Frauen tragen die Last des Wiederaufbaus in Syrien

In Syrien beginnt langsam der Wiederaufbau des vom Krieg zerstörten Landes. Die Last tragen vor allem die Frauen.

Ihren XING-Kontakten zeigen
linkedin
abo-pic
Der UN-Vermittler für Syrien, Staffan de Mistura, mit einer Gruppe syrischer Frauen vor dem Sitz der Vereinten Nationen, am 23.02.2017 in Genf. (Foto: dpa)

Der UN-Vermittler für Syrien, Staffan de Mistura, mit einer Gruppe syrischer Frauen vor dem Sitz der Vereinten Nationen, am 23.02.2017 in Genf. (Foto: dpa)

Allmählich beginnt der Wiederaufbau Aleppos. (Foto: DWN)

Allmählich beginnt der Wiederaufbau Aleppos. (Foto: DWN)

+++Werbung+++

Die syrischen Händler sind entschieden und fleißig. Trotz einer erneuerten Verlängerung der EU-Wirtschaftssanktionen Ende Mai, schauen sie nach vorne. „Gott hat uns den Reichtum ermöglicht“, sagt ein Unternehmer aus Aleppo. „Gott hat uns bis heute überleben lassen. Er wird uns helfen, alles wieder aufzubauen, wenn wir damit beginnen.“

Im Hotel Dama Rose in Damaskus wurde Ende Mai die 4. Technobuild-Ausstellung eröffnet. 45 Firmen präsentierten ihre Produkte rund um das Bauen und Wohnen, Brandschutz, Solaranlagen und Stromleitungen. In Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Arbeit und Wohnen hatte die Internationale Vertriebsvereinigung Syriens die Ausstellung ausgerichtet. Besonderes Augenmerk war das Programm „Syrische Investitionen in die Kinder“, das Pläne für Bildung und Ausbildung für die heranwachsende Generation enthält. Auch 15 libanesische Firmen waren vertreten. Möglich, dass unter libanesischem Label auch Firmen aus Europa und den USA, aus den Golfstaaten oder der Türkei einen Blick nach Syrien hineinwagten. Diese Staaten, die seit 2011 schwerste Wirtschaftssanktionen gegen Syrien verhängt haben, sitzen in den Startlöchern, um nach dem Krieg am Wiederaufbau zu verdienen. Aktuell sind es iranische, russische, indische, chinesische Firmen und Unternehmen aus dem Libanon und Ägypten, die Aufträge für den zögernd beginnenden Wiederaufbau in Syrien erhalten.

Wie nach jedem Krieg bleibt es am Ende Aufgabe der Frauen, die Scherben des zerbrochenen Lebens wieder zusammenzufügen. Die Kreativität und Kraft der syrischen Frauen wird nicht nur unermüdlich vom UN-Sondervermittler für Syrien, Staffan De Mistura, betont, auch die syrische Regierung will das Potential der syrischen Frauen fördern. Ende Mai verabschiedete die Regierung ein Programm für „Frauen in ländlichen Gebieten als Partner in der Entwicklung“, das Kleinkredite für Frauen vorsieht, die landwirtschaftliche Produkte herstellen. Unterstützt werden soll deren Arbeit auch dadurch, dass die Regierung die Produkte bevorzugt kauft, um sie – in speziell eingerichteten Verkaufszentren – landesweit anzubieten.

Nach Angaben von Raeda Ayoub, der Leiterin des Entwicklungsprogramms für Frauen aus ländlichen Gebieten beim Agrarministerium, wurden bisher knapp 20.000 (19.835) Projekte mit Kleinkrediten unterstützt. Das habe 24.000 Familienbetrieben geholfen. Geplant seien nun 5.000 Ausbildungszentren, in denen die Frauen angeleitet werden sollen, um ihren Kleinkredit gewinnbringend zu nutzen.

Krieg und Sanktionen haben die syrische Wirtschaft folgenschwer zerstört

Der Versuch, die syrische Ökonomie von der Basis her wieder in Gang zu bringen und den Menschen eine Lebensperspektive zu bieten, scheint angesichts der massiven Verluste durch Krieg und Sanktionen, wie ein Tropfen auf den glühenden Stein. Bei einer hochrangig besetzten Konferenz der Britisch-Syrischen Gesellschaft in Damaskus – „Der Krieg in Syrien: Herausforderungen und Möglichkeiten“ – äußerten sich u.a. die Minister für Energie und Stromversorgung des Landes zu den massiven Verlusten, die die syrische Ökonomie zu verkraften hat.

Einst der weltweit fünfgrößte Exporteur für Phosphat, produziert Syrien heute kein Phosphat mehr, Öl- und Gasproduktion sind massiv gesunken. Die größten Phosphatminen, die im Umland der Ruinenstadt Palmyra liegen, wurden wiederholt von den Kampfverbänden des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) eingenommen und liegen heute in einer militärischen Sperrzone. Die Ölfelder entlang der Grenze zum Irak und bei Rakka wurden ebenfalls vom „IS“ besetzt, ausgeplündert und in die Türkei bzw. an andere Kampfgruppen in Idlib, Aleppo oder im östlichen Umland von Damaskus verkauft. Die Öl- und Gasfelder im Nordosten Syriens kontrollieren die syrischen Kurden, die heute über gut verdienende Mittelsmänner das Öl an syrische Geschäftsleute verkaufen, die es wiederum zur staatlichen Raffinerie in Homs transportieren lassen – für den syrischen Markt.

Krieg und Zerstörung hätten sich „systematisch“ gegen den syrischen Ölsektor gerichtet, so der Minister für die Nationalen Ressourcen (Energie) Ali Ghanem. Die Rohölproduktion ist demnach um 98 Prozent gesunken, die Gasproduktion sank um 52 Prozent. Beides wird gebraucht, um Kraftwerke für die Stromversorgung zu betreiben. Vor dem Krieg lag die Stromversorgung bei 97 Prozent, wie der Minister für Elektrizität Mohammed Zuhair Kharboutli erläuterte – heute sind es nur noch 27 Prozent.

Zu der systematischen Zerstörung der syrischen Ölwirtschaft tragen gerade auch die europäischen Wirtschaftssanktionen bei. Die EU gehörte zu den Hauptabnehmern syrischen Öls, das teilweise raffineriert an Syrien zurückgeliefert wurde. Das erste Ölembargo gegen Syrien wurde von der EU im September 2011 verhängt und seitdem nicht nur regelmäßig verlängert, sondern auch auf Betriebe und Einzelpersonen ausgeweitet. Die „moderate Opposition“ hingegen wurde im Mai 2013 von der EU ausdrücklich von dem Ölembargo ausgenommen. Damit wurde sowohl der Diebstahl als auch der Verkauf des syrischen Öls durch Kampfgruppen ermöglicht und eine wirtschaftliche Grundlage für den Erhalt der „moderaten Rebellen“ sowie der von ihnen kontrollierten Gebiete – einschließlich „IS“ – geschaffen.

Glaubt an Aleppo

In Aleppo versuchen die Menschen sich mit dem Mangel zu arrangieren. Strom wird straßenweise über große Generatoren erzeugt, die per Kabel und gegen monatliche Bezahlung wenige Ampère in Privathaushalte liefern. Krankenhäuser, Hotels, staatliche Institutionen und einige Firmen haben eigene Generatoren, die funktionieren, wenn Heizöl erhältlich ist. Überall in der Stadt hängen große, blaue Plakate mit dem Aufruf „Glaubt an Aleppo“ (Believe in Aleppo). Die Kampagne will alle Kräfte Aleppos, auch aus dem Ausland, für den Wiederaufbau vereinen. Neben Christlichen Organisationen und Initiativen von Jungunternehmern wie „Frieden ist möglich“ gehört auch die Industrie- und Handelskammer von Aleppo zu den Unterstützern.

Mahmoud Chakchak und ein Mitarbeiter in seiner provisorischen Werkstatt. (Foto: DWN)

Mahmoud Chakchak und ein Mitarbeiter in seiner provisorischen Werkstatt. (Foto: DWN)

Der Textilunternehmer Mahmoud Chakchak glaubt fest daran, dass Aleppo sich wieder aufrichten und der Handel neu aufblühen wird. Er steht in seinem Laden in Aziziyeh, einem mehrheitlich von Christen bewohnten Stadtteil im Herzen von Aleppo. An langen Stangen hängen Mäntel in unterschiedlicher Länge und Farben. Der Schnitt ist zeitlos und schlicht, wie muslimische Frauen in den Städten sie tragen. Pelzaufsätze für die Kragen, Jacken und Westen werden angeboten. Auch Christinnen aus der Nachbarschaft kämen, um bei ihm Mäntel für die kalte Jahreszeit zu kaufen, erzählt Chakchak.

Als er Ende der 1980er Jahre die Firma seines Vaters übernahm, der sie von seinem Großvater übernommen hatte, habe er zunächst zehn Jahre lang mit russischen Partnern gearbeitet. Das so verdiente Geld konnte er – mit seinen Brüdern – in den weiteren Aufbau investieren. Die große Textilfabrik Chakchak entstand 2009 in der Industriestadt Scheich Najjar, wenige Kilometer nordöstlich von Aleppo. Hier arbeiteten 300 Mitarbeiter in einem fünfstöckigen Gebäude. Ihm und seinen vier Brüdern ging es geschäftlich so gut, dass sie sogar eine zweite Fabrik eröffneten, in Khaterji, einem anderen Industrieviertel im Osten der Stadt. „Alle Maschinen haben wir in Deutschland gekauft“, erinnert er sich und zeigt auf einen verblichenen Flyer, der unter der Glasplatte des Verkaufstisches steckt.

Mahmoud Chakchak zeigt Bilder seiner alten Fabrik. (Foto: DWN)

Mahmoud Chakchak zeigt Bilder seiner alten Fabrik. (Foto: DWN)

Große maschinelle Webstühle sind zu sehen, Computer, an denen Schnitte eingegeben und verfeinert wurden. Auf seinem Handy sucht Chakchak alte Fotos aus der Zeit, als die Firma eröffnet wurde. Zu sehen ist, wie er Beete um das Firmengebäude bepflanzt, wie er unter einem jungen Orangenbaum sitzt. „Ich wollte es ähnlich machen, wie ich es in Deutschland gesehen hatte. Mit Blumen und Bäumen“, Chakchak lacht verlegen.

Als die Kämpfe 2012 begannen, konnten sie einige Maschinen retten, doch die großen Maschinen, die sie nicht transportieren konnten, wurden alle zerstört, erzählt er weiter. Die Arbeiter habe er entlassen müssen, bis auf zehn mit denen die Produktion in einer Kellerwerkstatt fortgesetzt wurde. Auch seine Brüder arbeiten heute wieder mit.

Die Werkstatt liegt nur wenige Schritte entfernt in einer Nebenstraße. Große Stoffballen liegen auf den Tischen, wo ausgemessen und zugeschnitten wird. Es wird gebügelt, Manschetten, Kragen werden genäht, Knöpfe angebracht. Heute kommen die Geräte nicht mehr aus Deutschland, sondern alles, Stoffe und auch das Zubehör, kommt aus China, „weil es billig ist und wir es von dort importieren können“, erklärt Chakchak in seiner ruhigen Art. Die Politik, die hinter den ganzen Problemen, dem Krieg stecke, verstehe er nicht. Er sei immer Arbeiter gewesen, der seine Arbeit gut machen wolle. Ist es zurückhaltende Bescheidenheit oder Angst, seine Meinung zu sagen?

An der Wand über dem großen Zuschneidetisch, der an einer Seite quer den ganzen Kellerraum ausfüllt, hängt in einem Schmuckrahmen eine Sure aus dem Koran. Ayat al-Kursi, in Übersetzung als „Thronvers“ bekannt, gilt als das „Herz des Koran“ und als eine der wichtigsten Suren. Das sei der Gedanke, der ihn und seine Arbeit trage, sagt Chakchak und trägt den Vers auswendig vor:

„Gott, es gibt keinen Gott außer Ihm, dem Lebendigen, dem Beständigen. Nicht überkommt Ihn Schlummer und nicht Schlaf. Ihm gehört, was in den Himmeln und was auf der Erde ist. Wer ist es, der bei Ihm Fürsprache einlegen kann, es sei denn mit Seiner Erlaubnis? Er weiß, was vor ihnen und was hinter ihnen liegt, während sie nichts von Seinem Wissen erfassen, außer was Er will. Sein Thron umfasst die Himmel und die Erde, und es fällt Ihm nicht schwer, sie zu bewahren. Er ist der Erhabene, der Majestätische.“[1]

Als er endet, lächelt er: „Wir haben wieder angefangen, die Fabrik in Scheich Najjar aufzubauen. Doch es kommen nur wenige Kunden, sie haben Angst“, sagt er. Also biete er seine Produkte den Kunden an und besuche sie. Einen Katalog habe er im Handy und könne ihn per WhatsApp zusenden. Regelmäßig fahre er von Aleppo nach Homs und weiter in die Küstenstädte Tartus, Banias, Jbleh und Latakia, zählt Chakchak auf. In der Nacht fahre er von Latakia nach Damaskus und von dort nach Beirut. Als Mitglied der Handelskammer von Aleppo könne er problemlos in den Libanon reisen, wo er auch Kunden besuche. An der Grenze zeige er seinen Ausweis und einen Ausweis, der ihn als registrierten syrischen Unternehmer ausweist. „Langsam, langsam wird es besser. Wenn die Kämpfe endlich aufhören, werden wir es schaffen. Inshallah, wenn Gott es will.“

[1] Sure 2, 255: Übersetzung A. Th. Khoury

*** Für PR, Gefälligkeitsartikel oder politische Hofberichterstattung stehen die DWN nicht zur Verfügung. Daher bitten wir Sie, liebe Leserin und Leser, um Ihre Unterstützung! Hier können Sie sich für einen kostenlosen Gratismonat registrieren. Wenn dieser abgelaufen ist, erhalten Sie automatisch eine Nachricht und können dann das Abo auswählen, das am besten Ihren Bedürfnissen entspricht. Einen Überblick über die verfügbaren Abonnements bekommen Sie hier. ***

media-fastclick media-fastclick