Unvergängliche Anziehungskraft: Gold im Verlauf der Jahrhunderte

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23.08.2019 17:06  Aktualisiert: 23.08.2019 17:06
Das Handeln der Menschen wurde auf vielfältige Weise von Gold beeinflusst. Auch unser heutiges Wirtschaftssystem ist noch stark abhängig von diesem Rohstoff.
Unvergängliche Anziehungskraft: Gold im Verlauf der Jahrhunderte
Die anziehungskraft bleibt bis heute: Durch seine Goldraube in Mittel- und Südamerika wurde Spanien zur Supermacht des 16. Jahrhunderts. (Foto: dpa)

Seien wir ehrlich: Im Leben der meisten von uns spielt Gold nur eine untergeordnete Rolle. Vielleicht ist unser Schmuck aus dem schimmernden Edelmetall gefertigt, vielleicht bewahren wir ein paar Gramm – oder auch Kilo – im hauseigenen Tresor oder dem der Bank als Wertanlage auf. Aber eine darüberhinausgehende Bedeutung hat es für uns kaum.

Und für die Menschheit? Seit der Kupferzeit, als unsere Vorfahren – vor rund 7.000 Jahren – Gold zu nutzen begannen, sind noch nicht einmal ganz 200.000 Tonnen gefördert worden. Der Wert dieser Menge beträgt schätzungsweise fünf bis sechs Billionen Euro – weniger als das Bruttoinlandsprodukt, das die Bundesrepublik in zwei Jahren erwirtschaftet.

Dennoch: Gold hat über die Jahrtausende hinweg niemals seine Faszination und seine Strahlkraft für die Menschen eingebüßt. Sein Verkaufswert mag geschwankt haben: Ende des 15. Jahrhunderts wurde eine Feinunze (31,103 Gramm) zum Rekordwert von – in heutige Kaufkraft umgerechnet – rund 3.200 Euro gehandelt, Anfang der 1920er Jahre für lediglich circa 150 Euro. Aber selbst das ist gewaltig angesichts der Tatsache, dass beispielsweise 31,103 Gramm Stahl weniger als ein Hunderttausendstel Euro kosten. Und mit Stahl wurde – und wird bis heute – Geschichte gemacht. Und genau das, nämlich Geschichte geschrieben, hat auch das Gold.

Das Edelmetall hat einen äußerst großen Anteil am Entstehen ganzer Reiche, aber auch an ihrem Niedergang und sogar an ihrer Zerstörung. Noch im 19. Jahrhundert trug die Suche nach dem wertvollen Gut entscheidend mit dazu bei, dass Länder, ja fast ganze Kontinente, zu dem wurden, was sie heute sind. Und es ist noch nicht einmal 50 Jahre her, dass eine wirtschaftspolitische Entscheidung in Sachen Gold das globale Wirtschaftssystem von Grund auf veränderte.

Alexander der Große (356 bis 323 v. Chr.) nutzte das Gold, das er auf seinen Eroberungszügen erbeutete, um ein Reich zu schaffen, das einen Großteil der damals bekannten Welt ausmachte. Karl der Große (747 bis 814 n. Chr.), in gewisser Weise der „erste Europäer“, tat es ihm nach: Mit dem Gold, das ihm auf seinen Feldzügen zufiel, finanzierte er die weitere Expansion seines Reiches. Cäsar bezahlte seine Soldaten mit Gold, das er in Gallien erbeutet hatte, und schwang sich zum Alleinherrscher Roms auf. Mit dem Gold der von ihnen besiegten Völker finanzierten spätere römische Herrscher ein Imperium, das aufgrund seines gewaltigen Reichtums immer dekadenter wurde und schließlich dem Ansturm der Barbaren nichts mehr entgegenzusetzen hatte.

Während die Römer schließlich ihrer eigenen Gier zum Opfer fielen, wurden die großen Reiche Süd- und Mittelamerikas Opfer der Gier fremder Eroberer. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eroberten die Spanier fast ganz Süd- und Mittelamerika sowie Teile des südlichen Nordamerikas. Auf ihren Raubzügen fanden die Konquistadoren zwar nicht das sagenumworbene El Dorado, stießen jedoch auf die Hochkulturen der Maya, Inka und Azteken, die sie nicht nur gnadenlos ausplünderten, sondern auch vollständig zerstörten. Durch seine gewaltigen Goldraube wurde Spanien die dominante Macht des 16. Jahrhunderts. Die Goldtransporte der reich beladenen Galeeren über den Atlantik lieferten den Stoff für Legenden: Rund 3.000 Schiffe gelten als vermisst – dann und wann wird eines mit seiner wertvollen Fracht von Schatzsuchern geortet und gehoben.

Auch die Geschichte der Supermacht des 20. Jahrhunderts, der USA, wurde durch das Gold entscheidend geprägt. Nachdem der Sägemühlen-Arbeiter James Marshall im Jahr 1848 im Bett des „American River“ im heutigen Kalifornien einen Goldnugget entdeckt hatte, strömten Hunderttausende nach Westen in der Hoffnung auf das große Glück. Gold fanden zwar nur wenige, aber sie schufen den bevölkerungsreichsten und wohlhabendsten aller 50 US-Bundesstaaten. Wäre er ein eigener Staat, stünde er in der Liste der Länder mit dem höchsten Bruttosozialprodukt auf Rang fünf – noch vor Großbritannien und Frankreich.

Auch unser heutiges globales Wirtschaftssystem wurde vom Gold maßgeblich beeinflusst. Auf der Konferenz von Bretton Woods (einem kleinem Ort im US-Bundesstaat New Hampshire) im Jahr 1944 vereinbarten die Teilnehmer (44 der damals führenden Wirtschaftsnationen mit Ausnahme der Achsenmächte) ein System der festen Wechselkurse mit dem Dollar als Leitwährung, wobei sich die USA dazu verpflichteten, jederzeit Dollar im gesetzlich festgelegten Verhältnis gegen Gold zu tauschen. Das System funktionierte jedoch nur kurze Zeit: Spätestens als Frankreich unter Charles de Gaulle im Jahr 1965 Millionen von Dollar in die USA zurücktransferierte und sich im Gegenzug Gold auszahlen ließ, war klar, dass es früher oder später kollabieren würde. Nachdem die Goldvorräte in Fort Knox innerhalb von weniger als 30 Jahren auf die Hälfte geschrumpft waren, zog Präsident Richard Nixon im August 1971 die Notbremse: Im Namen der Vereinigten Staaten von Amerika kündigte er den Goldstandard auf – Bretton-Woods gehörte damit der Vergangenheit an, die Wechselkurse waren wieder frei.

Rund 200.000 Tonnen Gold haben die Menschen bisher der Erde abgerungen. Derzeit sind es – aufgrund der enorm verbesserten technischen Möglichkeiten – 2.500 Tonnen im Jahr. Wird dieses Tempo beibehalten, werden die Goldvorräte nach Schätzungen von Experten in circa 40 Jahren erschöpft sein. Möglicherweise werden bis dahin neue Vorkommen entdeckt und neue Abbaumethoden entwickelt, die einen Abbau, der derzeit finanziell nicht einträglich ist, dann lohnenswert macht. Vielleicht aber auch nicht. Die Tatsache, dass die Goldvorräte endlich sind, dürfte den Preis in den nächsten Jahren tendenziell steigen lassen – schon allein aus psychologischen Gründen.

Was den Traum der Alchemisten angeht, Gold künstlich herzustellen: Einerseits ist er wahrgeworden, andererseits aber auch nicht. Technisch ist die Herstellung tatsächlich möglich – und zwar sowohl im Teilchenbeschleuniger als auch im Kernreaktor. Derzeit ist jedoch aufgrund der astronomischen Kosten weder das eine noch das andere Verfahren für die Praxis von Bedeutung. Und es ist nicht davon auszugehen, dass sich das ändert, dass sich die künstliche Herstellung von Gold jemals rentieren wird.

Den Lauf der Geschichte ändern – das vermag Gold derzeit eher nicht. Aber seine Bedeutung scheint in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Turbulenzen wieder zuzunehmen. Aktuell stocken eine ganze Reihe von Staaten wie Russland und China ihre Bestände an dem Edelmetall massiv auf, und auch Investoren – private sowie institutionelle – fügen Gold wieder verstärkt ihrem Anlege-Portfolio zu. Ebenso steht die Koppelung von Währungen an Gold wieder in der Diskussion. So hat der Premierminister von Malaysia, Mahathir Mohamad, eine goldgedeckte Währung für die Länder Ostasiens vorgeschlagen – zwar nicht für Inlandsgeschäfte, aber für die Abrechnung von In- und Exporten. Und Judy Shelton, derzeit Wirtschaftsberaterin von US-Präsident Donald Trump und in Kürze wahrscheinlich Vorstands-Mitglied der Federal Reserve, hat gesagt, ein System wie der klassische Goldstandard würde es verhindern, dass Länder wie China weiterhin ihre Währungen manipulieren: „Der klassische Goldstandard stellte einen internationalen Vergleichswert für Währungen bereit, in Übereinstimmung mit den Prinzipien des freien Handels.“

Eins ist sicher: Gold wird die Menschen weiterhin in seinen Bann ziehen. Und auch in der Geschichte wird das faszinierende Edelmetall weiter seinen Platz haben.


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