Griff nach fremdem Land: Rückkehr des Kolonialismus in neuem Gewand?

 

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01.05.2020 16:54  Aktualisiert: 01.05.2020 16:54
Weltweit eignen sich Investoren unter häufig zweifelhaften Umständen fruchtbares Land an. Der Westen und reiche Länder aus Nahost und Asien schicken ihre Konzerne auf Einkaufstour – besonders nach Afrika.
Griff nach fremdem Land: Rückkehr des Kolonialismus in neuem Gewand?
Auch in Asien wird massiv Land aufgekauft. (Foto: Quang Nguyen vinh/Pixabay)

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In den vergangenen Jahren haben Investoren weltweit in zunehmendem Umfang Land in anderen Staaten erworben. Weil viele dieser Transaktionen unter Missachtung der Rechte und Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung realisiert wurden, sprechen Beobachter seit einigen Jahren von der Problematik des „Landraubs“ (land grabbing). Obwohl die Motive für den Erwerb fremden Landes stark variieren, kann das Phänomen in seiner Gesamtheit in den davon betroffenen Gebieten als „Rückkehr des Kolonialismus in anderem Gewand“ bezeichnet werden, weil die Käufer reiche Investoren aus den Industrieländern und die Betroffenen meist die ungefragten Bürger aus ärmeren Staaten sind.

Die große Grauzone: Niemand weiß, wie viel Land gekauft oder gepachtet wird

Die Schätzungen darüber, wie viel Land in den vergangenen Jahren im globalen Süden den Besitzer wechselte, variieren stark. Da ein großer Teil der Käufe im juristischen Graubereich stattfindet, haben häufig weder Investoren noch Verkäufer ein gesteigertes Interesse an Transparenz und viele Transaktionen bleiben daher im Dunkeln. Aus diesem Grund müssen alle folgenden Flächenangaben mit äußerster Vorsicht betrachtet und als Schätzungen eingestuft werden.

Das Projekt Land Matrix schätzt in einem Bericht aus dem Jahr 2016, dass alleine im Zuge der im Rahmen seiner Betrachtung untersuchten 1.204 Transaktionen etwa 42,2 Millionen Hektar Land in den vergangenen Jahren den Besitzer wechselten. 2011 schrieb die Organisation Oxfam in einem Bericht, dass zwischen 2001 und 2011 weltweit sogar etwa 227 Millionen Hektar Land von Investoren aufgekauft oder gepachtet wurde – eine Fläche, die in etwa Westeuropa entspräche. Eine Studie der Weltbank von 2011 kommt zu dem Schluss, dass alleine zwischen 2008 und 2009 weltweit Geschäfte mit Land im Umfang von 56 Millionen Hektar getätigt wurden – was fast der Größe Spaniens entspräche. Allein für den Zeitraum zwischen 2007 und 2017 hat die Organisation GRAIN zudem weltweit mindestens 135 gescheiterte Geschäfte mit Ackerland dokumentiert, welche die Lebensmittelproduktion zum Ziel hatten. Etwa 17,5 Millionen Hektar – was ungefähr der Staatsfläche Uruguays entspricht – wären von den abgesagten Deals betroffen gewesen. In einem Strategiepapier des Bundesministeriums für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit werden Schätzungen zitiert, wonach in den Jahren 2000 bis 2010 weltweit etwa 200 Millionen Hektar Land für Investitionen vergeben worden seien – davon bis zu 130 Millionen in Afrika.

Wer sind die Käufer?

Auffallend ist ein deutlich ausgeprägtes Schema, woher die Land-Käufer kommen und wo sie investieren. In praktisch allen Fällen stammen die Investoren aus wohlhabenden Staaten, während die betroffenen Flächen in meist armen Ländern – überwiegend in den tropischen und subtropischen Gefilden – liegen. Schaut man sich die international aktiven Investoren genauer an, fällt eine Dreiteilung auf.

Eine Gruppe bilden privatwirtschaftliche Großkonzerne und Investment-Gesellschaften aus dem Westen (Nordamerika und Europa). Die Speerspitze der Europäer bilden einer Untersuchung aus dem Jahr 2017 zufolge dabei mit weitem Abstand britische Konzerne, deren untersuchte 60 Unternehmen zusammen fast 2 Millionen Hektar Land weltweit besaßen. Darin nicht enthalten sind Ländereien im Umfang von etwa 750.000 Hektar, welche Unternehmen kontrollieren, die im Steuerparadies der British Virgin Islands residieren. Abgeschlagen folgen französische (rund 630.000 Hektar), italienische (etwa 615.000 Hektar), finnische (570.000 Hektar) und portugiesische (504.000 Hektar) Firmen. Die 12 im Rahmen der Untersuchung betrachteten deutschen Unternehmen kontrollieren demnach rund 310.000 Hektar Land außerhalb der EU.

Die Untersuchung schlussfolgert: In der EU ansässige Akteure spielen eine wichtige Rolle bei Landgrabbing und den damit verbundenen Menschenrechtsverstößen außerhalb Europas, doch das vollständige Ausmaß ihrer Beteiligung ist schwer zu beziffern. (…) Konzepte zur Selbstregulierung der Wirtschaft und der sozialen Verantwortung von Unternehmen haben sich als unzureichend erwiesen, um menschenrechtlichen Problemen im Zusammenhang mit Landgrabbing entgegenzuwirken.

Die mit dem Landraub verbundenen Menschenrechtsverletzungen dringen häufig nicht in die Weltpresse, sondern werden in Einzelfällen von Nichtregierungsorganisationen aufgedeckt – wie etwa die Vertreibung tausender Einwohner in Uganda zwischen 2006 und 2010.

Oxfam-Recherchen zeigen, dass in diesen Jahren mindestens 22.500 Menschen in den ugandischen Distrikten Mubende und Kiboga ihr Land zugunsten des britischen Holzunternehmens New Forests Company (NFC) verloren hatten. „Viele Betroffene beklagen, wie sie, teilweise unter Anwendung von Gewalt, vertrieben wurden und nun mittellos dastehen, berichtet die Organisation. Gerichtsurteile untersagten zwar solche Vertreibungen, aber Augenzeugen berichten, dass Arbeiter der NFC an einigen Vertreibungen beteiligt gewesen seien. Das Unternehmen bestreitet dies. Der Bauer Francis, Mitte vierzig, der ehemals im Kiboga-Distrikt lebte, erzählt: ‚Unsere gesamten Pflanzungen wurden zerstört – wir haben alles, was wir hatten, verloren. Wir dürfen nicht einmal hin, um das, was wir zurücklassen mussten, zu holen. Die Tagelöhner des Unternehmens drohten uns sogar Schläge an, wenn wir nicht gingen.‘„, schreibt Oxfam.

Im „westlichen Lager“ noch deutlich vor den Briten liegen allerdings Konzerne aus den USA, welche Untersuchungen zufolge weltweit fast 3,5 Millionen Hektar Land besitzen dürften. Unternehmen mit Firmensitz in Kanada sollen über etwa 500.000 Hektar verfügen.

Bei der zweiten Investoren-Gruppe handelt es sich um die reichen Ölmonarchien vom Persischen Golf, welche in den vergangenen Jahren aggressiv Land (vor allem in Afrika) aufkauften – insbesondere, um auf Trinkwasserreserven zugreifen zu können. Besonders aktiv scheinen Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar und Kuwait zu sein. Der Organisation GRAIN zufolge ist die Wasser-Strategie der Araber symptomatisch für die Bedeutung, welche Trinkwasserreserven im Zeitalter einer rapide steigenden Weltbevölkerung und Versandung von Böden zukommt. Am Beispiel von Ausschreitungen in Äthiopien gegen das Unternehmen eines saudischen Milliardärs, welcher einen wichtigen Fluss umlenken ließ und tausenden Menschen vor Ort damit ihre Lebensgrundlage entzog, schildert GRAIN:

„Die Spannungen im südwestlichen Äthiopien illustrieren die zentrale Wichtigkeit vom Wasserzugang im weltweiten Wettkampf um Land. Versteckt hinter den Landnahmen steht der weltweite Kampf um die Kontrolle über Trinkwasser. Jene – ganz gleich ob sie in Addis Abeba, Dubai oder London sitzen, verstehen ganz genau, dass der Zugang zu Wasser – oft kostenlos und unregistriert bei den Landkäufen mit eingeschlossen – langfristig wahrscheinlich profitabler als der Landgewinn an sich ist. In den vergangenen Jahren hat Saudi-Arabien Millionen Hektar Land gekauft, um dort Lebensmittel anbauen zu lassen und zurück nach Saudi-Arabien zu senden. Saudi-Arabien hat keinen Mangel an Land zur Lebensmittelproduktion. Was das Königreich braucht, ist der Zugang zu Wasser – und seine Unternehmen suchen es in Ländern wie Äthiopien. (…) ‚Der Wert liegt nicht im Land, der wahre Wert liegt im Wasser‘, wird ein Mitarbeiter der Investitionsgruppe Chayton Capital aus London zitiert, welche in großem Umfang Ländereien in Sambia gekauft hat.“

Die dritte Investoren-Gruppe stellen die wirtschafts- und einwohnerstarken Staaten Ostasiens dar, welche nach Farmland oder rohstoffreichen Gebieten suchen – allen voran sind dies Malaysia, China, Indien, Südkorea, Japan und Indonesien.

Malaysia ist den verfügbaren Daten zufolge weltweit wahrscheinlich der größte Investor in Boden überhaupt. Fast 4 Millionen Hektar Land sollen Unternehmen aus dem Land zwischen 2000 und 2016 weltweit erworben haben – noch mehr als US-Firmen. In der Asien-Rangliste folgen auf Malaysia im selben Zeitraum dann Singapur (rund 1,7 Millionen Hektar), Indien (rund 1,2 Millionen Hektar), Hongkong (rund 1 Million Hektar) und China (rund 1 Million Hektar). Mit Blick auf Singapur und Hongkong muss bedacht werden, dass diese Finanzzentren als Sitz zahlreicher multinationaler Konzerne dienen – Hongkong ist als Sonderwirtschaftszone zudem Teil Chinas und dessen Tor zu den Weltmärkten.

Welche Länder sind besonders vom Handel mit Land betroffen?

Der Schwerpunkt der weltweiten Landkäufe liegt eindeutig auf dem afrikanischen Kontinent. Schätzungen zufolge werden rund die Hälfte aller Kaufverträge weltweit in Afrika abgeschlossen, insbesondere südlich der Sahara. Der Weltagrarbericht listet rund 900 untersuchte Fälle auf, von denen fast 400 in Afrika stattfanden, etwa 200 in Asien, 200 in Mittel- und Südamerika, etwa 50 in Osteuropa und etwa 40 in Ozeanien.

In Afrika besonders prominent sind Äthiopien, Ghana, Südsudan, Marokko, Republik Kongo, Sierra Leone, Liberia, Madagaskar, Sudan, Sambia und Mosambik. In Asien besonders betroffen sind Kambodscha, Vietnam, Indonesien, Papua-Neuguinea, Thailand und die Philippinen. Auf dem amerikanischen Kontinent stechen Guatemala und Honduras ins Auge, ebenso wie Uruguay, Brasilien, Argentinien und Kolumbien. In Europa sind es in erster Linie Rumänien, Bulgarien, die Ukraine und Russland, die Ländereien an Ausländer verkaufen oder verpachten.

Wie undurchsichtig der globale Markt für Land ist, zeigt sich schon daran, dass sich die verfügbaren Daten von Portal zu Portal und von Studie zu Studie teilweise deutlich unterscheiden. So soll das chinesische Technologieunternehmen ZTE vor einigen Jahren in der Demokratischen Republik Kongo 2,8 Millionen Hektar Land erworben haben, was sich nur schwer mit den oben genannten 1 Million Hektar vereinbaren lässt.

Landkäufe werden in ihrer großen Mehrheit von Unternehmen getätigt – Staaten oder staatseigene Unternehmen wie Staatsfonds sind eher selten aktiv. Schätzungen zufolge gehen rund 40 Prozent aller Land-Investments auf das Konto von Privatgesellschaften, gefolgt von 30 Prozent der Fälle, bei denen börsennotierte Firmen aktiv sind. Investmentfonds haben einen „Marktanteil“ von rund 10 Prozent, Staaten von etwa 6 Prozent und reiche Privatinvestoren von 3 Prozent. In etwa 16 Prozent der betrachteten Fälle konnte der Investor nicht richtig identifiziert werden – ein blinder Fleck, welcher als Indiz für unsaubere Geschäfte unter Ausschluss der Interessen der Öffentlichkeit gedeutet werden könnte.

Den zweiten Teil der Analyse lesen Sie am morgigen Sonnabend!


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