EZB unter Lagarde: „Die Party kann noch eine Weile dauern, aber der schwere Kater kommt“

 

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03.07.2019 11:36
Die Zentralbanken sind infolge ihrer exzessiven Geldpolitik zu den letzten Garanten von Liquidität in einer hoch verschuldeten Welt geworden. Unklar bleibt, welchen Kurs Christine Lagarde künftig als EZB-Chefin vorgeben wird.
EZB unter Lagarde: „Die Party kann noch eine Weile dauern, aber der schwere Kater kommt“
Christine Lagarde. (Foto: dpa)

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Die langjährige Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, wird wahrscheinlich künftig die Leitung der EZB übernehmen. Am Markt kam die Nominierung Lagardes gut an. „Frau Lagarde hat die geldpolitische Lockerung im Allgemeinen und Anleihekäufe im Speziellen stets unterstützt“, sagte ein Analyst von Capital Economics zur dpa. Sie werde Deutschland zu einer lockereren Finanzpolitik drängen und wohl auch Frankreichs Präsident Macron in seinem Drängen für „mehr Europa“ unterstützen, um systemische Risiken in der Region zu reduzieren.

Trifft dieser Befund zu, droht eine weitere Eskalation der Interventionen der Zentralbank im Finanzsystem Europas und eine verstärkte Enteignung der Sparer des Kontinents. Heutzutage haben sich einige – so scheint es - schon gewöhnt and die andauernde Realzinslosigkeit bzw. zuletzt sogar Negativverzinsungen zahlreicher Schuldtitel. Dies ist aber nicht die Folge von weltpolitischen Anschauungen, sondern das Werk von globalen Zentralbanken.

Theoretisch sollen Zinsen ja Opportunitätskosten für den entgangenen Nutzen darstellen und als Preis für den Produktionsfaktor Kapital fungieren, theoretisch jedenfalls. So gesehen wird Kapital in Europa schon seit Jahren ohne Preis gehandelt. Die unkonventionelle, besser gesagt ultraexpansive Geldpolitik scheint jedoch immer weniger potent.

Der nichtfunktionierende Transmissionsmechanismus von den Zentralbanken hin zu den Wirtschaftssubjekten hat als eine der unbeabsichtigten Nebeneffekte eine permanente Aufwertung von Vermögenswerten zur Folge, zuletzt sogar von virtuellen Kryptowährungen, welche von Zeit zu Zeit explosionsartig im Wert steigen, deren Nutzen aber noch zu diskutieren ist. Das Wirtschaftswachstum jedoch bleibt bescheiden, immer mehr Schulden führen zu immer weniger Wachstum.

Wenn man die letzten Wortmeldungen hoher Beamter der EZB interpretiert, so wird es auf absehbare Zeit gar keine realen Zinsen (Zinsen, die über der Inflation liegen) geben im Euroraum, und damit auch in der Bundesrepublik nicht. Mehr noch, nach den letzten Kommentaren von Noch-EZB-Präsident Draghi, könnte es in Bälde sogar noch niedrigere, also noch negativere Nominalzinsen geben (Anmerkung: die 10jaehrige deutsche Bundesanleihe notiert zurzeit bei minus 0.35 Prozent p.a., man zahlt quasi dem Finanzminister Geld dafür, dass er sich verschuldet).

Auch die Vertreter der US-Zentralbank FED scheinen trotz proklamierter Unabhängigkeit dem Druck der Trump-Administration allmählich nachzugeben und werden bald die Leitzinsen senken, mit Bezug auf die sich abschwächende US Wirtschaft. In den USA konnte man zumindest eine teilweise Normalisierung der jahrzehntelang expansiven Geldpolitik sehen, obwohl zuletzt die Wirtschaftsexpansion einen neuen Rekord von 121 Monaten ausweist und gut erkennbare Erschöpfungserscheinungen zeigt. Alles spricht weltweit derzeit für eine Ausweitung der Kreditschöpfung aus dem Nichts durch die Zentralbanken.

Die EZB denkt offen über neue Ankaufsprogramme für verschiedene Anleihen nach. Es ist nicht auszuschließen, dass in absehbarer Zeit möglicherweise auch Schuldverschreibungen niedrigerer Bonitätsstufen, oder sogar Titel wie Aktien, Immobilien und andere Anlageklassen zum Zug kommen, wenn sich Zentralbanken entscheiden, ihre Bilanzen weiter aufzublasen - so wie es schon seit einiger Zeit die Japanische Nationalbank vorexerziert hatte.

Dadurch werden Zentralbanken in den entwickelten Ländern endgültig zu aktiven und unverzichtbaren Marktteilnehmern bei mehr oder weniger liquiden Vermögens- und Anlagewerten.

Wohin führt das alles?

Zurzeit profitieren in erster Linie die hochverschuldeten Staaten. Die großen Verlierer sind die Sparer und auch die Banken, welche permanent real entwertet werden. Mit ultraniedrigen Zinsen  können Schuldner die Zinslast des weltweit rekordhohen Schuldenberges besser bedienen.

Letztendlich bedeutet das Handeln der Zentralbanken aber auch eine Vertiefung und Erweiterung der Rezepte, die schon in der Vergangenheit nicht wirklich überzeugende Resultate gebracht hatten, wenn man exemplarisch das relativ anämische Wirtschaftswachstum des letzten Jahrzehnts im EMU-Raum betrachtet. Dass monetäre Politik kein Substitut für fehlende Strukturreformen und unbeherrschte Fiskalpolitik sein kann, ist klar.

Gefährliches Spiel mit der Marktbeeinflussung und -verzerrung

Wenn es den Zentralbanken dann zwar kurzfristig doch noch immer wieder gelingt, die Marktstimmung aufzuhellen, kommt es als Nebenwirkung zu immer weiteren Aufwertungen von Vermögenswerten, sei es nun in manchen Regionen bei Immobilien, Kryptowährungen, Anleihen oder Aktien. Wenn Zentralbanken den Charakter des Regulators dem eines Marktteilnehmers unterordnen, dann birgt das unvorhersehbare Risken einer in nicht allzu ferner Zukunft liegenden radikalen Deflation aller Vermögenswerte, wenn es zu einer Kulmination oder Abfolge von negativen Ereignissen kommt. Dann kann schon mal der Verkaufsdruck seitens großer Marktteilnehmer synchron so stark zunehmen, dass alle gleichzeitig aus den durch nichts gedeckten Spekulationsmärkten flüchten möchten.

Jene Investoren, die in den rund 13 Billionen Dollar an negativ rentierenden Schulden investiert sind, und bereit sind, den Schuldnern Geld zu zahlen, damit sie ihr eingesetztes Kapital zumindest zurückbekommen, wirken dann auf einmal wieder sehr rational.

“Unfunded Liabilities” – nichtfinanzierte Verpflichtungen oder warum das System letztendlich kippen muss

Jüngste Studien in den USA haben gezeigt, dass die Pensionsverpflichtungen trotz 10-jähriger Hausse an den Börsen und rekordverdächtigen Bewertungen im Sinne des KGV (das Kurs-Gewinn-Verhältnis des breitgestreuten S&P 500 liegt bei 25, d.h. der durchschnittliche Aktientitel wird mit dem 25fachen Jahresgewinn bewertet), noch immer nicht gedeckt bzw. finanziert sind. Die durchschnittliche Pensionskasse (ob privat oder staatlich) müsste eine Nettorendite von 7 Prozent p.a. verdienen, damit sie ihren Verpflichtungen nachkommen können in Zukunft, wenn man die negative demographische Entwicklung berücksichtigt.

Fazit

Zusammenfassend kann also festgestellt werden, dass die Zentralbanken vitale Marktteilnehmer wurden aufgrund der exzessiven Geldpolitiken der letzten Jahre. Wenn es wieder zu Tumulten kommt auf den Wertpapiermärkten, dann wird es viele Verlierer geben in vermutlich fast allen Vermögensklassen.  Vermutlich wird es dann auch die eher Risikoaversen treffen. Es ist eine Frage der Zeit.

Der Ökonom und aktive Privatinvestor Keynes hat es vor einem Jahrhundert so trefflich formuliert: “the market can stay irrational much longer than you can stay liquid”. Die Party kann also noch eine Zeit lang dauern, bevor es zur „großen Korrektur aller Vermögenswerte” kommen wird. Dass sie jedoch kommt, ist unausweichlich. Der deutsche Sparer und Rentner wird in einem solchen Szenario vermutlich schon froh sein, zumindest sein durch die negativen Realzinsen entwertetes Sparguthaben zurückzubekommen.

Von Mag. Stefan Vavti. Ehemaliger Bankdirektor und jetziger Finanz- und Restrukturierungsmanager.


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