Politik
Hintergründe unklar

Türkei: Fünf Generäle in den vergangenen Tagen zurückgetreten

Der türkische Kommandant für die Region Idlib und weitere Generäle, die die Grenzstädte zu Syrien überwachten, sind zurückgetreten.
27.08.2019 14:21
Lesezeit: 2 min

 

 

 

 

 

 

 

 

In den vergangenen Tagen sind fünf türkische Generäle zurückgetreten. Es handelt sich um Generalmajor Ahmet Ercan Çorbacı und seinen Adjutant Brigadegeneral Ertuğrul Sağlam, Generalmajor Recep Özdemir, Brigadegeneral Ömer Faruk Özdemir und Brigadegeneral Uğur Bülend Acarbay. Die Zeitung Yurt Gazetesi berichtet: “Es war bekannt, dass Çorbacı als  Kommandant und sein Adjutant Sağlam für die Region Idlib (Syrien, Anm. d. Red.) zuständig waren. Zudem ist auffällig, dass die restlichen Generäle die Kommandanten der Städte Adana, Kilis, Hakkari, Van im Grenzgebiet (zu Syrien und Irak, Anm. d. Red.) gewesen sind.”

Auslöser der Rücktritte soll eine ungerechte Behandlung der Generäle durch den "Obersten Militärrat" (YAŞ) sein. Der YAŞ tagt jährlich, um die Neubesetzung von wichtigen Posten innerhalb des türkischen Militärs zu regeln. Die Generäle, die allesamt im Feld gestanden haben, kritisieren, dass die YAŞ im aktuellen Jahr falsche Personalentscheidungen gefällt habe. 

Die Mitglieder des YAŞ sind neben dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan auch Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu, Innenminister Süleyman Soylu, Verteidigungsminister Hulusi Akar, Justizminister Abdulhamit Gül, Bildungsminister Ziya Selçuk, Finanzminister Berat Albayrak, Generalstabschef Yaşar Güler, der Heeresleiter Ümit Dündar, der Befehlshaber der Marine, Adnan Özbal, und der Luftwaffenchef Hasan Küçükakyüz. 

Schwere Vorwürfe gegen den Verteidigungsminister

Oberst a.D. Mustafa Önsel, der zuvor in der Abteilung der technischen Aufklärung des Generalkommandos der Gendarmerie tätig gewesen ist, kritisierte im August 2019, dass die Entscheidungen des YAŞ darauf abzielen würden, solche Generäle in den Ruhestand zu versetzen, die Gegner der Bewegung des islamistischen Predigers Fethullah Gülen sind. 

“Seit zwei Jahren wurden diejenigen, die der FETÖ (Bewegung von Gülen, Anm. d. Red.) als Zielscheiben dienten, nach und nach aus dem Amt gejagt. Es waren nur noch wenige übrig. Mit diesen Entscheidungen hat man sozusagen den Goldenen Schuss getätigt (...) Ich sage es nochmal. Diese Leute, die nichts anderes im Sinn hatten als die Staatswohl, und sich gegen die FETÖ aufgelehnt hatten, wurden mehrheitlich entfernt”, zitiert OdaTV Önsel. 

In einem Video wird Oberst a.D. Önsel noch deutlicher und sagt, dass diejenigen aus dem Militär entfernt werden, die sich zur Republik bekennen. Eine herausragende Rolle bei diesem Prozess spielt offenbar der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar, der zuvor das Amt des Generalstabschefs inne hatte. 

In diesem Zusammenhang sind die Aussagen des Kronzeugen “Abdullah” wichtig, der im Verlauf der Prozesse gegen die Gülen-nahen Putschisten die ehemaligen Generalstabschefs Hukusi Akar und Necdet Özel schwer belastet hatte. “Abdullah” war innerhalb des Militärs zunächst selbst ein Anhänger von Gülen. Als er den Putsch-Plan der Bewegung gegen die Regierung mitbekam, wandte er sich von der Bewegung ab. Gegenüber dem Staatsanwalt der Türkischen Republik, Okan Bato, deutete er an, dass Akar und Özel ebenfalls Mitglieder der FETÖ sind. Die FETÖ ist in der Türkei offiziell als Terrororganisation eingestuft. 

Die türkische Regierung und die Sicherheitsbehörden der Türkei gingen anschließend nicht gegen Akar und Özel vor, sondern sorgten dafür, dass “Abdullah” in den Ruhestand versetzt wurde, berichtet OdaTV. 

Es bleibt völlig unklar, ob Erdoğan überhaupt die richtigen Informationen von Akar erhält, denn in Fragen des Militärs verlässt er sich mehr oder wenig blind auf Akar - insbesondere bei Personalfragen.

Es ist seltsam, dass ausgerechnet Generäle und Offiziere die die Gülen-Bewegung im Namen der nationalen Sicherheit der Türkei bekämpft haben, seit dem Putschversuch am 15. Juli 2016 reihenweise entlassen oder zwangsweise in den Ruhestand versetzt wurden. Diese Maßnahmen haben ohne Zweifel auch Gülen-Anhänger betroffen, aber eben auch Gülen-Gegner. Nach welchen Faktoren ausgesiebt wird, bleibt unklar.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Erdoğan ein Gegner der Gülen-Bewegung ist. Doch offenbar hat er  - trotz seines dominanten Auftretens in der Öffentlichkeit - einen verhältnismäßig geringen Einfluss auf wichtige Entscheidungen innerhalb des türkischen Militärs. 

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Steuervergleich 2026: Was von 50.000 Euro Gehalt, Gewinn und Kapital wirklich übrig bleibt
24.10.2026

50.000 Euro verdienen und trotzdem völlig unterschiedlich viel Geld behalten? In Deutschland entscheidet nicht nur die Höhe des...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Online-Handel: Amazon plant Investitionen von rund 16 Milliarden Euro
24.10.2026

16 Milliarden Euro will Amazon 2027 in Deutschland investieren – ein großer Teil soll in Cloud und KI rund um Frankfurt fließen. Was...

DWN
Finanzen
Finanzen Flucht in die Endlichkeit: Wie ein überforderter Anleihemarkt den Bitcoin-Kurs treibt
24.10.2026

Das US-Finanzministerium kauft seine eigenen Schulden zurück, damit sie überhaupt noch jemand haben mag, und der Bitcoin hat das...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BMW X5 im Test: Warum die fünfte Generation alles anders macht
24.10.2026

Fast 100.000 Euro Einstiegspreis, bis zu 845 Kilometer elektrische Reichweite und ein Auftritt, der kaum zu übersehen ist: Mit dem neuen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kokain am Arbeitsplatz: Wenn ausgerechnet die besten Mitarbeiter abhängig werden
24.10.2026

Kokain ist längst keine Droge mehr, die nur auf Partys konsumiert wird. Immer häufiger erreicht der Konsum auch den Arbeitsalltag....

DWN
Finanzen
Finanzen Aktien kaufen: Diese Branchen könnten den KI-Hype schlagen
24.10.2026

Die Börsen brechen Rekorde, doch der Höhenflug steht auf wackligen Beinen. Wenige Technologiekonzerne treiben die Kurse, während...

DWN
Politik
Politik China macht seine Grenzen dicht: Ein neuer Eiserner Vorhang
24.10.2026

China macht seine Grenzen dicht, und längst trifft es nicht mehr nur politisch unbequeme Bürger. Lehrer, Ärzte und KI-Ingenieure dürfen...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: KI-Aktien im Fokus, während die Wall Street im Minus bleibt
23.10.2026

Spannung an den Finanzmärkten: Warum Technologiewerte und Rohstoffe die Anleger derzeit in Atem halten.