Finanzen

Plötzlicher massiver Gold-Abfluss aus Großbritannien wirft Fragen auf

In den beiden letzten Monaten des vergangenen Jahres registrierten die britischen Behörden massive Exporte von Edelmetallen ins Ausland. Die Gründe für die bemerkenswerte und vollkommen überraschend aufgetretene Entwicklung sind bislang ungeklärt.
24.02.2020 17:09
Aktualisiert: 24.02.2020 17:09
Lesezeit: 2 min
Plötzlicher massiver Gold-Abfluss aus Großbritannien wirft Fragen auf
Mehrere Goldbarren. (Foto: dpa) Foto: Wolfgang Hartmann

In den beiden letzten Monaten des vergangenen Jahres kam es überraschend zu massiven Exporten von Edelmetallen aus Großbritannien. Wie der Wirtschaftsredakteur des Senders Sky News, Ed Conway, berichtet, sollen sich die Ausfuhren im November und Dezember 2019 zusammengerechnet auf rund 12 Milliarden Pfund (etwa 14,3 Milliarden Euro) belaufen haben.

Diese Daten sind äußerst ungewöhnlich, da sie eine massive Abweichung zu den in der Handelsstatistik der vergangenen Jahre registrierten Edelmetalltransaktionen darstellen. Im langfristigen Durchschnitt nämlich betrugen die Exporte von Edelmetallen etwa 130 Millionen Pfund pro Monat. Der Sprung der Exporte Ende 2019 bedeutete demnach ungefähr den Faktor 46 des langfristigen Durchschnitts.

Die Hintergründe für den Ausschlag sind nicht bekannt. Bekannt ist, dass London seit Jahrzehnten als das faktische Gold-Handelszentrum der Welt fungiert, wo auch heute noch zwei Mal täglich der Goldpreis per Telefonkonferenz von mehreren Großbanken festgelegt wird. Bei diesen handelt es sich um die UBS (Schweiz), Bank of China (China), Barclays (Großbritannien), Standard Chartered Bank (Großbritannien), Société Générale (Frankreich), Toronto-Dominion Bank (Kanada), Bank of Nova Scotia-ScotiaMocatta (Kanada), der in London ansässigen amerikanischen Tochter der britischen HSBC und den US-Instituten Goldman Sachs, JP Morgan und Morgan Stanley.

Wenn die britischen Behörden also „Exporte“ von Edelmetallen registrieren, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass Gold oder Silber in physischer Form außer Landes gebracht wurde. Vielmehr dürfte es in den meisten Fällen so sein, dass schlicht die Besitzer der Barren wechselten – genauer noch: jene, die Anspruch auf eine Auslieferung in physischer Form haben – , das Edelmetall aber weiterhin in ein und demselben Tresorraum in London verbleibt.

Der Goldpreis ist seit Juni 2019 indes stark gestiegen. Tendierte er bis dato noch um die Marke von 1300 Dollar pro Feinunze (31,1 Gramm), erreichte er Ende Februar 2020 bereits fast die Marke von 1700 Dollar.

Wie außergewöhnlich aber die „Exporte“ Ende 2019 gewesen sind, zeigt sich auch daran, dass Großbritannien durch sie zum ersten Mal seit Aufzeichnung der Daten einen Handelsüberschuss mit dem Ausland realisieren konnte, wie die nachstehende Grafik zeigt. Davor wurde stets ein Handelsdefizit erzielt, welches im Laufe der Zeit sogar noch wuchs.

Selbstverständlich kursieren Spekulationen darüber, was den Abverkauf ausgelöst haben mag – die genauen Umstände sind aber nicht bekannt. Ein Faktor könnte die Repatriierungsaktion der polnischen Zentralbank gewesen sein, welche ihre in London gelagerten 100 Tonnen Goldbarren nach Polen holte. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten berichteten im Dezember, dass neben Polen auch Ungarn und Rumänien am Goldmarkt aktiv wurden. Rumänien wollte seine Goldreserven ebenfalls nach Hause holen, wurde vom Staatspräsidenten aber mit Verweis auf EZB-Regularien daran gehindert.

Ed Conway zufolge könnte eine große Bank ihre in London lagernden Reserven zur Auslieferung deklariert haben oder in großem Stil selbst Gold gekauft haben. Wie auch immer, der massive Ausschlag deutet in jedem Fall darauf hin, dass wichtige Marktteilnehmer Ende 2019 signifikante Transaktionen auf dem Markt für Gold und Silber ausgeführt haben müssen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

 

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

DWN
Politik
Politik Kritische Rohstoffe: EU startet 46 neue Projekte, doch die alten scheitern
12.10.2026

Europa will sich aus Chinas Rohstoffklammer befreien. Dafür bringt Brüssel 46 neue strategische Projekte auf den Weg, die Investitionen...

DWN
Politik
Politik Putin ist erfolgreicher, als uns lieb sein kann: Analyst weist auf großen Fehler der NATO hin
12.10.2026

Sabotage, Drohnen und Angriffe auf Infrastruktur: Nach Einschätzung des Russland-Experten Mason Clark verfolgt der Kreml damit ein...

DWN
Politik
Politik Er verlor den Kampf um die Macht gegen Trump und Vance: Jetzt warnt er seine Partei
12.10.2026

Tim Walz hat die Niederlage von 2024 noch nicht abgehakt. Im Interview erklärt der frühere Vizepräsidentschaftskandidat, warum die...

DWN
Finanzen
Finanzen McDonalds-Aktie: Ausverkauf an der Börse – haben die Anleger die Burger satt?
12.10.2026

Die McDonalds-Aktie ist auf den niedrigsten Stand seit vier Jahren gefallen und hat innerhalb von neun Monaten fast ein Drittel ihres...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Handelskompromiss mit China: Was der Deal Deutschland bringt
12.10.2026

Nach wochenlangen Spannungen haben sich die Europäische Union und China auf erste konkrete Schritte zur Entschärfung ihres...

DWN
Politik
Politik Trumps überraschende Entscheidung, russischen Kraftstoff in die USA zu importieren, sorgt weltweit für Aufsehen
12.10.2026

Donald Trumps Vereinbarung mit Russland zeigt den wachsenden Druck, die Kraftstoffpreise zu senken, und markiert einen deutlichen...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldreserven wachsen rasant: China kauft so viel Gold wie seit drei Jahren nicht
12.10.2026

Die chinesische Zentralbank ist auf dem besten Weg, bei den Goldreserven an den Zentralbanken Frankreichs und Italiens vorbeizuziehen. Nach...

DWN
Panorama
Panorama Klimaschutz bis 2045: Welche Kosten auf Deutschland zukommen
12.10.2026

Elektroautos, erneuerbare Energien und ein angepasstes Stromnetz: Deutschlands Weg zur Klimaneutralität verlangt hohe Investitionen. Eine...