Dollar-Kredite bringen Schuldner weltweit in Bedrängnis

Die steigenden Zinsen in den USA bringen Dollar-Schuldner weltweit in Bedrängnis. Der Lira-Crash in der Türkei könnte eine Kettenreaktion auslösen.

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Eine zerknitterte US-amerikanische Ein-Dollar-Note. (Foto: dpa)

Eine zerknitterte US-amerikanische Ein-Dollar-Note. (Foto: dpa)

Der Crash der türkischen Lira könnte Auswirkungen auf das weltweite Finanzgefüge haben, sollte der Absturz der Währung nicht bald gestoppt werden.

 

 

Das steigende Zinsniveau in den USA bringt weltweit Staaten und Unternehmen unter Druck, die Kredite in US-Dollar aufgenommen haben. Ursächlich dafür ist die Normalisierung der Geldpolitik durch die US-Zentralbank Federal Reserve. Die Fed hat die Leitzinsen seit Ende 2015 von damals 0 Prozent auf jetzt zwischen 1,75 bis 2 Prozent angehoben.

Zudem hat die Zentralbank damit begonnen, die Erlöse von Staatsanleihen – welche sie im Zuge ihres Ankaufprogramms erworben hatte – nach Laufzeitende nicht mehr zu reinvestieren, was zu einer schrittweisen Schrumpfung der Bilanz führt.

Die Ratingagentur Fitch schätzt, dass der Umfang der Bilanz im laufenden Jahr um etwa 315 Milliarden Dollar und 2019 um weitere 437 Milliarden Dollar abnehmen wird, berichtet die Financial Times. Dies könnte sich in höheren Zinsen bei US-Staatsanleihen niederschlagen, weil die Nachfrage durch die Fed am Markt abnimmt und die Regierung in Washington zudem mehr Neuschulden aufnehmen muss, was das Angebot zusätzlich ausweitet.

Dem Ökonomen David Stockman zufolge könnte dieses Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage zum Ausbruch einer Schuldenkrise in den USA führen.

Weil Leitzinsanhebungen tendenziell zu einer Aufwertung der Währung führen, bringt das steigende Zinsniveau im Dollarraum inzwischen all jene Regierungen, Unternehmen und Haushalte weltweit in Bedrängnis, die Kredite in Dollar aufgenommen haben. Sie müssen mehr von der jeweiligen Landeswährung aufbringen, um die gestiegenen Dollar-Schulden abzulösen.

Es gibt noch einen weiteren Faktor, welcher zur Verteuerung der Schuldenlast weltweit führt: der Anstieg des Banken-Referenzzinses Libor (London Interbank Offered Rate). Am Libor – welcher die Zinsen für Kapital-Ausleihungen zwischen Banken abbildet – sind Schätzungen zufolge die Zinsen von Hypotheken, Krediten und Derivaten im Gesamtumfang von Dutzenden Billionen Dollar gekoppelt. Bloomberg zufolge sind Finanzspekulationen im Umfang von etwa 370 Billionen Dollar vom Libor abhängig.

Der Libor ist in allen Laufzeiten in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. Der Standardsatz für dreimonatige Dollar-Ausleihungen zwischen Banken steht derzeit bei 2,34 Prozent, nachdem er vor 12 Monaten noch bei etwa 1,2 Prozent lag.

„Steven Major, der Leiter des Bereichs der festverzinslichen Wertpapiere bei der Großbank HSBC, glaubt dass der ‚Dreifach-Schlag‘ durch höhere Leitzinsen in den USA, die Schrumpfung der Fed- Bilanz sowie die steigenden Zinsen am Geldmarkt zu einer ‚Schuldenkrise in Zeitlupe‘ geführt hat. Das klingt übertrieben, weil die Zinsen noch immer nahe ihrer Jahrhundert-Tiefststände sind und Darlehen noch immer frei vergeben werden, aber der Boden beginnt definitiv zu beben“, schreibt die Financial Times.

Diese Faktoren führen dazu, dass derzeit weltweit die ersten Anzeichen einer globalen Schuldenkrise zu erkennen sind – derzeit insbesondere in Staaten, die nicht dem Westen zuzuordnen sind:

In der Türkei herrscht inzwischen eine offene Währungskrise, nachdem die Landeswährung Lira zum Dollar massiv an Wert verloren hat. Halter von Dollar-Krediten – meist Unternehmen – dürften in den kommenden Monaten in schwere Bedrängnis geraten, falls sich die Situation nicht grundlegend ändert.

JPMorgan kommt in einer Mitteilung an seine Klienten zu dem Schluss, dass „in Bezug auf ausländische Bankkredite spanische, französische und italienische Banken sowie Banken in den USA und Großbritannien durch Kontingente am stärksten der Türkei ausgesetzt sind“.

Robert Marchini, politischer Stratege bei Zenith Asset Management, erklärt auf Bloomberg, wie er das Worst-Case-Szenario für die Türkei sieht:

„Was die Türkei als mögliches Ereignis eines Schwarzen Schwans betrifft, bin ich skeptisch, dass der Zusammenbruch der Währung per se wäre genug für einen Crash. Der Markt wusste schon lange, dass Erdogan das Land in eine wirtschaftlich rücksichtslose Richtung führte. Die eigentliche Frage war, wann alles in die Luft fliegen würde – obwohl ich nicht glaube, dass irgendjemand dachte, es könnte so schnell geschehen. Genauer gesagt denke ich, dass die Forderungen der [EU] Banken sowohl im Hinblick auf Auslandsschulden als auch lokalen Operationen zwar beträchtlich sind, aber nicht auf krisenhaftem Niveau. Wo das reale Risiko liegt und das meiner Meinung nach nicht angemessen berücksichtigt wurde, ist die Reaktion der Märkte auf [potenzielle] Kapitalverkehrskontrollen. Sollte Erdogan zusätzlich zu den Abschreibungen der Banken auf [jetzt toxische] türkische Vermögenswerte Kapitalverkehrskontrollen einführen, dürfte die Reaktion der Anleger Panik auslösen und Kapital aus anderen Schwellenländern abgezogen werden. Die Währungen der Schwellenländer könnten dann weiter fallen. Dies könnte dazu führen, dass die Regierungen auf ähnliche Maßnahmen zurückgreifen würden wie möglicherweise Erdogan – also etwa Kapitalverkehrskontrollen. Dies würden dann zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung führen, und meiner Meinung nach liegt darin die reale Möglichkeit der Ansteckung.“

Argentinien musste vor wenigen Monaten vom Internationalen Währungsfonds vor einem Staatsbankrott aufgrund der massiven Entwertung der Landeswährung gerettet werden. Der IWF hatte dem südamerikanischen Land zuletzt Finanzhilfen in Höhe von bis zu 50 Milliarden US-Dollar zugesagt. Im Gegenzug verpflichtete sich die Regierung, das Haushaltsdefizit zu senken und die Inflation zu bremsen. Dies sollte mit den vereinbarten Maßnahmen zu schaffen sein, sagte Lagarde.

Die indische Rupie hat in den vergangenen Monaten deutlich zum US-Dollar abgewertet. Noch Anfang des Jahres mussten rund 63 Rupien für einen Dollar gezahlt werden, nun sind es rund 68 Rupien.

Die pakistanische Rupie hat ihren Wert seit dem Jahr 2008 mehr als halbiert. Das Land steht kurz vor einem Zahlungsausfall und überlegt derzeit, einen Kredit in Höhe von 4 Milliarden Dollar von der saudischen Islamic Development Bank aufzunehmen, wie die Financial Times berichtet.

Auch der russische Rubel hat stark abgewertet. Im März lag der Kurs zum Dollar noch bei rund 55 Rubel, nun sind es etwa 66 Rubel. Der brasilianische Real hat auf Sicht eines Jahres ebenfalls deutlich von rund 3,10 auf 3,80 Real abgewertet. Der südafrikanische Rand wertete seit März von etwa 11.500 Rand auf aktuell rund 13.800 Rand ab.

Der chinesische Yuan verbilligte sich im selben Zeitraum von etwa 6,30 Yuan auf aktuell rund 6,85 Yuan. Die indonesische Rupie befindet sich schon seit mehreren Jahren in einem Abwertungstrend zum Dollar, markiert derzeit aber den schwächsten Wert seit dem Jahr 1998.

Diese Liste ist bei weitem nicht vollständig, beispielsweise leiden derzeit auch Länder wie die Ukraine oder Kenia unter ähnlichen Problemen. Generell gilt, dass in allen Ländern, deren Währungen zum Dollar signifikant abwerten, Halter von Fremdwährungskrediten derzeit in Bedrängnis geraten, weil sie gestiegenen Zinskosten gegenüberstehen.