Deutschland

Deutschland droht Versorgungs-Engpass bei Antibiotika

In Deutschland wird es zunehmend schwierig, wirksame Antibiotika zu bekommen.
10.10.2019 12:54
Lesezeit: 2 min

Eigentlich sah es gar nicht mal so schlecht aus. Denn der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) rechnete Anfang des Jahres damit, dass im laufenden Jahr mindestens 30 neue Medikamente auf den Markt gebracht werden – darunter auch Antibiotika, die bei der Heilung von bakteriellen Infektionskrankheiten eingesetzt werden.

Hier ständig neue Wirkstoffe zu entwickeln, ist besonders wichtig, weil die Bakterien sehr schnell gegen Antibiotika resistent werden (die rasche Entwicklung neuer Antibiotika gilt dann auch weltweit als einer der wichtigsten Herausforderungen der Pharmaindustrie).

Doch jetzt hat der vfa einen aktuellen Bericht veröffentlicht, der sich nicht mehr so positiv liest: „Die Resistenzsituation der Bakterien dürfte sich noch weiter verschärfen", schreiben die Unternehmensvertreter. „Deswegen besteht nach wie vor ein großer Bedarf an neuen Antibiotika“, so die Organisation, die davon ausgeht, dass derzeit eine ganze Reihe an größeren Unternehmen sowie rund 50 kleine und mittlere Firmen an der Entwicklung neuer Arzneien arbeiten.

Grundsätzlich sieht zwar die Zahl der Medikamente, die die Unternehmen in der Pipeline haben, gar nicht mal so schlecht aus. So sind im laufenden Jahr zwei Antibiotika zugelassen worden, die allerdings noch nicht in Deutschland vermarktet werden, wie aus dem Bericht des vfa hervorgeht. Darüber hinaus werden innerhalb der EU gerade sechs weitere Arzneien im Zulassungsverfahren geprüft, so dass sie voraussichtlich in absehbarer Zeit an den Markt kommen könnten.

Aber auch wenn diese Statistik im Großen und Ganzen den Prognosen des Verbandes vom Januar 2019 entspricht, verschärft sich die Versorgung mit den Medikamenten weiter. Und das nicht nur deswegen, weil der Bedarf danach nach Angaben des vfa immer größer wird.

NDR: "Eine Katastrophe mit Ansage"

Denn zusätzlich stoppen immer mehr wichtige Hersteller die Forschung, weil sich die Entwicklung der Antibiotika nicht mehr rechnet. Wie der NDR berichtet, lasse sich damit weniger Gewinn erzielen als beispielsweise mit Arzneien zur Behandlung von Krebs. Ein Grund: ein Antibiotikum wird zeitlich relativ begrenzt eingesetzt – im Gegensatz zu den anderen Medikamenten.

Grundsätzlich können nur größere Konzerne die Entwicklung der Arzneien aus eigener Kraft finanzieren, weil die Kosten in der Regel einige hundert Millionen Euro betragen. Doch beenden immer mehr größere Unternehmen die Forschung, berichtet der Sender, der nicht mit Kritik spart. So lautet der Titel des Beitrages: "Entwicklung von Antibiotika - Katastrophe mit Ansage".

So befinden sich beispielweise beim größten Gesundheitskonzern der Welt, Johnson & Johnson, keine weiteren Antibiotika in der Entwicklung. Darüber hinaus hatten sich Novartis und Sanofi 2018 sowie AstraZeneca Ende 2016 aus der Forschung zurückgezogen.

Darüber hinaus wird es immer schwieriger, auch andere Medikamente zu erhalten, beispielweise Schmerzmittel. Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) schätzt, dass durchschnittlich etwa 200 Medikamente nicht lieferbar sind. Die Dauer der Lieferengpässe ist unterschiedlich: Manchmal zieht es sich über Monate hin, manchmal nur über Wochen. „Das sind leider keine Einzelfälle,“ zitiert das Verbraucherportal „aktiv“ den Sprecher des BPI, Andreas Aumann.

Engpässe auch bei Generika, die meistens in Asien produziert werden

Hintergrund: Meistens handelt es sich um Generika – das heißt, um Arzneien, deren Patentschutz abgelaufen ist. Viele dieser Medikamente lassen die westlichen Staaten nur noch in Asien herstellen, weil die Produktion in Europa einfach zu teuer ist. Oft gibt es nur zwei bis drei Fabriken in China oder in Indien. Wenn dort ein Betrieb ausfällt, kann es sehr schnell zu Lieferengpässen kommen.

Darüber hinaus gibt es ein weiteres Problem – und dessen Lösung ist bei den Krankenkassen zu suchen. So können die Organisationen seit zehn Jahren mit den Herstellern von Generika exklusive Rabattverträge abschließen und sich somit Preisnachlässe sichern. Wenn die Kassen mit nur einem oder zwei Lieferanten einen solchen Vertrag unterzeichnen, dann ist das Risiko eines Lieferengpasses natürlich groß, sollte das Unternehmen aus irgendeinem Grund seinen Verpflichtungen nicht nachkommen. „Zudem erzeugen diese Rabattverträge einen enormen Preisdruck auf die Herstellerfirmen und führen zu Marktkonzentration“, erklärte Aumann dem Portal „aktiv“.

Der Sprecher des BPI fordert, dass die Krankenkassen verpflichtet werden, bei diesen Verträgen immer einen Hersteller mit europäischer Produktion zu berücksichtigen. Zusätzlich sollten die Kassen solche Verträge mit mindestens drei Herstellern pro Wirkstoff abschließen, sagte Aumann.

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