Die Stadt als Beute: Austausch der Bevölkerung wegen Immobilien-Boom

 

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01.10.2016 03:00
Der Filmemacher Andreas Wilcke hat mit „Die Stadt als Beute“ einen äußerst sehenswerten Dokumentarfilm über die Veränderungen auf dem Berliner Wohnungsmarkt gedreht. Wie in den meisten anderen Großstädten Europas werden auch hier die ärmeren Bevölkerungsschichten durch steigende Mieten verdrängt. Diese Entwicklung dürfte sich in den nächsten Jahren beschleunigen und den Charakter der Stadt verändern.
Die Stadt als Beute: Austausch der Bevölkerung wegen Immobilien-Boom
Andreas Wilcke hat von Anfang 2011 bis Ende 2014 in Berlin gedreht. Foto: Andreas Wilcke)

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Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen Film zu machen?

Andreas Wilcke: Ich wohne seit 1991 in Berlin, fast durchgehend in Berlin- Friedrichshain. In dieser Zeit hat sich der Kiez, in dem ich lebe, diametral verändert. In den Neunzigern stand der halbe Stadtteil, in dem vor allem Arbeiter lebten, leer. Es gab dadurch viele Freiräume für Abenteurer, Künstler und jeden, der keine zu hohen Ansprüche an seinen Wohnkomfort stellte und den Kopf voller Ideen hatte. Der Umgang der  Menschen der verschiedensten Couleur miteinander war extrem unverkrampft und  ist jetzt einer Art Besitzstandswahrung mit einem gewollten aneinander Vorbeileben gewichen.

Dann wurden komplette Straßenzüge saniert und fast durchgehend die gesamte Bevölkerung ausgetauscht. Hinzu kommt, dass sich die Gegend nach und nach in ein Naherholungsgebiet für Touristen verwandelt hat. Es ist kein lebendiges Quartier mehr, sondern nur noch eine Art Vorstadtidylle mit gastronomischem Allround-Angebot. Alte Leute, Arbeiter oder Hartz-IV-Empfänger sucht man hier fast vergeblich. Letztendlich war es ein Gemisch aus Melancholie und Wut, das mich veranlasste, mit dem Drehen zu beginnen. Ich wollte mich von dem Berlin, das es bald nicht mehr geben wird, verabschieden, und  die immer drastischer werdende Dynamik des Wandels  irgendwie atmosphärisch fassbar machen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie groß war der Aufwand, den Film zu machen?

Andreas Wilcke: Von Anfang 2011 bis Ende 2014 habe ich gedreht. Am Ende hatte ich ungefähr 250 Stunden Material.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Hatten Sie den Film mehr oder weniger vorher schon im Kopf oder ist er im Schnitt noch einmal völlig neu entstanden?

Andreas Wilcke: Ich hatte kein festes Konzept. Es gab verschiedene Herangehensweisen, die ich dann nacheinander verworfen habe. Ich habe ca. 40 Interviews gedreht und teilweise über Jahre verschiedene Wohn- und Bauprozesse begleitet.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Ein Wort zur Bildsprache des Films.

Andreas Wilcke: 
Ich bin kein Freund von Großaufnahmen. Das merkt man dem Film sicher an. Es war mir immer wichtig, dass man durch das Ambiente der Wohn- und Arbeitsräume, in denen man die Protagonisten des Films sieht, auch ein wenig über diese erzählt bekommt.

Ich habe die Bilder oft lange stehen gelassen, um ihnen und dem Zuschauer den Raum zu geben, in Beziehung mit dem Geschehen zu treten. Ich wollte dem Zuschauer dadurch, dass er in Echtzeit diese oft dramatischen Momente mit- bzw. nacherlebt, die Möglichkeit geben, eine Erfahrung zu machen, anstatt ihn durch eine rasche Schnittfolge bzw. Off-Kommentare fremdgesteuert zu emotionalisieren.

Dadurch dass ich in den meisten Szenen (außer den Interviews) auf das Geschehen reagiere und niemand den Ton angelte, war ich natürlich beim Dreh Zwängen ausgesetzt. 
Bewusst im Voraus komponiert habe ich nur die Zwischenstrecken, die den eigentlichen Hauptdarsteller des Films, die Stadt, in Szene setzen sollten.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: „Immer werden. Niemals sein.“ - Ist Berlin anders als andere Städte? Vielleicht auch bedingt durch seine ehemalige Teilung?

Andreas Wilcke: 
Berlin ist in der speziellen Situation, dass dort, wo früher der Todesstreifen war und niemand wohnen wollte, sich jetzt das schwer begehrte Herz der Stadt befindet. Die Stadt war früher der größte Industriestandort in Deutschland. Hier lebten Arbeiter und Westdeutsche, die keinen Wehrdienst verrichten wollten.

Große Teile von Berlin wurden zum Kriegsende zu Ruinen gebombt und wieder aufgebaut. Das hat riesige Löcher in die Stadt gerissen. Großsiedlungen entstanden auf beiden Seiten der Mauer.

Außerdem ist das jetzige Berlin erst Mitte des 19. Jahrhunderts aus der Zusammenlegung einer Vielzahl von Kleinstädten entstanden, die auf einmal ein Ganzes formten. Dadurch war es bis vor kurzem so, als wenn man von einem Dorf mit Marktplatz und Rathaus zum nächsten spazierte.

Auch hat der wirtschaftliche Verwertungsdruck hier nie wirklich stattgefunden, da in Westberlin niemand von außen in eine Stadt investieren wollte, die einem  jederzeit durch den Kalten Krieg um die Ohren fliegen konnte.

Und in Ostberlin war Wohnen ein stark subventioniertes Grundrecht, das nur einen Bruchteil des Einkommens in Anspruch nahm.

Vielleicht hat das alles so eine gewisse Renitenz als Grundhaltung und Basis für das, was den Charme von Berlin eigentlich ausmacht, geschaffen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Steigende Mieten sind ja nicht nur in Berlin ein Problem. Haben Sie sich mal umgehört, wie es anderswo in Europa aussieht?

Andreas Wilcke: Ich war vor zwei Wochen auf einer Drehreise in Paris. Ein Freund von mir wohnt dort in einer nicht gerade attraktiven Wohngegend mit Frau und Kind auf 23 m² für 650 Euro und empfand es für dort als billig. In den anderen westeuropäischen Metropolen ist es allerdings so, dass die meisten Menschen  in Eigentumswohnungen leben, wohingegen in Berlin 83 Prozent der Menschen Mieter sind. Das schafft eine ganz andere Ausgangslage. Auch hat Berlin eine Sozialstruktur, die 60 Prozent der Bewohner Anrecht auf einen WBS gibt und besitzt die zweithöchste Arbeitslosenquote aller Bundesländer, knapp geschlagen von Bremen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie waren die Reaktionen der Personen, die Sie für den Film interviewt haben? Haben Sie da was gehört?

Andreas Wilcke: 
Bisher gab es noch kein Feedback von Protagonisten aus der Immobilienbranche.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Der Film hatte und hat eine beachtliche Presse- Resonanz. Überrascht Sie das?

Andreas Wilcke: Die Presseresonanz war erfreulich groß. Das war aber auch dem Starttermin geschuldet, den ich bewusst 10 Tage vor der Berlin-Wahl angesetzt hatte. Die Art der Berichterstattung fand ich allerdings oft enttäuschend. Es wurde so z.B. nie thematisiert, dass Bürgermeister Müller, der zum Zeitpunkt, in dem er im Film zu Wort kommt, Senator für Stadtentwicklung war, Sätze sagt wie: Alles, was ich Menschen, die verdrängt werden, versprechen kann, sind Umzugshilfen. Stattdessen hat man mit den Maklern und Investoren ein ganz klares Feindbild zugeordnet und diese mit verachtenden Attributen eingedeckt. Diese Denunziation und jene, welche die Presse auch teilweise mir zugeschrieben hat, weise ich entschieden zurück.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Denken Sie, dass der Film in der Debatte um steigende Mieten eine Rolle spielen wird? Oder tut er das schon?

Andreas Wilcke: Ich war bisher 13 Male in Kinos in Berlin zu einem Filmgespräch im Anschluss an eine Vorführung eingeladen. Oft habe ich mich noch lange nach Veranstaltungsschluss vor dem Kinosaal mit vielen Leuten unterhalten, die mir von ihren konkreten Nöten und ihrer Ohnmacht erzählten. Zu einer Veranstaltung wurden ohne mein Wissen Politiker (unter anderem der Finanzsenator von Berlin) geladen, die den Film benutzen wollten, um Wahlkampf zu betreiben. Das fand ich geschmacklos. Der Film bietet keine Lösungen, und hinterlässt Wut bei vielen Zuschauern, die mir kommunizierten, dass sie sich einen Hoffnungsschimmer gewünscht hätten. Insofern hat er vielleicht oft eine kathartische Wirkung.

Ich glaube nicht, dass der Film im Großen etwas verändern kann, aber vielleicht schafft er es, Einzelne wachzurütteln, und bewegt diese zur Solidarität mit Betroffenen. Eine Sensibilisierung für die Nöte der Mitmenschen im Gegensatz zur vorherrschenden Tendenz sich voneinander abzuschotten - wenn der Film das bei ein paar Menschen auslösen könnte, würde mich das freuen. Ansonsten jagt ja heute eine Nachricht die nächste und ein Event das andere, sodass die Halbwertzeit von allem, was nicht per se Entertainment ist, ohnehin minimal ist.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Würden Sie wieder ein sozial relevantes Thema für einen Film aufgreifen?

Andreas Wilcke: Ja, das würde ich sehr gern machen. Nur wird es ab jetzt ungleich schwieriger, Vorgänge von mehreren Perspektiven ausgehend zu beleuchten, nachdem die Presse mir teilweise das Stigma des tendenziösen Aktivisten angedichtet hat. - Das ist der Nachteil davon, dass heute alles auf ewig im Netz herumschwirrt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Haben Sie schon ein neues Projekt?

Andreas Wilcke: 

Ja, ich mache einen Film über die letzte Spielzeit der Volksbühne unter Frank Castorf und drehe gemeinsam mit meinem Co-Regisseur Falko Seidel ein Portrait über den Dokumentarfilmer und Maler Jürgen Böttcher, alias Strawalde.

***

Andreas Wilcke wuchs in einer Kleinstadt im Land Brandenburg auf. Mit 17 Jahren ging er nach Berlin wo er 1993 sein Abitur ablegte. Er schloss ein Studium zum Diplomübersetzer (Spanisch/Englisch) ab und studierte an der Ostkreuzschule für Fotografie bei Werner Mahler und Arno Fischer. Seit 2011 arbeitet er als Regisseur und Kameramann. Sein letzter Film, „Die Stadt als Beute“ wurde in den Medien ausgiebig besprochen. Informationen zu Spielzeiten und – orten des Films lassen sich über www.diestadtalsbeute.com abrufen.

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