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290 Billionen Euro Risiko: Sparer müssen Euro-Banken retten

Lesezeit: 4 min
09.04.2013 03:21
Zypern ist die Zeiten-Wende für den Euro: In dem kleinen Land haben die Euro-Retter vorgemacht, dass künftig alle für die Rettung der Banken bluten müssen. Die Panik hat einen Grund: In den Kellern der Banken dampfen Billionen an giftigen Schrottpapieren. Die Finanz-Industrie hat keine Chance, das Problem ohne den Zugriff auf die Bank-Guthaben von Bürgern und Investoren zu lösen.
290 Billionen Euro Risiko: Sparer müssen Euro-Banken retten

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In den vergangenen Tagen gab es Äußerungen von Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem, dem EZB-Mann Klaas Knot und HVB-UniCredit-Chef Federico Ghizzoni (hier), dass Zypern durchaus eine „Blaupause“ für Banken „in Not“ sei. Besitzer von Bankaktien, Bankanleihen, aber auch Einleger müssten künftig damit rechnen, zur Kasse gebeten zu werden.

Am Sonntag legte Bundesbank-Präsident Weidmann nach und fordert ein „Abwicklungsregime“ für Banken in der Eurozone, wenn auch die Einleger erst am Ende der (Nahrungs-) Haftungskette in Anspruch genommen werden sollen (hier). Angela Merkel schlug in dieselbe Kerbe (hier), und EZB-Chef Mario Draghi, der immer ratloser wirkt, sagt: Wir haben immer schon gesagt, dass wir die Banken retten müssen (hier).

Die Argumentationslinie lautet, dass nicht mehr die Steuerzahler allein bluten sollen. Allerdings sind offenkundig auch Bank-Guthaben unter 100.000 Euro „im schlimmsten Fall“ nicht sicher.

Dabei ist es im Grunde einerlei, ob Banken schlussendlich über den Staat, also den Steuerzahler, „gerettet“ werden oder der Steuerzahler über sein Geschäfts- oder Privatkonto zur Ader gelassen wird.

Aber warum ist es eigentlich so dringlich, panikartig und unkontrolliert nach neuen Mitteln und Wegen zu suchen, die Banken zu restrukturieren, im Klartext: zu „retten“?

Der Grund für die Panik liegt in der Derivaten-Blase, die bis zum Platzen aufgepumpt ist. Und es gibt keine Großbank, die nicht mit Derivaten spekuliert oder in ihren Bilanzen hat. Selbst die vermeintlich biederen deutschen Sparkassen mischen als Player im großen Derivate-Casino mit.

Derivate sind Finanzprodukte, die keinen Wert an sich besitzen. Es handelt sich vielmehr um Wetten oder Versicherungen.

Zwar hat der Bundestag im Dezember 2012 strengere Regeln im Umgang mit Derivaten beschlossen, mit dem hehren Ansinnen, der Derivatehandel müsse transparenter werden. Doch Auflagen oder Einschränkungen gibt es nicht. Derivate sind nach wie vor frei handelbar und bergen für Banken weiterhin ein immenses Risiko.

Was die Detrivate besonders gefährlich macht: Sie werden over the counter (OTC) gehandelt - sind also in keiner Bank-Bilanz ausgewiesen.

Manche Derivate sind sinnvoll: Etwa Kredit-Ausfallversicherungen für Staatsanleihen (Credit Default Swaps, CDS), die je nach dem aktuellen Wert oder der „Rendite“ mit im Preis für den Bonderwerb enthalten sind und deren Versicherungsanteile je nach Risiko steigen.

Als der erste Schuldenschnitt für Griechenland Schlagzeilen machte, galt die größte Sorge der Frage, ob der „Haircut“ für Griechenland den gesamten internationalen CDS-Markt völlig außer Kontrolle bringt.

Warren Buffet, was immer man von ihm halten mag, sprach in diesem Zusammenhang von „finanziellen Massenvernichtungswaffen“, und der frühere französische Präsident Jacques Chirac hielt Derivate für „finanzielles AIDS“.

Derivate für sich genommen sind zwar nicht des Teufels Werk. Jedoch werden sie zu „Massenvernichtungswaffen“, sobald klar ist, dass die Absicherung in Anspruch genommen wird, die mittels der Derivate versprochen sind.

Sie sind im Grunde ein heimliches, gigantisches Kasino im Hinterzimmer des großen globalen Finanz-Kasino: Erfolgt der Margin-Call - also die Forderung, die Derivate zum Nominalwert zurückzukaufen, dann raucht es im Salon: Dann stürzen die Spieler aus dem Hinterzimmer an die öffentlichen Spieltische und versuchen, zu holen, was sie bekommen können. Weil aber die Spieltische im hell erleuchteten Kasino viel kleiner sind als die in den Hinterzimmern, kann es nur eines geben - den großen Crash.

Verständlich ist beispielsweise, dass man den Ausfall von Staatsanleihen versichern möchte. Ebenso, wie jeder, der bei einer Bank einen Kredit aufnimmt, eine Versicherungspolice zeichnen muss.

Derivate werden in den vielfältigsten Formen gehandelt. Es sind Absicherungen gegen Wechselkursschwankungen, aber auch Wetten auf Käufe von Immobilien und Hypotheken, Rohstoffen, Nahrungsmitteln, deren Verkäufe oder Ankäufe noch gar nicht abgeschlossen sind.

Zudem werden Derivate aufs Neue gebündelt und weiter gehandelt. Ähnlich wie bei den Hypothekenforderungen in den USA, wo CDO’s (Hypothekenausfallversicherungen) in immer neue Pakete gepackt wurden, sichere Versicherungspapiere und solche mit hohem Ausfallrisiko in Kombination auf den Markt kamen, was schließlich den Finanzcrash von 2008 zur Folge hatte.

Die Banken lieben die Derivate, weil sie extrem profitabel sind und weil sie sich die Papiere gegenseitig verkaufen können. Ein völlig nutzloses Geschäft, das keinerlei Wertschöpfung bringt, wie der Investor Casey sehr plastisch erläutert hat (hier).

Bisher sind die Derivate immer nur in kleineren Eruptionen in Erscheinung getreten: Etwa bei der ältesten Bank der Welt, der Banca  Monte dei Paschi di Siena, die von Mario Draghi beaufsichtigt wurde und mit Milliarden-Verlusten durch gefloppte Derivaten-Geschäfte in die staatliche Intensiv-Station geschickt werden musste (hier).

Wirklich atemberaubend sind die Summen, um die es geht. Zwar weiß niemand genau, wieviele solcher explosiven Papiere im Umlauf sind - aber genau das macht sie so gefährlich.

Der weltweite Derivatehandel beläuft sich auf 700 Billionen Dollar. In Europa sind etwa 290 Billionen Euro Derivate im Umlauf.

Sollte auch nur ein Bruchteil von 10% dieser Derivate ausfallen, steht das Bankensystem vor dem Kollaps.

Zu den in den Banken der Peripheriestaaten dampfenden Blasen der Staatsanleihen, die die Banken auf Geheiß ihrer Regierungen mit der von der EZB in 2011 und 2012 zur Verfügung gestellten LTRO – insgesamt etwa eine Billion Euro – kaufen mussten und immer noch kaufen, gesellt sich also noch eine riesige Derivateblase. Wenn diese Derivateblase platzt, kann es zum vollständigen System-Kollaps kommen.

Damit keine Panik ausbricht, müsste eine systemrelevante Bank im Fall der Fälle an einem Wochenende vom übrigen Bankenmarkt abgeschottet werden. Siehe „Blaupause“ Bank of Cyprus. Wolfgang Schäuble hat hierzu bereits das Nötige kundgetan: „Bankeinlagen sind eine sensible Sache, daher macht man es am Wochenende“ (hier).

Der europäischen Politik ist offenbar klargeworden, dass die Derivaten-Blase nicht mehr mit normalen Mitteln zu verhindern ist. Ein Systemkollaps bei den Banken ist mehr als wahrscheinlich.

Die europäischen Banken haben es versäumt, nach der Finanzkrise 2008 ihre Zeitbomben zu entschärfen. Sie sind immer noch viel zu hoch im Risiko (hier bei Casey). Ob die US-Banken wirklich höhere Eigenkapitalquoten haben, wie die Amerikaner gern behaupten, und ob diese reichen, deren eigene Leichen in den Kellern zu entsorgen, weiß kein Mensch.

Die Gründe, weshalb nun Banken-Abwicklungspläne bewußt „vorsorglich“ in die Öffentlichkeit getragen werden, dienen als Vorbereitung für den Ernstfall: Sparer und Investoren werden darauf eingestimmt, dass sie bluten werden.

Wegen der Dimension dieser Blase haben EU und EZB keine andere Wahl, als die Rettung der Banken durch die Bürger vorzubereiten. Die Asstes in den Banken reichen nicht mehr aus, die Dimensionen sind völlig aus dem Ruder gelaufen. Nur die privaten Vermögen - von Sparern, Unternehmen und Investoren, könnten den globalen Crash verhindern.

Mario Draghi sagte, man werde den Euro retten - koste es, was es wolle.

Wegen der Derivaten-Blase werden dies früher oder später alle Bank-Kunden am eigenen Leib zu spüren bekommen.

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