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Diese Vorkehrungen treffen deutsche Firmen für den Brexit

Lesezeit: 5 min
29.03.2019 15:45
Die Nachrichtenagentur Reuters liefert einen Überblick über die wichtigsten Branchen und ihre Vorkehrungen für den Austritt Großbritanniens aus der EU:
Diese Vorkehrungen treffen deutsche Firmen für den Brexit

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Die Nachrichtenagentur Reuters liefert einen Überblick über die wichtigsten Branchen und ihre Vorkehrungen für den Austritt Großbritanniens aus der EU:

BANKEN/BÖRSEN/VERSICHERER

Deutsche Bank und Commerzbank gehen davon aus, dass sie den Kunden ihre Dienstleistungen auch nach einem harten Brexit von Tag eins an wie gewohnt anbieten können - egal ob grenzüberschreitende Zahlungen von und nach Großbritannien oder Wertpapiergeschäfte via London mit aller Welt. Die Deutsche Bank hat ihr Buchungszentrum für Europa schon vor einiger Zeit von London nach Frankfurt verlegt. Zudem werden die entsprechenden Kundenverträge umgeschrieben, damit sie nach einem Brexit noch gelten. Die Bundesbank sieht die Geldhäuser für einen harten Brexit gewappnet. Die Finanzbranche sei "in einem vernünftigen Maße" vorbereitet, sagte der für die Bankenaufsicht zuständige Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling.

Auch etliche ausländische Institute haben ihre Aktivitäten teilweise von London an andere Standorte in Europa verlagert. Denn für zentrale Dienstleistungen in der EU brauchen sie künftig rechtlich selbstständige Tochtergesellschaften. Die meisten haben inzwischen die nötigen Lizenzen, einige wenige haben aber bei den Brexit-Vorbereitungen geschlafen. "Nach wie vor gibt es Unternehmen, die sich erst jetzt mit dem Thema befassen", bemängelte Bafin-Exekutivdirektorin Elisabeth Roegele vor kurzem.

Noch wichtiger ist der milliardenschwere Handel mit Finanzderivaten und dessen Abwicklung (Clearing). Damit der Handel nach einem harten Brexit weiter funktioniert, hat die EU-Kommission Regeln erlassen, die es erlauben, dass das Clearing für ein Jahr zeitlich begrenzt in gewohntem Umfang erfolgen kann. Das London Clearing House hat umgehend auf diese Entscheidung reagiert und will seine Dienste auch nach dem Brexit vollumfänglich zur Verfügung zu stellen. Aufseher dringen jedoch darauf, dass mittelfristig das Euro-Clearing in der EU stattfinden müsse. Die Banken sollten nicht innehalten und die Anpassung der Clearing-Vorträge vorantreiben, mahnte Roegele. Für die Geldhäuser ist das mit erheblichen Aufwand verbunden. "Die Verlagerung von Hunderttausenden Verträgen ist aufwendig, komplex und nicht ohne Risiko", sagte der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands BdB, Andreas Krautscheid.

Für die deutsche Versicherungswirtschaft wären die Folgen eines harten Brexit nach Darstellung des Branchenverbandes GDV gering. Diejenigen Unternehmen, die weiterhin Geschäft in Großbritannien betreiben wollen, hätten mittlerweile längst eine Tochtergesellschaft in Großbritannien gegründet.

AUTOBRANCHE

Für die deutsche Autoindustrie ist Großbritannien der wichtigste Exportmarkt. Sie befürchtet neben Zöllen und Transportproblemen beim Neuwagen-Verkauf Störungen der "Just-in-time"-Produktion in der Lieferkette. Alle Hersteller haben Notfallpläne für den ungeregelten Ausstieg Großbritanniens aus der EU vorbereitet. "Diese Pläne decken alle relevanten Punkte ab, zum Beispiel Lieferung und Transport, Zölle und Logistik", erklärte ein Sprecher von Daimler. Auch Volkswagen hat Lagerung und operative Prozesse angepasst. Die Konzerntochter Bentley wird im britischen Werk Crewe gefertigt. "Es wird kein operatives Chaos ausbrechen", erklärte Vertriebschef Christian Dahlheim.

BMW muss neben den Exporten insbesondere die Tochter Mini auf einen harten Brexit einstellen. Zur Sicherheit wollen die Münchner eine Produktionsunterbrechung in ihrem Werk in Oxford von August auf April vorziehen. Unter den globalen Autokonzernen müssen der japanische Hersteller Nissan und die zum indischen Tata-Konzern gehörend Marke Jaguar Land Rover (JLR) mit jeweils rund 450.000 Einheiten Produktionskapazität dafür sorgen, dass die Lieferkette weiter funktioniert.

LUFTVERKEHR UND TOURISMUS

Großbritannien und die EU haben mit Übergangsregeln im Falle eines ungeordneten Brexit dafür gesorgt, dass der Luftverkehr in Europa weitgehend ungestört weitergeht. Innerhalb der EU dürfen nur Airlines Flüge anbieten, die zu mehr als 50 Prozent im Besitz von EU-Ansässigen sind und kontrolliert werden. Wegen der hohen Anteile britischer Aktionäre laufen der Luftfahrtkonzern IAG (mit Iberia, Vueling, Aer Lingus), Ryanair, Easyjet sowie die Airlines der Reisekonzerne Thomas Cook (Condor) und TUI Gefahr, Verkehrsrechte zu verlieren. Doch sie bekommen bis zu zwölf Monate Übergangszeit, um ihre Mehrheitsverhältnisse zu regeln. In dieser Zeit bleibt ein Grundangebot an Flügen gewährleistet. Das bedeutet, dass in diesem Jahr nicht mehr Flüge abheben und landen dürfen als 2018. Technische Zulassungen etwa zur Luftsicherheit der Behörde EASA bleiben bis 31. Januar 2020 gültig. Fast alle Airlines arbeiten daran, mehr als 50 Prozent Eigner aus der EU zu bekommen.

Große Sorgen bereitet der Tourismusbranche in Großbritannien und in den beliebtesten Reiseländern der Briten wie Spanien, Frankreich oder Italien, dass viele Urlauber wegen Unsicherheit über Visum oder Führerschein oder einem sinkenden Pfund-Kurs lieber zu Hause bleiben.

LOGISTIK

Ein harter Brexit könnte Logistiker vor ungeahnte Probleme stellen. Denn dann wird es umfassende Zollkontrollen von Lkw in den britischen Häfen geben. Ein Endlos-Stau wäre die Folge, warnt etwa der dänische Spediteur DSV. Der könnte sich über die gesamte 130 Kilometer lange Strecke zwischen London und Dover erstrecken, sagte DSV-Chef Jens Bjorn Andersen. In Dover werden rund 17 Prozent der Güter für das Vereingte Königreich abgefertigt. Jeden Tag rollen rund 10.000 Laster durch den Hafen.

Der Logistiker Kühne+Nagel bereitet sich darauf vor, im Fall eines ungeordneten Brexit genügend Frachtkapazitäten auf Handelsrouten zwischen Großbritannien und Europa anbieten zu können. Der Konzern hat damit begonnen, zusätzliche Mitarbeiter anzuheuern. "Am Nadelöhr zwischen Calais und Dover wird es im Fall eines ungeregelten Austritts zu Staus und Wartezeiten kommen", warnte auch der Logistiker Dachser. Das Unternehmen wolle die Auswirkungen auf die Kunden so gering wie möglich halten. Dachser sorge deshalb für zusätzliche Lagerkapazitäten und stellen zusätzliche Mitarbeiter für Verzollungen bereit.

Die Deutsche Post arbeitet einer Sprecherin zufolge bereits seit über einem Jahr an Notfallplänen. Sie hat die Beratung der Kunden intensiviert und analysiert gemeinsam mit ihnen Lieferketten, um zu prüfen, wie Engpässe umgangen werden können. Der Zolldienstleister des Konzerns, Gerlach, habe zudem neben einer Niederlassung in Dover ein zusätzliches Büro in Southhampton eröffnet. Der Konzern hat Hunderte neue Mitarbeiter eingestellt, die sich um die Bewältigung von Verwaltungsaufgaben im Zoll kümmern sollen.

Die Post betreut unter anderem Lieferketten samt großer Lagerhallen für Firmenkunden in Großbritannien und ist im Express- und Frachtgeschäft sowie im Paketversand aktiv. Der Konzern beschäftigt im Vereinigten Königreich rund 54.000 Mitarbeiter und betreibt dort rund 500 Standorte.

EINZELHANDEL

Bei frischen Lebensmitteln droht den Einzelhändlern auf der Insel im Falle eines harten Brexit ein Engpass. Rund die Hälfte der Waren wird importiert. Zwar könnten die Supermarktketten Konserven und ähnliches in ihren Lagern horten - für frische Lebensmittel sei dies aber keine Option, sagte etwa der Chef der größten Supermarktkette Tesco, Dave Lewis. Auch Sainsbury's, Nummer Zwei in Großbritannien, fürchtet eine Unterbrechung der Lieferketten. Sein Unternehmen importiere rund 30 Prozent seiner Lebensmittel, warnte Vorstandschef Mike Coupe. Es gebe schon einfach nicht genug Lagerhallen, um solche Mengen verderblicher Waren vorzuhalten. Und Experten erinnern daran, dass es nach dem Einbruch einer riesigen Kälte-Front im vergangenen Jahr nur wenige Tage dauerte, bis Lücken in den Supermarktketten klafften. Die Zeche bei einer Verknappung etwa von Obst, Gemüse oder Fleisch zahlten zudem die Verbraucher - denn deutlich steigende Preise wären die Folge.

Der deutsche Discounter Lidl, Marktforschern zufolge Nummer Sieben am britischen Markt, arbeitet einer Sprecherin zufolge an der Verstärkung seiner Zoll- und Importabteilungen. "Zusätzlich arbeiten wir gemeinsam mit unseren Lieferanten Pläne aus, wie wir bestmöglich auf verschiedene Szenarien reagieren können."

PHARMA- UND CHEMIEBRANCHE

Auch in der Chemiebranche werden Lieferengpässe nicht ausgeschlossen. Im Fall eines ungeordneten Brexit dürfen nach Angaben des Branchenverbands VCI chemische Stoffe, die im Vereinigten Königreich für den Vertrieb in der EU registriert wurden, nach dem Austritt nicht mehr ohne Weiteres in der EU verkauft werden. Das hätte gravierende Auswirkungen auf die Lieferketten. "Der Brexit-Prozess zeigt bereits negative Auswirkungen auf Investitionen und Handel, obwohl die endgültige Entscheidung noch aussteht", sagte VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann. BASF rechnet im Fall eines "No-Deal"-Brexit wegen höherer Zölle und Tarife sowie bürokratischerer Zollverfahren mit zusätzlichen Kosten im zweistelligen Millionen-Bereich. Im Bereich des Chemikalienrechts könnte es passieren, dass Produkte ihre Zulassung zunächst verlören. BASF bereitet sich daher schon jetzt darauf vor, die Neuzulassung rechtzeitig sicherzustellen.

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) Pharmabranche sieht zwar die Möglichkeit von Engpässen, mit einem Versorgungsnotstand sei aber trotz möglicher Probleme nicht zu rechnen. "Die Industrie hat Maßnahmen getroffen, die negativen Auswirkungen eines harten Brexit auf die Patientenversorgung gering zu halten." Probleme bei der Medikamentenversorgung im Falle eines ungeordneten Brexit könnte es insbesondere bei Produkten geben, bei denen der Zulassungsinhaber einer zentralen Zulassung noch in Großbritannien angesiedelt ist und es bisher nicht möglich war, diese Funktion auf eine Firma in der EU zu übertragen.

Bayer hat sich nach eigenen Angaben für einen harten Brexit gerüstet. Wichtig sei vor allem die Aufstockung der Medikamentenvorräte im Land für den Zeitraum unmittelbar vor und nach dem 29. März. "Allerdings ist eine Aufstockung der Bestände bei Medikamenten mit sehr kurzer Haltbarkeit, speziell in der Kategorie Radiopharmazeutika, nicht möglich", erläuterte ein Bayer-Sprecher. Das Unternehmen arbeite deshalb an der Beantragung zollrechtlicher Vereinfachungen bei den britischen Zollbehörden, um die Produkte reibungslos transferieren und versenden zu können.

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