Snapchat: Unternehmen ohne Gewinne ist 34 Milliarden Dollar wert

Snapchat ist ein Unternehmen, dass noch nie Gewinne gemacht hat und auch für die nahe Zukunft keine erwartet. Aktionäre haben kein Mitspracherecht. An der Börse bricht ein regelrechter Hype aus.

Ihren XING-Kontakten zeigen
linkedin
abo-pic
Die beiden Unternehmensgründer Evan Spiegel (r, CEO) und Bobby Murphy (M, Co-Gründer) läuten am 02.03.2017 die Eröffnungsglocke der New Yorker Börse, rechts Börsenchef Thomas Farley. Die Aktie des Snapchat-Betreibers Snap ist am Donnerstag bei ihrer Premiere an der Wall Street durchgestartet. (Foto: dpa)

Die beiden Unternehmensgründer Evan Spiegel (r, CEO) und Bobby Murphy (M, Co-Gründer) läuten am 02.03.2017 die Eröffnungsglocke der New Yorker Börse, rechts Börsenchef Thomas Farley. (Foto: dpa)


Lauren Hirsch von Reuters analysiert den Börsenstart von Snapchat:

Die Aktie des Snapchat-Betreibers Snap ist am Donnerstag bei ihrer Premiere an der Wall Street durchgestartet. Die Papiere des Messaging-Dienstes verteuerten sich bei hohen Umsätzen gegenüber dem Ausgabepreis zeitweise um rund die Hälfte. Erster Kurs war 24 Dollar. Es ging dann bis auf 26,05 Dollar nach oben. Das Papier beendete den ersten Handelstag mit 24,48 Dollar, was einem Aufschlag von 44 Prozent gegenüber dem Emissionspreis entspricht. Die New Yorker Börsen schlossen dagegen im Minus.

Es ist einer der größten Börsengänge in der Technologiebranche überhaupt. Snap hatte am Mittwoch 200 Millionen Aktien zu jeweils 17 Dollar bei Investoren untergebracht – deutlich mehr als die eigentlich erwarteten 14 bis 16 Dollar. Bereits kurz nach Ermittlung des ersten Kurses empfahlen allerdings die Analysten des Anlageberaters Pivotal Research die Aktien zum Verkauf und riefen ein Kursziel von zehn Dollar aus. Das Papier sei deutlich überbewertet.

Insgesamt fließen dem WhatsApp-Rivalen 3,4 Milliarden Dollar zu. Unternehmensgründer Evan Spiegel nimmt 272 Millionen Dollar ein. Die Nachfrage hatte die angebotenen Papiere um mehr als den Faktor zehn überstiegen. Auf Basis des Schlusskurses ist das Unternehmen an der Börse rund 34,5 Milliarden Dollar wert, obwohl es weiter rote Zahlen schreibt, nicht mit Gewinnen rechnet und die Aktionäre kein Mitspracherecht bekommen.

Zum Vergleich: Beim Kurznachrichtendienst Twitter, dessen Umsatzwachstum zuletzt fast zum Erliegen kam, sind es etwas mehr elf Milliarden Dollar. In Deutschland sind etwa die Lufthansa, die Deutsche Bank und der Chiphersteller Infineon aus dem Kreis der 30 Dax-Unternehmen deutlich weniger wert. Die amerikanischen Technologie-Riesen Facebook und Apple sind fast 400 Milliarden beziehungsweise 733 Milliarden Dollar wert.

Snap aus Los Angeles ist erst fünf Jahre alt, und es gibt Zweifel am Geschäftsmodell. Das war beim Facebook-Börsengang ähnlich. Mittlerweile sind die Bedenken aber weg. Quartal für Quartal verdient das weltgrößte Internet-Netzwerk jetzt Milliarden.

Snapchat wird vor allem von Menschen unter 30 Jahren genutzt, die es schätzen, dass ihre Nachrichten schnell wieder gelöscht werden. Ende 2016 kam der Dienst auf 158 Millionen aktive Nutzer, 48 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Nettoverlust summierte sich auf knapp 515 Millionen Dollar nach 373 Millionen im Jahr 2015. Das Unternehmen nimmt vor allem mit Werbung Geld ein und konkurriert insofern direkt mit Google und Facebook.

Der Zeitpunkt für den Börsengang ist günstig. Die wichtigsten Aktienindizes in New York kletterten zuletzt fast täglich auf Rekordstände. Die Börse wird von der Hoffnung angeschoben, dass der neue US-Präsident Donald Trump für mehr Wachstum, Investitionen und Jobs sorgt. Jetzt wird mit weiteren Börsengängen gerechnet, nicht nur aus der Techbranche. „Das Umfeld ist fantastisch. Man spürt die Lebensgeister hier. Es gibt keinen besseren Zeitpunkt als derzeit“, sagte Stephen Massocca vom Finanzdienstleister Wedbush Securities. Außerdem herrschte bei Börsengängen im Technologie-Sektor im vergangen Jahr Zurückhaltung.

Analysten wie Neil Wilson vom Wertpapierhändler ETX Capital sprachen allerdings von einer „grotesken Bewertung“. Denn diese entspreche bereits zum Ausgabekurs etwa dem 60-Fachen des Snap-Umsatzes. Das ist mehr als doppelt so viel wie vor fünf Jahren bei Facebook. Dies galt damals schon als extrem. Das Snap-Management argumentiert mit der vielen Zeit, die Mitglieder die App nutzen. Außerdem gebe es ein großes Umsatzpotenzial, weil die Jugend verstärkt Videos in der Kommunikation untereinander nutze.

*** Für PR, Gefälligkeitsartikel oder politische Hofberichterstattung stehen die DWN nicht zur Verfügung: Unsere Prinzipien: Kritische Distanz zu allen und klare Worte. Das gefällt natürlich vielen nicht: Der Bundesregierung, den EU-Behörden, den Netzwerken der Parteien, den Lobbyisten, Medien unter staatlicher Aufsicht, verschiedenen Agitatoren aus dem In- und Ausland. Diese Player behindern uns nach Kräften und attackieren unser Geschäftsmodell.

Daher bitten wir Sie, liebe Leserin und Leser, um Ihre Unterstützung: Sichern Sie die Existenz der DWN!

Hier können Sie sich für einen kostenlosen Gratismonat registrieren. Wenn dieser abgelaufen ist, erhalten Sie automatisch eine Nachricht und können dann das Abo auswählen, das am besten Ihren Bedürfnissen entspricht. Einen Überblick über die verfügbaren Abonnements bekommen Sie hier. ***

media-fastclick media-fastclick