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The Line: Saudi Arabiens hochgestapelte Megacity quer durch die Wüste

Eines der wohl ambitioniertesten und innovativsten Infrastrukturprojekte unserer Zeit ist The Line. Die von Saudi-Arabien geplante vertikale, verspiegelte und komplett emissionsfreie Megacity zieht sich schnurgerade durch die Wüste. Doch so gewagt die Vision dieses Projekts auch ist, so ernüchternd wirkt die vorläufige Einstellung seiner Umsetzung – zumindest in dem ursprünglich vorgesehenen Umfang. Dennoch lohnt sich ein genauer Blick auf die dahinterstehende Idee; nicht zuletzt, um zu verstehen, was die Stadt von morgen womöglich mit sich bringt.
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26.12.2025 12:23
Aktualisiert: 01.01.2030 11:24
Lesezeit: 5 min
The Line: Saudi Arabiens hochgestapelte Megacity quer durch die Wüste
The Line – Saudi-Arabiens vertikale Wüstenstadt mit totaler Überwachung (Foto: dpa).

The Line: Machtdemonstration durch Infrastruktur

Weltweit renommierte Architekten, Physiker, Biologen und Klimaforscher sind in Saudi-Arabien zusammengekommen, um sich einem gigantischen Stadtprojekt zu widmen: The Line – eine Megacity, die sich schnurgerade und quer durch die Wüste zieht. Kronprinz Mohammed bin Salman selbst soll die grundlegende Idee zu dieser utopischen Vision einer grünen Wüstenstadt entwickelt haben.

Als ein Land, dessen Wirtschaft in hohem Maße von der Erzeugung und dem Handel mit nicht-erneuerbaren Energien sowie von endlichen Ressourcen abhängt, richtet Saudi-Arabien nun einen Großteil seiner Investitionen auf das Mega-Immobilienprojekt. The Line soll sich den Herausforderungen der Zukunft stellen: Erderwärmung, erneuerbare Energien, Urbanisierung und technologischer Fortschritt. Als zentraler Pfeiler einer sogenannten Vision 2030 fungiert The Line als weltweit einflussreichstes Prestigeprojekt, das Saudi-Arabien in einer zunehmend multipolaren Weltordnung mit erheblicher Soft Power ausstattet. So zeigt etwa China seit einiger Zeit bereits, wie bedeutend Infrastrukturprojekte für weltweite Einflussnahme sein können. Eine tatsächliche Umsetzung des Megaprojektes wäre eine Machtdemonstration des Landes und könnte geopolitische Gegebenheiten weltweit umstrukturieren.

Die Eckdaten von The Line: Alles in greifbarer Nähe

Über 170 Kilometer soll sich die vertikale Stadt, bis zu 500 Meter über dem Meeresspiegel ausgerichtet, schnurgerade durch die Wüste ziehen. Mit einer Breite von lediglich 200 Metern und einer vollständig verspiegelt wirkenden Außenfassade ist sie für ganze neun Millionen Einwohner auf nur 34 Quadratkilometern konzipiert. Straßen und Autos wären überflüssig – und damit auch Emissionen. Stattdessen soll ein Hochgeschwindigkeitszug die beiden Enden der Stadt in nur 20 Minuten miteinander verbinden. Ein Wasserlauf mit Booten zieht sich durch das Innere. Obwohl sich die Stadt mitten in der Wüste befindet, soll ihre komplexe und minutiös durchdachte Architektur für ein ideales Klima im Inneren der Stadt sorgen.

Dank dieser Infrastruktur sollen alle täglichen Ziele – ob Arbeitsplatz, Freunde oder Einkaufsmöglichkeiten – innerhalb von maximal fünf Minuten erreichbar sein. Innerhalb von nur zwei Minuten soll auch der Weg in die Natur und zu Naherholungsgebieten möglich sein. Dadurch, so die Vision, ließe sich nicht nur wertvolle Lebenszeit sparen, sondern auch effizienter arbeiten und leben. Ergänzend sollen Drohnen den innerstädtischen Gütertransport übernehmen. Allem zugrunde liegt künstliche Intelligenz, die nicht nur die minutiöse Infrastruktur des Stadtinneren koordiniert und überwacht, sondern auch in der Lage sein soll, alle Bedürfnisse der Bewohner zu erfüllen und – wichtiger noch – diese sogar vorherzusagen. Es sei Zeit für Wunder, so der Kronprinz selbst zu dieser Idee.

Die komplette Überwachung: Absolute Kontrolle

Doch blicken wir einmal genauer auf die womöglich weniger beleuchteten und öffentlich diskutierten Aspekte der Vision: die Schattenseiten. Wie angedeutet, hält diese imaginierte Stadt nämlich vor allem eines im Inneren zusammen: die komplette Überwachung jedes einzelnen Lebensbereichs. So sollen hochauflösende Überwachungskameras an allen Orten des öffentlichen Lebens installiert werden, zum Beispiel an Bahnhöfen, auf Transportwegen, im Sport-Stadium, das auf dem Dach der Stadt gebaut werden soll. Gleichzeitig wird die Stadt ständig mit Drohnen überflogen, die ebenfalls mit Kameras ausgestattet sind. Das Besondere an dieser Technologie: alle Kameras sind mit Gesichtserkennung ausgestattet, die konzipiert ist, um nicht nur Identitäten zu erkennen, sondern auch Gefühlszustände und Verhalten.

Die ständige Überwachung bringt Ordnung und Sicherheit. Doch es kommt immer darauf an, wer die Grenzen der Legalität und die Maxime des erwünschten Verhaltens bestimmt. In jedem Fall kann alles, was auch immer das Königshaus festlegt, problemlos in The Line durchgesetzt werden. In Saudi-Arabien wird die Todesstrafe regelmäßig vollstreckt. Die Monarchie gehört weltweit zu den Staaten mit den höchsten Exekutionszahlen. Amnesty International zählte mindestens 345 Hinrichtungen im Jahr 2024 – der höchste Wert, den Amnesty je für Saudi-Arabien verzeichnet hat, und etwa eine Verdopplung gegenüber 2023.

Hinzu kommt die Wirkung des Panoptikums. Die ständige Möglichkeit, beobachtet zu werden, erzwingt nicht nur äußeren Gehorsam, sondern wirkt tiefer: Sie bringt Menschen dazu, sich selbst zu kontrollieren. Bewohner richten ihr Verhalten an dem aus, was als „normal“ oder erwünscht gilt – oft schon, bevor überhaupt jemand eingreift. So wird Kontrolle unsichtbar, verinnerlicht und allgegenwärtig. Für autokratische Systeme ist das ein besonders wirksames Machtmittel. Zugleich lässt sich damit Verhalten gezielt steuern – bis hin zur Formung der Bewohner zu möglichst berechenbaren, effizienten Konsumenten.

Das Scheitern des Projektes: Die Gesetze der Natur

Aktuell scheint es, als sei das Projekt ins Straucheln geraten, es wird über das Ende von The Line spekuliert. Zumindest wurden seine hochgestapelten Ziele zunächst reduziert, die Herausforderung einer 500 Meter hohen und herabhängenden Stadt mitten in der Wüste war offenbar im Kern zu ambitioniert – und endete vorerst an den Gesetzen der Physik. Um der Schwerkraft zu trotzen, schlugen Architekten und Physiker eine veränderte Höhe von 100 Metern vor. Der Kronprinz beharrte allerdings auf der Notwendigkeit der unmöglichen Höhe, es sei Zeit für Wunder.

Auch die Bahn stellt sich quer: Denn ein Hochgeschwindigkeitszug kann nur schnell sein, wenn er sich über eine lange Strecke hinweg ungebremst bewegt. Wenn er allerdings mehr als nur die äußersten Bezirke der Stadt miteinander verbinden soll, muss er wohl einige Zwischenstopps einlegen und kann somit nicht die angestrebte Geschwindigkeit von mehr als 650 Stundenkilometern erreichen (doppelt so schnell wie der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen in Japan). Das Gewässer, das sich durch den Strich in die Wüstenlandschaft ziehen sollte, bereitet ebenfalls Schwierigkeiten: Durch die große Entfernung zum Roten Meer und die dadurch fehlende Zirkulation würde das Wasser schnell zu einem Gesundheitsrisiko machen.

Das Projekt, mit dem eine emissionsfreie Zukunft erreicht werden sollte, sorgte außerdem mit enormen Ressourcenverbrauch für Kritik. Und auch die Umwelt leidet unter dem Megaprojekt: The Line zieht sich mitten durch die Route verschiedener Zugvögel und schneidet sich auch anderen Wildtieren in der Wüste den Weg ab. Dies könnte wichtige Zyklen der Natur ins Ungleichgewicht bringen. Vor allem aber können die Tiere die Stadt wegen ihrer verglasten Außenfassade nicht gut erkennen, was besonders bei Vögeln zu massenhaftem Sterben führen kann. Die Verspiegelung des Äußeren reflektiert das Sonnenlicht außerdem stark und heizt die Temperatur in der Wüste noch weiter auf.

Die Zukunft der Stadt ist unsere

Letztendlich machten den Planern die enormen Kosten und die überdimensionalen Ressourcen, die das Projekt beanspruchte, einen Strich durch die Rechnung. Ausländische Investitionen blieben zudem bisher weit unter den Erwartungen. Auch wenn die Zukunft des Projekts unklar bleibt, zeigt sie uns wichtige Tendenzen auf. Sie kann uns Hoffnung geben und uns alarmieren. Eines ist klar: Die Zukunft der Stadt geht uns alle etwas an. Denn nur so können wir sichergehen, dass sie demokratisch und freiheitlich gestaltet wird.

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Siri Moede

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Siri Moede ist Redaktionsassistentin bei den Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Sie hat einen Bachelorabschluss in Internationalen Beziehungen mit Vertiefung im Public International Law. Aktuell studiert sie Politikwissenschaften im Master an der Freien Universität Berlin. 

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