Finanzen

EZB kann Inflation im Euro-Raum nicht anschieben

Lesezeit: 2 min
31.07.2017 22:06
Die Inflation in der Eurozone bleibt schwach. Das Anleihe-Kaufprogramm der EZB hat inzwischen die Marke von 2 Billionen Euro durchbrochen.
EZB kann Inflation im Euro-Raum nicht anschieben

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Trotz Liquiditätsspritzen in Billionenhöhe bleibt der von der Europäischen Zentralbank (EZB) angestrebte Preisauftrieb aus, berichtet Reuters. Die Inflationsrate legte im Juli nur um 1,3 Prozent zum Vorjahresmonat zu, wie das Statistikamt Eurostat am Montag in einer ersten Schätzung mitteilte. Damit war der Anstieg genauso niedrig wie im Vormonat. Was viele Verbraucher freut, bereitet der EZB Kopfschmerzen. Sie peilt eine für die Konjunktur als angeblich ideal erachtete Rate von knapp zwei Prozent an, verfehlt dieses Ziel aber seit Jahren.

Die EZB hat die Zinsen bereits auf Null gedrückt und pumpt jeden Monat Milliarden an aus dem Nichts geschaffenen Euro über Wertpapierkäufe in die Wirtschaft, um die Konjunktur anzuschieben und die Preise nach oben zu treiben. Angesichts der mittlerweile besser laufenden Konjunktur hat EZB-Präsident Mario Draghi allerdings unlängst eine Debatte im Rat der Notenbank über die Zukunft der Käufe für den Herbst in Aussicht gestellt. „Dabei dürfte es der EZB zumindest etwas Trost spenden, dass die sogenannte Kerninflation überraschend anzieht“, sagte Ökonom Daniele Antonucci von der Investmentbank Morgan Stanley.

Diese Kennzahl wird ohne die schwankungsanfälligen Preise für Nahrungsmittel und Energie berechnet und ist zuletzt verstärkt ins Blickfeld der EZB gerückt. Sie stieg im Juli um einen Tick auf 1,3 Prozent. Dies Schwäche der Kernrate ist aus Sicht der Zentralbank besonders problematisch, weil die Kernrate von einigen Beobachtern als einigermaßen zuverlässiger Indikator verstanden wird, der nicht von den dominanten Energiepreisen verzerrt wird.

Draghi räumte nach der jüngsten Zinssitzung ein, dass weiterhin „ein sehr substanzielles Maß“ an konjunkturstützender Geldpolitik nötig sei. Die Gesamt-Inflationsrate dürfte aus seiner Sicht noch einige Monate auf dem aktuellen Niveau verharren. EZB-Beobachterin Ulrike Kastens vom Bankhaus Sal. Oppenheim rechnet mit Raten zwischen 1,2 und 1,5 Prozent: „Eine Beschleunigung ist noch nicht in Sicht.“

Energie verteuerte sich im Juli mit 2,2 Prozent zwar etwas stärker. Doch unverarbeitete Lebensmittel wie Obst und Frischgemüse kosteten nur 0,6 Prozent mehr. Im Juni war der Anstieg hier mit 1,0 Prozent noch deutlich kräftiger ausgefallen. Bei Dienstleistungen betrug der Preisaufschlag 1,5 Prozent und damit etwas weniger als zuletzt.

Die EZB sollte aus Sicht der deutschen Direktorin Sabine Lautenschläger trotz der gedämpften Inflationsentwicklung beizeiten Vorkehrungen für eine Abkehr von der seit Jahren expansiven Geldpolitik treffen. EZB-Ratsmitglieder peilen Insidern zufolge derzeit die Zinssitzung im Oktober als wahrscheinlichsten Termin für eine Entscheidung über die Zukunft der Anleihekäufe an. Die Option, über ein Herunterfahren des Programms erst im Dezember zu entscheiden, erscheine ihnen als zu spät, erfuhr Reuters jüngst von Personen, die mit der Debatte vertraut sind.

Mit dem Ankauf von Anleihen der Euro-Staaten versucht die EZB, frisches Geld in den Bankenkreislauf zu bringen. Der Hauptzweck dürfte jedoch darin liegen, Marktteilnehmern wie Investmentfonds und Banken zu signalisieren, dass sie guten Gewissens Staatsanleihen von hochverschuldeten Ländern kaufen können, weil die Zentralbank als Garant für eine Abnahme der Papiere im Notfall bereitsteht. Das Programm hat dazu geführt, dass die Finanzierungskosten für Staaten wie Portugal, Spanien und Italien derzeit vergleichsweise niedrig sind.

Die EZB hat mit den besonders in Deutschland umstrittenen Anleihekäufen inzwischen die Schwelle von zwei Billionen Euro geknackt. Bis zum 28. Juli haben die Währungshüter Staats- und Firmenanleihen sowie andere Wertpapiere im Volumen von insgesamt 2,01 Billionen Euro in ihre Bücher genommen, wie die EZB am Montag in Frankfurt mitteilte. Die Währungshüter erwerben seit März 2015 in großem Stil Staatsanleihen und andere Schuldenpapiere. Die Käufe sollen noch bis mindestens Ende Dezember fortgesetzt werden und dann eine Größenordnung von 2,28 Billionen Euro erreichen.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Ratgeber
Ratgeber Ausweg aus der Krise durch alternative Bezahlplattform

Das Vertrauen in die Banken und die Politik schwindet zusehends. Die aktuell schwierige wirtschaftliche Lage, welche aufgrund der Covid-19...

DWN
Deutschland
Deutschland Grüne nominieren Baerbock als Kanzlerkandidatin - oberstes Ziel ist die „Klima-Neutralität“

Die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock soll ihre Partei als Kanzlerkandidatin in die Bundestagswahl führen. Baerbock wird dem Ziel, die...

DWN
Deutschland
Deutschland Mittelstand verzichtet wegen Corona auf Weiterbildung der Mitarbeiter

Vielen mittelständischen Firmen fehlt es in der Krise an Geld und Zeit für die Weiterbildung der Beschäftigten. Die Förderbank KfW...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutsche Industrie schwimmt in Aufträgen - "Reichweitenrekord"

Der Auftragsbestand der deutschen Industrie ist den neunten Monat in Folge gewachsen. In der Folge ist die sogenannte "Reichweite" auf...

DWN
Finanzen
Finanzen Darum sollten Sie Ihren Nachlass rechtzeitig regeln

Niemand denkt gerne an den eigenen Tod. Und doch ereilt er uns irgendwann alle. Vor allem, wenn man selbst Kinder hat, sollte man früh...

DWN
Unternehmen
Unternehmen ABN Amro zahlt halbe Milliarde Euro für Geldwäsche-Verstöße

Die niederländische Bank ABN Amro muss wegen Geldwäsche-Verstößen knapp eine halbe Milliarde Euro bezahlen. Der Skandal hat die gesamte...

DWN
Finanzen
Finanzen Die Zentralbanken: Aufbruch in neue monetäre Welten

Im Windschatten der Coronakrise betritt die EZB monetäres Neuland. Rettungspakete von tausenden Milliarden Euro werden schon bald nichts...

DWN
Politik
Politik Schweiz öffnet Restaurants, Kinos und Fitnesscenter

Die eklatanten Unterschiede des Corona-Alltags in europäischen Ländern werden jetzt im Dreiländereck Deutschland - Schweiz - Frankreich...

DWN
Technologie
Technologie Erneut schwerer Unfall mit selbstfahrendem Tesla

In den USA ist es erneut zu einem schweren Unfall mit einem selbstfahrenden Tesla gekommen.