Politik

Brexit: „In den nächsten beiden Jahren wird überhaupt nichts passieren”

Dem Ökonomen Anatole Kaletsky zufolge wird sich in den kommenden ein bis zwei Jahren im Verhältnis zwischen EU und Großbritannien so gut wie nichts ändern.
11.12.2019 17:00
Lesezeit: 4 min
Brexit: „In den nächsten beiden Jahren wird überhaupt nichts passieren”
Jeremy Corbyn im Wahlkampf. (Foto: dpa) Foto: Joe Giddens

Weniger als zwei Wochen vor den Wahlen in Großbritannien, die endlich über die Mitgliedschaft in der Europäischen Union entscheiden, nehmen die Befürchtungen auf beiden Seiten des Ärmelkanals immer mehr zu. Da die Meinungsumfragen auf einen klaren Sieg der Konservativen unter Boris Johnson hindeuten, haben viele Finanziers und Medienkommentatoren Angst vor einem chaotischen No-Deal-Brexit. Dieser würde nicht nur dem Vereinigten Königreich schaden, sondern auch dem übrigen Europa, das fast doppelt so viel nach Großbritannien exportiert wie nach China. Andere fürchten immer noch eine Wahlüberraschung, mit der der unbeugsame Marxist Jeremy Corbyn zum Premierminister einer Labour-Regierung werden könnte – einer Regierung, die dazu neigt, Industrien erneut zu verstaatlichen, den Klassenkampf der 1970er wiederzubeleben und die NATO zu untergraben.

Keine diese Sorgen ist allerdings gerechtfertigt. Dass sich die Wirtschaftsräume der EU und Großbritanniens derart beängstigend voneinander abspalten, wie es noch bei Johnsons Amtsantritt als Tory-Parteiführer im Sommer schien, ist kaum zu erwarten. Und selbst wenn Corbyn wider Erwarten gewinnt, ist es kaum wahrscheinlich, dass irgend eine der radikalen Maßnahmen im Labour-Parteiprogramm tatsächlich umgesetzt wird, da die einzige denkbare Alternative zu einem Sieg der Tories ein weiteres Parlament ohne absolute Mehrheit wäre, in dem Labour, um regieren zu können, von anderen Parteien abhängt.

Darüber hinaus würde eine solche Regierung lediglich zu dem Zweck bestehen, ein neues „sanftes“ Brexit-Abkommen zu schließen, das der norwegischen Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum ähnelt. Dann würde eine Volksabstimmung folgen, um die neue Vereinbarung zu legitimieren oder den Brexit völlig abzusagen. Nach diesem „abschließenden“ Referendum wären weitere Wahlen unvermeidlich, da die anderen Parteien keine weiteren Labour-Maßnahmen unterstützen würden.

Was ist aber mit dem wahrscheinlicheren Ergebnis, dass Johnson gewinnt? Damit sind Befürchtungen über eine neue Art von „No-Deal-Krise“ in der Übergangszeit nach dem Brexit verbunden, also dann, wenn Großbritannien die Vorteile und Verpflichtungen einer EU-Mitgliedschaft behält, aber formell aus der EU aussteigt.

Das Austrittsabkommen vom Oktober sieht eine Übergangsperiode bis Ende 2020 und eine mögliche Verlängerung um weitere zwei Jahre vor. Als Reaktion auf die Beschuldigungen der Hardliner, er plane einen „Brexit nur dem Namen nach“, schrieb Johnson in sein Wahlprogramm, die Umsetzungsperiode werde „nicht [...] über den Dezember 2020 hinaus verlängert“.

Stattdessen versprach er, zwischen dem Königreich und der EU innerhalb von 12 Monaten ein umfassendes Handelsabkommen abzuschließen. Dies wird nicht geschehen: Noch nie haben sich zwei große Volkswirtschaften in weniger als drei oder vier Jahren auf ein Handelsabkommen geeinigt. Schlimmer noch: Das Austrittsabkommen erfordert, dass die Entscheidung, ob die Übergangsfrist verlängert werden soll, im Juni getroffen werden muss. Dies löst Sorgen (die manchmal an Panik grenzen) über eine neue „No-Deal“-Frist bis zum ersten Juli aus.

Auch diese Ängste sind jedoch unbegründet. Warum sollte man Johnsons Versprechen, die Übergangsfrist nicht zu verlängern, ernst nehmen? Immerhin versprach er wiederholt, die EU „ohne wenn und aber, was auch immer geschieht“ bis zum Oktober zu verlassen. Und nachdem ihn das Parlament gesetzlich verpflichtete, diese Frist zu verlängern, versprach er, lieber „in einem Graben zu sterben“, als dieser Vorgabe zu folgen. Als aber der 31. Oktober kam, erwiesen sich alle „Geheimstrategien“ Johnsons, das Gesetz zu umgehen, als Illusionen, und ohne Zögern stimmte er der Verlängerung zu. Damit brach er eins der festesten Versprechen, die jemals ein britischer Politiker den Wählern gegeben hat. Warum sollte er dann also im Fall seiner Wiederwahl ernsthafte Folgen befürchten müssen, wenn er ein weiteres Versprechen bricht, das nur wenige Durchschnittswähler überhaupt kennen?

In streng wirtschaftlicher Hinsicht ist es beruhigend, dass „Johnsons Karriere auf zwangloser Verlogenheit“ beruht, wie es der leitende politische Kommentator der oft unterschätzten Financial Times schrieb. Versucht man vorherzusagen, wie Politiker von Johnsons Art schwierige Entscheidungen treffen, hilft es oft, Versprechen zu ignorieren und sich auf wirtschaftliche und politische Interessen zu konzentrieren.

Wird Johnson wiedergewählt, was läge dann in seinem wirtschaftlichen Interesse? Seine höchste Priorität wäre wohl zu zeigen, dass sein „fantastisches Brexit-Abkommen“ ein möglichst schmerzloses Verlassen der EU gewährleistet und auf wundersame Weise das Wirtschaftswachstum ankurbelt. Würde er während seines ersten Jahres im Amt eine Finanzkrise riskieren, wäre er verrückt – ob sie nun durch die Verweigerung einer Übergangsperiode verursacht würde, oder aber durch einen Zusammenbruch des Handels in dem fast sicheren Fall, dass innerhalb von 12 Monaten kein EU-Handelsabkommen abgeschlossen werden kann. Daher liegt es eindeutig in Johnsons wirtschaftlichem Interesse, den Übergang nach dem Brexit über den Dezember 2020 hinaus zu verlängern und wahrscheinlich sogar die gesamten drei Jahre in Anspruch zu nehmen.

Und wie sieht es mit den politischen Interessen aus? In seiner kurzen Karriere als Premierminister hat sich Johnson auf die Unterstützung der Brexit-Hardliner im Parlament verlassen, und der Schlüssel zu seiner Wahlstrategie bestand darin, Nigel Farages Brexit-Partei ins Abseits zu drängen. Um diese beiden Ziele zu erreichen, musste er jede Möglichkeit einer Verlängerung des Nach-Brexit-Übergangs ausschließen. Aber diese politischen Überlegungen werden sich bald ins Gegenteil umkehren.

Was die öffentliche Meinung betrifft, muss Johnson die Brexit-Partei nach der Wahl nicht mehr bekämpfen. Darüber hinaus werden viele Pro-Brexit-Wähler bereits damit zufrieden sein, dass Großbritannien die politischen Institutionen der EU verlässt. Um die Handels- und Marktverhandlungen, die dann für lange Zeit weitergehen können, werden sie sich nicht kümmern.

Nach der Wahl wird sich auch der parlamentarische Einfluss der Brexit-Hardliner verringern. Johnson brauchte sie, um sich von ihnen zum Vorsitzenden wählen zu lassen und ohne eine parlamentarische Mehrheit im Amt bleiben zu können. Aber alle Tory-Parlamentarier haben sich nun schriftlich dazu verpflichtet, bedingungslos für Johnsons Austrittsabkommen zu stimmen. Bekommen sie die Mehrheit, werden die Tories dieses Abkommen umsetzen. Und ist dies erst geschehen, werden weitere Verhandlungen über den Handel mit der EU, darunter auch die Übergangsbedingungen, keinerlei parlamentarische Zustimmung mehr benötigen, bis ein Abkommen erzielt ist – ob dies nun 2020, 2021 oder später geschieht.

Das Fazit ist, dass die britischen Beziehungen zur EU – unabhängig vom Wahlergebnis in diesem Monat – für lange Zeit fast unverändert bestehen bleiben. Verliert Johnson, wird der Brexit verzögert und wahrscheinlich abgesagt. Gewinnt er, was wahrscheinlicher ist, wird der Brexit umgesetzt, was Großbritannien langfristig schaden wird. Aber in Hinblick auf die nächsten ein oder zwei Jahre sollten sich die Bedenkenträger wirklich beruhigen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Anatole Kaletsky ist führender Ökonom und Mitvorsitzender von Gavekal Dragonomics sowie der Verfasser von Capitalism 4.0: The Birth of a New Economy in the Aftermath of Crisis.Copyright: Project Syndicate, 2019.

www.project-syndicate.org

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: AMD-Aktien steigen kräftig, während Tech-Sektor Wall Street beflügelt
06.07.2026

Ein spektakulärer Wochenauftakt an den US-Märkten sorgt für Aufsehen – erfahren Sie, welche Entwicklungen die Kurse jetzt antreiben.

DWN
Finanzen
Finanzen Fiskalischer Spitzenreiter: Wie Deutschland seinen Bürgern am meisten abknöpft
06.07.2026

Eine Analyse zur Steuerbelastung in Europa zeigt für das Jahr 2026 eine bittere Wahrheit für deutsche Steuerzahler: Die Bundesrepublik...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuererhöhungen 2027: Steuer auf Spirituosen steigt um 20 Prozent - Zuckersteuer kommt auch
06.07.2026

Hochprozentige alkoholische Getränke sollen zum 1. Januar 2027 höher besteuert werden. "Was krank macht, wird teurer" - Finanzminister...

DWN
Politik
Politik Haushalt 2027: Klingbeil plant 200 Milliarden Euro neue Schulden für Deutschland
06.07.2026

Mehr Milliarden vor allem für Verteidigung, höhere Schulden - das prägt den Haushaltsentwurf von Finanzminister Klingbeil für...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Inflation: Warum der KI-Boom Ihr Erspartes entwerten könnte
06.07.2026

Künstliche Intelligenz soll die Wirtschaft produktiver machen, Prozesse beschleunigen und Wohlstand schaffen. Doch bevor dieser Effekt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische ChatGPT-Alternative: Warum ein 79-jähriger Unternehmer Big Tech herausfordert
06.07.2026

Ein dänischer Unternehmer und ein selbst ernannter KI-Guru wollen zeigen, dass Europa nicht länger auf amerikanische Tech-Giganten...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Billiganbieter: Temu, Shein und Co. steigern Marktanteil auf Rekordwert
06.07.2026

Die Verbraucher in Deutschland geben online immer mehr Geld bei Shoppingplattformen wie Temu oder Shein aus. Während die asiatischen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stellenabbau bei Porsche: Konzern streicht weitere 4.000 Jobs
06.07.2026

Wegen der Absatzkrise fallen beim Sportwagenhersteller Porsche bereits mehr als 4.000 Stellen weg. Diese Zahl könnte einem Bericht zufolge...