Deutschland
Kommentar

Großkonzerne bestimmen, was bei uns auf die Teller kommt

Lesezeit: 5 min
31.08.2019 12:31  Aktualisiert: 31.08.2019 12:34

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Die bunte Darstellung gesunder, natürlicher Lebensmittel in Zeitungen und Magazinen nimmt kein Ende. Die guten Ratschläge kommen im Staccato: Mehr Gemüse, mehr Obst. Nicht zu viel Fleisch, mehr Fisch. Produkte mit Konservierungsstoffen und sonstigen Zusätzen meiden. Kurzum: „Bio“ wird von den Ernährungsexperten empfohlen. Doch die Realität in Deutschlands Kantinen und Küchen sieht anders aus. Bio spielt in der Ernährungsbilanz eine untergeordnete Rolle, mittags dominieren Burger und Currywurst. Im Supermarkt imponiert eine Vielfalt, die aber in erster Linie den Verpackungskünstlern zu verdanken ist - die Inhalte der Verpackungen stammen aus wenigen Basisprodukten. Der vermeintlich banale Alltag wird von einer höchst problematischen Wirtschaftsstruktur bestimmt.

Die Mittagspause von 30 Minuten sorgt für ein Gesundheitsproblem

Das Problem trifft beinahe jeden täglich. In Deutschland gibt es fast 3,3 Millionen Unternehmen. Aber nur etwa 10.000 haben eine Kantine. Diese Situation ist allerdings auch nicht korrigierbar, da weit mehr als 99 Prozent der Betriebe kleinere und mittlere Unternehmen sind, für die eine eigene Kantine nicht finanzierbar ist. Somit sind die meisten Deutschen gezwungen - genau wie die meisten ihrer arbeitenden Kollegen der anderen westeuropäischen Länder - sich mittags irgendwie selbst zu versorgen. Bevor auf das „irgendwie“ näher eingegangen sei, ist folgende Anmerkung erforderlich: Die wenigen, aber vorhandenen Küchen in Unternehmen sind zwar in der Regel bemüht, gesundes Essen zu bieten, doch gelingt das nicht immer.

Doch jetzt zum „irgendwie“: Die Mittagspause beträgt im Durchschnitt 30 Minuten. In dieser kurzen Zeit ist der Weg zu einem Bio-Restaurant und zurück schon schwer zu bewältigen, von einer ruhigen Einnahme der Mahlzeit ganz zu schweigen. Selbst wenn der Betrieb seine Mitarbeiter mit Essensmarken verwöhnt, bleibt das Zeitproblem bestehen. Der Staat ist auch nicht gerade großzügig: Essensmarken sind in Deutschland bis 3,23 Euro und in Österreich bis 4,40 Euro pro Mahlzeit steuerfrei, und das auch nur unter Berücksichtigung komplizierter Auflagen. Meist bleibt nur der Biss in den Burger oder in die vorbereitete Stulle. Nur fünf Prozent der Deutschen essen zu Mittag in einem Restaurant

Womit man mitten in einem sozialpolitischen Minenfeld angelangt ist: Die 30-Minuten-Regel müsste abgeschafft und durch 60 Minuten ersetzt werden. Der Aufschrei der Unternehmensleitungen wäre allerdings enorm, da alle Abläufe in den Betrieben geändert werden müssten. Aber auch nicht alle Arbeitnehmer würden applaudieren, da eine längere Mittagszeit einen späteren Feierabend bedeuten würde.

Die moderne Arbeitswelt kennt aber nicht nur Unternehmen mit geregelten Arbeitszeiten. Die Zahl der Personen, die in modernen, dynamischen Dienstleistungsfirmen arbeiten und zwischendurch „irgendetwas“ essen, geht in die Millionen. Ebenfalls Millionen sind gezwungen, in mehreren Teilzeitjobs zu arbeiten und von einem Betrieb zum nächsten zu hetzen. Auch ihnen bleibt in aller Regel nur, rasch einen Happen zu sich zu nehmen und sich anschließend schnell wieder in die Tretmühle zu begeben.

Fazit: Was primär nach der Frage klingt, ob man mehr Broccoli statt Schweinefleisch essen soll, ist in Wahrheit sozialpolitischer Sprengstoff. Und um die Größenordnung abzustecken: Der Anteil der Bio-Produkte am gesamten Lebensmittelkonsum bewegt sich zwischen zwei und fünf Prozent. Mehr noch: Jüngste Studien zeigen, dass der ständige Konsum von Fast Food die Neigung zu Depressionen erhöht.

In den Supermärkten muss die Betriebswirtschaft regieren, sonst explodieren die Preise

Nach der Arbeit, beim Einkaufen, scheint alles anders zu sein: Die Supermärkte bieten eine enorme Vielfalt, die doch allen Anforderungen der modernen Ernährungswissenschaft genügen sollte und am Abend und am Wochenende für Bio sorgen müsste. Bevor diese Annahme ins rechte Licht gerückt sei, ist zudem auf den erstaunlichen Aufschwung der Hauszustellung von Pizzen und ähnlichen Speisen zu verweisen, die kaum zur gesunden Kulinarik zählen.

Die Produkte im Supermarkt unterliegen bestimmten Erfordernissen, die die Arbeitsweise der Produzenten und der Händler bestimmen:

  • Die Waren sollen möglichst preiswert sein, also bedarf es einer entsprechenden Massenproduktion.
  • Die Produkte müssen lange haltbar sein, um die Periode von der Erzeugung über die Lieferung bis hin zum Verzehr zu überbücken. Folglich ist der Einsatz von Konservierungsmitteln und Vakuumverpackungen unvermeidbar.
  • Das Publikum ist verwöhnt und anspruchsvoll, sodass die Zugabe von Geschmacksverstärkern erforderlich ist.
  • Die Behörden und die Unternehmen sind um eine ständige Einschränkung von Zusatzstoffen bemüht, doch müssen Haltbarkeit und Geschmack gesichert sein.

Diese Bedingungen wären nicht zwingend zu erfüllen, wenn die Produkte auf kurzen Wegen von den Erzeugern kommen und rasch von den Konsumenten verzehrt werden. Eine derartige Struktur besteht etwa bei Frischmilch, nicht verpacktem Fleisch oder Brot. Eine Ausdehnung auf das gesamte Angebot würde zu einer normen Verteuerung aller Waren führen. Diese Perspektive ist auch unrealistisch, weil eine prompte Lieferung und ein prompter Verzehr in der Praxis nur in eingeschränktem Umfang möglich sind. Die Folge wäre, dass der schon jetzt beklagte, umfangreiche Restbestand von Waren, die weggeworfen werden müssen, enorm ansteigen würde.

25 Unternehmen entscheiden, was Milliarden essen

Unter diesen Umständen ist der Weg in eine industrialisierte Produktion und ein Verkauf in großen Ketten vorgezeichnet, da diese die Logistik in allen Phasen der Erzeugungskette erfüllen können. Diese Faktoren rechtfertigen aber nicht, dass die Lebensmittelwirtschaft weltweit von einigen wenigen Personen bestimmt wird, die letztlich entscheiden, was die Milliarden Konsumenten essen und trinken oder nicht essen und trinken. Es sind die Produktionsleiter, die das Angebot gestalten, und die Einkäufer, die darüber befinden, was letztlich in den Regalen steht. Und das in den etwa 25 weltweit führenden Unternehmen.

Die Beherrschung des Weltmarkts findet auf allen Stufen der Wertschöpfungskette statt:

  • Der Markt für Saatgut und Pestizide wurde lange von den Giganten Monsanto und auch von Bayer dominiert. Seit der Übernahme 2018 von Monsanto ist Bayer mit über 20 Milliarden Euro Umsatz in dieser Sparte führend. An zweiter Stelle ist die US-Firma „Cortega Agriscience“ zu nennen, ein Unternehmen, das aus der Fusion der Agrochemie von Dow Chemical und Dupont hervorgegangen ist. Etwa in der gleichen Größenordnung agiert das Schweizer Unternehmen Syngenta, das 2017 von ChemChina übernommen wurde.
  • Im Agrarrohstoffhandel sind Cargill (115 Milliarden Dollar Umsatz), Archer Daniels Midland (64 Milliarden), Bunge (45 Milliarden) sowie Louis Dreyfus (36,5 Milliarden) bestimmend.
  • In der Produktion beherrschen im Wesentlichen folgende Unternehmen den Weltmarkt: Nestlé (91,4 Mrd. Schweizer Franken Umsatz),Pepsi (65 Milliarden Dollar), Sysco (59 Milliarden), Unilever (55 Milliarden), Tyson Foods (41,5), Coca-Cola (32 Milliarden), Kraft Heinz (26 Milliarden), Mondelez (26 Milliarden), Danone (24 Milliarden), General Mills (16,9 Milliarden) und Kelloggs (13,5 Milliarden).
  • Im Handel kommt man weltweit an Walmart (514 Milliarden Dollar Umsatz), Carrefour (85 Milliarden Euro), Lidl (104 Milliarden Euro), Aldi (75 Milliarden Euro, geschätzt), REWE (60 Mrd. Euro), Tesco (56 Mrd. Pfund) und Edeka (53,6 Milliarden Euro) nicht vorbei.

In diesem Umfeld müssen sich die kleineren Unternehmen behaupten. Welche Dimensionen hier wirken, zeigt sich an dem Umstand, dass die gesamte deutsche Lebensmittelindustrie 2018 einen Jahresumsatz von 180 Milliarden Euro verzeichnete. Die Großkonzerne haben einen unverhältnismäßig großen Anteil daran. Dies müsste nicht so sein, da die Möglichkeiten der modernen Computer-Technologie auf allen Stufen und auch im Einzelhandel kleineren, regional tätigen Unternehmen Perspektiven eröffnen sollten. Dies gelingt allerdings nur in Einzelfällen.

12 Nutzpflanzenarten und 14 Nutztierarten decken 98 Prozent des Bedarfs

Welche Konsequenzen die rationelle, extrem profitorientierte Versorgung von Milliarden Menschen mit Lebensmitteln hat, zeigt sich an den Daten:

  • Seit Beginn der Landwirtschaft vor etwa 10.000 Jahren wurden an die 7.000 Pflanzen und mehrere tausend Tierarten domestiziert.
  • Heute decken 12 Nutzpflanzenarten und 14 Nutztierarten 98 Prozent des weltweiten Nahrungsmittelbedarfs.
  • Die Auswahl konzentriert sich auf die Lieferung von Fett, Zucker und Stärke. Also auf jene Elemente, die die Fettleibigkeit fördern. Dies ist durch das Konsumentenverhalten bedingt: In den Zeiten der Nahrungsmittelknappheit lernte der Geschmackssinn kalorienreiche Produkte zu bevorzugen, sodass bis heute süße und fettreiche Lebensmittel bevorzugt werden.
  • Der Verbrauch an Pflanzenöl ist in den zwanzig Jahren von 1992 bis 2012 von 60 auf 150 Millionen Tonnen angestiegen und wächst weiter, wobei vier Kategorien – Palmöl, Sojaöl, Rapsöl und Sonnenblumenöl - 90 Prozent des Pflanzenöl-Weltmarkts ausmachen.
  • Bei den regionalen Grundnahrungsmitteln sind hingegen dramatische Rückgänge zu verzeichnen: Die Produktion von Hirse, Süßkartoffeln, Sorghum und Maniok wurde halbiert.
  • Weltweit werden etwa 180 Millionen Tonnen Saccharose verbraucht, die aus Zuckerrüben und Zuckerrohr kommen, wobei die Rübenproduktion stagniert und somit Zuckerrohr eine Monopolstellung erhält.

Der Ausweg aus der Falle: Eine gänzlich neu strukturierte Gastronomie

Es entsteht der Eindruck, dass die Menschheit in eine Falle geraten sei, die sich durch das Diktat der Betriebswirtschaft ergibt: Die Organisation der Lebensmittelversorgung ohne Massenproduktion und ohne Massenvertrieb und ohne Beschränkung auf einige wenige Basisprodukte würde eine enorme Verteuerung aller Produkte auslösen, die die Budgets der Haushalte nicht verkraften könnten.

Tatsächlich wäre dieser Falle in gewissem Umfang durch die eingangs geschilderte Korrektur der Mittagspause zu entkommen: Bei einer längeren Pause könnten in den Gaststätten attraktive Menüs konsumiert werden. In diesem Rahmen wäre auch die Beschaffung und Verarbeitung von Bio-Nahrungsmitteln technisch und wirtschaftlich machbar. Man darf sich keinen Illusionen hingeben, auch diese Lokale werden auf vorgefertigte Convenience-Produkten nicht gänzlich verzichten können, hätten aber doch einen größeren Gestaltungsspielraum. Auch werden weiterhin gehetzte Kreative sich mit einem Burger über den Mittagshunger hinwegtäuschen. Aber es wäre ein Ansatz, um die aktuell einseitige und vielfach ungesunde Ernährung zu korrigieren. Als Nebenprodukt würde sich eine gänzlich neu strukturiere Gastronomie entwickeln.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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