Politik

Bauern überschütten neues EU-Hauptquartier mit Milchpulver

Lesezeit: 3 min
23.01.2017 16:46
Im Brüsseler EU-Viertel haben Hunderte Landwirte das neue EU-Gebäude mit Milchpulver überschüttet. Ob an dem eben erst eröffneten und 321 Millionen Euro teuren Gebäude Sachschaden entstanden, ist noch nicht bekannt.
Bauern überschütten neues EU-Hauptquartier mit Milchpulver

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Die Demonstranten verteilten am Montag laut Reuters vor dem Tagungsort der EU-Gipfel große Mengen Milchpulver, um sich gegen einen befürchteten Preisverfall zu wehren. Die Bauern setzten dazu landwirtschaftliche Maschinen ein, so dass EU-Ratsgebäude und Polizisten von weißem Pulver eingehüllt wurden, berichtet Reuters. Der Verband des European Milk Board kritisierte, dass die Landwirte trotz eines Preisanstiegs auf rund 32 Cent pro Liter Milch noch immer nicht die Produktionskosten von über 40 Cent pro Liter decken könnten. Deshalb müssten die Preise weiter steigen.

Die EU hatte große Mengen von Milchpulver gekauft, um die Marktpreise zu stabilisieren. Im November wurde mitgeteilt, dass einiges davon wieder verkauft werden soll, sobald die Preise angezogen haben. Nach Darstellung der EU-Kommission sollen nur kleine Mengen der Milchpulver-Bestände von 354.000 Tonnen auf den Markt kommen. Dies werde ohne Auswirkung auf die Preise oder die Stabilität des Marktes bleiben. "Die Kommission zu beschuldigen, dass sie den Markt für Milchprodukte absichtlich verzerrt, ist gleichbedeutend mit Panikmache", sagte ein Sprecher der Brüsseler Behörde.

Die Aktion der Bauern vor dem Gebäude ist auch deshalb von einer gewissen Symbolkraft, weil das Gebäude eben erst eröffnet wurde. Eine offizielle Einweihung fand nicht statt. Das Gebäude kostete 321 Millionen Euro - 80 Millionen Euro mehr als veranschlagt.

Danny Kemp von der AFP berichtet über das imposante Bauwerk, das in seiner Pracht die Bedeutung der EU sichtbar werden lässt:

In der Nacht wirkt Europas neues Gipfelgebäude wie ein gerade gelandetes außerirdisches Raumschiff: ein leuchtendes weißes Ei umgeben von einem Wirrwarr aus Metall und Glas. "Space Egg" - "Weltraum-Ei" - tauften es britische Journalisten, "Europa-Gebäude" heißt es nüchtern offiziell. Als erste Minister werden am Montag Europas Chefdiplomaten in dem neuen Haus tagen.

Den Neubau hatten die Staats- und Regierungschefs schon 2004 beschlossen. In dem Jahr wuchs die EU durch die Osterweiterung auf einen Schlag von 15 auf 25 Mitglieder. Das bisherige Ratsgebäude "Justus Lipsius" platzt seitdem aus allen Nähten, denn in ihm finden nicht nur pro Jahr 4000 Gipfel, Ministerräte und andere Regierungstreffen statt, jeder der 28 Mitgliedstaaten hat dort auch eigene Büros für seine Diplomaten. Und hinzu kommt noch die eigentliche Ratsverwaltung.

Das mit 374 LED-Leuchten bestückte "Weltraum-Ei" hat nach offizieller Lesart die Form einer Vase oder Laterne. Das futuristische Innere umgibt eine würfelförmige Fassade aus Holzfenstern verschiedenster Größen. Sie stammen aus "renovierten oder abgerissenen Gebäuden in den EU-Mitgliedstaaten", erklärt der Rat und sieht in der Wiederverwendung der Bauteile auch ein Signal der Nachhaltigkeit.

Herzstück der "Vase" ist ein großer Konferenzraum, in dem Teppich und Decke mit Rechtecken in psychedelisch wirkenden Farben bestückt sind. Die Staats- und Regierungschefs werden hier voraussichtlich erstmals im März die Weichen für Europa stellen.

Eine offizielle Einweihungsfeier ist nicht vorgesehen, wenn die Außenminister sich am Montagmorgen im neuen Gebäude versammeln. Getagt haben dort bereits die EU-Botschafter.

Kritisiert werden vielfach die beengteren Verhältnisse in den Sitzungssälen. Für Mitarbeiter ist weniger Platz, Minister und Regierungschefs der 28 EU-Staaten sitzen dagegen bei den Treffen nun deutlich näher beieinander. "Anders als im riesigen alten Saal können die sich jetzt in die Augen schauen", sagt ein Diplomat.

Der belgische Architekt Philippe Samyn pocht darauf, dass der Bau für all das stehe, was Europa im positiven Sinne ausmache, seitdem es nach dem Zeiten Weltkrieg den Weg der Einigung des Kontinents beschritten hat. "Ich wollte einen Treffpunkt, der Freude ausstrahlt, damit Menschen, die mit vielen Problemen hereinkommen, Luft zum Atmen bekommen."

Die Fassade mit insgesamt 3750 Fenstern solle die "Vielfalt" der EU ausdrücken, weil sie aus allen Mitgliedstaaten kämen, sagt der Architekt; und auch "Einheit", weil sie nun für den Bau des Europa-Gebäudes wiederverwendet würden. Gleichzeitig solle die durchsichtige Fassade "ein klares Signal der Transparenz" aussenden.

Der hintere Teil des "Europa-Gebäudes" besteht aus dem alten "Residenz-Palast", ein Art-Déco-Block, der früher der belgischen Regierung als Ministeriumssitz diente und den Deutschen während der Besatzung im Zweiten Weltkrieg als Hauptquartier.

Ursprünglich sollte der Neubau 240 Millionen Euro kosten. Nun sind es 321 Millionen Euro, was zum Teil die Inflationsentwicklung widerspiegele, sagt Ratsgeneraldirektor William Shapcott. Die wirklichen Mehrkosten beliefen sich auf eine "Handvoll Prozente" - im Vergleich zu anderen Großprojekten "nichts Dramatisches".

Der frühere britische Premierminister David Cameron sah das nicht so und hatte den Neubau in Zeiten des Sparzwangs als "goldenen Käfig" für die EU-Spitzen verspottet. Inzwischen hat sich der Brite mit der beißenden Europa-Kritik über das von ihm angesetzte Brexit-Referendum selbst aus dem Amt befördert. Die Diplomaten der anderen Mitgliedstaaten treibt nun die Frage um, welches Land im neuen Gebäude die gut gelegenen Delegationsräume der Briten nach deren EU-Austritt bekommt.

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