Finanzen

Um Wirtschaft anzukurbeln: Experte fordert sofortige Aussetzung der Mehrwertsteuer

Automobil-Experte Ferdinand Dudenhöffer fordert die sofortige Aussetzung der Mehrwertsteuer für Produkte im Wert von 20.000 Euro und mehr.
25.03.2020 13:00
Lesezeit: 2 min
Um Wirtschaft anzukurbeln: Experte fordert sofortige Aussetzung der Mehrwertsteuer
Noch wird bei VW zumindest Kurzarbeit geleistet - aber je länger die Krise anhält, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Produktion für einen unbestimmten Zeitraum ganz eingestellt wird. Dann drohen leere Parkplätze, wie hier vor dem VW-Werk Sachsen in Zwickau/Mosel im Jahr 2004. (Foto: dpa) Foto: Wolfgang Thieme

Die Bundesregierung sollte in den nächsten neun Monaten, also für den Rest des Jahres, die Mehrwertsteuer für alle Produkte im Wert von 20.000 Euro und mehr aussetzen. Das fordert Automobil-Experte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität St. Gallen.

Die deutsche Wirtschaft benötige in der Corona-Krise Nachfrage-Impulse im Bereich des privaten Konsums, so Dudenhöffer. Dabei gehe es nicht um Produkte des täglichen Bedarfs, sondern hochwertige Anschaffungen wie Autos und Möbel. Unternehmen bei Investitionen zu unterstützen, sei derzeit weniger effektiv, weil angesichts der unsicheren Wirtschaftslage Unternehmer eher wenig investitionsbereit seien. Fazit: „Daher muss der private Konsum den Wagen wieder in Bewegung bringen.“ Ein zusätzlicher Vorteil der Mehrwertsteuer-Aussetzung sei es, dass sie die Elektromobilität anschieben würde: „Bis zu 6.000 Euro Umweltprämie plus 19 Prozent gesparte Mehrwertsteuer ergeben ein sehr attraktives Angebot.“

Um das Geschäft anzukurbeln, sollten die Unternehmen darüber hinaus großzügige Bedingungen sowie innovative Angebote offerieren. Dazu zählen beispielsweise Autos-Abos mit einer monatlichen Rate, in der alle Kosten enthalten sind, inklusive einem außerordentlichen Kündigungsrecht in Notfällen, etwa bei Jobverlust.

Werden der Auto-Industrie von Seiten des Staates keine weiteren Hilfen angeboten und schafft sie es nicht, „beweglicher und schneller zu werden und mit preisgünstigen Car-Abos den Karren aus eigener Kraft wieder aus dem Dreck zu ziehen“, so sieht Dudenhöffer große Probleme sowohl auf Deutschland als auch auf die Branche zukommen. Er analysiert: „Die deutsche Autoindustrie hat 830.000 Beschäftigte. Damit sprechen wir über ein Kurzarbeitergeld für wahrscheinlich mehr als 700.000 Beschäftigte nur für die Autoindustrie in Deutschland. Damit sprechen wir nach unserer Einschätzung von gut vier Milliarden Euro Kurzarbeitergeld im Monat. Gleichzeitig müssen nach spätestens vier Wochen Liquiditätshilfen für die Unternehmen gezahlt werden, um Fixkosten zu finanzieren, um Insolvenzen zu vermeiden.

Der Inlandsumsatz der deutschen Autoindustrie beträgt 150 Milliarden Euro pro Jahr, pro Monat also 12,5 Milliarden Euro. Nach sehr konservativer Schätzung braucht man zehn Prozent des Umsatzes, um die Fixkosten abzudecken. Das würde dann Liquiditätshilfen von mehr als 1,25 Milliarden Euro pro Monat bedeutend. Zusätzlich knickt auch Auslandsumsatz ein. Der beläuft sich für die deutsche Autoindustrie auf jährlich 280 Milliarden Euro. Lassen Sie uns schätzen, dass ein Drittel vom Auslandsumsatz ´infiziert´ ist (eine eher optimistische Schätzung) Dann würden wir Liquiditätshilfen zur Absicherung des Auslandsumsatzes von 0,7 Milliarden im Monat brauchen.“

Insgesamt also mindestens sechs Milliarden Euro (vier Milliarden Euro Kurzarbeitergeld; 1,25 Milliarden Euro Hilfe wegen des wegbrechenden Inlandsumsatzes; 0,7 Milliarden Euro wegen des geringeren Auslandsumsatzes) nur für die Auto-Industrie im Monat: Das kann die Staatskasse natürlich stemmen – aber es wäre eine gewaltige zusätzliche Belastung. Übrigens: Das sind 200 Millionen Euro am Tag, mehr als acht Millionen Euro in der Stunde. Dudenhöffer: „Diese Überlegungen machen deutlich, dass solche hohen staatlichen Finanzierungsbeträge nur eine kurzfristige Brücke sein können und wir nicht lange mit dieser Brücke leben können, ohne die Finanzierungskraft und das Vertrauen in das Finanzsystem zu riskieren.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ausweg aus russischen Rohstoffen? „Eine Alternative gibt es, aber sie könnte uns nicht gefallen“
17.10.2026

Wie Deutschland und viele weitere EU-Staaten will auch Estland seine Abhängigkeit von russischen Rohstoffen reduzieren oder sogar beenden....

DWN
Technologie
Technologie Datenleck nach Cyberangriff bei Autohaus-Software: Betrugsversuche befürchtet
17.10.2026

Autokäufer könnten sich nun Betrugsversuchen gegenübersehen, die besonders schwierig zu erkennen sind. Vor allem Häuser mit Marken...

DWN
Finanzen
Finanzen Bundesbank-Vorstand warnt: Risiko einer Schuldenkrise in Europa deutlich gestiegen
17.10.2026

Michael Theurer, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, sieht in der jüngsten Verkaufswelle an den europäischen Anleihemärkten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Konflikte im Büro: So gehen Sie mit schwierigen Kollegen um
17.10.2026

Den schwierigen Kollegen wird man selten vollständig los. Doch man kann lernen, besser mit ihm umzugehen und sich selbst viel Ärger zu...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BYD Dolphin G DM-i im Test: Ist das der Kleinwagen der Zukunft?
17.10.2026

100 Kilometer elektrisch, mehr als 1.000 Kilometer Gesamtreichweite und 212 PS: Der BYD Dolphin G DM-i bringt Werte in die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ölmarktbericht : IEA warnt vor anhaltender Diesel-Knappheit
17.10.2026

Die Dieselversorgung bleibt laut der Energieagentur bis weit ins Jahr 2027 angespannt. In Europa könnten die Preise schon in den kommenden...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Vinted greift den Einzelhandel an: Wird Neuware zum Auslaufmodell?
17.10.2026

Gebraucht statt neu: Vinted wächst rasant und könnte dem klassischen Einzelhandel zunehmend gefährlich werden. Schon heute ersetzen drei...

DWN
Politik
Politik BND-Skandale: Spionagefälle, Abhöraktionen und geheime Pannen
17.10.2026

Verrat aus den eigenen Reihen, umstrittene Überwachungsaktionen und verschwundene Geheimdokumente: Der Bundesnachrichtendienst (BND)...