Sand wird zunehmend knapp: Um den wertvollen Baustoff tobt ein weltweiter Kampf

 

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29.05.2019 11:54
Schätzungen zufolge gibt es auf dem Planeten Erde mehr als 7 Trillionen Sandkörner. Trotzdem ist Bausand heute eine knappe Ressource. Aufgrund der starken weltweiten Nachfrage ist sogar ein riesiger illegaler Schwarzmarkt entstanden.
Sand wird zunehmend knapp: Um den wertvollen Baustoff tobt ein weltweiter Kampf

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Die Welt verbraucht heute pro Jahr 40 zu 50 Milliarden Tonnen Bausand, angetrieben vor allem durch die starke Nachfrage nach Wohnraum und Infrastruktur in China und Indien. Etwa die Hälfte des Bausands wird für Beton verwendet. Jedes Jahr werden weltweit fast zwei Kubikmeter Beton pro Person produziert.

Sand wird nicht nur für den Bau neuer Gebäude und Straßen gebraucht, sondern auch für die Herstellung von Glas, beim Fracking und sogar in der Elektronik. In der Folge ist Sand weltweit zu einem teuren Gut geworden. Gelangen also jene Staaten, wo die großen Wüsten der Welt liegen, heute zu großem Reichtum? Leider nein.

Wüstensand ist als Bausand nicht geeignet. Denn die Windeinwirkung in der Wüste führt zu abgerundeten Körnern, die zu glatt und zu klein für Beton sind. Daher musste etwa der Sand für den Burj Khalifa, den höchsten Wolkenkratzer der Welt, aus Australien importiert werden, obwohl Dubai von Meersand umgeben ist.

Baufirmen bevorzugen Sand, wie er in Flussbetten vorkommt, da er von der richtigen körnigen Textur und Reinheit und durch das fließende Süßwasser sauber gewaschen ist. Aber auch Sand vom Meeresboden wird zunehmend verwendet. Er muss zuvor vom Salz gereinigt werden, um eine Metallkorrosion in den Gebäuden zu vermeiden.

China und Indien nutzen weitgehend ihre eigenen Sandvorräte, um die Transportkosten zu minimieren. Doch mit dem Bau der Wolkenkratzer in Shanghai und Mumbai ist auch der Preis für diesen einst unbedeutenden Rohstoff gestiegen. Chinas größte Baggerstätte am Lake Poyang produziert eine Million Tonnen Bausand pro Tag.

Aufgrund der wachsenden Nachfrage hat der internationale Handel mit Sand in den letzten Jahren stark zugenommen. Damit einher geht die Zerstörung von Sandbarrieren und Korallenriffen, die die Küsten schützen und die als Lebensräume für Fische, Krokodile, Schildkröten und andere Formen der Fluss- und Meereslebewesen lebenswichtig sind.

Boomende Nachfrage führt zu Knappheit – und Knappheit führt zu steigenden Preisen. Ein Kubikmeter Sand kann in Gebieten mit hoher Nachfrage und knappem Angebot über 70 Euro kosten. Dies ist ein starker Anreiz zur kriminellen Beschaffung von Bausand – vor allem in den Entwicklungsländern.

In Ländern wie Jamaika, Marokko, Indien und Indonesien stellen kriminelle Gangs ihre Bagger in abgelegene Flussmündungen, spülen den Sand mit einem Wasserstrahl aus dem Flussbett und saugen ihn ab. Sie stehlen ganze Strände oder Inseln. Dabei verschmutzen sie Ackerland und Fischgründe.

Zudem wird die „Sandmafia“ in Asien, Afrika und anderswo von korrupten Beamten geschützt – und von den mächtigen Kunden in der Bauindustrie. Umweltschützer, Journalisten und ehrliche Polizisten, die sich ihnen in den Weg stellen, werden eingeschüchtert, verletzt und sogar getötet.

In Indien ist die Sandmafia die größte kriminelle Vereinigung. Vor einem Jahr wurden dort drei Reporter getötet. Einer von ihnen hatte einen Polizisten gefilmt, der Bestechungsgeld dafür annahm, dass er den Sandabbau in einem Krokodilschutzgebiet zuließ.

Kurz zuvor wurde im Distrikt Tamil Nadu ein Polizist ermordet, der im Rahmen seiner Ermittlungsarbeit Informationen über eine illegale Abbaustätte für Sand gesammelt hatte. Die Polizei machte die Sandmafia für den Mord verantwortlich.

Die Umweltaktivistin Sumaira Abdulali ist Indiens führende Kämpferin gegen den illegalen Sandabbau, was bereits zu einem Anschlag auf ihr Leben führte. „Das Problem erstreckt sich sogar auf Touristenstrände in Goa, Kerala und anderswo“, sagte sie dem Guardian. „Selbst Regierungs- und Polizeibeamte haben Angst, sich illegalen Standorten zu nähern.“

In Südostasien ist Sand ein wichtiger Bestandteil der Geopolitik. So baut China im Südchinesischen Meer künstliche Sandinseln für neue Militärbasen. Und das kleine Singapur, dessen Bevölkerung sich seit der Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1963 auf sechs Millionen mehr als verdreifacht hat, schüttet im großen Stil Land auf.

Singapur ist der weltgrößte Sandimporteur. Er hat seine Landfläche bereits um 20 Prozent ausgeweitet und dazu Sand aus den Nachbarländern importiert. In den nächsten Jahren plant der Stadtstaat weitere massive Landgewinnungen. Daher haben Kambodscha, Vietnam, Malaysia, Indonesien den Sandhandel mit Singapur inzwischen verboten.

Doch Singapur gelingt es dennoch, Sand in riesigen Mengen aus den Nachbarstaaten zu importieren. So bezifferte Singapur im Jahr 2008 die Sandimporte aus Malaysia auf 3 Millionen Tonnen. Laut der malaysischen Regierung waren es jedoch 133 Millionen Tonnen, wovon fast alles geschmuggelt worden sein soll.

Eine Folge der Landgewinnung in Singapur ist, dass sein riesiger Nachbar Indonesien schrumpft. Die illegale Sandgewinnung bedroht die Existenz von etwa 80 kleinen, tief gelegenen indonesischen Inseln, die an Singapur grenzen, mit verheerenden Auswirkungen auf die Meeresökologie. Einige Inseln sind bereits im Meer verschwunden. Denn wer schon einmal ein Loch am Strand im Sommerurlaub gegraben hat, weiß Folgendes: Wo etwas ausgehoben wird, rutscht auch etwas nach – und das im großen Stil: Land rutscht unter den Meeresspiegel und einstmals attraktive Grundstücke am Wasser verschwinden in selbigem.

Angesichts der gewaltigen Interessen am illegalen Sandabbau gelten die Einkommen und sogar die Leben von Kleinbauern und Fischern in sandreichen Gebieten als entbehrlich. Daher bieten manche Gewässer, die einst zur Fischerei genutzt werden konnten, jetzt keine Ressourcen mehr, da sie durch Sandbaggerei ruiniert wurden.

„In einigen Fällen begrüßen die Menschen zunächst den Sandabbau, weil er Arbeitsplätze schafft“, sagt die in London lebende indische Forscherin Kiran Pereira, die Berichte zum Thema auf ihrer Webseite sandstories.org veröffentlicht. Doch sobald die Menschen die Auswirkungen des Sandabbaus sehen, sei es bereits zu spät.

Die Fischer Westindiens wirken inzwischen bei der Zerstörung ihrer einstigen Fischgründe mit. In der Umgebung von Mumbai sind jetzt etwa 80.000 Fischer im Sandabbau tätig. Denn ihre Fischgründe wurden durch den Sandabbau vom Meeresgrund zerstört und die Nachfrage nach dem Baumaterial ist weiter hoch.

In Nordirland kämpfen die Friends of the Earth seit langem für die Eindämmung des Sandabbaus. Denn etwa 1,7 Millionen Tonnen Sand werden jedes Jahr von Baggerunternehmen aus dem Lough Neagh abgesaugt, dem größten See der britischen Inseln, obwohl dieser ein Schutzgebiet nach britischem und europäischem Recht ist.

Friends of the Earth sagen, dass die lokale Vogelpopulation in den letzten 30 Jahren um mehr als 75 Prozent zurückgegangen ist und der Lebensraum der Fische durch die Verschlechterung der Wasserqualität geschädigt wurde. Seit Jahrzehnten verschließe die britische Regierung die Augen vor dem Problem.

Viel Aufmerksamkeit erhielt ein Vorfall aus dem Jahr 2008, als in Coral Spring an der Nordküste von Jamaika in einer einzigen Nacht 500 Lkw-Ladungen Sand von einem unberührten Strand gestohlen wurden. Der entwendete Sand konnte nie wiedergefunden werden.

Als im Jahr 2017 Sand für ein neues Resort auf den Kanarischen Inseln Sand benötigt wurde, importierte man ihn illegal aus der Westsahara, einem umstrittenen Gebiet, das heute von Marokko besetzt ist. Der dort von Stränden und aus Flussbetten geplünderte Sand wird nach Marokko verschifft, wo er als Bausand dient oder zum Ausbau der Strände.

Unser Umgang mit der Ressource Sand gehört heute zu den großen weltweiten Umweltproblemen. Die Sandmafia ist nur die Spitze des Eisbergs. Auch der legale Abbau aus Flüssen und aus dem Meer führt dazu, dass Lebensräume für Mensch und Tier schrumpfen oder ganz verloren gehen.

Lesen Sie morgen in den DWN: Wie die Erfindung eines deutschen Chemikers das Sand-Problem möglicherweise gelöst hat - und Wüstenstaaten aus Afrika und der arabischen Halbinsel bereits entsprechende Anlagen aus deutscher Produktion bestellt haben. 

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