Politik

Siemens will sich neu erfinden und Software-Konzern werden

Lesezeit: 3 min
29.12.2016 23:04
Siemens will den Trend der Industrie 4.0 nutzen und Software-Lösungen anbieten - auch, um zu verhindern, dass der Konzern von anderen Anbietern ausgebremst wird.
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Jens Hack von Reuters analysiert den Konzern-Umbau bei Siemens:

In der Adventszeit feierte Siemens den 200. Geburtstag seines Ahnherrn. Doch wenn Werner von Siemens heute auf den vor fast 170 Jahren gegründeten Konzern blicken könnte, würde er sich wahrscheinlich verwundert die Augen reiben. Immer und immer wieder hat sich der Weltkonzern grundlegend verändert. Von einstigen Zukunftsfeldern wie der Telekommunikation ist nichts mehr übrig, während sich das Traditionsunternehmen auf ganz neue Geschäfte verlegt hat. Im kommenden Jahr wird die nächste Häutung deutlich sichtbar werden. Vorstandschef Joe Kaeser richtet sein Haus immer stärker auf Software aus, während klassische Technologien abgespalten werden.

Kaeser will Siemens zu einem führenden Anbieter von Technik für die "Industrie 4.0" machen, für die digitale Wirtschaft des 21. Jahrhunderts. Dafür kaufte Siemens bereits in den vergangenen zehn Jahren ein Dutzend spezialisierter Firmen vor allem in den USA zusammen. An die neun Milliarden Euro gaben die Münchner dafür aus. Allein für den jüngsten Zukauf, den US-Entwicklungssoftwarespezialisten Mentor Graphics, legt Siemens 4,5 Milliarden Dollar auf den Tisch.

Mit der laufenden Transformation verändert sich auch die Struktur der Belegschaft. Beschäftigte Siemens bisher vor allem Ingenieure und Physiker in seinen Entwicklungsabteilungen, kommen nun in erster Linie Softwarespezialisten hinzu. Bereits heute sind 17.500 der annähernd 350.000 Siemensianer Software-Entwickler. Mit der Übernahme von Mentor wächst die Zahl der IT-Experten weiter.

Kaeser will sich rechtzeitig für die neuen digitalen Umbrüche wappnen. "Das schlimmste was passieren kann, ist wenn sich einer zwischen uns und unsere Kunden schiebt", sagt ein ranghoher Insider. So sei bereits zu beobachten gewesen, dass Firmen wie Cisco oder Accenture angefangen haben, die Produktion von Industrieunternehmen zu digitalisieren.

Das will Siemens selbst machen und an dem margen- und wachstumsträchtigen Trend ordentlich mitverdienen. Bisher macht Siemens 4,3 Milliarden Euro Umsatz mit Software und digitalen Services. Verglichen mit Gesamteinnahmen von an die 80 Milliarden Euro ist das noch gering, allerdings wächst der Bereich schneller als das herkömmliche Geschäft mit Automatisierung und Elektrifizierung. Im letzen Geschäftsjahr betrug das Plus 12 Prozent, über die kommenden Jahre sollen es immerhin im Durchschnitt noch acht Prozent sein. Da kommen die anderen Bereich nicht hin.

Seinen Kunden will Siemens vor allem einen Effizienzvorteil anbieten. Siemens-Technologievorstand Roland Busch erläutert das anhand eines eigenen Elektronikwerks. "Das Werk in Amberg hat seit 1990 seine Produktion verneunfacht und das bei einer in etwa stabilen Mitarbeiterzahl von 1200." Durch die Siemens-Softareangebote sollen Industriekunden ihre Produktplanung frühzeitig am Computer durchspielen können. Busch spricht vom "digitalen Zwilling", einer virtuellen Produktversion, die man bereits in der Planungsphase durch seine Produktion laufen lassen kann, um zu sehen, wo es später haken könnte.

Siemens-Chef Kaeser glaubt, dass der Konzern sich in Sachen Software im Industriegeschäft im Großen und Ganzen ausreichend verstärkt hat. Auf einem anderen wichtigen Siemens-Markt dürfte der Trend aber noch weiter gehen. "Das Stromnetz dürfte bis 2030 zu 67 Prozent aus dezentralen Quellen gespeist werden", erläutert Strategiechef Horst Kayser. Das bedeute eine enorme Herausforderung für die Steuerung der Netze.

Siemens holte sich für diese Aufgabe eigens einen neuen Vorstand ins Haus, Cedrik Neike wechselt dafür von Cisco an die Isar. Experten rechnen damit, dass er noch die eine oder andere Firma kaufen wird. Im Gespräch ist unter anderem die Übernahme der schwedischen Hexagon, die allerdings selbst für Siemens-Verhältnisse teuer wäre: An der Stockholmer Börse ist das Unternehmen mit gut elf Milliarden Euro bewertet, mit den für Softwarefirmen üblichen Aufschlägen käme ein Kaufpreis von bis zu 17 Milliarden Euro zusammen.

Das nötige Geld könnte Siemens aus der Abkehr von traditionsreichen Geschäftsfeldern ziehen. Im Verlauf des kommenden Jahres will Kaeser einen Teil der hochprofitablen Medizintechnik an die Börse bringen. Noch ist offen, ob er die Anteile am Aktienmarkt verkauft oder wie im Fall der einstigen Lampensparte Osram den bestehenden Aktionären schenkt. Analysten bewerten die Sparte mit dem umstrittenen Kunstnamen "Healthineers" auf bis zu 30 Milliarden Euro.

Die Medizintechnik ist mit einer Marge von um die 17 Prozent so profitabel wie kein anderer Konzernbereich. Die Motive für die Abtrennung sind allerdings nicht ganz klar. Kaeser will den Healthineers mehr Spielraum für den Wandel in der Medizin für die kommenden Jahre geben, wie er sagt. Dabei hatte Siemens die Sparte mit mehreren Milliardenübernahmen erst vor einigen Jahren um die Labordiagnostik zügig erweitert. Die eilige Einkaufstour erwies sich allerdings nicht als Erfolg: Das Geschäft läuft mau und Siemens musste hohe Summen auf die Kaufpreise abschreiben.

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