Finanzen

Ökonomen zu neuer Staatsschuldenkrise: „Italien ist der erste Dominostein“

Mehrere Institute haben ihre Prognosen für die Entwicklung der Wirtschaftsleistung veröffentlicht – mit teilweise extremen Unterschieden. Alle befürchten jedoch das Aufbrechen einer neuen europäischen Schuldenkrise.
22.03.2020 10:00
Lesezeit: 3 min
Ökonomen zu neuer Staatsschuldenkrise: „Italien ist der erste Dominostein“
Mailand: Ein Obdachloser geht durch die verlassene Galleria Vittorio Emanuele II. (Foto: dpa) Foto: Luca Bruno

Die Corona-Krise wird Deutschland nach übereinstimmender Einschätzung führender Ökonomen in eine potenziell sehr schwere Rezession stürzen. Vier bekannte Wirtschaftsforschungsinstitute veröffentlichten am Donnerstag ihre Prognosen, sie erwarten in diesem Jahr sämtlich eine schrumpfende Wirtschaftsleistung. Offen bleibt dabei, wie schwer die Corona-Krise ausfallen wird. Die Spanne der Prognosen reicht von minus 0,1 bis minus 9 Prozent, abhängig vom weltweiten Verlauf der Pandemie in den kommenden Monaten.

Für die nähere Zukunft bedeuten die Prognosen, dass die Coronakrise Deutschlands Unternehmen härter treffen könnte als die Finanzkrise 2009. Damals war das Bruttoinlandsprodukt um 5,7 Prozent geschrumpft. Seitdem hat die deutsche Wirtschaft einen langen Aufschwung hingelegt, der sich allerdings schon 2019 stark abgeschwächt hat. Zur Coronakrise kommt die Sorge vor einer neuen Staatsschuldenkrise in Europa. Drohende Staatspleiten hatte die Eurozone in der Folge der Schuldenkrise ab 2010 für mehrere Jahre in Atem gehalten.

Die am wenigsten pessimistische Konjunkturprognose kam vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Demnach könnte das Minus mit mindestens 0,1 Prozent vergleichsweise klein ausfallen – eine Prognose, die angesichts der derzeit zu beobachtenden Entwicklungen vollkommen illusorisch ist.

Viel realistischer ist die Prognose des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), das einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 5 bis 9 Prozent fürchtet. "Die Entwicklung in diesem Jahr stellt eine krasse Ausnahmesituation dar", sagte IfW-Prognosechef Stefan Kooths.

In der Mitte bewegen sich das RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung mit minus 0,8 Prozent und das Münchner Ifo-Institut, das zwei Szenarien publizierte: Sofern der Höhepunkt der Pandemie schnell überschritten wird und die Wirtschaft ab Mai wieder in Gang kommt, rechnen die Münchner Ökonomen damit, dass die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 1,5 Prozent schrumpft. Sollte die Pandemie aber länger dauern, halten Ifo-Präsident Clemens Fuest und seine Kollegen ein Minus von 6 Prozent für möglich. "Man kann auch nicht ausschließen, dass es deutlich schlimmer wird", sagte Fuest. "Wir müssen sehen, dass derzeit das Risiko, dass die Staatsschuldenkrise wieder ausbricht, sehr groß ist."

Aktuell helfen nach Einschätzung der Münchner Wirtschaftsforscher die Ankündigungen der EZB, der EU und der Bundesregierung zur Stützung der Wirtschaft. "So lange man auf diesem Weg geht, wird es keine Staatsschuldenkrise geben", meinte Fuest.

Der Ifo-Präsident steht nicht allein mit seiner Sorge. Die Europäische Zentralbank hatte in der Nacht zu Donnerstag ein Notkaufprogramm für Anleihen in Höhe von 750 Milliarden Euro angekündigt. Stärkere europäische Antworten seien notwendig, etwa europäische Staatsanleihen, forderte DIW-Präsident Fratzscher. "Ziel ist es, dass dieser Schock sich nicht in eine Finanzkrise verwandelt." Italien könne der erste Dominostein sein, der kippe. Italien ächzt ohnehin unter einer extrem hohen Schuldenlast.

Das massive Notkaufprogramm der EZB hatte die Kurse italienischer Staatsanleihen seit Donnerstag deutlich gestützt, nachdem diese in den vergangenen Wochen einbrachen und die Renditen im Gegenzug kräftig stiegen. Die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen stand am Freitag bei rund 1,6 Prozent. Am Mittwoch hatten die Anleihen noch mit rund 3 Prozent rentiert. Italien hat in der Eurozone aber immer noch die höchsten Renditen nach Griechenland. Die EZB hatte signalisiert verstärkt Anleihen bestimmter Länder zu kaufen.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz hatte zur Wochenmitte auch Finanzhilfen für das Land durch den Rettungsfonds ESM grundsätzlich für denkbar gehalten. Europa verfüge mit dem Fonds "über die nötige Kampfkraft in der Krise", sagt Scholz der Wochenzeitung Die Zeit.

Die Rendite der generell recht schwankungsanfälligen, zehnjährigen griechischen Staatsanleihen fiel zuletzt um 1,30 Prozentpunkte auf 2,35 Prozent. Papiere mit einer Laufzeit von fünf Jahren rentierten zuletzt mit 1,60 Prozent. In der fünfjährigen Laufzeit fiel die Rendite zeitweise um 2,0 Prozentpunkte. Auch hier kam die Aussicht auf Käufe von Seiten der EZB zugute.

Darüber hinaus sieht Ifo-Chef Fuest in den USA Warnzeichen mangelnden Vertrauens am Finanzmarkt. Die Unternehmensverschuldung ist seit der Finanzkrise vor zehn Jahren weltweit angestiegen. "Besonders groß ist das Problem in den USA", sagte Fuest. Dort haben viele Unternehmen Anleihen ausgegeben. "Wir sehen, dass die Anleihen mit schlechteren Ratings nur noch schwer zu handeln sind." Die Anschlussfinanzierungen seien schwierig. "Das kann Unternehmen im Extremfall in die Insolvenz treiben", sagte der Ifo-Präsident.

Auf heimischem Territorium rechnet das Kieler IfW damit, dass etwa die Hälfte der deutschen Wirtschaft hart bis extrem hart getroffen wird. Zu den besonders betroffenen Bereichen mit Rückgängen um 90 Prozent zählten Gastgewerbe, Luftfahrt und die Freizeitwirtschaft im weitesten Sinne. Der Fahrzeugbau könnte die Produktion laut IfW zeitweise um bis zu 70 Prozent einschränken, der Einzelhandel um 40 Prozent. Keine oder geringe Auswirkungen sehen die Kieler Ökonomen in Wohnungswirtschaft, Telekommunikation und öffentlichem Dienst.

Zuvor hatten bereits das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) und der Bundesverband deutscher Banken einen kräftigen Rückgang der Wirtschaftsleistung prognostiziert. Wenn die Corona-Krise überwunden ist, könnte es aber rasch aufwärts gehen. Hier zeigt sich das quasi spiegelverkehrte Bild: Die Ökonomen, die einen sehr starken Einbruch fürchten, hoffen auf einen umso vitaleren Aufschwung. Die Institute, die von einem glimpflichen Verlauf der Pandemie ausgehen, erwarten dafür anschließend auch eine schwächere Belebung. So hält das für dieses Jahr sehr pessismistische Kieler IfW in Kiel 2021 ein rasantes Wachstum von 7,2 bis 10,9 Prozent für möglich.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Ryanair-Aktie: Keine Gewinnprognose wegen Iran-Krieg
18.05.2026

Ryanair meldet starke Geschäftszahlen und steigende Umsätze, doch beim Ausblick bleibt die Fluggesellschaft überraschend vorsichtig –...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Trump gerät durch die Benzinpreise unter Druck: Greift der US-Präsident auf Bidens Plan zurück?
18.05.2026

Donald Trump gerät durch steigende Benzinpreise in den USA zunehmend unter politischen Druck und prüft nun einen Tankrabatt nach Bidens...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Acht-Stunden-Tag? IW-Chef Hüther fordert flexiblere Arbeitszeiten
18.05.2026

Seit mehr als 100 Jahren gilt in Deutschland der Acht-Stunden-Tag. Nun wird erneut über eine grundlegende Reform des Arbeitszeitgesetzes...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnungsbau in Deutschland: Hoffnung trotz neuer Risiken
18.05.2026

Nach Monaten der Krise legt der Wohnungsbau in Deutschland wieder zu. Vor allem bei Mehrfamilienhäusern steigen die Genehmigungen kräftig...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie kämpft sich nach Kursrutsch zurück: Reicht das?
18.05.2026

Die Rheinmetall-Aktie steht nach deutlichen Verlusten zum Wochenauftakt erneut im Fokus der Anleger. Geopolitische Spannungen den gesamten...

DWN
Politik
Politik AfD-Erfolge alarmieren Extremismusforscher Botsch: AfD-Zustimmung wächst trotz Radikalisierung
18.05.2026

Immer mehr Wähler zeigen Offenheit gegenüber der AfD, obwohl Verfassungsschützer und Forscher vor rechtsextremen Tendenzen warnen....

DWN
Finanzen
Finanzen Ölpreise aktuell: Trumps Iran-Kurs macht Anleger an den Rohstoffmärkten nervös
18.05.2026

Nach einer kurzen Phase der Hoffnung wächst die Angst vor einer neuen Zuspitzung im Nahen Osten. Aussagen von Donald Trump und Warnungen...

DWN
Politik
Politik Nahost-Konflikt: Trump verschärft Ton gegenüber Iran deutlich
18.05.2026

Nach Wochen brüchiger Waffenruhe wächst die Angst vor einer neuen militärischen Eskalation. Donald Trump erhöht den Druck auf den Iran,...