Commerzbank: USA können Europas Gasmarkt nicht dominieren

Eugen Weinberg, Rohstoffspezialist der Commerzbank, im Gespräch mit den Deutschen Wirtschafts Nachrichten.

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US-Präsident Donald Trump am 07.07.2017 in Hamburg mit dem russische Präsident Wladimir Putin während eines Treffens beim G20-Gipfel. (Foto: dpa)

US-Präsident Donald Trump am 07.07.2017 in Hamburg mit dem russische Präsident Wladimir Putin während eines Treffens beim G20-Gipfel. (Foto: dpa)

Im Gespräch mit den Deutschen Wirtschafts Nachrichten spricht Eugen Weinberg, Rohstoffspezialist der Commerzbank, über den Öl- und Gaspreis sowie die Rivalität zwischen den USA und Russland auf den Energiemärkten.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie könnten sich die Sanktionen der USA gegen Russland auf die Entwicklung des Ölpreises auswirken?

Eugen Weinberg: Wenn sich die Sanktionen auf die Öl- und Gaspreisentwicklung auswirken, dann eher positiv. Denn die Sanktionen dürften vor allem den Ausbau der Transport und Förderinfrastruktur beeinträchtigen, während die Nachfrage weiter steigen wird.

Die Sanktionen könnten dabei auf mehreren Ebenen wirken. Zum einen werden sich die Bauarbeiten an den Pipelines, sprich der Transportinfrastruktur, verlängern. Zum anderen – und das wirkt auch langfristig – würden die Sanktionen den Technologietransfer nach Russland erheblich einschränken. Russland verfügt nur über einen geringen Zugang zu Technologie, um die eigenen Vorkommen zu fördern.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie schätzen Sie die These, dass die USA künftig Europa mit LNG-Gas beliefern und somit eine Konkurrenz gegenüber dem russischen Gas darstellen werden, ein?

Eugen Weinberg: Es ist mir bewusst, dass Medien und die Politik meinen, LNG-Gas aus den USA sei ein großer Konkurrent zum russischen Gas und deshalb seien die Sanktionen auch als Handelskrieg zu werten. Ich würde diesen Effekt nicht überbewerten. Denn auch ohne Nord Stream 2 würden die USA Flüssiggas (LNG) nach Europa liefern. Allerdings wird der Effekt von US-LNG im gesamten Energiemix recht gering sein. Zum anderen aber wird auch Russland weiterhin Erdgas nach Europa im gleichen Umfang liefern. Natürlich ist LNG aus den USA eine Konkurrenz für russisches Gas, doch sind die Dimensionen überhaupt nicht vergleichbar. LNG aus den USA wird einen kleinen Einfluss haben und dürfte eher den Konkurrenzkampf um europäische Kunden stärken.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Staaten haben weltweit den größten Einfluss auf die Öl- und Gaspreisentwicklung?

Eugen Weinberg: Dass die Staaten oder Staatenbündnisse wie beispielsweise die OPEC den Ölpreis langfristig nachhaltig beeinflussen können, kann man mittlerweile als Irrglaube abtun. Bis vor wenigen Jahren hatte die OPEC tatsächlich einen großen Einfluss. Diesen hat sie jedoch nahezu vollständig im Zuge des Ausbaus der Schieferölvorkommen in den USA verloren. Die privaten US-Schieferölunternehmen stellen mittlerweile die Grenzproduktion her und kontrollieren dadurch auch die Preise. Die OPEC kann sie nicht beeinflussen. Außerdem sind es sehr viele Einzelunternehmen, weshalb man wahrlich behaupten kann, dass die Marktkräfte wie das Angebot und die Nachfrage und nicht wie früher die politischen Entscheidungen für die Ölpreisentwicklung ausschlaggebend sind.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie schätzen Sie die energiepolitische Lage Deutschlands ein? Ist beispielsweise Nord Stream 2 aufgrund der Sanktionen ernsthaft gefährdet? Ist Deutschlands Energiesicherheit gefährdet?

Eugen Weinberg: Nord Stream 2 ist zwar gefährdet, doch die Energiesicherheit ist – wenn überhaupt – nur geringfügig beeinflusst. Auch ohne die zusätzlichen Importe über diese Pipeline bleibt die Bedeutung des deutschen Markts für Europa sehr wichtig. Sicherlich wäre Deutschland mit Nord Stream 2 in einer noch besseren Position, aber von einer Gefährdung der deutschen Energiesicherheit kann keine Rede sein. Nord Stream 2 ist also eher ein „Luxusproblem“. Die Pipelines, Terminals, Lagerkapazitäten und die Energieinfrastruktur in Europa und Deutschland sind völlig ausreichend, um die Nachfrage auch langfristig nicht zu gefährden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Verfügt Russland über die Möglichkeit einer besseren Preisgestaltung gegenüber LNG-Gas aus den USA?

Eugen Weinberg: Jeder Produzent hat eigentlich diese Möglichkeit. Wenn überhaupt hat Russland in den letzten Jahren eher teurer sein Erdgas angeboten, weil man an der sogenannten Ölformel beharrte. Bei LNG gibt es auch Probleme, etwa, dass es zum einen keine transparente Preisgestaltung gibt und zum anderen der Großteil der Lieferungen mit Orientierung an Ölproduktpreise bepreist werden. Doch künftig dürften sich die LNG-Futures (LNG-Terminkontrakte) in Singapur und Schanghai etablieren. Denn Asien ist der wichtigste Markt für LNG-Gas. Japan ist im Moment der größte Abnehmer, künftig wird auch China eine sehr große Rolle spielen.

Die größten Lieferanten sind Katar und Australien, dadurch ist Singapur auch als Handelsknotenpunkt in Asien extrem wichtig. Wir glauben, dass sich LNG in Zukunft analog zu Brent-Erdöl zu einer weltweiten Preis-Benchmark etablieren wird. Aktuell gibt es mindestens drei komplett getrennte und nahezu unabhängige Gasmärkte mit unterschiedlicher Preisgestaltung in Europa, den USA und Asien. Die zunehmende Rolle von LNG im Weltgashandel wird also den Weltgasmarkt transparenter, liquider und zuverlässiger machen.

Eugen Weinberg ist Leiter der Rohstoffanalyse-Abteilung bei der Commerzbank in Frankfurt. Der Dipl.-Wirtschaftsmathematiker war zuvor als Fondsmanager und Rohstoffanalyst bei der BW-Bank in Stuttgart und der DZ BANK in Frankfurt tätig.

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