Rationierung von Bargeld treibt kleine Unternehmen in den Konkurs

Die bargeldfeindliche Agenda der indischen Regierung fügt der Wirtschaft schweren Schaden zu. Die erzwungene Digitalisierung des Zahlungsverkehrs funktioniert vielerorts nicht.

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Der überraschend angekündigte Zwangsumtausch großer Rupien-Noten in Indien fügt der Wirtschaft des Landes erheblichen Schaden zu. Insbesondere viele kleinere Betriebe stünden einem Bericht des Guardian zufolge kurz vor dem Ruin. Die erzwungene Einrichtung von Konten, mit denen Geldüberweisungen nach dem Willen der Regierung um Premierminister Narendra Modi in Zukunft ausschließlich unbar erfolgen sollen, kommt nur stockend voran. Auch da, wo Lohnkonten bereits eingerichtet wurden, hätten viele Angestellte keinen Zugang darauf. Verantwortlich dafür seien vornehmlich Missmanagement, Willkür und Korruption im indischen Verwaltungsapparat.

Der Guardian schildert die Situation einer Textilfabrik aus Neu Delhi, welche ihren Betrieb aufgrund der Bargeld-Rationierung inzwischen einstellen musste. Rund 80 Prozent der Angestellten seien in ihre Heimatdörfer nördlich von Delhi zurückgekehrt, weil sie nicht länger ausbezahlt werden konnten. „Es ist gut, dass sie gegangen sind. Wegen der Bargeldabschaffung gibt es hier keine Arbeit mehr“, zitiert der Guardian den Firmenchef. Etwa 90 Prozent aller wirtschaftlichen Transaktionen wurden in Indien bisher in bar abgewickelt. Das Verbot der 500-Rupien-Scheine und 1000-Rupien-Scheine haben über Nacht etwa 86 Prozent des zirkulierenden Geldes wertlos gemacht.

Der Aufbau einer breitflächige Versorgung der Bevölkerung mit Bankkonten, auf welche die Regierung setzt, kommt jedoch nur schleppend voran. Diese hat offenbar das Ziel, die Kontrolle der Regierung über die Ersparnisse der Bevölkerung zu verstärken. „Wie soll ich meine Arbeiter mit einem Scheck bezahlen, wenn diese überhaupt kein Konto haben? Es dauert drei Tage, bis eine Zahlung per Scheck abgewickelt ist. Wovon leben die Leute in dieser Zeit?“, wird der Firmenchef zitiert. Die Bilanz eines von der Regierung vor zwei Jahren eingeführten Programms, welches Millionen von Indern ein Bankkonto zusprach, fällt ernüchternd aus. Selbst nach der Anfang November erzwungenen Umstellung auf digitale Zahlungen sind wahrscheinlich noch immer auf rund einem Viertel dieser Konten keine Einzahlungen erfolgt.

Die Bargeld-Abschaffung ist offenbar nur schwer mit der Lebenswirklichkeit vieler Inder zu vereinbaren. „Ich bin eine Tagelöhnerin und ich weiß nicht, ob ich morgen noch eine Stelle haben werde. Wenn ich bar bezahlt werde, dann weiß ich, dass das Geld mir gehört. Es gibt viele Unternehmer, die ihre unwissenden Arbeiter betrügen werden. Sie werden ihnen sagen, dass sie das Geld überwiesen hätten, obwohl das nicht stimmt“, sagt eine Näherin.

„In der Theorie ist es eine großartige Idee, dass durch die Konten den Bürgern jene Mindestlöhne ausbezahlt werden müssen, welche das Gesetz vorsieht“, sagt Aparna, die Präsidentin der Indischen Gewerkschaften. „Der Nachteil ist: wir können das nicht umsetzen. Es ist ein bisschen so, als habe die Regierung per Dekret erlassen, dass bis Morgen jegliche Armut abgeschafft werden wird. Das berücksichtigt keine der Beschränkungen des indischen Staatssystems, die jedes Kind kennt.“

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