen Stahlkocher zur Unzeit

Die Klima-Ziele der EU-Kommission verunsichern die Stahlindustrie. Die zunehmenden Restriktionen treffen eine Branche, welche ohnehin in...

DWN
Deutschland
Deutschland Nordrhein-Westfalen gibt Windkraft neuen Schub

Die Windenergie-Branche steht unter massivem Druck. Jetzt gibt es wieder zwei Projekte aus dem Westen Deutschlands, die für Hoffnung...

DWN
Panorama
Panorama Die großen Viren-Epidemien kommen aus China: Ist der gewaltige Eier-Konsum der Grund?

Die großen Viren-Epidemien der letzten 100 Jahre kamen allesamt aus China. Was das mit dem gewaltigen Eierkonsum im Reich der Mitte zu tun...

DWN
Politik
Politik "Ich warne davor, sich gegenüber Peking unterwürfig zu verhalten"

Hier der zweite Teil des großen DWN-Interviews mit Fritz Felgentreu. Der SPD-Bundestagsabgeordnete, Obmann im Verteidigungsausschuss und...

DWN
Finanzen
Finanzen Irren die Lehrbücher? Zentralbanken pumpen Milliarden ins System - aber die Inflation bleibt aus

Seit über zehn Jahren überschwemmen die Zentralbanken die Welt mit Geld, aber die Inflation scheint auszubleiben. "Scheint", betont...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutscher Stahl: Auch heute noch das Rückgrat der Volkswirtschaft

Auch im Zeitalter der Digitalisierung bildet die Stahlbranche noch immer das Rückgrat der deutschen Volkswirtschaft.

DWN
Politik
Politik Spahn treibt digitale Patienten-Akte voran: Kritik an Einführung einer „unausgereiften“ Version Anfang 2021

Die Bundesregierung treibt die Digitalisierung im Gesundheitswesen voran. Anfang 2021 wird die elektronische Patientenakte kommen – in...

DWN
Technologie
Technologie Markt für Smartcards wächst auf über 10 Milliarden Dollar

Smartcards, die oft in großen Unternehmen als eine Art digitaler Ausweis zum Einsatz kommen, werden immer wichtiger. Die Umsätze ihrer...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Statistiken werden in großem Stil gefälscht: In Wahrheit sind ein Drittel aller Amerikaner arbeitslos

In den offiziellen US-Statistiken werden Abermillionen von Arbeitslosen aufgrund von gezielten Tricksereien und Statistik-Fälschungen...

DWN
Politik
Politik Neue globale Verantwortung: Deutschlands Marine muss die Freiheit der Seewege schützen

Was bedeutet der Abzug von 9.500 amerikanischen Soldaten aus Deutschland? Wie soll unser Land in Zukunft sicherheitspolitisch agieren?...

DWN
Politik
Politik Einbruch-Serie erschüttert Europaparlament: Dutzende Büros aufgebrochen, Akten und Computer gestohlen

Wie erst jetzt bekannt wurde, wurden im Europaparlament in Brüssel in den vergangenen Wochen dutzende Abgeordneten-Büros aufgebrochen und...

DWN
Technologie
Technologie Wasserstoff: Die Lösung aller Antriebs-Probleme beim Auto?

Der Experte Timm Koch plädiert im großen DWN-Interview für das Auto mit Brennstoffzellen-Antrieb, der auf Wasserstoff basiert.

celtra_fin_Interscroller