Politik

Südamerika: Kontinent ohne Hoffnung

Über 500 Jahre nach seiner Entdeckung funktioniert Südamerika noch immer wie zu den Zeiten der spanisch-portugiesischen Herrschaft. Ist der Kontinent gefangen in seiner Vergangenheit? Lesen Sie hier den zweiten Teil der großen Südamerika-Analyse von DWN-Chefredakteur Hauke Rudolph.
23.02.2020 14:26
Aktualisiert: 23.02.2020 14:26
Lesezeit: 8 min

Das Erbe der Konquistadoren: Es wirkt bis heute nach. Zu keinem Zeitpunkt ist es Südamerika gelungen, sich von den Schatten der Vergangenheit zu befreien.

Da ist die überbordende Gewalt: Sie herrscht in den Armenvierteln der riesigen Millionenstädte, sie bricht hervor wie ein Blitz aus heiterem Himmel in den primär von Indigenen besiedelten Dörfern der Provinz, sie zeigt sich in den blutigen Kämpfen der Drogen-Kartelle, sie ist virulent bei der Auseinandersetzung zwischen Staatsmacht und Revolutionären und sie zeigt ihre hässliche Fratze ganz besonders deutlich im gnadenlosen Umgang von Diktatoren und Militär mit der eigenen Bevölkerung. Es gibt eine kurze Geschichte, die – gerade wegen ihrer schonungslosen Geschmacklosigkeit – die Bedeutung der Gewalt in Südamerika sehr anschaulich beschreibt:

Ein Familienvater wacht morgens mit schlechter Laune auf. Also nimmt er seine Machete und tötet seine Frau und alle seine Kinder. Anschließend geht er frühstücken.

Weiterhin ist da der Rassismus. Noch heute sind so gut wie allen Reichen des Kontinents Abkömmlinge europäischer Einwanderer. Für die Indigenen und für die Nachfahren der zu Millionen als Bergwerks-Sklaven ins Land gebrachten Schwarzafrikaner ist der Weg zum Wohlstand nahezu nicht beschreitbar – es sei denn, sie vermögen einen Fußball besonders geschickt zu kicken.

Dann ist da die Abhängigkeit von ganz wenigen Wirtschaftszweigen, im Grunde von nur zweien: Rohstoffe und Landwirtschaft. Sind die Weltmarktpreise hoch, geht es den Menschen – verhältnismäßig – gut. Sind die Preise im Keller, sind sofort die ganze Volkswirtschaft und mit ihr der Staatshaushalt betroffen. Alternativen aufzubauen in Form einer gut funktionierenden, international konkurrenzfähigen Industrie, ist niemals gelungen.

Weiterhin ist die grassierende Korruption zu nennen sowie das Fehlen von gesellschaftlicher Verantwortung. Man ist sich selbst der nächste, das Steueraufkommen ist vergleichsweise gering – Abgaben in ausreichender Höhe an den Staat zu leisten, ist eben kein Teil der südamerikanischen Kultur, und wird daher auch von den verantwortlichen Politikern nicht als Notwendigkeit betrachtet, wobei es auch politisch kaum möglich wäre, höhere Steuern durchzusetzen.

Dazu kommt, dass der politische Mittelweg in Südamerika fast niemals beschritten wird. Einen marktwirtschaftlich organisierten Sozialstaat europäischer Prägung findet man kaum. Abhängig davon, ob gerade Linke oder Konservative die Regierung stellen, wird entweder das Füllhorn sozialstaatlicher Fürsorge über den Wählern ausgeschüttet oder aber eine freie, unbeschränkte Marktwirtschaft im Stile des Manchester-Kapitalismus gefördert. Wobei an dieser Stelle noch zwei typische Merkmale südamerikanischer Wirtschaftspolitik erwähnenswert sind: Selbst die marktliberalsten Machthaber werden ihre Klientel kaum unversorgt lassen. Und auch die am weitesten links stehende Regierung wird zwar dem Wahlvolk eine Wohltat nach der anderen bescheren, aber nur wenig Geld in Bildung und die Stärkung von Institutionen stecken – langfristige Investitionen sind im politischen Denken Südamerikas eher ein Fremdwort.

Schließlich ist und bleibt Südamerika ein Kontinent der starken Herrscher. Alle Staaten nennen Präsidialsysteme ihr Eigen, in denen die Exekutive über eine große Machtfülle verfügt, die das Parlament vergleichsweise wenig einengen kann. Diktatorialen Bestrebungen kommt dieses System zweifelsohne entgegen.

Demokratie, Diktatur, Demokratie: Jetzt ist wieder die Diktatur an der Reihe

Die politische Geschichte der Staaten Südamerikas ist die eines steten Wandels von einem politischen System zum anderen. Mit anderen Worten: Stabile demokratische Strukturen haben sich nie dauerhaft durchgesetzt, wobei die Situation in den einzelnen Staaten unterschiedlich ist. In einigen Ländern wie Uruguay und Chile sind demokratische Strukturen derzeit stärker ausgeprägt als in anderen wie beispielsweise Peru und Kolumbien – in anderen ist gegenwärtig die Errichtung einer Diktatur ein realistisches Szenario (Bolivien) beziehungsweise sogar schon Realität (Venezuela).

Wie sprunghaft die politische Entwicklung ist, zeigt sich unter anderem daran, dass in acht der zehn oben behandelten Länder noch 1975 eine Militärdiktatur herrschte (die eine Ausnahme bildet Kolumbien, wo die letzte Diktatur 1957 mit der Errichtung einer Demokratie endete; die zweite Ausnahme ist Venezuela, wo die Demokratie 1958 Einzug hielt, um circa 2010 wieder einer Diktatur zu weichen).

Und dass schon 32 Jahre später (im Jahr 2007) neun der zehn Länder Regierungen hatten, die als sozialistisch-links bis Mitte-links eingestuft werden können (Ausnahme: Kolumbien, wo eine Mitte-Rechts-Regierung an der Macht war).

Und schließlich, dass heute, also im Jahr 2020, das Pendel wieder umzuschlagen beginnt. Nach einer Untersuchung der Neuen Züricher Zeitung (NZZ) haben derzeit zwei Länder rechtsgerichtete Regierungen (Brasilien und Kolumbien), vier Länder konservative Regierungen (Chile, Paraguay, Peru und Uruguay), ein Land eine gemäßigte linke Regierung (Ecuador) und drei Länder linke Regierungen (Argentinien, Bolivien und Venezuela), wobei zu beachten ist, dass Argentinien bis Ende 2019 konservativ regiert wurde (zu dem Zeitpunkt also sieben von zehn Regierungen rechts der Mitte standen) und in Bolivien die Konservative Jeanine Anez, die nach Evo Morales´ Flucht ins Exil als Interimspräsidentin fungiert, gute Chancen hat, bei den Präsidentschaftswahlen am 3. Mai dieses Jahres den Sieg davonzutragen.

Ein Grund, dass die Wähler den Linken nicht mehr trauen, ist deren wirtschaftspolitisches Scheitern: Immer mehr Südamerikanern geht es finanziell schlecht, also werden neue – in diesem Fall konservative – Regierungen ins Amt gewählt (ein Prinzip, das auch in vielen Ländern Europas zu beobachten ist). Ob die neoliberale Ausrichtung der neuen Machthaber für Abhilfe sorgen kann, ist fraglich – wahrscheinlicher ist es, dass sie die extremen Unterschiede zwischen arm und reich noch mehr verstärken werden, was in der Folge zu noch mehr Protesten führen wird, was wiederum der Errichtung von (Militär)Diktaturen Vorschub leisten würde. Ein Rückfall in die Zeiten der 70er Jahre, als die aus Offizieren gebildeten Juntas den Kontinent mit eiserner Faust regierten und mit Terror und Schrecken erfüllten, ist gegenwärtig also alles andere als ausgeschlossen.

Kontinent ohne Hoffnung

Nach all diesen negativen, bedrückenden Befunden fragt man sich: Inwieweit zeichnen sich positive Entwicklungen ab, woran können sich die Menschen aufrichten, für was sollen sie kämpfen? In Kürze: Wo liegt die Hoffnung für Südamerika?

Die Antwort ist traurig, aber sie nicht auszusprechen, hieße, intellektuell unredlich zu sein. Es hieße, sich davon leiten zu lassen, was wünschenswert ist, anstatt davon, was die Realität vorgibt.

Die Antwort lautet: Es gibt keine Hoffnung für Südamerika. Seine Helden und Lichtgestalten, Simon Bolivar, Juan Peron, zuletzt Evo Morales, sind allesamt gescheitert. Sie mögen auf ihren Wegen gewaltige Erfolge errungen und große Triumphe gefeiert haben – sein großes Ziel jedoch hat keiner von ihnen erreicht.

Nicht unerwähnt bleiben darf, welch hemmende Rolle die Religion in Südamerika spielt. Viele der europäischen Auswanderer, die sich nach Nordamerika und nach Australien aufmachten, waren evangelische Christen – nach ihrer Ankunft handelten sie nach der Maxime: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Die Konquistadoren dagegen brachten katholische Priester nach Südamerika, die den Menschen verkündeten, dass ihr hartes Joch gottgewollt sei und das kurze, zeitlich begrenzte Hier und Jetzt sowie keine Rolle spiele – wichtig sei allein das ewige Leben im Himmel. Dieser Glaube durchdringt den Kontinent bis heute. Die Überzeugung, es existiere ein von Gott vorherbestimmtes Schicksal und der Herr werde die Dinge schon regeln, sind einer der ganz wichtigen Gründe für den Defätismus und den Fatalismus, die in Südamerika so allgegenwärtig sind und einer Verbesserung der Verhältnisse im Wege stehen.

Südamerika ist reich an Rohstoffen, seine Böden sind fruchtbar. Diese Fülle hat sich nicht nur als Vorteil erwiesen, im Gegenteil: Die Notwendigkeit, eine eigene Produktion aufzubauen, hat sich nie in den Köpfen der Menschen verankert (was von einem großen Teil der aus Land- und Minenbesitzern bestehenden wirtschaftlichen Elite auch gar nicht gewollt war, weil sie nicht riskieren wollte, ihre Privilegien an eine neue, industrielle Elite zu verlieren).

Südamerikas Naturwunder wie seine paradiesischen Berglandschaften, die romantische Unendlichkeit der Pampa und die überwältigende Farbenpracht der Regenwälder: Auch sie tragen in gewisser Weise zur Misere des Kontinents bei. Denn sie erschaffen einen Zauber, der zum Träumen einlädt, der die oftmals so harte Realität mit einem sanften Schleier der Melancholie verdeckt. Und so sind die großen Denker, die der Kontinent hervorbringt, oftmals Phantasten, die grandiose Gedankengebäude entwerfen, die einer praktischen Prüfung in aller Regel jedoch nicht standhalten. Besonders deutlich wird das an den Inhalten der Lehrpläne der sozialwissenschaftlichen Studiengänge an den Universitäten. Dort wird weiterhin mit Inbrunst, aus tiefster Überzeugung heraus, Marx und Engels gelehrt, herrscht der Glaube vor, mit den – im Westen schon lange desavouierten Ideologien – eine bessere Welt schaffen zu können. Die Gewehrläufe der Milizionäre haben diesen Träumen nur zu oft ein rüdes Ende bereitet.

Der epochale Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel Garcia Márquez gilt als Sinnbild der Geschichte Südamerikas (dass Márquez ein Vertreter des „magischen Realismus“ war, sei hier nur am Rande erwähnt, ist es doch ein gutes Beispiel dafür, was wir weiter oben über die Bedeutung von Träumen und Fantasien in der Denkwelt von Südamerikas Intellektuellen gesagt haben). In seinem wunderbar geschriebenen Buch erzählt der Literatur-Nobelpreisträger die Geschichte des Dorfes Macondo, wobei dessen Errichtung die Kolonialzeit symbolisiert; während die Kriege, in denen die Hauptperson Oberst Aureliano Buendia kämpft, für die Befreiungskriege im 19. Jahrhundert stehen; die Ereignisse rund um die Bananenfabrik für die imperialistische Einflussnahme durch die USA im 19. und 20. Jahrhundert; sowie Niedergang und Ende des Dorfes für die Moderne. Die ganzen einhundert Jahre hinweg sind die Dorfbewohner den Ereignissen um sie herum auf merkwürdige Weise enthoben; so, als gingen diese Ereignisse sie überhaupt nichts an: „Gott bürdet jedem nur so viel auf, wie er auch ertragen kann.“

Südamerika und seine Menschen haben viele Bürden zu tragen. Hoffnung für sie ist nicht in Sicht.

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