Panorama

Erste Lockerungen: Schweizer gehen wieder Haare schneiden und Blumen kaufen

Lesezeit: 2 min
27.04.2020 16:14
Die Schweizer nutzen die wiedererlangte Freiheit und stürmen Frisöre und Gartenzentren. Doch vom normalen Alltag ist man auch in der Schweiz noch weit entfernt.
Erste Lockerungen: Schweizer gehen wieder Haare schneiden und Blumen kaufen
Schweiz, Bern: Eine Coiffeuse eines Salons schneidet einem Kunden die Haare. Beide tragen einen Mundschutz. Coiffeure durften ab dem 27. April ihre Geschäfte wieder öffnen. (Foto: dpa)
Foto: Peter Klaunzer

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Ein neuer Haarschnitt oder Einkäufe für den Garten: Das stand am Montag ganz oben auf den Listen der Schweizer, als das Land erste Schritte aus den Mitte März verhängten einschneidenden Beschränkungen des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft machte, mit denen die Ausbreitung des Coronavirus eingedämmt werden soll. Lange Schlangen bildeten sich vor Gartenzentren, als Menschen ein wiedergewonnenes Stück Freiheit nutzten.

"Ich denke, es ist an der Zeit", sagte Christiane Ansermet vor dem Schilliger Gartenzentrum in der Stadt Gland am Genfer See. "Wir müssen unser Leben leben." Doch vom normalen Alltag ist man noch weit entfernt. Das Personal achtet auf Abstand der Kunden untereinander und desinfiziert die Einkaufswagen. Das Gartencenter war nach den Worten von Inhaberin Anne Schilliger nach der Schließung am 17. März gezwungen, ein Viertel seiner Jahresproduktion wegzuwerfen und hat 15 Prozent des Umsatzes eingebüßt. "Das ist sehr viel für uns, und es wird schwierig sein, das durchzustehen", sagte sie stellvertretend für andere Kleinunternehmen.

Leonard Brazzola, Zahnarzt in Lausanne, geht davon aus, dass die Folgen des "Lockdowns" mehrere Monate lang zu spüren sein werden. "Dies wird ein kompliziertes Jahr werden", sagte er. In seiner Praxis darf er immer nur einen Patient behandeln, aus dem Wartezimmer hat er die Zeitschriften entfernt und die Stühle wurden im Abstand von zwei Metern aufgestellt.

In der Schweiz haben sich bislang fast 29.200 Personen mit dem Erreger angesteckt und gut 1350 Erkrankte sind im Zusammenhang mit der Covid-19-Infektion gestorben. "Die Fallzahlen sinken weiter", sagte Daniel Koch, Experte für Übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). "Das sind sicher gute Nachrichten." Doch er betonte die Wichtigkeit der schrittweisen Aufhebung der Beschränkungen, um auf die Lockerungsschritte reagieren zu können. "Man will ja kein Experiment eingehen mit dieser Epidemie", erklärte Koch. "Nach wie vor ist sehr vieles unbekannt, vieles wissen wir nicht."

Die Regierung hatte vor knapp zwei Wochen den Ausstieg aus den Einschränkungen in Stufen beschlossen. In einem ersten Schritt können seit Montag neben Betriebe mit personenbezogenen Dienstleistungen wie etwa Friseuren auch medizinische Praxen ihren Betrieb wieder aufnehmen. Sortimentsbeschränkungen in Lebensmittelläden wurden aufgehoben. Weitere Lockerungen sind für 11. Mai und 8. Juni vorgesehen.

Mitte März wurden in der Alpenrepublik mit wenigen Ausnahmen Läden, Restaurants, Bars sowie Unterhaltungs- und Freizeitbetriebe geschlossen. Die Regierung greift der Wirtschaft des Landes zur Bewältigung der Folgen der Krisenmaßnahmen mit einem 62 Milliarden Franken schweren Hilfspaket unter die Arme. Die Ökonomen des Bundes rechnen mit der stärksten Rezession sei 45 Jahren.

Immer mehr europäische Länder lockern die Maßnahmen zur Einschränkung der Pandemie oder haben das in Aussicht gestellt. Deutschland hob erste Beschränkungen bereits Anfang vergangener Woche auf und in Spanien dürfen seit Sonntag Kinder wieder auf die Straßen. In Italien sollen ab kommender Woche eine Reihe von Einschränkungen fallen und in Frankreich hofft die Regierung, das Land ab dem 11. Mai schrittweise wieder zu öffnen.


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik Ukraine-Hauptquartier: Amerikaner übergeben Nato-Mission ausgerechnet Deutschland
14.06.2024

Die Nato plant, die internationalen Waffenlieferungen und Ausbildung der ukrainischen Streitkräfte zu koordinieren. Deutschland fällt...

DWN
Politik
Politik Die Bahn kommt: Bund und Länder einig über Sanierungskosten und Ertüchtigung
14.06.2024

Vor lauter Hiobsbotschaften von der Bahn gehen manchmal die wirklich wichtigen Nachrichten unter. Bund und Länder haben sich diese Woche...

DWN
Politik
Politik Die DWN-Chefredaktion kommentiert: Warum Deutschland bei Abschiebungen Zeit verschwendet
14.06.2024

Liebe Leserinnen und Leser, jede Woche gibt es ein Thema, das uns in der DWN-Redaktion besonders beschäftigt und das wir oft auch...

DWN
Immobilien
Immobilien ZIA-Immobilientag 2024: Krise in der Baubranche „ist noch gar nicht richtig angekommen“
14.06.2024

Beim jährlichen „Tag der Immobilienwirtschaft“ des Spitzenverbands der deutschen Immobilienwirtschaft (ZIA) diese Woche war ein...

DWN
Politik
Politik Waffenruhe Ukraine: Putin nennt Verzicht auf NATO-Mitgliedschaft als Bedingung
14.06.2024

Russlands Präsident Wladimir Putin bietet eine Waffenruhe in der Ukraine an, stellt dafür aber klare Bedingungen auf: Die Ukraine muss...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft EU-Strafzölle treffen auch Tesla: Warnung vor Preiserhöhungen
14.06.2024

Obwohl Tesla eine Fabrik in Grünheide hat, importiert das Unternehmen den Bestseller Model 3 aus Shanghai nach Deutschland. Jetzt...

DWN
Politik
Politik Krieg in Nahost: Bidens Friedensplan erhält Unterstützung von den G7
14.06.2024

Im Bemühen, einen Weg aus dem Gaza-Krieg zwischen Israel und der islamistischen Hamas zu finden, hat sich auch die G7-Gruppe der...

DWN
Politik
Politik Schuldenerlass: Bundesregierung verzichtete seit 2000 auf knapp 16 Milliarden Euro an Auslands-Forderungen
14.06.2024

Deutschland geht etwas leichtfertig mit Forderungen an andere Länder um, wie kumulierte Schuldenerlässe von 16 Milliarden Euro innerhalb...