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DWN-Analyse aktuell: Allianz zwischen Russland und Türkei in Syrien bröckelt

Lesezeit: 4 min
03.02.2020 17:51
Da Russland und die Türkei in Syrien gegensätzliche Interessen haben, könnte es bald zu einem Showdown zwischen Moskau und Ankara kommen. Es sind bereits gegenseitige Schuldzuweisungen erfolgt.
DWN-Analyse aktuell: Allianz zwischen Russland und Türkei in Syrien bröckelt
Kreml-Chef Putin (l) und sein türkischer Amtskollege Erdogan. (Foto: dpa)

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Russland sitzt in Syrien seit fast zwei Jahren zwischen zwei Stühlen. Während das Land aus geopolitischen Gründen auf eine freundschaftliche Beziehung zur Türkei angewiesen ist, ist Moskau auch der wichtigste Unterstützer und Förderer des Regimes in Damaskus. Doch die jüngsten Entwicklungen in Syrien deuten daraufhin, dass zwischen Ankara und Moskau eine vorsichtige Distanz entsteht.

Denn seit Beginn des aktuellen Jahres hat die russische Luftwaffe gemeinsam mit der Syrischen Arabischen Armee (SAA) ihre Angriffe aus dem Süden und dem Westen von Aleppo auf die Provinz Idlib verstärkt.

An der südlichen Front führte der Vormarsch der SAA, unterstützt von russischen Kampfflugzeugen und Spezialeinheiten, am 28. Januar 2020 zum Fall von Maaret al-Numan, einer Hochburg der bewaffneten Opposition.

Weiter im Süden befindet sich der Bezirk Saraqib. Dort wurden am 30. Januar 2020 panzerunterstützte türkische mechanisierte Einheiten im Stadtzentrum stationiert, während im Norden und Süden des Bezirks Kontrollpunkte auf der Autobahn M5 eingerichtet wurden.

In der Zwischenzeit haben pro-iranische Milizen Anfang Januar 2020 eine neue Front in der Region zwischen West-Aleppo und Nordwest-Idlib eröffnet, was den Druck auf Idlib weiter erhöhte. Die von Russland unterstützten SAA-Einheiten und die pro-iranische Milizen werden anscheinend versuchen, die beiden Fronten bis April 2020 zu vereinen und die Autobahn M4 im Süden und die Autobahn M5 im Osten, die Aleppo mit Damaskus verbindet, vollständig unter Kontrolle zu bringen. Für die von der Türkei unterstützte Syrische Nationale Armee (SNA) würde dies bedeuten, etwa 45 Prozent des Gebiets zu verlieren, das sie derzeit in der Region Idlib kontrolliert.

Am Morgen des 1. Februar 2020 starteten Kämpfer der von der Türkei unterstützten SNA eine Gegenoffensive aus dem Süden von al-Bab in Richtung Aleppo. SNA-Fraktionen in Afrin und im Dreieck zwischen Jarablus, al-Rai und al-Bab, die alle unter türkischer Kontrolle stehen, könnten zu weiteren Zusammenstößen mit der SAA führen, um den Druck auf Idlib zu verringern.

Mit anderen Worten, eine anhaltende Offensive der SAA in Idlib könnte dazu führen, dass sich die Kämpfe im Nordwesten Syriens ausbreiten. In der Nacht zum 1. Februar 2020 führten russische Jets Luftschläge auf al-Bab aus, dem ersten derartigen Angriff seit Ende 2017. Damit wollten die Russen signalisieren, dass sie der SNA nicht erlauben werden, nach Süden in Richtung Aleppo vorzurücken.

Ein türkischer Regierungsbeamter sagte Al-Monitor unter der Bedingung der Anonymität: “Wir wissen, dass Putin Erdoğan persönlich einen Waffenstillstand versprochen hat, aber anscheinend weiß die russische Luftwaffe nicht, dass ein Waffenstillstand besteht, oder folgt Putins Aufforderungen nicht.”

Am 29. Januar 2020 kritisierte Erdoğan Russland zum ersten Mal direkt und sagte: “Russland war den Abkommen von Astana und Sotschi leider nicht treu (...) Entweder stoppt [Russland] die Bombenangriffe auf Idlib oder unsere Geduld geht zur Neige und wir werden von nun an das Notwendige tun. Wenn Russland und die Türkei loyale Partner sind, muss Russland das zeigen. Entweder Russland schlägt einen anderen Weg im Prozess mit Syrien ein, oder aber Russland schlägt einen anderen Weg mit der Türkei ein. Da gibt es kein wenn und aber.”

Auf Nachfrage von Journalisten, wie sich der Astana-Prozess zwischen Russland, der Türkei und dem Iran auswirken würde, sagte er nach Angaben der Zeitung Akşam: “Es gibt keinen Astana-Prozess mehr.”

Kreml-Sprecher Dmitry Peskow wies Erdoğans Anschuldigungen zurück und bestand darauf, dass Russland “alle Verpflichtungen aus den Sotschi-Abkommen in Bezug auf die Idlib-Zone vollständig einhält”.

US-Luftwaffengeneral Tod Wolters, Befehlshaber des US-Europakommandos und oberster alliierter Nato-Befehlshaber Europa, sagt, dass Ankara nun die Option habe, mit den USA zusammenzuarbeiten. Wolters, der am 30. Januar 2020 zu Gesprächen in Ankara war, führte Gespräche mit dem türkischen Verteidigungsminister Hulusi Akar und Generalstabschef Yaşar Güler über die Lage in Syrien. Wolters sagte nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu: “Wie Sie vom Nato-Generalsekretär gehört haben, sind wir eine Familie. Innerhalb einer Familie kann es Meinungsverschiedenheiten zwischen Geschwistern, Müttern und Vätern geben (...) Wie in alten Zeiten, sind unsere Beziehungen auch heute robust. Wir sind sehr dankbar dafür, dass unsere türkischen Amtskollegen uns im Verlauf von Manövern wie ihre Waffenbrüder behandeln. Sie behandeln und so, als ob zwischen uns eine Blutsverwandtschaft bestehen würde.”

Es gibt nach Angaben von Al-Monitor in der Tat eine militärische Logik, wenn sich die Türkei den USA annähert, da sich ihre Kluft mit Russland im Nordwesten Syriens vertieft. Eine Verlangsamung der von Russland unterstützten SAA-Einheiten in Idlib würde auch den Interessen der USA dienen. Denn je länger Damaskus im Nordwesten beschäftigt bleibe, desto länger verzögere sich der militärische Einmarsch in den Nordosten, insbesondere auf die Ölfelder in Deir ez-Zor und Rumeilan.

Es bestehe nach wie vor die Möglichkeit, die SNA im Nordwesten Syriens weiter aufzurüsten, um eine Abschreckung auf die SAA auszuüben. Al-Monitor wörtlich: “Was die Rebellen am meisten brauchen, sind Panzerabwehrraketen wie der AT-3 Sagger, der AT-4 Spigot, der AT-5 Spandrel und der TOW.”

Im Dezember und Januar mussten die SAA-Einheiten ihre Offensiven aufgrund der Wetterlage, die durch Nebel und Regen gekennzeichnet war, oftmals abbrechen. Doch die Wetterbedingungen haben sich verbessert, weshalb die SAA schneller vorrücken könnte. “Panzerabwehrraketen wären eine hocheffiziente Waffe, um diese Offensiven zu verhindern oder für das Regime kostspieliger zu machen, selbst wenn sie nicht vollständig gestoppt werden”, so Al-Monitor.

Bisher habe die Türkei es unterlassen, die SNA mit Panzerabwehrwaffen auszurüsten, um Moskau nicht zu verärgern. Doch angesichts der jüngsten Entwicklungen könnte Ankara seine Verpflichtungen gegenüber Moskau zur Bereitstellung der Waffen für die SNA lockern. Die Lieferung von Kurzstrecken-Luftverteidigungssystemen an die SNA sollten auch in Betracht gezogen werden. Solche Waffen würden der SNA eine äußerst entscheidende Fähigkeit verleihen.

An dieser Stelle sollte auch erwähnt werden, dass im Verlauf der türkischen Operation “Peace Spring” die SNA eine Reihe von Waffen beschlagnahmt hat, die die YPG im Norden Syriens zurückgelassen hat. Dazu gehören nach Informationen der Zeitung Yeni Şafak Raketenwerfer der Klasse “Katjuscha”. Der Zeitung Yeni Akit zufolge sollen auch Panzerabwehrwaffen konfisziert worden sein.

Ob die aktuellen Spannungen in der Provinz Idlib zu einem Showdown zwischen Russland und der Türkei führen oder aber diplomatisch gelöst werden können, ist zum aktuellen Zeitpunkt ungewiss. Doch die Regierungen in Ankara und Moskau verlieren beide die Geduld. Sowohl die eine als auch die andere Seite will ihre jeweiligen Interessen in Idlib durchsetzen.


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